Head of Delegation Alexandra Wolfslast: „Wir stellen das aktuelle Auswahlverfahren selbstkritisch auf den Prüfstand“

Quo vadis, Germany? Kaum ein Thema hat die Diskussionen hier auf dem Blog, in den Fanforen, aber auch in der etablierten Presse so dominiert wie die Frage, was sich bei der Auswahl des deutschen Beitrags ändern muss, damit mehr herauskommt als ein letzter oder vorletzter Platz. Denn das ist exakt das Ergebnis, mit dem sich die deutschen ESC-Fans und die deutschen ESC-Zuschauerinnen und -Zuschauer mit einem Ausnahmejahr (2018 mit Michael Schulte) nach Elaiza (und das war 2014) abfinden mussten.

Genau diese Frage und einige andere haben wir der Head of Delegation (HoD) Germany, Alexandra Wolfslast vom NDR, in einem Express-Interview gestellt.

ESC kompakt: Hallo Alexandra, 2021 war Dein allererster ESC als HoD, wenn auch unter besonderen Bedingungen. Es war ein ESC mit musikalisch bester Credibility. Hast Du eine allererste persönliche Bilanz?

Alexandra Wolfslast: Für mich persönlich war diese Veranstaltung ein unvergessliches Erlebnis. Es war ein herausragender ESC mit einem unglaublich starken Line Up, einer riesigen musikalischen Bandbreite – und es war eine fantastische Show. Die Qualität und Vielfalt der Beiträge zeigt, dass sich der ESC auch musikalisch immer weiter wandelt. Ich finde das großartig.

Das bescheidene Abschneiden Deutschlands ist das eine. Auch niedrig platzierte Titel in der ESC-Historie wurden im Laufe der Zeit schon zu Fan Favourites. Glaubst Du, dass das „I Don’t Feel Hate“ auch gelingen kann?

Ich würde es mir wünschen. Jendrik hat einen tollen Auftritt hingelegt. Leider ist sein Song in Europa nicht so gut angekommen wie die Lieder anderer Acts. „I Don’t Feel Hate“ ist definitiv ein Ohrwurm, aber auch ein Titel, der polarisiert und es im Mainstream schwer hat. Ich habe jedenfalls den Satz „I Don’t Feel Hate“ in meinen Sprachgebrauch integriert.

Was in diesem Jahr spezifisch auffällt: Das positive Votum von zwei vom / für den NDR rekrutierten Jurys, die danach ausgesucht wurden, die internationalen Geschmacksnerven zu treffen vs. die fehlende internationale Resonanz beim ESC selbst. Wie ist das zu erklären?

Jede Erklärung wäre pure Spekulation. Fakt ist, dass das gleiche Verfahren in der Schweiz offensichtlich hervorragend funktioniert, uns aber keine gute Platzierung eingebracht hat.

Stellt der oben skizzierte Widerspruch und Konflikt nicht das gesamte deutsche ESC-Songfindungskonzept infrage?

Ich glaube, es ist gut nachvollziehbar, dass wir das aktuelle Auswahlverfahren nun selbstkritisch auf den Prüfstand stellen und im NDR überlegen, was wir künftig anders machen können.

Das größte NDR-Eigentor war sicher, Jendrik „betrunken“ (nach Selbstauskunft) nach dem ESC-Finale noch auf Barbara Schöneberger und die Boulevardpresse „loszulassen“. Siehst Du das auch so? Wie kam es dazu?

Wir hatten uns bereits im Vorfeld gemeinsam mit Jendrik entschieden, unabhängig vom Ergebnis gemeinsam vor die Presse zu treten. Dass ein junger und mit der Öffentlichkeit bisher wenig erfahrener Künstler nach diesem Erlebnis nicht das perfekte Pressestatement abgibt, ist angesichts der Situation schlicht menschlich. Jendrik hat sich im Nachgang für seine Aussagen mehrfach über seine Kanäle entschuldigt. Im Nachhinein hätte ich ihm diese Erfahrung aber gerne erspart.

Es ist sicher noch zu früh, konkret über 2022 zu sprechen. Aber wie ist der Fahrplan, um zu einer Entscheidung darüber zu kommen, wie es im nächsten Jahr weitergeht?

Wir setzen uns jetzt sehr zeitnah intern zusammen und besprechen, wie es weitergeht.

Ben Dolic hat sich auf seinen Social-Media-Kanälen sehr persönlich und sehr betroffen und enttäuscht darüber geäußert, dass es weder zur Pre-Show noch zur After-Show in der ARD eingeladen worden ist – anders als z.B. Michael Schulte. Warum ist Ben Dolic zu diesen Shows nicht eingeladen worden? Ist der NDR nach seiner oben geschilderten Enttäuschung in Kontakt mit Ben Dolic getreten?

Ben Dolic ist auf eigenen Wunsch aus dem ESC-Verfahren für 2021 ausgeschieden, obwohl er die letzte Runde erreicht hatte und seine Teilnahme am Konzert im Kölner Palladium am 19. November 2020 vorgesehen war. Ben Dolic wollte seinen eigenen Projekten nachgehen. Wir haben die Entscheidung respektiert. Seitdem haben weder er noch seine Plattenfirma den Kontakt zum NDR gesucht.

 

Das Kurz-Interview haben wir auf Wunsch von Alexandra Wolfslast schriftlich geführt. Sie hat uns aber zugesagt, auch ein längeres persönliches Interview zu geben und zu einem späteren Zeitpunkt auch Gast zu sein in einem ESC kompakt LIVE, wenn es mehr greifbare Neuigkeiten zu den ESC-Planungen der ARD in 2022 zu berichten gibt.

Und wir erfahren auch schon aus dem Kurz-Interview einige wichtige Fakten, die in den letzten Tagen leidenschaftlich diskutiert wurden.

1.) Deutschland wird auch 2022 am ESC teilnehmen.

2.) Der NDR will auch im nächsten Jahr die ESC-Verantwortung innerhalb der ARD wahrnehmen.

3.) Es gibt ehrliche (sympathische) Selbstkritik zwischen den Zeilen. (Das lese ich z.B. in dieser Antwort auf die Frage nach dem NDR-PR-Missmanagement rund um das Pressestatement nach dem Finale: „Im Nachhinein hätte ich ihm diese Erfahrung aber gerne erspart.“)

4.) Es werden das Song-Auswahlverfahren und die NDR-internen ESC-Prozesse grundsätzlich hinterfragt und überprüft. Für 2022 dürfte „alles auf Null“ gelten, was auch damit zusammenhängt, dass der NDR die Aufgaben des ehemaligen NDR Unterhaltungschefs Thomas Schreiber derzeit neu verteilt.

Wir halten Euch selbstverständlich weiter auf dem Laufenden. Was meint Ihr, wie sollte der geforderte und jetzt deklarierte Neuanfang aussehen?


173 Kommentare

  1. […] In an interview for a German Eurovision portal ESC Kompakt, German Head of Delegation, Alexandra Wol… about their selection procedure for the upcoming edition of Eurovision Song Contest. She said that NDR is reviewing their selection process which was first time used in order to select their entrant for Eurovision 2020. Jury which consists out of 100 members as well as a Eurovision jury formed of past acts and jurors voting for their favourite entry. Same method was used by Swiss broadcaster SRG SSR to determine their representative at Eurovision 2020, Gjon’s Tears, who was later on invited back to represent Switzerland at this years edition of the show. […]

  2. Ich muss sagen, es hat ja einen gewissen perversen Unterhaltungswert für mich, den NDR zappeln zu sehen wenn er alle Jahre wieder unter großem dünkelhaften Herumräsonnieren voll in die Tonne greift .Das hat den Unterhaltungswert eines Splattermovies. Und dauerhaft so ergreifend schlecht zu sein, dass man ca, Null Punkte schafft, ist angesichts des erweiterten Punkteregens schon ein Kunststück. Und noch drolliger ist, das alle im Vorfeld wissen, wo der jeweilige Mist landet, nur der NDR ist an einem Maisamstag um 24;00 immer völlig überrascht.

    Das Tolle ist, dass die ersten taperigen, unbedarften Schrittchen von Frau Wolfslast wohl versprechen, dass die Farce noch drolliger wird. Klasse Unterhaltung !

    • Ich finde, es hat etwas von Katastrophentourismus.
      Man will sich damit eigentlich nicht mehr befassen, weil man weiß, es ist furchtbar, was man dort zu sehen bekommt. Aber letztlich schaut man doch hin und denkt sich „Alkohol muss doch eine Lösung sein.“

  3. ‚Was meint Ihr, wie sollte der geforderte und jetzt deklarierte Neuanfang aussehen?‘

    Ich denke, dass sich nicht nur beim Auswahlverfahren innerhalb Deutschland sich etwas tun muss, sondern auch beim ESC selbst und um es auf den Punkt zu bringen: die Songs der sicheren Finale-Teilnehmer vollständig zeigen während abgestimmt wird oder unmittelbar nachdem die Stimmabgabe geschlossen wird.

    Neuanfang … ach, ESC-Kompakt könnte das Verfahren einiger anderen Länder zusammenfassen und darüber mit Frau Wolfslast diskutieren, damit die Richtung für Deutschland klarer wird.

  4. Wird Zeit das diese beiden unsäglichen Juries, die diesen Mist verzapft haben, abgesägt werden. Wenn schon Vorauswahl dann durch wirkliche Musikexperten. Ich bin mal gespannt zu was die Selbstkritische Prüfung am Ende führt. Kann ja nur heißen, das der Vorentscheid wieder eingeführt wird. Die Juries haben es ja auch verbockt.

  5. Man kann leider nicht umhin Fr Wolfslast eine Mitverantwortung anzulasten. Der NDR u.a. in Form ihrer Person hätte jederzeit von sich aus entscheiden können, dass Jendrik bzw genauer gesagt sein Song ’nicht ausreichend geeignet ist‘ eine schlechte ESC Finalplatzierung zu vermeiden. Hätte geaxt werden müssen. Glaube das sieht Fr Wolfslast bis heute nicht und kann sich das schlechte Abschneiden einfach nicht erklären…Stattdessen wird von einem late-blooming fabuliert, um sich im Nachhinein dann doch noch ne weisse Weste malen zu können.
    Ich würde sagen, wer nicht gehört hat, dass das mit Jendrik beim ESC Finale nen Nahe-Null Televote geben wird, der ist doch Fehl am Platze. Hört jeder sofort, nur Fr Wolfslast und die sonstigen Beteiligten hielten das Teil für sogar over-the-top erfolgsverdächtig. Mehr als Kopfschütteln bleibt da nicht.

    Da, wie oben erwähnt, nicht geaxt wurde, muss man davon ausgehen, dass Fr Wolfslast das 2021 Auswahlverfahren für gelungen gehalten hat und hält und das votenden ESC Televote-Publikum eben einfach zu doof war zu erkennen wie dolle der Jendrik Song ist. Nachdem das ESC Finale schiffbrüchig ging hat man sich als allerletzten Strohhalm das late-blooming auserkoren.

    Fr Wolfslast hat aber einen großen Vorteil auf ihrer Seite. Sie kann jederzeit behaupten, dass kaum jemand in der Lage ist (ausser mir natürlich ^^) regelmäßig zutreffend vorherzusagen, wie denn ein bestimmter Song beim ESC Publikum ankommt. Da hat sie wohl einen Punkt. Allein mit diesem Argument kann man sich den Posten sichern, was wahrscheinlich ja ihr allererstes Interesse ist. Tatsächlich ist ihr doch im Grunde völlig wurscht wer da mit was für Deutschland antritt, solange das aus ihrer Sicht ausreichend legitimiert ist. Gänzlich alleine im stillen Kämmerlein will sie nämlich nicht entscheiden, was ja auch ohne weiteres möglich wäre. Verantwortung abschieben zur Postensicherung. Normales deutsches Beamtentum eben. Schuld sind am Ende immer die anderen.

  6. Ich würde die myonlinestudy international schalten und nicht nur in Deutschland. 100 wirklich internationale panelisten , die das internationale Televoting repräsentieren . Hinzu 25 Fachjuroren aus ESC Nationen, die schon mal beim ESC teilgenommen haben oder in der Jury saßen .

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