Advent der besten ESC-Momente (6): Platz 19 – Aufruhr in Israel

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Wir haben Euch im letzten Monat nach Euren ESC-Lieblingsmomenten gefragt. Momente, die Euch berührt haben, Momente die euch ausflippen und zum ESC-Fan haben werden lassen. Einen lieben Dank an dieser Stelle an alle die dabei mitgemacht und so insgesamt 224 unterschiedliche ESC-Momente in die Auswahl gebracht haben. Diese haben wir ausgewertet und präsentieren Euch nun Eure liebsten 20 Momente – jeden Tag einen neuen. Bis Heiligabend!

 

Platz 19: Dana International „Diva“ (34 Punkte)

Der Eurovision Song Contest 1998 in Birmingham wurde ein Song Contest für die Geschichtsbücher. Zum einen wurde das Voting für alle Länder als Televoting verpflichtend und die Punkte der eingesetzten Jurys nur noch im Notfall herangezogen – oder wenn ein Televoting technisch nicht möglich war. Zum anderen sorgte der israelische Act Dana International für Aufsehen und hitzige Diskussionen, ganz besonders im Heimatland Israel.

1995 hatte Dana schon an der israelischen Vorentscheidung mit dem Titel „Layla tov Europa“ teilgenommen und wurde Zweite. Doch als sie 1998 die interne Qualifikation als Siegerin verließ und das Land Israel als offen Transexuelle beim Eurovision Song Contest vertreten sollte, regte sich erbitterte Widerstände der Ultraorthodoxen. Diese sahen in der Vertretung ihres Landes durch eine Transsexuelle eine “nationale Schande”. Statt aufgrund des ungeheuren Druck einzuknicken, zeigte sich Dana International kämpferisch und nutzte jedes Mikrofon um preiszugeben, für alle angefeindeten Minderheiten Europas, wie Homo‑, Bi- und Transsexuelle zu singen. Damit zeigte sie sich als Vorkämpferin für Toleranz, Respekt und Freiheit und wohl niemals in der Contestgeschichte zuvor, war ein Auftritt mit einer solch gesellschaftlichen Bedeutung aufgeladen. „She is all you’ll ever dream to find. On her stage she sings her story. Pain and hurt, will steal her heart alight. Like a queen in all her glory.“ Schon vor ihrem Auftritt gab Dana zudem bekannt, im Falle eines Sieges in einem extra geschneiderten Kleid von Stardesigner Jean Paul Gaultier aufzutreten.

In einem ungeheuer spannenden Voting lagen vor der letzten Punktevergabe aus Mazedonien die beiden Länder Israel und Malta punktgleich auf Platz 1. Als Israel dann allerdings „nur“ 8 Punkte bekam und Malta noch nicht genannt war, schrie das Publikum in der Halle entsetzt auf, da nun davon auszugehen war, das Chiara aus Malta gewinnen würde. Doch überraschend gingen weder die 10, noch die 12 Punkte an die maltesische Ballade.

Damit hatte Dana International den Eurovision Song Contest tatsächlich gewonnen, schlüpfte so schnell sie konnte in ihr federgeschmücktes Kleid, stürmte erneut auf die Bühne und ließ sich vom Publikum gebührend feiern. Ihr Lied erreichte in vielen europäischen Charts obere Platzierungen (zum Beispiel Platz 2 in Belgien, Platz 3 in Schweden und Platz 7 in Finnland), hielt sich aber auch in Frankreich, Norwegen, den Niederlanden, Großbritannien, Deutschland, der Schweiz und Österreich mehrere Wochen in den Charts. Ihre Popularität setzt Dana International gezielt für den Kampf für die Rechte sexueller und geschlechtlicher Minderheiten ein. 1999 nahm sie so auch an einer Kampagne der niederländischen Sektion von Amnesty International teil, die auf Menschenrechtsverletzungen an Schwulen und Lesben aufmerksam machen wollte.

Im Folgejahr fand damit der diesmal etwas altbacken inszenierte Eurovision Song Contest in Jerusalem statt. Und auch hier erzürnte Dana International erneut die Gemüter vieler Gläubiger: Als sexy aber stilvoller Pausenact trat Dana International mit dem Lied „Dror Yikra“ und Stevie Wonders Lied „Free“ mit einer Schar an Trommlern und Tänzern vor den heiligen Stadtmauern von Jerusalem auf. Man kann noch heute die Brisanz dieses Auftrittes spüren. Auch an diesem Abend lag Europa ihr zu Füßen, auch wenn Sie kurze Zeit später, bei der Übergabe des Gewinnerpreises an Charlotte Nilsson, selbst auf den Boden landete.

Beim Eurovision Song Contest 2008 in Belgrad interpretierte der Sänger Boaz Mauda stimmgewaltig den von Dana International geschriebenen Song „Ke’ilu Kan (The Fire in Your Eyes)“, der sich bei der israelischen Vorentscheidung gegen vier weitere Songs durchgesetzt hatte. Boaz Mauda erreichte das Finale und dort – trotz eines versemmelten Tons – einen guten neunten Platz.

Auch Dana erklomm noch einmal als Teilnehmerin die ESC-Bühne. 2011 in Düsseldorf war diese Geschichte aber mit Platz 15 im Halbfinale nicht ganz zu Unrecht zu Ende erzählt. Seitdem sieht man sie aber immer wieder in verschiedenen Shows, nationalen Vorentscheidungen (wie zum Beispiel hier mit Charlotte Perrelli im Melodiefestivalen) und sogar in diesem Jahr als ehemalige Gewinnerin auf der großen ESC-Bühne.

 

Die bisherigen Adventstürchen findet Ihr übrigens hier:
Teil 1 – Die frühen Jahre (1956 bis 1999)
Teil 2 – Alles Neu? Die Jahre 2000 bis 2019
Teil 3 – Das große Drumrum (Openings & Interval-Acts)
Teil 4 – Und bei uns so? Deutsche Beiträge
Platz 20: Johnny Logan „Hold me now“ (33 Punkte)



20 Kommentare

  1. Diva wurde damals sogar in den USA öfter in gay clubs & bars gespielt; neben Ooh…aaah just a little bit der einzige ESC-Song, bei dem mir das auffiel.

      • Interessant, danke… ich könnte mir vorstellen, dass Euphoria auch gespielt wurde. Meine Erfahrung war jetzt primär aus den 90 ern.

      • Mir war direkt nach dem Abschicken aufgefallen, dass es Dir ja eigentlich um die späten 90er ging. Immerhin ist über Netta noch die Verbindung zu Israel, da bin ich vielleicht doch nicht komplett am Thema vorbeigerauscht 😉

        „Euphoria“ kam bestimmt auch in den Clubs gut an. Meine Recherche zu „Euphoria & US-Club Charts“ führte mich auf die Seite https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_number-one_dance_singles_of_2018_(U.S.) , allerdings ging es da um einen gleichnamigen Titel der Perry Twins ft. Harper Starling. Immerhin kann man auf dieser Seite sehen, dass „Toy“ Ende August auf 1 war (nur eine Woche, aber das gilt für fast alle anderen Nummer Einsen auch).

  2. Ein Glück kam 1998 das Telvoting in allen Ländern – denn ich kann mir kaum vorstellen, dass „Diva“ bei reinem Juryvoting auf Platz 1 gelandert wäre. Das ist sicher schade für Chiara, aber für die Popularität des ESC war Danas Sieg Gold wert.

  3. „Diva“ selbst ist mMn keine besonders interessante Komposition und die stimmliche Hauptlast wurde ja von der blonden Dame im Hintergrund getragen, aber Dana’s Selbstbewusstsein und Attitüde waren schon klasse. Ich höre mir den 1998-Sieger niemals freiwillig an, bin aber trotzdem froh, dass Dana Int. gewonnen hat, auch wenn dies bedeutet, dass einer meiner Allzeitfavoriten („Where Are You“) nur zweiter wurde.

  4. Kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich das Video vom Voting schaue. Manchmal verdrücke ich auch ein paar Tränchen.
    Chiara hatte auch einen tollen Song, leider im falschen Jahr präsentiert.

  5. Ich verstehe bis heute nicht, was an „Diva“ so toll ist: ein altbacken inszeniertes, arg langweiles Lied, welches sich aufgrund seines Mitklatschrhythmuses als unerträglich schlagertantenhaft entpuppte. Immer noch eines meiner unverständlichsten Siegertitels ever😉, gleich hinter Carola und Katrina & The Waves.

      • Mich hatte der erste Platz von „Diva“ nach dieser schrecklichen Guildomania im Vorfeld wieder mit dem ESC versöhnt – eben WEIL ich diesen Song als wunderbar Grand-Prix-typisch empfunden habe (also von mir aus „altbacken“, aber at its best). Hätte Dana International nicht gewonnen und hätte man mir damals gesagt, dass der Stefan-Raab-Spuk noch lange nicht vorbei sein und man in den nächsten Jahren fast nur noch Songs auf Englisch präsentiert bekommen würde, wäre das wohl das Ende meiner Zeit als Grand-Prix-Fan gewesen.

      • (Antwort auf Thomas, ich hoffe, sie kommt an der richtigen Stelle)
        Hihi, ich geb zu, ich hab ja auch so ein paar, die sonst keiner mag … und vor allem kann ich ein paar nicht leiden, die sonst alle mögen, ich sag nur Schultemichel (2018 war diesbezüglich echt hart).

      • Gaaah, könnt Ihr bitte diesen und den Kommentar davor wieder löschen? Der sollte GANZ woanders hin, keine Ahnung, was da nu passiert ist…

      • Tamara, den ersten Teil Deines Kommentars hast Du wahrscheinlich auf Riva bezogen („Es gibt echt Leute, die Riva mögen?“, damit meintest Du mich :-)), und das war hier: https://esc-kompakt.de/advent-der-besten-esc-momente-5-platz-20-der-deutsche-sieg-verhinderer/

        Der zweite Teil passt aber doch ganz gut hierher, weil ich Stefan Raabs Grand-Prix-Werke nicht mag (wobei nicht unbedingt klar ist, ob alle anderen den mögen – seit Lena aber vielleicht schon). Michael Schulte finde ich als Person ganz sympathisch, aber das Lied gefällt mir nicht (auch wenn er mit dem Auftritt das Beste herausgeholt hat).

    • Klar ist das altbacken (auch damals war es das schon) – aber eben auch bemerkenswert, was so eine Teilnahme wie ihre in manchen Ländern auslösen kann (auch bei Conchita konnte man ja sehen, dass das längst nicht auf nur wenige Ost-Länder bezogen ist).

      Allein dafür (und für ihren Mut sich beim ESC zu zeigen) habe ich mich für Dana International gefreut. Stellt euch mal vor die wäre letzte geworden…

      • Jetzt haben wir uns gerade schon zum zweiten Mal „überschnitten“. Ich stimme Dir beide Male zu 🙂

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