Airplays der deutschen Vorentscheidtitel 2019: Kaum was zu hören

Vor einem guten Monat, am 22. Februar fand in Berlin „Unser Lied für Israel“, der deutsche Vorentscheid für den Eurovision Song Contest 2019 in Tel Aviv statt. Damit die Zuschauer nach möglichst realistischen ESC-Umständen abstimmen (sie also in der Mehrheit die Lieder vor der Show nicht kennen), wurden die sieben Beiträge erst am Tag des Vorentscheids veröffentlicht. Auch im Radio konnten sie erst ab dann gespielt werden. Davon mach(t)en die Sender bisher kaum Gebrauch.

Der siegreiche Beitrag „Sister“ von S!sters ist selbstredend derjenige, der seitdem (noch) am häufigsten von deutschen Radiosendern gespielt wurde. Leider fehlt der konkrete Vergleich mit den Vorjahren, weil die entsprechenden Beiträge des PRINZ ESC-Blogs gelöscht sind. Die Werte sind in jedem Fall ernüchternd. Allerdings war das im letzten Jahr mit „You Let Me Walk Alone“ von Michael Schulte ähnlich. Auch dort kam der Durchbruch zum Radiohit erst nach dem 4. Platz in Lissabon.

Nun aber zu den Fakten. Bis zum 22. März hatte „Sister“ insgesamt 248 Radioeinsätze. Fast die Hälfte davon (102) erfolgten in der Woche nach der Show (KW 9). In den beiden Folgewochen folgten jeweils knapp halb so viele Airplays. In der KW 12 wurden diese dann noch einmal halbiert.

Besonders mutig oder überzeugt von dem Titel zeigten sich die Radiosender nicht, was aber bei Formatradiostationen nichts ungewöhnliches ist: 132 Einsätze, also etwas mehr als die Hälfte, erfolgten in der (sehr) zuhörerarmen Zeit zwischen 19 Uhr abends und 6 Uhr morgens. Die restlichen Einsätze verteilen sich einigermaßen gleichmäßig über die verschiedenen Tagesschienen mit vielen Zuhörern.

Am häufigsten wurde „Sister“ bisher von MDR Jump gespielt. 26 Mal war das Lied dort zu hören, allerdings nur 3 Mal in der relevanten Radiozeit zwischen 6 Uhr und 19 Uhr. Am zweithäufigsten war der Song beim privaten Radio 7 in Baden-Württemberg on air (20 Einsätze, 5 davon tagsüber zwischen 6 und 19 Uhr) und am dritthäufigsten beim privaten Berlin-Brandenburger Kinder-Radio TEDDY (17 Einsätze, alle zwischen 6 und 19 Uhr).

Der ESC-Haussender NDR 2 folgt auf Rang 4 (15 Einsätze, davon 6 tagsüber) vor SWR 3 (13 Einsätze, 2 tagsüber), hr 3 (11 Einsätze, 6 tagsüber) und RTL Radio sowie 104.6 RTL Berlin (je 10 Einsätze). In der ersten Woche (KW 9) nach dem Vorentscheid war „Sister“ auf 49 Sendern bzw. Lokalradiogruppen zu hören. In der KW 12 nur noch bei elf.

Neben dem siegreichen Beitrag werfen wir auch einen Blick auf den Fan-Favoriten Aly Ryan (Foto oben) und die radiokompatibelsten Songs (nach Einschätzung des Autors). Und das können wir sehr kurz machen: „Wear Your Love“ hatte bisher insgesamt 6 Airplays, „Our City“ von Linus Bruhn 3 und „The Day I Loved You Most“ von Makeda lediglich 2.

Aly Ryan gaben Hit Radio FFH (2x), NDR 1 Welle Nord, NDR 2, rbb 88.8 und SWR 1 RP (je 1x) eine Chance. Linus war jeweils einmal auf FFH, NDR 1 Welle Nord und bei SWR 1 RP zu hören. Makeda wurde ebenfalls auf NDR 1 Welle Nord und noch einmal bei NDR 2 gespielt.

Fazit: Auch wenn der direkte Vergleich zum Vorjahr fehlt, kann festgehalten werden, dass die Resonanz des Vorentscheids bei den deutschen Radiosendern ausgesprochen gering war/ist. Das mag sich mit einer guten Platzierung der S!sters in Tel Aviv noch ändern. Bei all dem Aufwand, der bei der Auswahl der Titel für den Vorentscheid getrieben wird, ist das aber eindeutig zu wenig. Womöglich wäre eine vorzeitige Veröffentlichung der Songs mit der Chance, stärker für den Vorentscheid zu trommeln, doch sinnvoller als die Geheimhaltung der Titel bis zur letzten Minute. Das könnte sowohl zu mehr Airplays führen, als auch die Einschaltquote der Sendung selbst steigern.



52 Kommentare

  1. Ich will ja nicht gemein sein, aber sowohl sister als auch die meisten anderen ESC-Beiträge dieses Jahr eignen sich außerordentlich wenig für das Radio. Michael sein Song war perfekt dafür, den hört man ja immer noch. Als Radio-DJ würde ich mich vor den meisten Songs wahrscheinlich gruseln.

    • Ich fürchte nur, dass bei den Formatradios nicht die Moderatoren über die Musik entscheiden, sondern Redakteure – und Plattenfirmen.

    • Ich finde, dass dieses Jahr im Gegensatz zum letzten besonders viele Radiolieder dabei sind.
      (Belgien, Niederlande, Griechenland), aber ich habe auch keine Ahnung. Ist vielleicht besser, wenn sie nicht so sehr im Radio gespielt werden, denn gute Lieder höre ich im Radio kaum.

  2. Vielen Dank für die Analyse. Bei SWR1 RP habe ich den Song nur ein einziges Mal gehört, am Tag nach der VE, und anscheinend nur, weil die Laurita aus der Nähe von Bad Kreuznach stammen soll, wie der Moderator extra betont hat.

    • Dein positives Gemüt in allen Ehren, aber wie dick muss es eigentlich noch kommen, dass du dich, na sagen wir mal, wenigstens kritisch gegenüber dem fabrizierten NDR-Nonsens zeigst?

  3. Das ist sehr ernüchternd und so wie ich aus dem Artikel herausgelesen habe, wurden Gregor Hägele und Lilly among Clouds im Radio bis jetzt gar nicht gespielt. Der Song von Sisters ist mittlerweile auch auf Spotify verfügbar.

    • Nein, für Gregor Hägele, Lilly Among Clouds und BB Thomaz habe ich keine Zahlen vorliegen. Es ist möglich, dass sie auch im Radio gespielt wurden – vermutlich aber nicht häufiger als Aly & Co.

      • Da lilly among clouds mit „Surprise“ sich bei egofm in den Top 40 befindet müsste sie dort mit Sicherheit nicht nur einen Radioeinsatz gehabt haben.
        Ist ja auch der am besten geeignetste Radiotitel von allen 6.

  4. Die genauen Zahlen, wie oft Michaels Song im Radio gespielt wurde nach dem VE, hab ich natürlich auch nicht mehr.
    Aber er war nach der Show direkt auf der 1 bei iTunes, das haben Sisters nicht geschafft.
    Michael war zudem sehr präsent in TV-Shows, Sisters habe ich seit dem ESC nicht mehr gesehen in einer Talkrunde oder einer Show.

    Daher kann man ruhig das Fazit ziehen, dass der NDR leider sehr viel falsch gemacht hat, weil es trotz der Super-Vorlage und den tollen Sympathiewerten von Michael nicht gelungen ist, Interesse für den diesjährigen Vorentscheid zu wecken. Und im Nachhinein ist das erst recht nicht gelungen.

  5. Sicher wird s!stÄrz nicht besonders häufig gespielt, da es als überall bekannte feministische Hymne landesweit kontrovers debattiert wird.

  6. Airplays der letzten Jahre nach Prinzblog-Analyse:

    Elaiza
    42, 388, 454, 651
    (VE, VE+1, VE+2, VE+4

    Ann Sophie
    17, 194, 134, 126

    Levina
    -, -, 259, 165

    Michael Schulte
    31, 223, 231, 295

    Voxxclub
    65, 77, 64, 65

    • Edit Type-O:
      (VE, VE+1, VE+2, VE+3)

      Auszug Airplay Check 2018:
      „In der Woche des deutschen Vorentscheids war der Song von Michael Schulte 31 Mal im Radio zu hören. Das ist ein Mittelwert im Vergleich zu den Vorjahren, wobei die Zahlen für Levina fehlen und Jamie-Lees „Ghost“ aufgrund der früheren Titel-Veröffentlichung nicht vergleichbar ist. In den beiden Folgewochen outperformte der Buxtehuder Ann Sophies „Black Smoke“, blieb aber knapp hinter Levina. Drei Wochen nach dem Vorentscheid dreht sich aber das Blatt: „You Let Me Walk Alone“ steigert sich noch einmal auf 295 Einsätze, während Levina im Vergleichszeitraum ein Drittel verlor. Im Vergleich zu Elaizas „Is It Right“ von 2014 ist das allerdings ein sehr verhaltener Erfolg.“

      • Mit anderen Worten hatte Michael Schulte in der vierten Woche nach dem VE mehr Airplays als S!sters in den ganzen vier Wochen zusammen.

      • Yep. Ist eine Benchmark von Michael.

        Vielleicht Kalkül von Schreiber: Deutsche Songs sind umso erfolgreicher beim esc, je später sie im Radio performen. 🙂

  7. Einerseits bin ich großer Freund des pluralistischen Systems der ARD (das also jede ARD-Station selbständig entscheidet und nicht der TV-Unterhaltungsboss die Marschrichtung vorgibt), aber andererseits wäre es auch wünschenswert, dass man an einem Strang zieht und für die Sache trommelt.

  8. Oh und danke – das ist jetzt mal wieder einer der interessanten Artikel, die über die reine News („X hat einen Revamp“) hinausgehen, die ich wie auch die Songchecks immer besonders an Euch geschätzt habe!

  9. Media Control Top 100 verfehlt, von den Radiostationen (weitestgehend) ignoriert – ich glaube der letzte deutsche Beitrag, der das Kunststück fertig gebracht hat war die „Reise nach Jerusalem“ von Sürpriz 1999 – und die sind ja dann in Israel (!) Dritter geworden. Verheißt das jetzt was Gutes für die Sisters!?

    • Zuletzt die Charts verfehlt hat Lou mit „Let’s Get Happy“ (im Radio hab ich das auch nie gehört) und hat auch trotzdem einen respektablen 12. Platz belegt, damals war der Musikmarkt aber auch noch ein ganz anderer als heute und die nicht-Raab-Songs vor Texas Lightning haben in den Charts nie eine große Rolle gespielt, Bianca Shomburg z. B. hat es trotz über 40% Prozent im Televoting auch nicht reingeschafft; und selbst vor Gildo Horn hatte den Vorentscheid sicher noch doppelt so viele Zuschauer wie heute.
      Bei Sürpriz und Lou lässt sich der Chart-Flopp aber noch aus anderen Gründen nachvollziehen: Sürpriz waren nur zweite Wahl (Corinna May aber trotzdem nur auf Platz 59) und Lou war damals im Superfinale 2003 wohl der Notnagel für viele, um die schreckliche Gerd-Show und die jungen Christen von „Beatbetrieb“ zu verhindern.

  10. Da ich kein Radio höre (außer gezwungenermaßen beim Friseur), weil mich Jingles, Werbung und die Moderatoren nerven, ist mir das eigentlich egal. ‚Surprise‘ ist in meiner Playlist, der Rest ist Lost and Forgotten ♫♪♫

    • Kleiner Tipp, es gibt auch Sender ohne das alles. Nennt sich dann meist Kulturradio. Ich mache das gerne, ist eben nicht für Dauerhörer, weil ich mit Klassik auch nichts anfangen kann, aber dafür gibt es dann auch Musik außerhalb der Rotation.

      • Klassikradio höre ich natürlich, weil ich ohnehin zu 90% klassische Musik höre. 🙂

  11. Nothing new aus good, old Germany. Ich meine, der ESC und vor allem die VE interessiert hierzulande doch keine Sau. Der Musikmarkt ist hier entweder verkopft, verrappt oder verschlagert. Alles dazwischen passt nicht und wird nur dann relevant, wenn es in den internationalen Charts auftaucht.
    Bei Sisters war mir das gleich klar, Aly wundert mich ein bisschen…aber egal 🤷‍♂️

  12. Die schlechten Zahlen für Aly Ryan und Linus Bruhn überraschen mich, die beiden Songs halte ich eigentlich für sehr radiotauglich. Liegt wohl am geringen öffentlichen Interesse für den Vorentscheid…

  13. Andere ULfI-Teilnehmer sind ja auch nicht auf Radio angewiesen. Die haben im Gegensatz zu „Sister“ ja längst eigene Videos online. Linus & Lilly bespielen ihre Fans sicher kompetent auf anderen Kanälen.

  14. Wer an einen Pluralismus der ARD-Radiosender glaubt, sollte die rosarote Hörerbrille mal abnehmen. Die ganzen Formatradiowellen des ÖR zeichnen sich fast alle durch musikalische Eintönigkeit aus. Dort werden oft nur die best-getesteten Hits gespielt. Das schlechte Standing des ESC in Deutschland tut sein Übriges, dass die VE-Lieder keinen Weg in die Rotation finden. Jedes unbekannte Lied könnte den Hörer vergraulen, also lieber immer wieder das Gleiche.
    Zur Vervollständigung der Airplay-Statistik: Am 28.2.19 wurde „ Surprise “ von der wunderbaren Lilly auf NDR 2 am Abend gespielt – von dem hier viel gescholtenen Peter Urban, der die Musik, die er spielt, wirklich noch selbst aussucht.

  15. Schreiber hat das Lied ausgesucht weil es in den drei Minuten stark berühren kann. So was ist nichts für das Radio, da muss es plätschern. So gesehen wundert mich das nicht. letztli9ch traurig dass die ÖR das Format-Radio so mitmachen, weil sie Angst haben, an die Privaten zu verlieren, wenn sie Außergewöhnliches bringen. Ok, soo außergewöhnlich ist S!ster natürlich nicht,

  16. Beim Kinder-Radio TEDDY 😀 😀 😀 Ich kann nicht mehr… Nichts gegen diesen Sender, ein gutes Kinderprogramm ist sehr wichtig, aber die S!sters beim Kinder-Radio… Die armen beiden, echt jetzt…

  17. Vor allem bei „Our City“ kann ich den Boykott überhaupt nicht verstehen. Der Song ist doch wirklich wie gemacht für die „Pop- und jungen Wellen“ der ARD, wenn sie denn ihr Profil ernst nehmen würden, aber zwischen den jungen (1Live, N-Joy etc.) und Adult-Contemporary-Sendern (WDR 2, NDR 2 usw.) ist außer den um ein μ flippigeren Zwischentexten sowieso kaum noch ein Unterschied feststellbar. Sehr wahrscheinlich fehlt es aber einfach nur an entsprechenden Marketing-Kanälen, Madizin Music Lab ist halt nicht Sony…

  18. Ich bin nicht überrascht, aber wie viel Aussagekraft hat das eigentlich? Der beliebteste deutsche ESC Song im Radio war Is it Right, den hab ich letztes nochmal gehört, genauso wie Only Teardrops. Ich höre immer seltener Radio und wenn das Oldieradio. Ich mach mir keine Sorgen um die Sisters deswegen und auch nicht um den verpassten Charteinstieg, da die deutschen Charts eh nicht mehr ernst zu nehmen sind mit ihrer Asirapverseuchung.

  19. @ESCFan2009 Carlotta Truman passt aber gut ins Kinder- und Jugendprogramm!!! Ist sie doch schon häufiger dort aufgetreten! Und irgendwie auch ein Symbol dafür.

    • @lumbalis1: Danke dir für die Links! Von der Zuschauerschaft her eindeutig das Jugendprogramm – da passen auch Carlottas Outfits rein, die sind ja schon Geschosse! 😇 Also eindeutig Jugendliche und keine Kinder 😂😂😂

  20. Im Radio habe ich S!isters bislang noch nicht gehört. Aber es gibt ja youtube! Der Song wird nicht so schlecht abschneiden, wie viele es denken mögen.

  21. ach ja elaiza,das weckt bei mir schöne erinnerungen – habe mir damals sogar die CD gekauft,obwohl ich zu der zeit voll(und immer noch) auf dem „die antwoord“ trip war. 🙂

  22. Darf ich nochmal ganz doof nachfragen, warum es kein Archiv für die ganzen schönen alten PRINZ Blog Infos gab oder gibt? Ich hatte das damals auch schonmal aufgeworfen und irgendwie bin ich echt davon ausgegangen, das da irgendwer schon ein Archiv von gemacht hat welches ggfs. an die neuen ESC-kompakten weitergegeben würde. Das ist echt so schaaade, das man von den Vorjahren die Infos nichtmehr hat.

  23. Knapp unter 1.1 Millionen Aufrufe beim ESC Kanal bei YouTube ist heute mehr Wert.
    Radio höre ich heute nur noch im Auto
    Die werden sich in den Top 15 in Israel platzieren oder mit viel Glück sogar Top 10 erreichen.

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