Kommentar: Hohe ESC-Ticketpreise tun weh, sind aber ökonomisch notwendig

Als der israelische TV-Sender die Ticketpresse für den Eurovision Song Contest 2019 bekanntgab, war der Aufschrei groß. Denn die billigsten Plätze kosten in diesem Jahr mehr oder weniger dasselbe, was im letzten Jahr in Lissabon (Aufmacherfoto) die teuersten kosteten. Auch Ex-Prinz-Blogger Matthias stimmte in die Kritik ein und fragte: „Der ESC – bald nur noch für Gutbetuchte?

Mal abgesehen davon, dass man sich fragen kann, ob die Ticketpreise in Lissabon oder 2016 in Stockholm für den Normalverbraucher wirklich günstig gewesen sind, verdeutlichen die Ausführungen die Sichtweise und Erwartungshaltung vieler Fans: Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Gib mir eine Top-Show, Privilegien beim Kartenverkauf, aber erhöhe bloß nicht die Preise! Kritisch betrachtet, könnte man auch von einer sehr einseitigen Klientelpolitik im Sinne der ESC-Fans sprechen.

Aber was ist daran gerecht, dass ein harter Kern von 2.000 quasi identischen Fans jedes Jahr Tickets für die ESC-Live-Shows bekommt, während Interessierte, die nicht in Fanclubs organisiert sind, im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder in die Röhre schauen? Gibt es ein Recht auf die jährliche Karte für das Live-Event? Da hilft auch das Argument nichts, dass die Fans ja so tolle Bilder und Atmosphäre aus der Halle liefern und der „völkerverbindende Gedanke“ bedroht wäre, wenn sich gerade Fans aus Osteuropa die Ticketpreise nicht leisten könnten (zumindest dem zweiten Teil der Aussage stimme ich übrigens vollumfänglich zu).

Den völkerverbindenden Gedanken bedrohen jedoch nicht die Ticketpreise. Er wäre bedroht durch ein nicht-nachhaltiges Wirtschaften. Denn natürlich gab es auch vor den stehenden Fans mit aufblasbaren Israel-Hammern, orange-farbenen Hühnermützen und überdimensionierten Spanien-Fahnen schon Stimmung in der Halle. Zum Beispiel bei meinem ersten ESC vor Ort, 2000 in Stockholm. Und bleiben wir in Schweden: Beim Melodifestivalen schafft das schwedische Fernsehen auch ohne stehende Fans eine gute Atmosphäre zu transportieren.

Ein Rechenbeispiel

Machen wir uns mal die Mühe, über den Fan-Tellerrand hinaus- und durch die Brille der Showproduzenten zu schauen. Dann kostet so ein ESC heute etwa 15 Mio. Euro für die Produktion (in Kopenhagen 2014 sogar 26 Mio. Euro, in Stockholm 2016 13 Mio. Euro ohne die Kosten für die Arena) und weitere 10 Mio. für die Organisation durch die austragende Stadt. In Israel wird das durch die besondere Sicherheitslage und die vergleichsweise hohen Lebenshaltungskosten nicht deutlich niedriger ausfallen. Konkret sind insgesamt sogar 28,5 Mio. Euro geplant. Damit der Sender diese wuppen kann, hat er einen staatlichen Kredit in Höhe von 16,5 Mio. Euro aufgenommen, der über die nächsten 15 (!) Jahre abgezahlt werden soll.

Um für die Kosten zu kompensieren gibt es verschiedene Einkunftsquellen: Senderetat, EBU-Teilnehmergebühren, Sponsorengelder, Ticketverkäufe und staatliche Zuschüsse. Letztere können wir für Tel Aviv schon also einmal ausschließen. Auch aus dem eigentlichen Senderetat ist nicht viel zu erwarten. Der ein oder andere erinnert sich sicher noch daran, dass beim Finale 2017 die Schließung des ursprünglichen israelischen EBU-Senders verkündet wurde. So richtig rosig ist die Situation auch heute nicht.

Bleiben also EBU-Teilnehmergebühren, Sponsoren und Ticketverkäufe. Die ESC-Teilnehmergebühren schwanken zwischen 23.000 Euro (Montenegro 2012) und 380.000 Euro (Deutschland 2017). Bei 42 teilnehmenden Ländern müssen 41 bezahlen. Gehen wir mal großzügig im Schnitt von 200.000 Euro aus. Dann ergeben sich daraus 8,2 Mio. Euro.

Ein Großteil der Sponsorenleistungen werden vermutlich über Gegengeschäfte (Produkte und Dienstleistungen) abgegolten, hier fließt also nicht so wahnsinnig viel Geld. Wie viel das tatsächlich ist, lässt sich nur schätzen. Vielleicht 1 Mio. Euro? Der Sender geht offenbar von deutlich mehr aus, denn er erwartet Einnahmen in Höhe von 12 MIo. Euro über Sponsoring und Ticketverkäufe.

Doch wieviel Geld kann über die Tickets überhaupt generiert werden? Der Sender hat bestätigt, dass es bei den Shows 7.300 Plätze geben wird, von denen 3.000 der EBU zur Verfügung gestellt werden. Nur 4.300 werden öffentlich angeboten. Verkauft werden können das Finale und mit Abschlägen die Live-Shows und Jury-Finale. Im besten Fall kommen noch drei Nachmittagsproben dazu, allerdings mit sehr familienfreundlichen Preisen. Macht neun Shows. Bei der maximalen Füllmenge der Halle ergibt das eine Höchstsumme von 38.700 Plätzen.

Angenommen nur die Hälfte der 12 Mio. Euro sollten aus Ticketverkäufen kommen, dann müsste jedes dieser 38.700 Tickets ca. 155 Euro kosten. Das ist natürlich für die Nachmittagsshows, aber selbst für die Juryfinale der Semis utopisch. Bleibt also der Fokus auf das begehrte Finale – und da müssen dann entsprechend sehr viel höhere Preise verlangt werden.

Im Übrigen kosteten in Düsseldorf Final-Tickets zwischen 89 und 169 Euro. Geht man von durchschnittlichen Preisen von 100 Euro und 30.000 Plätzen aus, wurden damals allein mit dem Finale 3,0 Mio. Euro generiert. In Israel haben wir nur ein Siebtel des Platzkontingents und die Inflation hat seitdem auch nicht bei 0% gelegen. Dann sind 300 Euro plus plötzlich gar nicht mehr so viel, um einen ähnlichen Anteil am Gesamtbudget auszumachen.

Mit anderen Worten: das hohe Preisgefüge kann weder einem Profitstreben der Israelis noch der EBU zugeschrieben werden. Berücksichtigt man, dass die Preisbildung nicht nur eine Frage der Zahlungsbereitschaft des Konsumenten ist, sondern auch wesentlich von den Produktionskosten und dem Deckungsbeitrag getrieben wird, handelt das israelische Fernsehen vielmehr rational und nachhaltig. Und das ist absolut zu begrüßen.

Denn was hätten wir Fans davon, wenn sich der israelische Sender mit dem ESC so übernehmen würde, dass er in die Insolvenz gehen müsste? Im Zweifel verlören wir auf einige Zeit Israel als Teilnehmer bei folgenden ESCs. Und das wäre – wie schon erwähnt – die eigentliche Gefahr für die völkerverständigende Idee des Wettbewerbs.

Fotos: EBU Andres Putting und Thomas Hanses

Anmerkung 1: Nach der ersten Veröffentlichung wurde das geplante Gesamtbudget und die Zahl der verfügbaren bzw. zum Verkauf stehenden Plätze korrigiert und die entsprechende Berechnung angepasst.

Anmerkung 2: Ich selbst hatte mich aufgrund der Entwicklung in den letzten Jahren bereits vor Bekanntgabe der genauen Ticketpreise für Tel Aviv gegen den Erwerb von Karten für die Shows entschieden, da für mich Kosten und Leistung nicht mehr im Einklang waren.


12 Kommentare

  1. Sponsoring macht sicherlich mehr als eine Million aus. Auch wenn kein Geld fließt, erspart sich der Sender ja Geld durch die Sachleistungen, da wird natürlich der Geldwert gerechnet (auch wenn der realistischerweise etwas höher ausfällt) und die Sachleistungen natürlich ins Budget eingerechnet.

  2. Wenn die Rechnung stimmt, wieso heißt es denn dann immer, ESCs in kleineren Hallen seien günstiger (Stichwort „Downsizing“)? Eigentlich müsste man doch immer eine möglichst große Halle nehmen, um möglichst viel Profit über Eintrittspreise zu machen…

    • Eine große Halle bedeutet allerdings auch mehr Hallenmiete, Energieverbrauch, Sicherheitspersonal etc. Das müsste man dann natürlich auch noch einmal in Relation zu den Plätzen und Eintrittspreisen setzen.

      Aber ja, theoretisch kann eine große Halle ein besseres Einnahmen/Kosten-Verhältnis haben als eine kleine.

    • Ich hatte das mit dem Downsizing bisher immer so verstanden, dass es vor allem darum ging, kleine Länder nicht abzuschrecken, wenn sie gewinnen sollten und sie nicht solche Riesenhallen haben.
      Wirklich billiger ist ein ESC in einer downgesizten Fassung vermutlich nur in einem bestehenden TV-Studio, wo nur noch das Bühnenbild ausgetauscht werden müsste. Aber das ist Spekulation.

  3. Wer ein bisschen rechnen kann war doch von Anfang an klar, dass nach Mitteilung des Austragungsortes und der möglichen Anzahl von Karten, dies nur über hohe Preise gegenzufinanzieren ist. Ich bin dieses Jahr zum ersten Mal seit Jahren auch nicht dabei. Wir machen eine schöne Party…

  4. Wozu braucht die EBU 3000 Tickets, also gut 40 Prozent…? Oder ist das eine Fehldeutung und sie bekommt 3000 für alle Shows zusammen also gut fünf Prozent aller Tickets?

  5. Schön das ihr die unverschämt hohen Ticketpreise als ökonomisch richtig ansieht. Dann werden es hoffentlich viele Fans als ökonomisch richtig ansehen, diese Ticketpreise nicht zu bezahlen. Man darf nämlich nicht vergessen, es kommen ja noch der Flug und das Hotel noch dazu. Auch wenn ich nach wie vor ein großer ESC-Fan bin, diese Preise würde ich auf keinen Fall bezahlen.

    • Ich mach’s ja auch nicht. Dennoch differenziere ich und bin der Meinung, dass das israelische Fernsehen hier richtig handelt. Es verschuldet sich jetzt schon auf 15 Jahre, um eine große Party zu schmeißen. Sollte es sich lieber auf 20 Jahre verschulden, damit alle Fans für einen 50er in die Show kommen?! Wer von den Fans würde so eine Verschuldung auch nur für die 10 engsten Freunde auf sich nehmen?

      • @Douze Points: Wenn aber die Halle aufgrund der hohen Preise, nur halb Leer ist hat der Israelische Sender, auch nix davon. Wenn sie die Ausrichtung des ESCs nicht stemmen können, hätte der Sender früh genug das der EBU mitteilen sollen. Jetzt aber die Fans zu versuchen zu schröpfen, mit Überhöhten Ticketpreisen ist schlicht dreist. Dann darf man sich aber nicht wundern, wenn die Halle nur zur Hälfte gefüllt ist. Und auch das die Halle so klein ist, dafür können die Besucher nix. Aber anscheinend muss die Gage von Madonna reingeholt werden. Ich hoffe das die EBU da noch ihr Veto einlegt. Die Hoffnung ist da aber recht klein. Am besten sollten die Fans gar nicht kommen. Denn wenn man jetzt hinfährt, dann sind im nächsten Jahr die Tickets noch teurer. Denn dann kann könnte der Eindruck ent- stehen, man könnte jede Summe für die Tickets verlangen

  6. Man sollte die Kühe nicht schlachten, die man melken will bzw. wollte. Das hat noch nie wirklich funktioniert. Selbst wenn es ökonomisch sinnvoll zu sein scheint, ein Mehrfaches bei gleicher oder weniger Leistung zu verlangen, so funktioniert nur leider die Welt nicht. Dann stimmt eher mit dem Geschäftsmodell ESC in seiner jetzigen Form nicht. Es sind in jedem Jahr eh immer die gleichen, schwedisch-inszenierten Bilder. Jeder mag für sich entscheiden, ob er diesen Wahnsinn zu diesem Preis mitmachen mag, zumal Israel auch nicht gerade für seine günstigen Lebenshaltungskosten bekannt ist. Ich nehme mir etwas anderes vor, bin eh‘ gerade diese Woche zu einer Silberhochzeit bei Freunden eingeladen worden, werde mich also für lau betrinken können 🙂

  7. Ich hab dazu auch eine gemischte Meinung. Mein „intensivstes“ Erlebnis bezüglich ESC-Kosten hatte ich in Wien, da hatte ich kein OGAE Paket und somit alle Shows einzeln bezahlt (Stehplätze). Ich kam auf ca 600 Euro Ticketkosten, zusätzlich noch 200 Euro Flug und 500 Euro Hotel. Alle meine Freunde haben mich für wahnsinnig erklärt, aber mir war es das einfach wert. Ich gehe dafür arbeiten und es ist mein Hobby. Ich werde zwar dieses Jahr nicht nach Israel reisen, aber zumindest das Finale für 400 Euro würde ich mitnehmen. Dass die Halle halb leer bleiben wird (lieber escfan05) wage ich sehr stark zu bezweifeln, da es mit Sicherheit genügend Menschen gibt, die das bezahlen. Karten für eine FIFA WM kosten auch sehr viel Geld und da gibt es noch ganz andere Platzverhältnisse.

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