ESC-Songcheck kompakt (4) – Nordmazedonien: „Here I Stand“ von Vasil

Momentan steht wohl kein anderer der ausgewählten Teilnehmer so sehr unter Fan- und Medienbeschuss wie der 36-jährige Vasil, der für Nordmazedonien am Eurovision Song Contest in Rotterdam teilnehmen soll.

Schon im letzten Jahr sollte Vasil, der im Jahr zuvor schon als Background von Tamara Todevska eine gute Figur machte, mit seinem Lied „You“ in Rotterdam auf der Bühne stehen. Doch dieser große Traum, wie er selbst sagt, wurde ihm durch die Absage des Contests verwehrt. Mitte Januar konnte Vasil aber erneut vom ausrichtenden Mazedonischen Rundfunk (MRT) bestätigt werden. Nach Medienberichten hat das mazedonische Fernsehen eine Vielzahl an Liedern aus ganz Europa erhalten. Es sei jedoch Vasils Eigenkomposition „Here I Stand“ gewesen, die die interne Jury begeisterte.

Vasil Garvanliev begann seine musikalische Karriere im Alter von sieben Jahren und trat auf einigen der beliebtesten Kinderfeste Nordmazedoniens auf. Mit acht Jahren wurde Vasils erstes Album „Marionka“ mit dem gleichnamigem Lied veröffentlicht, das zu einem der bekanntesten Kinderlieder im ehemaligen Jugoslawien wurde. Bald darauf zog er mit seiner Familie in die USA, wo er seine Karriere als Solist beim Chicago Children’s Choir fortsetzte. Er studierte Gesang am Royal Conservatory of Music in Toronto und lebt seit 2018 wieder in seiner Geburtsstadt Strumica in Nordmazedonien, nahe der Grenze zu Bulgarien und Griechenland.

Der Song

Am 13. März wurde Vasils diesjähriger, selbstgeschriebener Beitrag „Here I Stand“ veröffentlicht. Schon bei der Veröffentlichung des Musikvideos zeigt er sich einleitend sehr bewegt und erklärt, dass er dieses Lied direkt nach der Absage des Song Contestes im letzten Jahr geschrieben habe. In dem Moment als sein großer Traum zerplatzte, mit Tränen in den Augen, fing er einfach an zu spielen und sein Lied „Here I Stand“ entstand.

Und so dreht sich das Lied auch um die schweren Momente im Leben, die Momente in denen wir nicht weiterwissen. „Now here I stand, there’s no pretend. My walls are down, my heart’s in your hand“ (Jetzt stehe ich hier, es gibt kein Heucheln. Meine Mauern sind niedergerissen, mein Herz ist in deiner Hand). Doch gerade die Anfangszeilen bergen auch Hoffnung: „Wish to hug the child about to crack. I’ll tell him, „Wait, it won’t be long, trust your heart and just stay strong“ (Ich möchte das Kind umarmen, das kurz davor steht zu zerbrechen. Ich werde ihm sagen: „Warte, es wird nicht lange dauern. Vertraue deinem Herzen und bleib einfach stark“). Vasil zeigt in seinem Lied seine innerste Gefühlswelt – steht praktisch nackt vor uns – und schmettert uns seine Worte mal sanft und mal kräftig entgegen.

Mit den Songschreibern Borče Kuzmanovski und Davor Jordanovski wurde „Here I Stand“ schließlich abgerundet und produziert – herausgekommen ist sowohl eine typische als auch sehr bombastische Musical-Ballade, in der Vasil eindrucksvoll seine stimmlichen Qualitäten zeigt.

Der Check

Song: 2/5 Punkte
Stimme: 5/5 Punkte
Instant-Appeal: 2/5 Punkte
Optik: 3/5 Punkte

Benny: Wenn ein Song die Beschreibung „Musical-Ballade“ verdient hat, dann dieser hier – allerdings im schlechtesten Sinne, nämlich so, wie sich Leute Musicals vorstellen, die keine Ahnung von Musicals haben (oder nur 100 Jahre alte Musicals von Andrew Lloyd Webber kennen). Aus allen guten und modernen Musicals würde dieser absolut übertriebene und theatralische Schmachtfetzen sofort rausgestrichen werden (und aus allen Disney-Filmen auch, wenn wir schon dabei sind). Ich finde diese Songauswahl richtig schade, weil Vasil eigentlich ziemlich gute Musik macht. 2 Punkte.

Berenike: „Objektiv“ gesehen ist der Song sicherlich keine schlechte Ballade mit einem guten Spannungsaufbau im Disneystil. Sie hat auf jeden Fall ihre Berechtigung, persönlich kann ich aber kaum etwas mit dem Stück anfangen. Auf mich wirkt „Here I stand“ sehr schmalzig-schleimig und die knödlige Singweise empfinde ich als unangenehm. 2 Punkte.

Douze Points: Bei einer starken Stimme und schönen Harmonien darf es bei mir ja auch gern mal theatralisch und dramatisch sein. Und das sage ich, obwohl ich weder in die Disney- noch die Musical-Fraktion gehöre. Ich bin wirklich überrascht, wie viel besser Vasils Gesangskunst hier zur Geltung kommt. Schade ist, dass die drei Minuten viel zu kurz sind, um dem Lied eine einigermaßen nachvollziehbare Struktur zu geben. Ich bin gespannt, wie sie das auf der Bühne umsetzen werden. 8 Punkte.

Florian: Vasils Intention mit „Here I Stand” ist ihm nicht abzusprechen, doch es wirkt wie ein Versuch, eine emotionale Botschaft à la „The Greatest Showman“ herüberzubringen. Dementsprechend ist alles bis zur Spitze überdramatisch arrangiert und wirkt dabei leider sehr altbacken. Besonders die dramatische Entwicklung der Melodie im zweiten Part des Songs ist für mich eindeutig over the top und ich kann mir schwer vorstellen, dass das nach über einem Jahr ermüdender Pandemie die Menschen in Europa vom Hocker reißen wird – bei mir hat Vasil das zumindest nicht geschafft, sorry dafür. 3 Punkte. 

Manu: Dass Vasil beeindruckend singen kann, ist bekannt – und das zeigt er hier so theatralisch wie irgend möglich. An dieser Stelle will ich aber nur „Here I Stand“ als Lied bewerten – nicht das an einigen Stellen gruselig zusammengeschnittene Video oder den derzeit entstandenen politischen Terz um selbiges und seine Person. Seht es mir bitte nach, aber „Here I Stand“ schmeichelt nicht meinen Ohren und ich möchte es spätestens nach der Hälfte ausstellen. Für mich ist das leider eher Theaterbühne im Dorf nebenan, als das Musical am Broadway, aber andere mag es dafür sicherlich umso mehr berühren. 1 Punkt

Max: Ups. Das ist leider nichts für mich. Eine eher langweilige Ballade, die sich nicht absetzen kann vom Rest. Da zieht man gegen alle anderen Balladen in diesem Jahr wohl den Kürzeren. Und dann gibt es noch das ganze Drama um das Video und Vasils Privatleben – insgesamt kein gutes Jahr für das Balkanland. 2 Punkte.

Peter: Vasil hatte und hat in der unbegreiflichen und hysterischen Diskussion über sein Video und seine Person (und damit auch seinen Beitrag) meine vollsten Sympathien und ich hoffe sehr, dass diese bekennende Unterstützung in der Bubble insgesamt nachhaltig so sein wird. Ganz viel Liebe für Vasil! Klar, er hat was von einer Drama Queen (die Anmoderation im Video ist ein bissel over the top), aber er ist ein wahrhaftiger ESC-Held und hat eine grandiose Stimme. Ich liebe seine pathetische, überfrachtete  und schmalzige Ballade (alles im besten Sinne) – und dazu erfreuen uns ein vielstimmiger Chor und Geigen mit viel Zuckerguss. Großartig, als wäre es ein Statement-Song in „Sunset Boulevard“ oder so. Ganz viel Funkenregen in der letzte Minute bitte in Rotterdam. 12 Punkte.

Gesamtpunktzahl: 30/84 Punkten.

Beim ESC-kompakt-Index landet „Here I Stand“ auf Platz 28 von 40.

Wie schneidet der nordmazedonische Beitrag "Here I Stand" von Vasil ab?

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Bisher erschienene Songchecks:

Erste Hälfte des ersten Semis

(1) Australien: „Technicolour“ von Montaigne
(2) Irland: „Maps“ von Lesley Roy
(3) Litauen: „Discoteque“ von THE ROOP


108 Kommentare

  1. Das Lied klingt wie ein Disney/Broadway Song. Es ist auch eigentlich kein Eurovisionsong. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er damit das Finale erreicht.
    Wenn er allerdings sein gewaltiges Talent mit einem guten Staging ausspielt, sollte er zu mindestens einen Eindruck hinterlassen.
    Aber: Er meint jedes Wort. Ja der Text ist theatralisch, aber er meint jedes Wort. Wenn er diese lange Note am Ende singt, habe ich am ganzen Körper Gänsehaut. Das kann ich nicht von vielen Disneysongs oder Broadwayproduktionen behaupten.
    Das Lied ist ein Klischee, allerdings das einzige seiner Art in diesem Jahr und mir zudem zehnmal lieber als jede generische Pop/Dance Nummer die aufgrund ihres Beats und ihrer Fröhlichkeit hochgelobt wird.
    Vasil ist für mich ein Star und der vielleicht beste Sänger des Jahres, neben dem Schweizer und der Slowenin.

  2. Oh .. Drama, Drama, Vasil. Dein Welt ist zusammengebrochen oder? Schreie dein Schmerz heraus.

    Song: das nennen wir mal einen Song
    Stimme: angenehm
    Instant-Appeal: Song funktioniert überall
    Optik: ohne Bart wirkst du junger

    Fazit bis jetzt: erst hier den Ton aufdrehen

  3. Drama, viel Drama, sehr viel Drama, Nordmazedonien! Dieser Song wirkt so künstlich, da er total überdramatisiert ist (beginnt schon beim Einspieler vor dem Song). Der Song geht total unter, aus diesen Gründen, 3-4 Punkte von mir.

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