Airplay-Check nach dem ESC: RTL-Radios feiern „Arcade“, Todesstoß für „Sister“

Vier Wochen nach dem Eurovision Song Contest in Tel Aviv ist es an der Zeit, erneut einen Blick auf die Airplays in Deutschland zu werfen. Und die Auswertungen zeigen nur wenig Erbauliches. Der ESC-Sieger Duncan Laurence hat dabei noch den größten Anlass zur Freude.

Am schlimmsten hat es nach dem ESC unseren eigenen Beitrag erwischt. Bereits nach der deutschen Vorentscheidung hielt sich das Interesse der Radiosender an „Sister“ in Grenzen und flachte noch schneller ab. Das ist aber nichts im Vergleich zu dem, was die beiden Deutschen nach dem ESC erwartete.

Wie das schlimmste Gift entfernten die Radiosender den Titel nach dem vorletzten Platz beim ESC. Dabei hatten sie – wenn auch in Maßen – den Titel vorher durchaus „hoch“gespielt. Es kann den Sendern also keine grundsätzliche Abneigung gegenüber dem ESC oder dem deutschen Beitrag unterstellt werden. Aber nach dem negativen Ergebnis hatte die Geduld – übrigens auch bei den NDR-Stationen – sofort ein Ende. Auf 115 Einsätze in der KW 21 folgten 6 in der KW 22. Radio 7 spielte den Song als letzter verbliebener Sender noch ein einziges Mal in der KW 23. (Anmerkung: Die Messwochen gehen immer von Freitag früh bis Donnerstagabend).

Genau spiegelbildlich ist der Verlauf bei dem ESC-Sieger „Arcade“ von Duncan Laurence. In der KW 21, also direkt nach dem ESC, wurde das Lied 174 von deutschen Radiosendern gespielt – nachdem es in den ganzen Wochen vorher lediglich 16 Mal zu hören war. Die erfreuliche Nachricht für Duncan: Die Anzahl der Einsätze blieb danach – wenn auch nicht auf besonders hohem Niveau – weitgehend konstant.

Die schlechte Nachricht: nur wenige Sender setzten auf „Arcade“. Ganz vorn mit dabei: die RTL-Sender 104.6 in Berlin und das nationale RTL Radio. Beide Stationen spielten das Lied jede Woche ca. 30 Mal, also gut viermal am Tag. Erst jetzt fährt zumindest 104.6 die Einsätze etwas runter. Gegen die je über 100 Einsätze auf diesen beiden Stationen sehen alle anderen Sender natürlich alt aus. Wacker schlagen sich aber delta radio in Schleswig-Holstein (72 Einsätze), der Berliner Sender rs.2 (42) sowie Bayern 1 und Radio 7 (je 41). Etwas dahinter SWR 3 (28), SR 1 (25) und das private radio NRW (24).

Fun Fact: Die NDR-Sender spielten „Arcade“ zwar auch. Aber mit insgesamt 9 Einsätzen auf NDR 2 und ebenso vielen auf N-Joy zeigt sich die deutsche ESC-verantwortliche Rundfunkstation weit weniger enthusiastisch als andere Sender aus dem öffentlich-rechtlichen wie privaten Lager.

Zur Ehrenrettung des NDR ist zu sagen, dass die beiden Stationen die engagiertesten beim deutschen Jury-Sieger Mahmood sind. Immerhin zehn Mal war „Soldi“ auf N-Joy zu hören, bei NDR 2 fünf Mal. Mit weiteren insgesamt acht Einsätzen auf dem nicht-kommerziellen Radio X in Frankfurt und 5 bei Antenne Thüringen ist für den Italiener bei uns nicht wirklich Land zu gewinnen.

Eine noch größere Airplay-Pleite erlebte aber der deutsche Televoting-Sieger KEiiNO: Von den insgesamt zehn Einsätzen bei deutschen Radiosendern kommen allein vier vom reichweitenschwachen Radio X. Ein „Spirit in the Sky“ ist auf den Radiowellen somit nicht zu erkennen.

Besser als für Mahmood und KEiiNO läuft bzw. lief es für den Schweizer Luca Hänni. Von einem Airplay-Hit kann man hier aber auch nicht sprechen. Schon gar nicht, wenn man berücksichtigt, dass der Sänger ja in Deutschland kein unbeschriebnes Blatt ist. Insgesamt steht „She Got Me“ vier Wochen nach dem ESC bei 190 Einsätzen.

Dabei gibt es jedoch mindestens zwei Aber: 1) Über die Hälfte der Einsätze wurde von zwei Sendern generiert – Radio Salü im Saarland (73 Plays) und – Kenner dieser Analysen werden ein Déjà-vu haben – dem brandenburgischen Kindersender Radio Teddy (29). 2) Die Anzahl der Einsätze hat sich zuletzt halbiert. Ein Radiohit wird also auch „She Got Me“ nicht mehr.

Insgesamt rauscht der ESC-Jahrgang 2019 damit (mal wieder) unauffällig an den deutschen Radiohörern vorbei. Der deutsche Beitrag hat noch schlechtere Werte als viele seiner Vorgänger und die anderen Favoriten werden entweder nur von wenigen Stationen gespielt (dann zumindest eine gewissen Zeit auch sehr häufig) oder gleich ganz gemieden.



30 Kommentare

  1. Ich finde gar nicht, dass ein Lied viermal am Tag laufen muss, um beim Hörer „anzukommen“. Bei SWR3 fährt man mMn die richtige Dosis. Dort läuft er höchtens zweimal pro Tag (hab öfters die Playlist recherchiert), was für ein Lied vollkommen ausreichend ist, um weder vergessen noch totgespielt zu werden. Bei SWR3 dürfte man auch einen langen Atem haben, „Hold On“ von Nano läuft dort nämlich immernoch fast jeden Tag, da dürfte es für Duncan auch nicht so schnell vorbei sein. Einen nachhaltigen Airplayerfolg wie „Euphoria“ oder „Calm after the storm“ dürfte Duncan aber aufgrund der wenigen Stationen, die ihn spielen, nicht einfahren.

    Noch eine Frage aus persönlichem Interesse:
    Wo bekommt ihr eigentlich die Airplayzahlen her? Die sind so detailliert wahrscheinlich nicht öffentlich zugänglich, oder?

  2. Was auch immer, die deutsche Radio/Musiklandschaft ist doch eh Schrott und total festgefahren. Es gibt nur noch Formatradios…entweder Hitlists, yungsterR‘n‘BRapp, schnarchige Deutschpoeten, Schlager oder indiSender wie radioeins ( mein Sender)
    Keiner spielt die ESC-Beiträge, obwohl für jedes Format etwas dabei wäre 🤷‍♂️
    Deutschland eben, bloß nicht bewegen 😴

    • Der ESC wird sicher nicht zugrunde gehen, weil in Deutschland kein Hit mit ESC-Songs zu machen ist. Abgesehen davon hatten wir im letzten Jahr einen sehr großen ESC-Hit hierzulande.

      • Dann denk mal an die finsteren 90er. Ich weiß nicht, wie es aussähe, wäre Guildo Horn nicht gekommen.

        Aber Du hast recht, ein Jahr ohne Hit tut noch nicht weh. Bei vielen Jahren hintereinander (zb 1991-1996) sieht das schon anders aus.

  3. Da lob ich mir doch wie immer die skandinavischen radio sender. Egal ob du durch dän. swe. oder nor. düst, im radio höert man immer irgend einen esc-song. Und nicht nur die neueste jahrgänge

  4. Warum wundert mich das jetzt nicht? Deutscher Dudelfunk eben. Schön mainstreamig glattgebügelt. Hätte aber eigentlich schon gedacht, dass Duncan in das Konzept der meisten Sender passt. Schade, aber er braucht mit Sicherheit die deutsche Radiolandschaft nicht. Er wird seinen Weg machen, aber zumindest mit Arcade in Deutschland wohl eher bei Insidern erfolgreich sein, da der Song wohl den hiesigen Musikredakteuren nicht „gut genug“ ist.
    Na ja, aber so schlimm finde ich das jetzt auch wieder nicht. Höre sowieso öfters „ESCRadio“, vor allem daheim im Büro. Es ist aber natürlich kein Wunder, wenn solche Songs in den deutschen Charts quasi nicht stattfinden, wenn sie erst gar nicht der breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden. Andere, wesentlich belanglosere Songs, werden derart totgespielt (kopfschüttel).
    Übrigens, vielen Dank für die detaillierten Infos. War bestimmt ein Haufen Arbeit, all die Daten zusammenzutragen.

    • In den deutschen Downloadcharts sind sie meine ich bis auf die 79 gekommen. In die offiziellen Top 100 Singlecharts haben sie es nicht geschafft. Dabei hat das selbst Levina hinbekommen…

    • In den „täglichen Verkaufscharts“ (https://www.oljo.de/single-charts-deutschland-taglich.php; diese Charts scheinen seit dem 21.05. nicht mehr aktualisiert worden zu sein) waren S!sters in den Tagen direkt nach der Vorentscheidung in den Top 10: Am Samstag habe ich leider nicht geguckt, als ich am Sonntag und Montag reinschaute, standen sie auf 8 (bei meinem ersten Reinschauen vielleicht auch auf 7, aber da hatte ich noch nicht so genau aufgepasst, das war noch, bevor ich durch einen Link auf OGAE auf die empörte Diskussion hier aufmerksam wurde – an diesem Tag war ich übrigens zum ersten Mal auf ESC-Kompakt!).

      Zum Vergleich mit Levina: Im Frühjahr 2017 waren die Charts noch nicht ganz so stark dominiert von Rap-Titeln und von Alben, bei denen so gut wie alle Tracks in die Charts kommen und damit natürlich viele Top-100-Plätze „wegnehmen“. Diese Entwicklung ging damals erst los (Ed Sheerans Album war 2017 eines der ersten Extrem-Beispiele). Damit will ich Levinas damaligen Chart-Einstieg keineswegs schmälern, auch zu „normalen“ Charts-Zeiten gab es deutsche Beiträge, die es überhaupt nicht in die Verkaufs-Charts schafften.

      Und ja, natürlich können es auch heute noch Pop-Titel in die deutsche Hitparade schaffen, aber es sind deutlich weniger als früher. Hier wird gerne Michael Schultes neue Single angeführt, ich vermute aber, dass es die unter „normalen“ Umständen in die Top 20 geschafft hätte (bisherige Höchstposition war 33 vor zwei Wochen, diese Woche von 36 auf 47).

      • Kleine Präzisierung: In der Woche, in der Levina nach der VE in den Charts war, immerhin auf Platz 28 (am 19.Mai schaffte es sie dann noch eine Woche auf die 88), gab es „nur“ zwei Ed-Sheeran Titel in der Hitparade (https://www.offiziellecharts.de/charts/single/for-date-1487286000000). Die große „Ed-Sheeran-Charts-Invasion“ kam erst drei Wochen später: 16 (!) Titel von ihm in den Top 100, der „schlechteste“ auf Platz 56. Ich hoffte damals noch, dass das eine Ausnahme sein würde, aber so etwas kam immer öfters vor; seitdem habe ich das Interesse an der deutschen Hitparade verloren.

      • Ich stimme dir dabei zu, die Beobachtungen habe ich auch gemacht. 2013 schafften es noch sieben oder acht Titel in die Top 100 (hab die genaue Zahl nicht mehr parat), dieses Jahr waren es nur drei. Seit dem rapiden Anstieg des Interesses an Rapmusik verfolge ich die Charts auch nicht mehr. Faktoren wie Streaming beeiträchtigen ESC-Songs sehr negativ. Guckt man sich hingegen die Downloadcharts an, fanden sich dort mit 10 Titeln schon mehr als drei mal so viele ESC-Songs wie in den normalen Singlecharts.

  5. Die zensieren Sarah Connors fantastisches Lied wegen „Vincent kriegt kein‘ hoch, wenn er an Mädchen denkt“, aber spielen „She Got Me“ bei Teddy??? Deutschland…

    • Ich weiß auch nicht, woher die diese bescheuerte Prüderie plötzlich kommt. Zu meiner Zeit sind im Tigerenten-Club noch Tic Tac Toe aufgetreten und bei denen wurde auch nichts zensiert…

    • Äh hallo? Mal wieder denkt keiner an die Kinder. Die muss man doch vor solchen Verwirrungen und Manipulationen schützen!
      Hab nämlich gehört, dass man das Kinderargument immer missbrauchen kann, um die eigene Meinung zu legitimieren.
      (Ich habe bewusst die Wörter „Kinder“ und „missbrauchen“ im selben Satz verwendet.)

  6. Das habe ich befürchtet, daß die Sisters mit ihrem Song so gut wie gar nicht von den deutschen Rundfunkanstalten gespielt wird. Da muß nächstes Jahr etwas passieren, damit dem nicht mehr so ist.

  7. Die S!stärZ und Duncan haben wohl nicht oft genug „Ohhh Ohhhhh Ohhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh Ohhh“ gesungen, um im deutschen Radio gespielt zu werden.

    • Dann konntest du also mit keinem der Songs in den Vorendscheiden 2013 bis 2016 etwas anfangen? Das waren ja eigentlich alles Complete Acts.
      Ich finde ja, dass gerade diese vollständigen Acts sehr wichtig sind. Da hat man schon von Anfang an das Komplettpaket und es kann keine Enttäuschung, wie beispielsweise Ivy Quainoo rauskommen.

  8. Mich persönlich wundert fast, dass „Sisters“ überhaupt mal im Radio gespielt wurde…
    Für alle anderen Beiträge finde ich es allerdings sehr schade, dass diese im Grunde nicht stattfinden. Ich glaube das der ESC-Stempel hier erstmal Gift für die Sender ist und diese nur nachziehen, sollte sich doch mal ein Lied zum Hit entwickeln. Wäre interessant nochmal nachzuvollziehen ob das damals bei den Common Limits (abgesehen von Michael Schulte ja der einzige Radiohit der letzten Jahre) eigentlich sofort im Radio gefunzt hat oder etwas zeitverzögert…

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