Interview mit Ingrid Peters: „Der Sieg bei der Vorentscheidung war ein Schock“

UPDATE: Auf Bitten von Ingrid Peters haben wir einen Teil des Interviews herausgenommen und durch eine Umschreibung ersetzt. Die ursprüngliche, wortwörtliche Wiedergabe war missverständlich und konnte als Kritik an Ralph Siegel verstanden werden. Darum ging es der Künstlerin aber nicht: „Ich habe nichts Negatives über Ralph zu sagen und ihm nichts vorzuwerfen.“

Wir treffen Ingrid Peters am Nachmittag vor dem abendlichen EC Germany Fantreffen im Kölner Gloria Theater. Die 65-Jährige ist fröhlich und interagiert herzlich mit allen Anwesenden – und lässt sich von ihnen duzen. Sie wirkt frisch und dynamisch. Vor ihrem Soundcheck steht sie uns Rede und Antwort. Da mein voller Name Douze Points Peters ist, ist die erste Frage klar: 

ESC kompakt: Wie kam es zum Künstlernamen Peters?

Ingrid Peters: Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Der erste Name, der mir angeboten war, war Ina Maybach. Maybach heißt eine Grube bei uns in der Nähe; da habe ich gesagt: das geht gar nicht. Dann war Linda irgendwas, den Rest habe ich vergessen. Da habe ich gesagt: ich bin alles, aber keine Linda. Dann gab es die Gruppe 5.000 Volt. Deren Sängerin Luan Peters hatte die Band verlassen. Also wurde gesagt, wir könnten Peters nehmen. Die Logik habe ich nicht verstanden. Aber für mich war wichtig, dass ich Ingrid geblieben bin und ich also meinen richtigen Namen behalten konnte.

Aber soweit ist Peters von Deinem Mädchennamen Probst ja auch nicht weg. 

Probst kann aber keiner aussprechen, kein Franzose und kein Spanier. Die Engländer auch nicht, also hat man Peters genommen. Und ich konnte meine Initialen IP behalten. Fertig. 

Und zu welchem Zeitpunkt Deiner Karriere kam es zu diesem Namenswechsel?
Direkt am Anfang. 

War da denn schon klar, dass aus Dir was Großes und Internationales werden sollte?

Ja, das hatten die Plattenbosse und alle, die damit zusammenhingen, vor. Ich habe das nicht gedacht. Die haben aber auch viel gemacht. Vergiss nicht, ich bin mit einem Album gestartet worden. Das gab es damals nicht. Mit anderen Künstlern wurde eine Single gemacht, dann noch eine. Und nach der dritten Single warst Du raus aus der Nummer, wenn das nicht gelaufen ist. Damals war es ja auch nicht so, dass jeder das im Keller selbst produzieren konnte und dann Plattenfirmen anbietet oder direkt im Netz verbreitet. Plattenmachen war etwas Exklusives und Teures. 

Ingrid Peters beim ECG Fantreffen in Köln 2019

Wie sind die dann damals auf Dich aufmerksam geworden … in Saarbrücken?

(lacht laut) Was soll das denn heißen? Das ist die schönste Stadt der Welt! Es war eine Verkettung von Zufällen. Ich war relativ neu in einer Band und wir traten in einem kleinen Dorf auf. Da war ein Mann im Publikum, der uns gehört hat. Dann hat er mit dem Schlagzeuger gesprochen und hat sich von mir ein Band geben lassen. Dieser Mann hat bei CBS gearbeitet, so kamen die zu meiner Aufnahme. Ein paar Monate später lernte ich den Mann persönlich kennen und er sagte zu mir: ich habe ein Band von dir. Einige Zeit später bekam ich von CBS eine Einladung zu einem Probesingen. Da bin ich dann hingefahren und habe ein paar Aufnahmen gemacht. Nach etwas später bekam ich Post, dass ich an einem Talentwettbewerb teilnehme. Dort bin ich auch hin – und habe gewonnen. Da bekam ich dann den Plattenvertrag mit der CBS. Das war der dritte Vertrag, der mir angeboten wurde und hier habe ich dann ja gesagt. Das Resultat war ein halbes Jahr später „Komm doch mal drüber“, Goldene Europa, Titelbilder auf sämtlichen Frauenzeitschriften. Ein Karrierestart wie aus dem Bilderbuch, wie ihn jeder sich wünscht. Da hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht dran gedacht.

War das die größte Überraschung in Deinen künstlerischen  Leben?

Ja, das ist nicht zu toppen. Wenn du keine Ambitionen hast, in diese Szene einzusteigen, hast du auch keine Ahnung davon. Was dann kam, war so überwältigend. Es hat zehn Jahre für mich an Entwicklung gedauert, bis ich damit Schritt halten konnte. Bis ich sagen konnte: Ja, ich mache diese Fernsehsendung und ja, ich singe dieses Lied. Das war so 1985, 1986. 

Mit „Afrika“ hattest Du bereits davor einen Riesenhit. 

Ja, ich hatte mich auch schon an einiges gewöhnt. Aber selbst Entscheidungen zu treffen und zu wissen, welchen Stellenwert man selber hat, hatte ich da noch nicht. Und ich mochte ja auch meine Art zu singen nicht. Ich kam von Joan Baez. Ich war im Kopf und Herzen Friedensbewegung – Make Love not War – und sang dann „Komm doch mal rüber“. Das waren Welten. 

Ingrid Peters mit „Komm‘ doch mal rüber“ in der ZDF Hitparade

Bist Du heute mit dir im Reinen?

Natürlich. Mein Herz ist groß und meine Seele ist groß. Und ich habe im Laufe der Jahre erkannt: Hey, Baby, da ist nicht nur diese Liedermachermusik, Du fährst ja total auf Rockmusik ab. Was ist denn das mit Chicago? Oder Jazz. Und Musical. 

Und hast Du das alles auch selbst gesungen?

Ja, später aber erst. Ich habe immer Musical-Elemente in meiner Bühnenshow untergebracht und habe auch mal eine eigene Musicalshow gemacht mit 42 unterschiedlichen Songs. Ich habe einige Zeit gebracht, um zu erkennen, dass mein Musikerherz in einige Richtungen geht. Von daher konnte ich dann auch die ganzen anderen musikalischen Dinge annehmen. 

Wenn Dein Karrierestart der überraschendste Moment war, was war dann Dein rührendster? 

Es gibt einige solcher Momente. Wenn Du auf der Bühne stehst und Du sagst nur: „Worte genug“ und der Saal singt, das ist … das geht Dir so unter die Haut. Da kriegst Du keine Luft mehr. Einer dieser Orte, an denen das passiert ist, ist dieses Gloria-Theater. Hier war das am intensivsten. Ich habe das bei Open Airs schon erlebt – klar. Aber das hier ist ein kleines Theater, das umarmt Dich. Da kommt eine Welle auf Dich zu. 

Ich habe auch mal eine andere Sache erlebt, in einem Skiort in Österreich. In der ersten Reihe saß eine ältere Dame, sehr verhärmt im Gesicht, offenbar sehr wohlhabend. Und diese Dame applaudierte kein einziges Mal. Das ist für einen Künstler schmerzhaft. Ich habe dann zu meinem Pianisten gesagt: „Ein Leben lang“. Darin heißt es: „Ich schenk mein Leben hier, als ob es gar nichts wär. Ich leb, als hätte ich 1.000 Leben. In jedem Augenblick verschwende ich ein Stück. Wofür habe ich es hergegeben? Ein Leben lang – was heißt das schon? Wie Wasser läuft die Zeit davon. Und nur die Fragen blieben…“ Das habe ich gesungen und nur sie angeguckt. Dann passierte das, was ich unbewusst gewollt hatte: sie hat geweint. Sie saß da, versteinert und es lief eine Träne aus ihrem Auge. Das sind die Momente, für die Du arbeitest. Diese Verbindung herzustellen zu jemanden, der erfroren ist. Du singst ein Lied und verbindest zwei Menschen miteinander. Das ist das größte, was dir passieren kann. 

Wir machen nach dieser bewegenden Geschichte den Cut und gehen – im übertragenen Sinne – über die Brücke. Du warst ja mehrfach beim ESC-Vorenscheid dabei. „Viva la mama“ unter anderem…

Ich habe vorhin schon gehört, dass das in Grand-Prix-Fankreisen immer noch Begeisterung hervorruft. Damit habe ich nicht gerechnet. 

ESC-Vorentscheidung 1983: Ingrid Peters & July Paul – Viva la Mamma

Wie war das damals für Dich beim ESC mit „Über die Brücke geh’n“. Bist Du damit happy?

Es war ein Schock! Ich hatte nicht damit gerechnet. Man muss die Geschichte drumherum kennen…

Nachfolgend beschreibt Ingrid Peters, unter welchem Druck sie bei der Vorentscheidung angetreten ist. Sie hatte bis zur Generalprobe keinen neuen Vertrag mit Ralph Siegel, der zwar nicht ihr Produzent, aber ihr Verleger war. Dass es den Vertrag nicht vorab gab, bezeichnet sie im Nachgespräch mit ESC kompakt als eine Situation, die beiden beilegten Seiten zuzuschreiben war. Daher sei sie sehr angespannt gewesen: „Als Künstlerin habe ich die Aufgabe, Bestleistungen abliefern. Aber wenn Du Stressmomente hast, dann ist das schwer… Und bei der Vorentscheidung da war es für mich deshalb kribbelig.“ 

Ingrid Peters stellt klar, dass sie selbst – wie auch die Schlagerbranche in Deutschland – Ralph Siegel viel zu verdanken hat. Er habe zwar nicht „Über die Brücke geh’n“ geschrieben, es aber mit vollem Einsatz um Erfolg gebracht. Sie bezeichnet ihn als „liebevollen Mäzen, ohne den es den Grand Prix in Deutschland nicht mehr gegeben hätte.“ Und sie fügt hinzu: „Ich habe nichts Negatives über Ralph zu sagen und ihm nichts vorzuwerfen.“

Damit zurück Peters‘ Ausführungen im Interview:

(Nach dem Auftritt) habe ich mich in meine Garderobe zurückgezogen. Dann mussten wir alle auf der Bühne stehen und auf das Ergebnis warten. Ich wollte es gar nicht sehen, habe nicht hingeguckt. Ich habe das nicht für möglich gehalten. 

Dass Du das abräumst. 

Ja, wirklich nicht. Obwohl ich das Lied geliebt und an das Potenzial geglaubt habe. Es gibt kein Lied, von allen, die ich gemacht habe bis jetzt, das mir so gut passt, wie dieses. Das ist für mich geschrieben – vom Text her, von der Musik her. Es ist mein Lied. Und dann habe ich das gewonnen. Mir schossen die Tränen in die Augen. Ein internationaler Sieg hätte das nicht hervorrufen können… Die einzige, die wirklich toll war und mir alles Schwere immer wieder genommen hat, das war Joy Fleming. Sie hat mich gedrückt und wir haben gequatscht und gelacht. Und dann hat sie gesagt, als ich auf die Bühne gegangen bin: (imitiert Mannheimer Dialekt) „Mach se fertisch! Du machst desch.“ Und nach meinen Auftritt hat sie gesagt: „Du bist die einzige, der ich das gönne.“

ESC-Vorentscheidung 1986: Ingrid Peters – Über die Brücke geh’n

Letzte Frage: Du hast so viele unterschiedliche musikalische Sachen in Deinem Leben gemacht. Was hast Du noch nicht gemacht? Was hast Du jetzt noch vor? 

Das, was ich immer machen wollte, das mache ich ja aktuell: Ich bin Bestandteil eines neuen Musicals. Das heißt Marguerite. Das ist Musik von Michel Legrand. Die Uraufführung erfolgte im letzten Jahr in London. Und die Saarbrücker haben die deutsche Erstaufführung bekommen. Das ist eine Auszeichnung. Ich habe eine kleine Rolle und erlebe ein wunderbares Zusammenspiel verschiedener Zahnräder, die ineinander greifen. Das Stück hat am 7. Dezember Premiere und läuft bis Mai.  

Dann gibt’s ja einen Grund mehr, nach Saarbrücken zu fahren. Ich wünsche Dir viel Erfolg dafür – und heute Abend. Vielen Dank!



21 Kommentare

  1. Was für eine liebe Frau, die Ingrid Peters! Ein sehr schönes Interview, besonders die Stelle, mit der älteren Dame im Publikum. Hatte vor Rührung selbst Tränen in den Augen.

  2. Was für eine sympathische Person! Ingrid Peters ist mit Mary Roos das Beste, was in den letzten Jahren beim ECG-Clubtreffen aufgetreten ist.
    Nach weniger als zwei Minuten hatte sie den Saal im Griff, ihre Liederauswahl (2x Carpenters!) war exquisit, alles wurde glaubhaft auf Deutsch gesungen und irgendwie verbreitete sie ernsthaft gute Laune, ohne in diese neumodische und verlogene Schlagerglückseligkeit abzurutschen.
    Mir hat‘s richtig gut gefallen.

  3. Das Interview hat mich richtig eingesogen. Ich habe praktisch mit am Tisch gesessen. Toll! Vielen Dank dafür.
    …und ich hatte vergessen, wie klasse „Komm doch mal rüber ist“ – musste ich gleich mehrmals hintereinander hören. Danke auch dafür.

  4. Fast alles wurde gesagt – spannendes Interview, tolle Frau. Eines möchte ich noch ergänzen: Ihr macht einen wirklich tollen Job, man kann es nicht oft genug sagen.

  5. Off Tonic zum DEUTSCHEN VE 20202: Es wird höchstwahrscheinlich einen Vorentscheid zwischen Mitte und Ende Februar mit 6 Kandidaten geben. Zumindest wird das auf Facebook von einem vermeintlichen Jury-Mitglied kundgetan..

  6. Ihr müsst auf den Facebook-Beitrag von Eurovision Song Contest Deutschland scrollen, wo es um die neuen Ticketverkäufe geht; dort in die Kommentare! 🙂 Und natürlich ist 2020 gemeint 😉

  7. Auch von mir Dank für dieses gelungene Interview.
    Als jemand, der gleichzeitig Linksrock-sozialisiert und mit der ZDF-Hitparade aufgewachsen ist, bin ich immer wieder etwas überrascht, wie nah‘ mir manche Schlagergröße noch ist und Ingrid Peters gehört da ganz sicher dazu, wirklich absolut sympathisch, als Sängerin zuverlässig und sogar bei stumpf ins Deutsche übertragenen internationalen Hits noch überzeugend. „Über die Brücke gehen“ zaubert mir im richtigen Moment auch heute noch Tränen in die Augen.

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