Analyse: Welche TV-Anstalt hat für Deutschland die besten ESC-Ergebnisse geholt?

Bild: NDR / Rolf Klatt

Der Weggang von Thomas Schreiber vom NDR hat auch Auswirkungen auf das deutsche Engagement beim ESC. Voraussichtlich noch nicht in der aktuellen Saison, aber für 2022. Mit dem Bekanntwerden der Nachricht gab es auch wieder Diskussionen, wie erfolgreich der Noch-NDR-Mann denn über all die Jahre für Deutschland beim ESC war. Neben mehreren letzten Plätzen fällt auch der zweite deutsche Sieg 2010 durch Lena (Aufmacherfoto) in seine Ägide. Wo steht Thomas Schreiber also im historischen Vergleich? Und wie wichtig war die Kooperation mit Stefan Raab für seine Erfolge?

Wir haben uns alle deutschen ESC-Teilnahmen von 1956 bis 2020 angeschaut. Dabei haben wir erfasst, welcher ARD-Sender für den ESC im entsprechenden Jahr zuständig war sowie die Anzahl der ESC-(Final)-Teilnehmer und die deutsche (Final-)Platzierung. Da die Anzahl der Teilnehmer über die Jahre stark gewachsen ist und gleichzeitig schwankte, haben wir das deutsche Abschneiden in einen relativen Wert umgewandelt. Dabei bedeutet 0% letzter Platz und 100% erster Platz (Formel: (1-(Platzierung-1)/(Teilnehmeranzahl-1))*100). Die relativen Werte der einzelnen Jahre haben wir dann für die einzelnen Intervalle als Durchschnittswert berechnet.

Beispiel: Der hessische Rundfunk war von 1959 bis 1961 für den ESC zuständig. In der Zeit erreichte Deutschland einen 4., einen 8. und einen 14. Platz. In Bezug auf die Teilnehmerzahl entspricht das im Durchschnitt über die Jahre 41,7% – also tendenziell drittes Viertel. Von 1966 bis 1971 hatte der hr hingegen einen Lauf: Die vielen vorderen Plätze führen im Durchschnitt zu 64,8% – also fast immer vorderes Drittel.

Noch besser lief es in den zwölf Jahren von 1979 bis 1990 für den Bayerischen Rundfunk: Der Sieg von Nicole und gleich vier zweite Plätze reichen im Durchschnitt zu 72,7%. Da konnte der MDR, der in der ARD von 1992 bis 1995 für den ESC zuständig war, fast nur verlieren. Und in der Tat: Trotz des dritten Platzes von Mekado reicht es im Durchschnitt nur für 38,2%.

Etwas komplizierter ist die Betrachtung der 25 Teilnahmen von 1996 bis 2020, die der NDR verantwortete. In zwei Jahren gab es gar keine Teilnahme: 1996 schied Deutschland bei der internen, internationalen Vorauswahl aus; 2020 vereitelte das Coronavirus den Auftritt von Ben Dolic. Dann gab es Jahre, in denen sich Stefan Raab einbrachte, zunächst indirekt als „normaler“ Teilnehmer beim Vorentscheid. Von 2010 bis 2012 direkt als offizieller Kooperationspartner. Außerdem lässt sich das NDR-Engagement in eine Jürgen-Meier-Beer-Zeit (1995-2005) und eine Thomas-Schreiber-Zeit (2008 bis 2020) unterteilen. Dazwischen sind die beiden Jahre 2006 und 2007, in denen Manfred Witt als Head of Delegation die Geschicke führte.

Über alle Jahre betrachtet erreicht das NDR-Engagement einen – für deutsche Maßstäbe – mittelmäßig-guten Durchschnittswert von 41,6%. Differenziert man nicht nach dem Engagement von Stefan Raab, kann sich Jürgen Meier-Beer über einen guten Durchschnittswert von 53,8% freuen. Thomas Schreiber erreicht auch mit dem Sieg von Lena nur 34,3% (das ist schlechter als die MDR-Jahre) und Manfred Witt kommt auf 30,4%.

Eine Klasse für sich sind die drei Raab-Jahre 2010 bis 2012. Mit 78,2% landete Deutschland im Durchschnitt immer im ersten Viertel. Das ist noch einmal besser als das BR-Ergebnis in den 1980ern. Nimmt man nun die Raab-Einsätze aus den Werten von Meier-Beer und Schreiber heraus, reduzieren sich deren durchschnittlichen Erfolge entsprechend. Während Meier-Beer sich immer noch auf mäßig-gute 42,9% kommt, bleiben bei Schreiber nur noch 19,7%. Das ist der eindeutig niedrigste Wert für alle betrachteten Intervalle der deutschen ESC-Geschichte.

Es lässt sich hier durchaus argumentieren, dass es mit den zusätzlichen Teilnehmern beim ESC schwerer geworden ist, gute Ergebnisse zu erreichen. Andererseits lassen die ESC-Final-Ergebnisse anderer Länder (Italien, Schweden, Ukraine, Russland) darauf schließen, dass auch dann regelmäßig hohe Platzierungen erreichbar sind. In den Schreiber-Jahren 2008 bis 2019 kommt Schweden auf 73,2% und die Ukraine auf 66,0%. Außerdem ist nicht klar, wo Ben Dolic in Rotterdam gelandet wäre; das hätte das Ergebnis von Thomas Schreiber verbessern können. Einen „Schuss“ hat er aber noch. Da er erst im Frühjahr den NDR verlassen wird, kann er seinen Einfluss auf den ESC ja noch einmal geltend machen.


37 Kommentare

  1. Das ist zwar ganz interessant, aber auch sehr kurzgesprungen.
    Meier-Beer hat z.B. wichtige Reformen angestoßen (Landessprachenregel usw.), Schreiber hat diese wichtige, ich nenne es mal Lobby-Arbeit fortgesetzt. Und beiden ist es auch immer wieder gelungen, namhafte Acts in den Vorentscheid zu holen. Schreiber war sich auch nicht zu schade, mit Raab zu kooperieren für den Erfolg.
    Mit Elaiza, Roger Cicero (Gott hab ihn selig!) und Texas Lightning waren hierzulande darüberhinaus Acts erfolgreich, die international dann nicht so punkten konnten.
    Unterm Strich würde ich also schon sagen, dass die Ära Schreiber eine recht erfolgreiche war. Wenn eine Ära über so viele Jahre geht, ist da naturgemäß auch viel Murks dabei. Niemand macht alles richtig.

    Dennoch, wie ich schon gestern schrieb: das Schwein wechselt, die Tröge bleiben dieselben. Es wird sich nichts ändern. Zumindest nicht spürbar. Nur die handelnden Personen werden sich ändern. Und das finde ich tatsächlich gut.

    • Dem schließe ich mich gerne an. Ich würde auch nicht die „Raab-Jahre“ differenziert betrachten, der Herr Schreiber hat ihn schließlich mit ins Boot geholt und somit nicht unerheblichen Anteil an dem Erfolg.
      Jürgen Meier-Beer hat übrigens auch eine hervorragende Arbeit abgeliefert.🙂
      Insgesamt kann man feststellen, dass trotz aller berechtigten Kritik, der NDR den meisten Enthusiasmus, was den ESC anbelangt, an den Tag gelegt hat. Was man ja sehr schon an den Warm-Up-Parties und den „Après-ESC-Parties“ sehen kann. Das hat der Bayerische Rundfunk nie gemacht, wobei ich deren Arbeit durchaus anerkenne.

      Ansonsten: Vielen Dank, eine sehr interessante Aufstellung.🙂

    • Douze Points hat eindeutig und klar in seinem Artikel beschrieben, worauf er seine Statistik bzw. Berechnung beruht.
      Es ging nicht um irgendwelche Reformen, Acts, Hits der deutschen Beiträge etc.

      Meine Güte wie kann man nur so engstirnig und dummköpfig sein. Unglaublich.

      Ich bedanke mich für die interessante Aufstellung und Artikel bei Douze Points!

      • Und ich finde es unglaublich, wie Du Leute, die nicht Deiner Meinung sind, beleidigst. Irgendwie legst Du andauernd so einen Ton an den Tag. Das nervt, sorry.☹️
        Hier hat niemand etwas gegen den Artikel geschrieben, im Gegenteil. Es war lediglich ein Meinungsaustausch. Dieses Forum lebt doch von kontroversen Meinungen, so lange man nicht persönlich oder beleidigend wird, ist das doch okay.

  2. Nette Spielerei, die aber keine aussagekräftigen Ergebnisse liefert. Schließlich hat sich nicht nur die Anzahl der Finalisten verändert, sondern gibt es seit 2004 auch Halbfinals, in denen schwächere Teilnehmer eines Jahrgangs bereits im Vorfeld ausgesiebt werden. Deutschland tritt seitdem (insbesondere seit der Einführung des zweiten Halbfinals ab 2008) also gegen durchschnittlich stärkere Gegner an, was die erwartete durchschnittliche relative Platzierung im Finale natürlich senkt. Beispielsweise wäre Elaiza wohl auch in einem Feld aller 37 Teilnehmer voraussichtlich irgendwo zwischen Platz 16 und Platz 23 gelandet, ihrer relative Platzierung hätte sich dennoch verbessert. Wo eine Jamie-Lee oder eine Ann-Sophie gelandet wären, ist schwieriger zu prognostizieren, die relative Platzierung hätte sich aber auf keinen Fall verschlechtert. Und ein Michael Schulte, bei dem angenommen werden darf, dass sich an seinem vierten Platz nicht allzu viel geändert hätte, hätte plötzlich einen Wert von 92,9 statt einem von 88.

      • Weil die zusätzlichen Beiträge ja nicht alle punktlos ganz unten gelandet wären, sondern auch Punkte gesammelt hätten (womit andere Länder Punkte verloren hätten). Da die Abstände von Elaiza zu Teo und Molly punktemäßig überschaubar waren, hätte es also durchaus sein können, dass Elaiza bei mehr Konkurrenz knapp stärker platziert gewesen wäre, genauso ist aber eine Abweichung nach unten denkbar (sowohl im Vergleich mit anderen, beim 26er-Feld schwächer platzierten Songs als auch mit „starken“ Halbfinalausscheidern).

    • Steht so aber auch im Text: „ Es lässt sich hier durchaus argumentieren, dass es mit den zusätzlichen Teilnehmern beim ESC schwerer geworden ist, gute Ergebnisse zu erreichen.“

      • Ich wollte auch keine Kritik üben, mir gefallen solche Rechenspielchen auch bei durchwachsener Aussagekraft. Wollte nur mit ein paar Beispielen verdeutlichen, in welcher Form sich die Resultate teilweise verändert hätten, zumal ich deinen zitierten Satz eher auf die Zunahme der Finalsongs und die wechselnden Votingsysteme bezogen hatte.

      • #Douze Points

        Es tut mir so leid, dass dein Artikel von manchen oberflächlichen Usern so zerhackstückelt wird. Sie begreifen einfach nichts und wollen es auch nicht. Immer diese Besserwisserei. Unglaublich!

  3. Könnt ihr die ausgeschriebene Formel noch einmal überprüfen? Die scheint mir fehlerhaft zu sein.

    (1-(Platzierung-1)/(Teilnehmeranzahl-1))*100 wäre z.B. für 1957:

    ((1-(4-1)/(10-1))*100
    = ((1-3)/9)*100
    = (-2)/9 *100
    = -0,2222 * 100
    = -22,22

  4. Danke für diese Form der Statistik.

    Selbst wenn man dem BR noch die Prozente für die „schlechten Jahre 84, 88 und 89 auf 0% setzt, bleibt immer noch eine Erfolgsquote von beeindruckenden 64% gegenüber den 34% des NDR.

    34% ist vielleicht in der Nähe der Quote, wenn man die Platzierungen einfach nur lang genug auswürfeln würde.
    Es gibt also Luft nach oben, aber auch Luft nach unten 😉

    Und mal sehen ob 100 Jury-Experten auf Dauer einen Raab ersetzen können!

  5. Am erfolgreichsten war für mich Anfang der Achtziger Jahre immer noch der BR. Die paar erfolgreichen Jahre in der letzten Zeit, kann sich der NDR kaum anheften. In den letzten Jahren war man, wenn man keine Hilfe von Stefan Raab hatte, nur 2018 erfolgreich. Es war ein Fehler die Zusammenarbeit mit Raab nach der Saison 2012 einzustellen. Ohne die Expertise von Raab, hat der NDR nix auf die Beine gestellt. Der Erfolg von 2018 war da die große Ausnahme, wie 2019 schon bewiesen hat.

  6. Mit Raab, ohne Raab… genauso gut könnte man auch die erfolgreiche BR-Ägide mal mit Ralph Siegel und mal ohne Ralph Siegel darstellen. Und schon sähe das auch bedeutend schlechter aus.

    Es ist nun einmal so, dass unsere ESC-Erfolge nicht von Sendern, sondern von musikalisch äußerst begabten Einzelpersonen geprägt waren. Es gab eine Lücke nach Siegels Glanzzeit, nun gibt es eine Lücke nach Raab.

    Immerhin können die Sender BR und NDR sich auf die Fahnen schreiben, zur richtigen Zeit die richtigen Personen zugelassen bzw. ins Boot geholt zu haben.

    • Der NDR hatte Raab, der BR hatte Siegel….und ich denke wenn man beide aus den Wertungen raus nimmt, bleibt der BR immer noch haushoch vorne.
      Auch der NDR steht ja ohne Raab nochmals viel schlechter da.

      • Das kann man nicht vergleichen. Der Siegel hat in den Vorentscheidungen des BR nur teilgenommen, der Raab hat aber ein ganzes Vorentscheidungskonzept erarbeitet um den Kandidaten für den ESC zu finden. Das Vorentscheidungskonzept hat damals der BR erarbeitet und Siegel hat mit seinen Songs in den Vorentscheidungen teilgenommen. Das ist ein Riesenunterschied. Der NDR hat derzeit einfach kein Konzept um dem ESC in Deutschland zum Erfolg zu führen, dabei hat es Raab in den Jahren 2010 bis 2012 doch vorgemacht. Ich frage mich sowieso, warum ist nur der NDR für den ESC verantwortlich, müsste da nicht die gesamte ARD dafür verantwortlich sein, denn der ESC ist doch kein regionaler Wettbewerb.

      • ESC-Erfolg ist keine Frage des Vorentscheidkonzepts, sondern der Teilnehmer und Entscheider an einem Vorentscheid (oder einer internen Auswahl). Natürlich kann ein entsprechendes Konzept manche Teilnehmer erst locken oder ermöglichen, aber der Einfluss bleibt trotzdem indirekt.

        Letztendlich braucht es die Bereitschaft musikalischer Perlen, sich zu bewerben, und die Fähigkeit von Jurys/Televotern/Panelisten, diese Perlen dann auch zu erkennen und zu wählen.

      • Warum der NDR und nicht die ARD. Ganz einfach. Die ARD ist kein eigenständiger Sender der Mitglied bei der EBU ist sondern eine Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands ARD abgekürzt. Daraus folgt das ein oder mehre Sender teilnehmen können. Anders wäre es beim ZDF der eigenständig ist. Beim JESC nehmen deshalb auch KIKA und ZDF sowie der NDR für die ARD teil weil KIKA eine Gemeinschaftssender von ARD und ZDF ist

  7. Ich finde es schwierig die 80ziger Jahre mit den Jahren ab 2000 zu vergleichen. Der ESC hat sich seit dem sehr viel weiter entwickelt und verändert. Ich denke auch das die ARD mit dem NDR weitgehend verpasst hat sich auch weiterzuentwickeln. Mit der Zusammenarbeit von NDR und Pro Sieben ist man einen gut Weg gegangen und hat es versäumt daran anzuknüpfen. Stattdessen so habe ich das Gefühl ist man wieder in den alten Trott gefallen und hatte nur mit Michael Schulte einen einmaligen Glückserfolg wie es einige meiner Vorredner schon gesagt haben. Ich danke Herrn Schreiber für seine Leidenschaft für den ESC und wünsche ihm alles gute für die Zukunft.

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