Advent der besten ESC-Momente (1): Die frühen ESC-Jahre (1956 – 1999)

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Herzlich Willkommen im Dezember – und damit nun auch ganz offiziell in der meist nicht ganz so besinnlichen Vorweihnachtszeit.

Ab heute werden wieder viele Türchen geöffnet, deren Inhalte sich nur allzu gern auf die Hüften legen. Dieser schönen Tradition wollen auch wir uns nicht entziehen und so starten wir heute in den virtuellen ESC-kompakt-Adventskalender!

Wir haben Euch im letzten Monat nach euren ESC-Lieblingsmomenten gefragt. Momente, die Euch berührt haben, Momente die euch ausflippen und zum ESC-Fan haben werden lassen. Einen lieben Dank an dieser Stelle an alle die dabei mitgemacht und so insgesamt 224 unterschiedliche ESC-Momente in die Auswahl gebracht haben. Diese haben wir ausgewertet und präsentieren Euch nun Eure liebsten 20 Momente – jeden Tag einen neuen. Bis Heiligabend!

In den ersten vier Tagen wollen wir aber auch einen Blick auf einige der schönsten ESC-Momente werfen, die es zwar nicht unter die beliebtesten 20 Plätze geschafft haben, aber ebenfalls von Euch genannt wurden. Natürlich können wir nicht alle aufgreifen, aber wir hoffen dieser kleine Überblick macht Euch trotzdem Spaß.

Seid ihr bereit? Super, dann werfen wir heute gleich mal einen Blick auf

die frühen Jahre (1956 bis 1999)

 

1960: Jacqueline Boyer – „Tom Pillibi“

Der 5. Eurovision Song Contest fand 1960 in London statt, da das Vorjahressiegerland Niederlande den Wettbewerb nicht erneut ausrichten wollte. Nach Dänemark und Schweden nahm Norwegen – als drittes skandinavisches Land – zum ersten Mal teil und konnte einen tollen 4. Platz von 13 Teilnehmern erreichen. Über allen Beiträgen thronte aber Jacqueline Boyer aus Frankreich, die mit ihrem „Tom Pillibi“ aus fast allen Ländern Punkte erhielt (nur Italien hatte keine Punkte für den Beitrag übrig) und überragend gewann. Der Start einer Karriere, auch in Deutschland hatte sie bis 1969 einige Hits die in die Charts gelangten (z.B. „Mitsou“ und „Mucho More„).

 

1964: Gigliola Cinquetti – „Non ho l’età“

Der 9. Grand Prix Eurovision fand am 21. März 1964 im Kopenhagener Tivoli statt. Zum ersten Mal war Portugal dabei, Schweden pausierte wegen eines Künstlerstreiks. 16 Länder nahmen teil und ein neues Wertungssystem wurde eingeführt: Jedes Land konnte insgesamt neun Punkte vergeben, wovon der Erstplatzierte innerhalb der Jury fünf Punkte, der Zweite drei Punkte und der Dritte einen Punkt erhielt. Sollte nur ein Lied nominiert sein, erhielte dies alle neun Punkte. Sollten es zwei sein, erhielte das Erste sechs Punkte und das Zweite drei Punkte. Insgesamt 8 mal 5 Punkte erhielt die italienische Sängerin Gigliola Cinquetti für ihren Beitrag „Non ho l’età“. Am Ende erreichte sie 49 Punkte und damit 32 Punkte mehr als der zweitplatzierte Beitrag. Auch für sie war der Song Contest ein Karrierebooster – über 10 Alben und europaweite Hits sollten folgen. 1974 nahm sie mit dem Titel „Si“ erneut am ESC teil und erreichte den 2. Platz. Die Ausstrahlung von Cinquettis Auftritt wurde in Italien allerdings zensiert, um das laufende Referendum zur Einführung der Ehescheidung nicht zu beeinflussen.

 

1965: France Gall – „Poupée De Cire, Poupée De Son“

Der 10. Gran Premio Eurovisione della Canzone, so der offizielle Titel in diesem Jahr, fand am 20. März 1965 im italienischen Neapel statt. Irland nahm zum ersten mal teil, aber es siegte die für Luxemburg angetretene französische Interpretin France Gall. Geschrieben hatte ihr Siegerlied der für seine zweideutigen Texte bekannte Serge Gainsbourg. So auch hier: „Poupée de cire“ (Wachspuppe) bezeichnet umgangssprachlich ein Mädchen, das „geschmolzen“, d.h. entjungfert werden möchte, „Poupée de son“ (Sprechpuppe/Singpuppe) eine Frau, die beim Sex laut stöhnt (Stöhnpuppe/Schreipuppe). Bis heute gehen die Meinungen über das Lied weit auseinander. Was die einen avantgardistisch nennen, halten die anderen für schlicht obszön. France Gall war sich damals dieser Doppeldeutigkeiten nicht bewusst, im Laufe ihrer späteren Karriere lehnte sie es aber ab, diesen Titel weiterhin zu singen. 1965 reichten 32 Punkte zum Sieg, von den beiden rein französischsprachigen Jurys aus Monaco und Frankreich erhielt sie aber keine Punkte… Hatten diese etwa die Zweideutigkeit des Liedes erkannt?

 

1971: Severine – „Un banc, un arbre, une rue“

Der 16. Eurovision Song Contest, der nach Danas Sieg im Vorjahr in Dublin stattfand, sorgte durch die Punktvergabe für Verwirrungen: Da für jedes Land zwei Jurymitglieder für jeden Beitrag 1 bis 5 Punkte verteilen konnten, schöpften mehrere Jurys nicht die mögliche Höchstpunktzahl von 10 Punkten für den Beitrag eines Landes aus. So vergaben die französischen Juroren zum Beispiel insgesamt 107 Punkte, aber die Luxemburger „nur“ 43 Punkte. Ebenfalls neu im Jahr 1971: Die Regel, dass nur Duos oder Solisten auftreten durften, wurde aufgehoben. Von nun an durften bis zu sechs Musiker für ein Land auf die Bühne. Insgesamt nahmen 18 Länder, darunter Malta zum ersten Mal, am Wettbewerb teil. Während Katja Ebstein für Deutschland zum zweiten Mal in Folge einen 3. Platz erreichen konnte, gewann Severine für Monaco mit dem späteren großen Hit „Un banc, un arbre, une rue“, vor Karina aus Spanien, die ebenfalls mit einem tollen Lied und einem extravaganten Loch im Kleid überzeugte.

 

1973: Anne-Marie David – „Tu Te Reconnaîtras“

Selten war eine Punktvergabe so knapp wie 1973: Gleich drei Beiträge, die heute allesamt Evergreens sind, kämpften um den Sieg. Anne-Marie David gewann schlussendlich in der letzten Runde mit 129 Punkten vor „Eres tú“ von Mocedades (125 Punkte) und dem eigentlichen Favoriten Cliff Richard (123 Punkte). Bei seiner ersten Teilnahme erreichte Israel einen tollen 4. Platz und der Beitrag „Ey-sham“ von Ilanit gehört noch heute für viele zu den absoluten Highlights (und so war sie auch in diesem Jahr noch einmal im ESC-Opening zu hören (Minute 7:25)). Anne-Marie David erreichte mit 80,6% (129 von 160 möglichen Punkten) den bis heute höchsten Prozentwert an Punkten beim Eurovision Song Contest und konnte sechs Jahre später für Frankreich nochmal einen guten 3. Platz beim Eurovision Song Contest erreichen.

 

1974: ABBA – „Waterloo“

Und manchmal kommt es eben doch genau wie es sein soll: Im Vorjahr versuchten es ABBA mit „Ring Ring“ zum ESC, doch die Expertenjury setzte den Beitrag trotz des Favoritenstatus von Abba nur auf den 3. Platz. „Ring Ring“ wurde trotzdem ein großer schwedischer Erfolg. Durch den heimischen Erfolg beflügelt, nahm ABBA auch 1974 am Melodifestivalen teil, gewann und sorgte für eine der Sternstunden des Song Contests. Nach einem für den Wettbewerb bis dahin musikalisch eher untypischen Auftritt, belegte die schwedische Gruppe unter den 17 teilnehmenden Ländern schließlich mit 6 Punkten Vorsprung den 1. Platz. Dieser Sieg war der Beginn ihrer internationalen Karriere. Die Single „Waterloo“ wurde in 54 Ländern veröffentlicht und erreichte in vielen davon vordere Plätze in den Hitparaden. Sie verkaufte sich über 5 Millionen Mal und wurde sogar in den USA zum Top-Ten-Hit. Auch wenn es nach diesem Erfolg erst einmal so aussah als würde ABBA international ein One-Hit-Wonder bleiben, in Schweden blieb der große Erfolg bestehen. 1975 begann schließlich doch noch eine unvergleichliche Weltkarriere. Nachdem ABBA 1982 eine bis heute andauernde Pause einlegte, warten Fans auf der ganzen Welt sehnsüchtig auf die Veröffentlichung der beiden angekündigten Songs „I Still Have Faith In You“ und „Don’t Shut Me Down“.

 

1977: Marie Myriam – „L’oiseau et l’enfant“

Der 22. Eurovision Song Contest fand am 7. Mai 1977 in Wembley statt. Ursprünglich sollte der Wettbewerb bereits fünf Wochen zuvor ausgetragen werden, musste aber wegen eines Streiks der Kameramänner der BBC verschoben werden. Erstmals sollte Tunesien am Contest teilnehmen, zog sich aber kurzfristig zurück, da Israel teilnahm. Zudem sollte ab 1977 wieder jedes Land in seiner Landessprache singen zum Zeitpunkt der Bekanntgabe dieser Regel waren die Lieder Deutschlands (Silver Convention „Telegram“) und Belgiens allerdings schon ausgewählt und erhielten daher eine Ausnahmegenehmigung. Marie Myriam setzte sich als Außenseiter überraschend mit „L’oiseau et l’enfant“ gegen die Lokalfavoriten Lynsey de Paul & Mike Moran aus Großbritannien durch und landete anschließend einen großen Hit. Als letzte französische Siegerin wurde sie oft eingeladen, während der Übertragung des Song Contests die Ergebnisse der französischen Jury zu übermitteln.

 

1988: Céline Dion – „Ne Partez Pas Sans Moi“

Und noch eine Weltkarriere sollte einen Zwischenstopp auf der großen Eurovision-Bühne haben: Céline Dion, die heute auf der ganzen Welt bekannt ist, lieferte sich mit dem britischen Vertreter Scott Fitzgerald eines der spannendsten Rennen der ESC-Geschichte. Erst mit der letzten Wertung aus Jugoslawien, konnte sich Céline mit einem Punkt vor dem Briten die ESC-Krone schnappen und damit den zweiten Sieg für die Schweiz erreichen. Vor diesem Auftritt war Céline Dion außerhalb Frankreichs und Kanadas kaum bekannt und – um ehrlich zu sein – das änderte sich auch erst einmal nicht durch den Gewinn des Eurovision Song Contest. In einem Albtraum aus weißem Tüll, weißer Kunstlederjacke, weißen Schuhen und Strumpfhose und uninspirierter Dauerwelle stand Celine stacksig und etwas verloren auf der bis dahin größten ESC-Bühne – schmetterte aber mit großer Stimmgewalt ihre Tempoballade. Ob es an ihrem Outfit lag oder am ESC an sich, jedenfalls mochte Céline Dion in ihrer späteren Karriere nicht an diesen Moment erinnert zu werden. Eine Hommage erhielt Célines Outfit allerdings erst jüngst wieder von der italienischen Teilnehmerin Marta Viola beim Junior Eurovision Song Contest – genützt hat es ihr aber nicht und sie musste sich am Ende mit dem 8. Platz zufrieden geben.

 

1991: Amina – „Le dernier qui a parlé“

Nachdem 1969 gleich vier Länder die gleiche Punktzahl bekamen und zum Sieger erklärt wurden, änderte sich das Wertungssystem noch einige Male und das sollte sich 1991 auszahlen: Sowohl Amina aus Frankreich als auch Carola aus Schweden bekamen am Ende 146 Punkte. Nach den Regeln wurde der Sieger bei Punktegleichstand nach der Anzahl der 12-Punkte-Wertungen entschieden. Da beide Vertreterinnen jeweils viermal 12 Punkte bekamen, entschied die Anzahl der 10-Punkte-Wertungen, von denen Schweden fünf und Frankreich zwei bekam. Carola aus Schweden war damit die Siegerin, Amina die Leidtragende des Systems. Für einen besonderen Moment sorgte aber Amina bei der Punktevergabe: Nachdem sie aus Israel 12 Punkte erhalten hatte, ging sie zum israelischen Duo Datz und bedankte sich bei ihnen. Das wurde als eine Art Versöhnungszeichen angesehen, da Amina muslimischen Glaubens ist (zu sehen hier in der 34. Minute).

 

1993: Fazla – „Sva bol svijeta“

Schon zum vierten Mal hatte das relativ arme Irland im Vorjahr den Sieg errungen und so nahm der gebeutelte Sender RTÉ gern das Sponsorenangebot eines irischen Stahlindustriellen an, auch wenn das hieß, dass der ESC damit in der Einöde in einer umgebauten Reithalle stattfinden sollte. Nach der Zersplitterung Jugoslawiens und dem Teilnahmeinteresse aus drei Nachfolgestaaten und vier ehemalige Ostblockländern, ließ die EBU eine regionale Vorentscheidung für diese Länder durchführen. Das war zwar nicht ganz fair, ermöglichte aber den ehemaligen jugoslawischen Ländern Kroatien, Bosnien & Herzegowina und Slowenien am ESC teilzunehmen. Gerade für die Bosnier war dies ein äußerst schwieriges Unterfangen: In einer lebensgefährlichen Nacht-und-Nebel-Aktion flohen sie aus dem Bosnienkrieg nach Irland, um dort ihr vom späteren bosnischen ESC-Teilnehmer Dino Merlin geschriebenen Lied „Sva bol svijeta“ (Der Schmerz der ganzen Welt) vorzutragen. Von wegen der ESC sei nicht politisch. Das Publikum ließ sich trotz des sperrigen Beitrages von dieser Geschichte berühren, spendete schon vor dem Auftritt und abermals vor der Punktevergabe aus Bosnien & Herzegowina großen Applaus. Das Fazla am Ende nur den 16. Platz erreichte, geriet dabei zur Nebensächlichkeit.

 

1998: Danijela – „Neka mi ne svane“

Seit Jahren versuchten die ausrichtenden Sender den ESC zu verjüngen, erste Früchte trugen diese Versuche jedoch erst ab 1997. Der Eurovision Song Contest 1998 war so auch der letzte, in dem die teilnehmenden Länder in einer ihrer offiziellen Landessprachen singen mussten – neben der Einführung des Televotings und der Abschaffung des Orchesters war dies eine der wichtigsten Maßnahmen zur Verjüngung des Contests. Das Jahr 1998 sorgte dann schließlich auch durch viele musikalisch interessante Beiträge und zwei besondere Kontroversen für Aufmerksamkeit. Während in Deutschland eine wahre Guildo-Manie ausbrach, wurde besonders der israelische Beitrag der transsexuellen Dana International sehr kontrovers diskutiert. Als erste Teilnehmerin startete Danijela aus Kroatien in den Abend und bewies, dass mit einer guten Ballade und dem galanten Abwerfen eines Umhanges auch von einem solchen Startplatz ordentlich Punkte aus Europa zu holen waren. Am Ende des sehr spannenden Votings erreichte sie einen tollen 5. Platz und hatte sich in die Herzen viele ESC-Fans gesungen.

Soweit unser erster Teil Eurer liebsten ESC-Momente. Welches waren Eure liebsten internationalen ESC-Momente zwischen 1956 bis 1999?

Habt einen schönen 1. Advent und öffnet auch morgen unser zweites virtuelles Türchen!



13 Kommentare

  1. Schöne sache mit dem esc-kalender. Von den hier vorgestellten ist für mich klar „sva bol svijeta“mit den meisten erinnerungen verbunden. Emotional, grad im kontext zur geschichte.

  2. Fun Fact: Mit der heutigen Tie Break-Regelung hätte Frankreich sowohl 1969 alleine und 1991 gewonnen, d.h sie hätten sechs Siege und Schweden stattdessen fünf. Die anderen drei Sieger von 1969 logischerweise einen weniger.

  3. Eine tolle Idee und ich war schon gespannt, was ihr aus dem Aufruf die persönlichen Highlights zu senden bastelt.
    Einer meiner Gänsehaut-Momente ist heute schon dabei..Danijela 1998 👍🏻

  4. Ich bin Baujahr 2001 und verfolge den ESC erst seit 2010, dennoch kenne ich sehr viele Songs aus den „frühen Jahren“ (sehr gewagte Einteilung, aber ich denke, es ist klar, was gemeint sein soll 😉 ). Persönlich am emotionalsten finde ich die Geschichte von Bosnien sowohl 1993 als auch 1994. Beides großartige Momente in der Geschichte, beides auch noch grandiose Lieder, beides meine Gewinner ihrer Jahre.

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