Gegenwind aus der Opposition: Findet der diesjährige ESC ohne Belarus statt?

Anfang des Monats konnten wir noch berichten, dass Belarus nun einen Act für den diesjährigen Eurovision Song Contest sucht und der federführende Sender BTRC für diese Suche eine Ausschreibung startete. Der Gruppe VAL, die noch im letzten Jahr den Vorentscheid gewonnen hatte, wurde Ende September letzten Jahres die Chance auf eine erneute Teilnahme genommen, da diese sich bei den anhaltenden Demonstrationen gegen Alexander Lukaschenko engagiert hatte. Der Sender redete davon, dass die beiden Bandmitglieder kein Gewissen besitzen würden, Leadsängerin Valeria Gribusova wies diese Behauptung zurück.

„Navechna“ heißt die ruhige Ballade von VAL, in der die beiden darüber singen, „nicht stumm zu bleiben“ und „dass die Angst verschwinden wird“. Ein recht klarer Verweis auf die schwierige politische Situation in Belarus.

Nun kommt wieder Bewegung in die Sache – aber in ungewohnte Richtung: Laut Telegraf.by hat die im letzten Jahr gegründete belarussische Stiftung für kulturelle Solidarität eine Kampagne gestartet, um BTRC von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) auszuschließen und dem Sender das Recht zu entziehen, den Song Contest zu senden und daran teilzunehmen. Ein entsprechender Brief wurde an das Büro der Europäischen Rundfunkunion (EBU) in Genf geschickt.

Kulturmanager und Produzent Sergei Budkin, der die belarusische Stiftung mit der Aktivistin Marina Shukurova leitet, spricht gar davon, dass der Sender BTRC kein Medium, sondern ein Instrument des politischen Drucks und der Propaganda sei, mit dessen Hilfe Feindschaft in der Gesellschaft ausgelöst wird.

Ziel der Kampagne ist es, die Teilnahme von Vertretern BTRCs an dem Treffen der Eurovision-Delegationsleiter zu verhindern, das am 15. März in Rotterdam stattfinden wird. „Und im Idealfall – der Ausschluss der BTRC aus der European Broadcasting Union – EBU“, bestätigte Sergei Budkin. Laut Budkin wurde der Leiter von BTRC, der auch Leiter der belarusischen Delegation ist, durch den Beschluss des Europarates bereits auf die Sanktionsliste der Personen gesetzt, die an der Fälschung der Wahlen in Belarus beteiligt waren.

Seitens der EBU gibt es derzeit noch keine Reaktion auf den Brief, in dem zudem erklärt wird, dass eine Zusammenarbeit mit dem Sender ernsthafte Reputationsrisiken birgt. Ob es tatsächlich so einfach ist, dass die EBU dem Sender BTRC die derzeitigen Rechte entzieht – oder wie teilweise schon gemunkelt wird, eine Abstimmung über den Verbleib von Belarus in der EBU bevorsteht – steht noch in den Sternen. Klar dürfte aber sein, dass neben vielen anderen auch VAL bei diesen neuen Entwicklungen interessiert hinschauen.

Mit „Da Vidna“ hätten VAL im letzten Jahr am ESC teilgenommen.


27 Kommentare

  1. Puh….Das ist ganz schwierig. Für die Musiker und die Menschen täte es mir unglaublich leid, wenn Belarus ausgeschlossen würde. Andererseits kann ich auch die Position der Stiftung nachvollziehen.
    Nur gibt es ja auch noch andere Länder in der EBU, wo die Regierung erheblichen Einfluß auf die Sender hat, und wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Bei denen müßte man ja dann konsequenterweise auch einen Auschluss prüfen. Ob die EBU das machen würde, wage ich mal zu bezweifeln. Würde den ESC schon verkleinern.
    Meine persönliche Meinung wäre, dass man Belarus schon teilnehmen lassen sollte, im Falle eines Sieges sollte dort aber kein ESC stattfinden. Dann wäre natürlich auch der Anreiz geringer, denn gerade totalitäre Länder wollen sich ja möglichst protzig darstellen, hat man ja schon in Moskau und Baku gesehen.
    Vielleicht wäre es gut, wenn man sich mal von dieser durchaus hübschen, reizvollen Idee verabschieden würde, den ESC immer im Siegerland zu veranstalten.

    • Noch eine kleine Ergänzung: Ich finde es natürlich ganz große klasse, dass sich mittlerweile (auch prominente) Menschen für die Demokratie in Belarus engagieren. Die Frage ist nur, ob man nicht das Land mit seiner Kultur noch mehr isolieren würde. Keine Ahnung, aber ich fände es auf der einen Seite gut, wenn die Menschen, die dort leben, wenigstens einmal im Jahr Teil einer (Sanges)-Gemeinschaft sein können. Man verändert die Situation nicht zum Besseren, wenn man sie vom ESC oder ähnlichen Veranstaltungen ausschließt, meiner Meinung nach.

  2. Ich finde auch das Belarus nicht mehr am ESC teilnehmen sollte. Man muss diesem Lukaschenko einfach mal gewisse Grenzen auf zeigen. Deshalb bitte ich Sie Herr Österdahl, Belarus zu disqualifizieren und von der Europäischen Rundfunkunion raus zu schmeißen.

  3. Ich bin auch für den Rauswurf des Senders aus der EBU – aber solange sie fleißig Ihre Beiträge an die EBU zahlen, wird das wohl nichts werden ….und sollte man dann nicht auch gleich Ungarn und die Türkei mit rauswerfen (wenn man konsequent ist) …..irgendwie könnte dieses das Ende des ESCs einläuten. Zudem tun mir die Künstler in den Ländern leid, denn die haben immer die Chance des ESC genutzt, um sich auch international zu präsentieren.
    Wer in dem Text Rechtschreibfehler findet, der darf diese gerne behalten.

  4. Auch wenn ich zu 100 % hinter der belarussischen Demokratiebewegung stehe, halte ich einen Ausschluss aus der EBU und vom ESC für den falschen Weg. Das ganz Einzigartige am ESC ist doch, dass die politische Situation in den teilnehmenden Ländern für zwei Wochen ausgeblendet wird. Das franquistische Spanien und das Portugal des Salazar-Regimes haben ja auch am ESC teilgenommen, und Spanien hat den Wettbewerb sogar zweimal gewonnen und 1969 ausgetragen. Das hat weder dem ESC noch der politischen und sozialen Entwicklung in Spanien geschadet. Außerdem gibt es effektivere Wege, die Opposition in Belarus zu unterstützen. Allerdings möchte ich definitiv keinen ESC aus Minsk sehen, aber bei der Qualität der belarussischen ESC-Beiträge braucht man sich diesbezüglich nur wenig Sorgen zu machen. Und wenn es doch zu einem Sieg des Landes läme, könnte man ja tatsächlich über eine Austragung anderswo nachdenken. Die Eishockey-WM, oder besser 50 % davon, findet jetzt ja auch nicht wie geplant in Minsk statt.

  5. Also wenn Belarus aufgrund der Staatsform aus der EBU raus muss, dann auch Aserbaidschan, Ägypten, Marokko, Russland und Libyen!
    Die Türkei, Ukraine, Bosnien, Montenegro, Albanien, Moldau, Nordmazedonien, Georgien und Armenien sind an der Grenze, um sie überhaupt noch als Demokratien zu bezeichnen.
    Glaube daher nicht, dass die EBU einen solchen Brief von einer recht unbekannten Stiftung überhaupt beantwortet.
    Polen und Ungarn stehen beim Demokratieindex übrigens noch erstaunlich gut da

  6. Ich glaube an die friedliche Freiheit, die die Opposition mit Hilfe internationalen Unterstützung gelingen wird.
    Klingt naiv, aber ich glaube es trotzdem. 🏳🇧🇾

  7. Für alle, die sagen, dass es wichtig für die Leute in diesen Diktaturen ist, wenn diese Länder internationale Events als Propagandabühne benutzen können, hab ich nur 2 Worte: Berlin 1936.

    • Ich verstehe Deinen Punkt, würde da aber doch noch Unterschiede erkennen: Es wird in der Tat die Opposition unterdrückt, Minsk plant aber, soviel ich weiß, keinen Krieg und auch nicht die Vernichtung einer Minderheit im eigenen Land.

      Ich würde dann Baku 2012 oder Peking 2022 als Vergleiche passender finden..

  8. Das ist eine sehr schwiriege Entscheidung!
    Im ersten Moment denkt man natürlich „nur“ an die Politiker, welche BTRC als „Instrument“ benutzen und sagt dann: Klar, BTRC sofort aus der EBU raus!
    Man sollte allerdings auch an die Musiker UND Menschen denken, welche ESC-Fans sind! Soll ihnen die Chance genommen werden am ESC teilzunehmen bzw. den ESC zu schauen? Zumindest für die ESC-Fans gibt es ja dann eventuell noch die Chance, wenn der ESC nicht auf BTRC übertragen wird, diesen auf YouTube im Livestream zu verfolgen, außer dieser wird dann auch noch per Geoblocking in Belarus gesperrt wird. Außerdem weiß man/ich auch hier nicht so genau wie der Internetausbau in Belarus ist? In Minsk bestimmt sehr gut, aber in den anderen Teilen des Landes?

    Nicht nur für den ESC wäre es schade, sondern vor allem auch für den JESC und damit auch noch für die (musikalischen) Kinder in Belarus. Belarus hat dort meistens immer gute Platzierungen erreicht und den JESC auch bereits zweimal (2010 & 2018) ausgetragen.
    Es ist vor allem ein sehr komisches Gefühl, dass BTRC im November 2018 noch den JESC veranstaltet hat und rund zwei Jahre später reden wir über einen Ausschluss von BTRC aus der EBU! 🙁

    • Stimme Dir zu: Belarus besteht ja bei weitem nicht nur aus diktatorischen Politikern, sondern auch aus Menschen wie wir, die schon genug isoliert und benachteiligt werden. Die einfach nur ihre Musik präsentieren und andere Musik genießen wollen. Musiker, die mit anderen Musikern aus ganz Europa (und darüber hinaus) feiern wollen. Das mit dem Feiern wird dieses Jahr wohl noch problematisch sein, aber es wird sich ja hoffentlich auch mal wieder ändern.

  9. Ich bin durchaus auch für einen temporären Ausschluss von Belarus. Die Frage ist aber in der Tat, ob dies tatsächlich der Opposition hilft.

    Eine allgemeinere Frage, die sich mir schon seit längerem stellt ist: Wenn sich ein Land zurück zieht oder vom Bewerb ausgeschlossen wird, führt dies ja auch zu einer Veringerung der Teilnehmerzahl in dem entsprechenden Semifinale. Wenn Belarus nicht teilnehmen darf, reduziert dies das erste Semifinale auf 16 Teilnehmer – zwei weniger, als im zweiten Semifinale, in dem 18 Teilnehmer am Start sind. Die Chancen auf eine Finalteilnahme wären dann im zweiten Semifinale deutlich geringer, als im ersten. Kann und will die EBU in einem solchen Fall einen Teilnehmer vom deutlich größeren Semifinale in das deutlich kleinere versetzen, um beide auszugleichen?

  10. Gestern Abend hat ein ESC – Fan auf Youtube es bekanntgegeben. Ich habe es erstmals so verstanden das Belarus rausfliegt. Doch durch diesen Artikel habe ich es besser verstanden. Ich bin geteilter Meinung zum einen ja als Konzequenz wegen der Unterdrückung der Opposition und gewalttätige Aufflösung und Festnahmen von Demonstraten. Zum anderen ist wie man sagt der ESC unpolitisch und sollte den Sänger*innen eine Chance geben.

  11. Da müssen Russland, Aserbaidschan, Armenien auch raus, wenn es danach geht, das nur Demokratien beim ESC mitmachen dürfen. Wenn dann konsequent.

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