Replay Rotterdam (13): Wettquoten, Blogger:innen, Leser:innen – Wer sagt das Ergebnis des ESC am besten voraus?

Die Frage, wie gut oder schlecht ein Beitrag abschneiden wird, beschäftigt ESC-Fans immer intensiv. Von Ende Dezember, wenn der erste Beitrag beim albanischen Festivali i Këngës gekrönt wird, bis zum großen Finale im Mai wird immer wieder diskutiert, welches Land Erfolg haben wird und welches nicht, wer sich qualifizieren und natürlich wer gewinnen wird.

Das haben wir zum Anlass genommen, uns im Rahmen unserer Serie „Replay Rotterdam“ anzuschauen, wer 2021 die beste Erfolgsquote bei der Vorhersage der Halbfinalqualifikanten und der Platzierungen im Finale hatte: Leser:innen? Blogger:innen? Wettquoten?

Hierzu haben wir unterschiedliche Abstimmungen und Prognosen analysiert:

Im EKI werden die spontanen Ersteindrücke sehr gut eingefangen und Schönhöreffekte sowie ESC-Fan-Betriebsblindheit sind weitestgehend ausgeschlossen. Der ESC kompakt ESC gibt einen Hinweis darauf, ob der Leser:innen-Geschmack und der Televoting/Jury-Geschmack im Mai in eine ähnliche Richtung gehen. Zwei direkte Prognosen zu einem frühen Zeitpunkt sind die Wettquoten im März/April sowie die Abstimmung über die erwartete Platzierung während der Songchecks durch die Leser:innen. Demgegenüber spiegelt das Tippspiel eine Leser:innenprognose zu einem Zeitpunkt wider, an dem die Inszenierung der Auftritte in den Halbfinals in Ausschnitten und im Finale dann bereits vollständig bekannt ist. Eine ähnliche Basis, um ihre Prognose abzugeben, hatten Wettende am der Tag der Shows und Blogger:innen, wobei einige von ihnen auch bei den Halbfinals schon die TV-Bilder aus den Proben kannten.

Diese Auswertung erhebt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, insbesondere weil ein übergreifendes Auswertungssystem für teilweise ganz unterschiedlich erstellte Ranglisten gefunden werden musste. Trotzdem lässt sich in der Tendenz ablesen, welche Abstimmungen und Prognosen näher am realen Ergebnis liegen und welche weniger. Nachfolgend erfahrt Ihr, wer das Ergebnis am besten vorhersagen konnte.

Die Halbfinals

Die Beiträge wurden für die einzelnen „Prognoseinstanzen“ nach folgen Kriterien gereiht:

  • Wettquoten März/April: nach gewetteter Qualifikationswahrscheinlichkeit
  • EKI: nach Durchschnittswert (in diesen flossen die Einzelbetrachtung „ist ganz ausgezeichnet“, Top2-Betrachtung „ist ganz ausgezeichnet“ und „gefällt mir gut“ zusammen sowie Durchschnittsbewertung, Polarimeter-Index und umgedrehter Couldn’t-Care-Less-Index ein)
  • Songcheck-Prognose: nach Durchschnittswert (für einen Top-5-Tipp wurde der Wert 1 vergeben, für einen Platz-6-10-Tipp der Wert 2 und so weiter. Ein Halbfinal-Aus-Tipp wurde das mit dem Wert 6 gleichgesetzt. Anschließend wurde für jeden Beitrag ein Durchschnittswert ermittelt und die Titel danach sortiert)
  • ESC kompakt ESC: entsprechend dem Ergebnis der Abstimmung
  • Wettquoten an den Halbfinaltagen: nach gewetteter Qualifikationswahrscheinlichkeit
  • Tippspiel: nach der Häufigkeit, wie oft ein Beitrag ins Finale getippt wurde
  • Blogger:innen-Prognose: nach der Punktzahl (Jeder konnte fünfmal zwei Punkte für die seiner Meinung nach sicheren Qualifikanten vergeben, außerdem jeweils einen Punkt für die fünf Songs, die sich vermutlich auch qualifizieren)

Folgendermaßen wurde im ersten Halbfinale getippt und abgestimmt:

Insgesamt lagen hier alle Instanzen relativ gut mit ihrer Prognose: alle konnten 8 richtige Qualifikanten vorhersagen, die Blogger:innen sogar 9. Egal, ob zu einem frühen oder späten Zeitpunkt, sehr oft wurde Kroatien fälschlicherweise im Finale gesehen und Israel sowie Belgien nicht. Auffällig daneben lagen die frühzeitigen Wettquoten mit dem 11. Platz der Ukraine. Irland konnte Leser:innen und Jury beim ESC kompakt ESC überzeugen, Zuschauer:innen und Jurys beim „richtigen“ ESC dagegen nicht.

Im zweiten Halbfinale wurde so getippt und abgestimmt:

Hier liegt die Trefferquote bei fast allen „Instanzen“ sogar noch etwas höher. Die meisten konnten 9 Qualifikanten korrekt vorhersagen. Portugal hatten die Leser:innen vor den Proben nicht auf den Schirm – im EKI, bei den Songchecks und im ESC kompakt ESC liegt Portugal außerhalb der Top 10. Die Wettquoten hatten hier schon zeitig den besseren Riecher. Dafür lagen sie mit Polen und Österreich daneben.

Der Einfluss des Zeitpunkts auf die Prognose der reinen Finalqualifikation, wenn man also nicht betrachtet mit welcher Platzierung genau sich ein Beitrag qualifiziert, scheint nicht so groß. Es ist davon auszugehen, dass ein starker Beitrag prinzipiell ein starker Beitrag bleibt und ein schwacher ein schwacher. Natürlich hat die Inszenierung einen Einfluss, aber Verschiebungen um einige Plätze nach oben oder unten sorgen nur um Platz 10 herum für den Übergang von einem Qualifikanten zu einem Nichtqualifikanten und umgekehrt. Eher in Einzelfällen sorgt die Inszenierung vor Ort dafür, dass ein Beitrag doch viel weniger gut ankommt oder viel stärker überzeugt, sodass es dann nicht mehr oder doch noch für die Qualifikation reicht, wie beim Dark Horse Portugal.

Das Finale

Konnten die einzelnen Instanzen die Platzierungen im Finale genauso gut vorhersagen wie die Halbfinalqualifikanten? Um das herauszufinden, haben wir die Beiträge nach folgenden Kriterien gerankt:

  • Wettquoten März/April: nach gewetteter Siegeswahrscheinlichkeit
  • EKI: nach Durchschnittswert
  • Songcheck-Prognose: nach Durchschnittswert
  • ESC kompakt ESC: entsprechend dem Ergebnis der Abstimmung
  • Wettquoten an den Halbfinaltagen: nach gewetteter Siegeswahrscheinlichkeit
  • Tippspiel: nach der Punktzahl, die nach dem Schema „Anzahl der Tipps des Landes auf Platz 1 mal Faktor 5 plus Anzahl der Tipps des Landes auf Platz 2 mal Faktor 4 usw.“ berechnet wurde (z.B. Italien: 211x auf 1 getippt, 174x auf 2, 74x auf 3, 34x auf 4 und 25x auf 5; Punktzahl = 211 x 5 + 174 x 4 + 74 x 3 + 34 x 4 + 25 x5 = 2066)
  • Blogger:innen-Prognose: nach der Punktzahl, die auf gleiche Weise wie im Tippspiel errechnet wurde (weil es hier nur 7 Tipps gab, erhielten nur wenige Länder überhaupt einen Punktwert)

Es ergeben sich folgende Prognosen:

Für die Top 5 ist ein genau richtiger Tipp der Platzierung grün markiert, die Abweichung von einem Platz gelb und die Abweichung um zwei Plätze blau. Extrem gut sind hier die Leser:innen im Tippspiel, die ganze vier Plätze exakt richtig vorhergesagt haben! Aber auch die Wettquoten in der ESC-Woche und die Blogger:innen lagen meist nicht weit weg mit ihren Tipps, sehr oft lagen die Prognosen nur ein bis zwei Plätze neben dem tatsächlichen Ergebnis.

Dies zeigt sich auch, wenn man sich die Abweichung der prognostizierten „Platzierung“ von der realen Platzierung anschaut (aus Auswertungsgründen zählen wir die gerankte Wahrscheinlichkeit auf den Sieg der Wettquoten und die gerankten Tipps auf die Top 5 im Tippspiel / der Blogger:innenprognose als Platzierung):

Den Sieger Italien haben alle korrekt vorausgesagt. Bei den Top 5 weichen die Gesamttipps der Leser:innen im Tippspiel nur um durchschnittlich 0,4 Plätze ab. Aber auch Wettquoten und Blogger:innen haben sehr gute Werte mit einer Abweichung von 1 bzw. 1,4. Auch die durchschnittliche Abweichung für alle Plätze im Finale ist bei den Wettquoten und im Tippspiel nicht schlecht. Der Wert der Blogger:innen wirkt im ersten Moment sogar noch viel besser, allerdings existiert hier nur ein Ranking von Platz 1 bis 7, weshalb die Aussagekraft geschmälert ist.

Die zu einem frühen Zeitpunkt abgegebene Prognosen und Abstimmungen dagegen unterscheiden sich teilweise doch recht deutlich vom realen Endergebnis. Die Schweiz haben zwar noch alle richtigerweise in den Top 5, aber mit Bulgarien, San Marino und Litauen tummeln sich auch Beiträge ganz oben, die die Top 5 am Ende verfehlten. Beim EKI kam der spätere Sieger Italien sogar nur auf den 12 Platz. Dafür kam hier Finnland schon sehr gut an.

Schaut man sich bei den frühen „Vorhersagen“ die Abweichung der prognostizierten/abgestimmten Platzierung von der realen Platzierung an, ist diese viel größer als bei den zeitnahen „Vorhersagen“. Und das sogar, wenn man nur die Ländern auswertet, die tatsächlich im Finale waren. Genaugenommen wäre die Abweichung noch viel größer, weil es einige Länder, die es bei diesen Instanzen gar nicht in die Top 26 geschafft hatten, im realen Finale dabei waren (markiert durch #).

Noch einmal die Abweichungen für alle Instanzen im Überblick:

Insgesamt bewahrheitet sich die alte Fußballweisheit „gespielt wird auf den Platz“ auch beim ESC. Es kommt bei der genauen Platzierung auch auf die Inszenierung auf der Bühne, die TV-Bilder und die Liveüberzeugungskraft an und die kann erst nach den Proben im Mai ausreichend gut beurteilt werden. Wenn die Auftritte dann bekannt sind, scheinen – zumindest 2021 – relativ treffgenaue Prognosen möglich. Sowohl die Wettquoten als auch die Schwarmintelligenz der Leser:innen im Tippspiel und Gruppenintelligenz der Blogger:innen haben einen sehr guten Riecher bewiesen, nur Malta wurde von allen dreien überbewertet. Bei den Tippspiel-Tipps und der Blogger:innen-Prognose stellt sich jedoch die Frage, inwieweit die Vorhersage auf den sehr treffgenauen Wettquoten basiert und wie die Vorhersagekraft ohne Kenntnis der Wetten wäre.

Welche interessanten Unterschiede zwischen dem Endergebnis und den Prognosen & Abstimmungen fallen Euch noch auf? Wie viel Aussagekraft haben Vorhersage zu einem frühen Zeitpunkt Eurer Meinung nach?

Bereits in der Serie „Replay Rotterdam“ erschienen:

Unser Rückblick auf den ESC 2021
(1) Das waren die Fan Favourite Fails und Dark Horses des ESC 2021
(2) Måneskin aus Italien waren mit „Zitti e buoni“ auch die Televoting-Sieger
(3) Live-Blogs, Live-Blogs, Live-Blogs
(4) Der Corona-ESC
(5) Das Moderatoren-Team unter die Lupe genommen
(6) Wie der WWF mit dem ESC die Welt retten will
(7) Wie geht’s weiter in und mit Österreich?
(8) So war die Arbeit im Online-Pressezentrum
(9) Täglich ESC kompakt LIVE – mehr als ein Zuckerschock
(10) Erfolgsfaktor Band – Waren Bands in diesem Jahr besonders erfolgreich?
(11) FreeESC vs. ESC
(12) ESC-Home-Partys im Lockdown machen wenig Spaß


10 Kommentare

  1. Wenn man sich die Ungereimtheiten bei Malta oder bei Moldawien ansieht, könnte doch hier und da ein wenig nachgeholfen worden sein, damit die Wettquoten und das reale Ergebnis übereinstimmen. So ähnlich wie beim Fussball. Ich bin nach wie vor der Meinung das die EBU das Wetten auf den ESC so gut wie möglich verhindern sollte. Da sich Juroren und Publikum zu sehr davon beeinflussen lassen und somit Betrug ermöglicht wird.

  2. Herzlichen Glückwunsch! – D.h. doch die nächste deutsche Beitragsfindungskommission geht nur über die Kompakten!

  3. Puh, diese Wetterei ist eine einzige große Geldmaschine. Ich gebe escfan05 recht, man sollte es abschaffen.
    Das öffnet doch der Manipulation Tür und Tor und es macht einfach keinen Spaß, dauernd zu hören, dass gemauschelt wurde, nur um den eigenen Beitrag zu puschen.
    Mal ganz davon abgesehen, dass diese Wetterei auch ein gewisses Suchtpotenzial enthält (Stichwort: Spielsucht).

  4. BREAKING NEWS

    Ab heute dürfen Wettbewerbstitel für das in diesem Jahr stattfindende Festivali i Këngës 60 eingereicht werden. Gleichzeitig hat der federführende Sender RTSH auch die Regeln dafür bekanntgegeben:

    https://eurovoix.com/2021/07/04/rtsh-opens-submissions-for-festivali-i-kenges-60/

    Leider hat RTSH aber nicht verlauten lassen, ob das Festivali auch als nationaler ESC-Vorentscheid wie in den Jahren zuvor genutzt wird. Außerdem wurde von RTSH auch kein Datum als Einsendeschluß genannt.

    Traurige Nachrichten gibt es indessen aus Italien. Die Sängerin, Schauspielerin und Moderatorin Raffaella Carrà, die durch den Song „A far l’amore comincia tu“ – besser bekannt unter dem Titel „Tanze Samba mit mir“ von Tony Holiday – in Deutschland bekannt wurde, ist im Alter von 78 Jahren verstorben:

    https://www.nzz.ch/panorama/raffaella-carra-ist-tot-ld.1634088

    Als Italien 2011 in Düsseldorf wieder in die ESC-Familie zurückkehrte, war Raffaella Carrà im großen Finale die Punktesprecherin. Drei Jahre zuvor war sie als Kommentatorin des spanischen Fernsehens beim ESC in Belgrad tätig. Hier als Erinnerung noch einmal ihr größter Hit:

    https://www.youtube.com/watch?v=YnBs1MuGSAA

    Ruhe in Frieden!

  5. Dass Italien beim EKI so weit von Platz 1 enfernt war, das überrascht mich auf den ersten Blick. Und auf den zweiten dann wieder nicht. Da haben wohl einige den Titel sehr unterschätzt, mich mit einbezogen. Aber spätestens in Rotterdam schoss der Titel, wie aus dem Nichts, an die Spitze, um die sich zuvor noch Barbara, Gjon und Destiny gestritten haben. Oder, in meinen Worten ausgedrückt: Wenn drei sich streiten, freuen sich die Vier.

    Ihr TItel „I wanna be your slave“ läuft übrigens mittlerweile auch auf 1Live. Und er war ein Nummer-Eins-Hit in mehreren Ländern, darunter auch die Slowakei, obwohl diese gar nicht am ESC teilgenommen hat…

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