Replay Rotterdam (4): Der Corona-ESC

Wie war es, in diesem Jahr, in diesem Immer-noch-Corona-Jahr zum ESC zu fahren? Diese Frage habe ich in den vergangenen zweieinhalb Woche häufig gestellt bekommen. Die Antwort darauf ist gar nicht so einfach, denn auf gewisse Weise war alles wie immer, gleichzeitig war alles ganz anders. Auch wenn ich nicht wirklich lange überlegt habe, ob ich tatsächlich nach Rotterdam fahren soll, als klar war, dass es die Möglichkeit geben würde, bin ich nach wie vor froh, mich so entschieden zu haben – einen ESC wie diesen, wird es hoffentlich nie bzw. so schnell nicht wieder geben.

Was hat ihn aber nun ausgemacht, diesen Corona-ESC? Klar, etliches war natürlich anders als sonst, aber in der Heimat in Deutschland schon bestens einstudiert und deshalb auch keine wirkliche Umgewöhnung oder Veränderung: Maskenpflicht in geschlossenen Räumen und im Öffentlichen Personennahverkehr, geschlossene bzw. nur bis 18 Uhr geöffnete Restaurants (vor allem problematisch bei Proben bis in den Abend und täglichen Livestreams um 19 Uhr), Abstand halten, Hygiene-Vorschriften beachten. Diese Punkte galten ganz besonders auch im Pressezentrum, wo wir an zugeteilten Einzeltischen gearbeitet haben und uns nur mit Maske bewegen durften – genaueres dazu hat Douze Points bereits an anderer Stelle aufgeschrieben.

Eine Umstellung war aber das Testen, an das wir uns spätestens alle 48 Stunden erinnern mussten und dass wir auch so einplanen mussten, dass es gut in unserem Zeitplan passt. Lieber heute noch nach der letzten Probe testen oder morgen früh einen Puffer bei der Anreise einzuplanen? Zu welchen Uhrzeiten kann man Wartezeiten im Testzelt vermeiden? Und vor allem: Klappt der innovative Corona-Atemtest diesmal oder macht ein langfristiger Computerausfall, die falsche Temperatur oder die falsche Atemtechnik einen normalen Schnelltest notwendig und führt damit doch wieder zur Standard-Wartezeit auf das Ergebnis von knapp 20 Minuten? (Der Autor dieser Zeilen darf sich nicht ohne Stolz als „Person mit dem symmetrischsten Atem“ bezeichnen, was zu einer meines Wissens nach unerreichten Erfolgsquote von 8 aus 9 geführt hat.) Das Aufmacherfoto sowie das folgende Foto stammt aus dem Testcenter-Warteraum.

Corona hat auch eine nie dagewesene Anzahl an zusätzlichen Apps notwendig gemacht (s.u.). Während es die Steam-App für Informationen an akkreditierte Journalist*innen schon seit ein paar Jahren gibt, gab es in diesem Jahr zusätzlich eine App für das Online-Pressezentrum sowie eine Bewegungs-Tracking-App für das ESC-Gelände. Und wir haben uns natürlich auch die niederländische Variante der Corona-Warn-App, den CoronaMelder installiert.

Dann gab es ein paar Events, die 2021 anders stattgefunden haben als in anderen Jahren: Da war zum Beispiel die spezielle digitale Pressekonferenz der deutschen Delegation, die den traditionellen Botschaftsempfang ersetzt hat. Und es gab ein Online Eurovision Village, das es sogar zu einer inhaltlich weiterhin sehr fehlerhaften („wird der Eurovision Song Contest 2021 am 22. Mai erstmals virtuell stattfinden“) Meldung von Werben & Verkaufen (W&V) gebracht hat.

Die für mich deutlichsten und wohl auch schmerzhaftesten Veränderungen zu normalen ESC-Jahren (und bevor das wieder jemand schreibt: Natürlich, das Allerwichtigste war und ist, dass der ESC stattgefunden hat, deshalb habe ich jegliche Einschränkungen sehr gerne in Kauf genommen) waren für mich aber zwei andere: Zum einen gab es – natürlich – keinen Euroclub. Ich genieße es jedes Jahr in diesem zwei Wochen, allabendlich zu den größten ESC-Dancefloor-Fillern (und auch zu den weniger tanzbaren Songs des aktuellen Jahrgangs) zu tanzen. Das hat mir sehr gefehlt (auch wenn wir abends dafür fleißig gearbeitet haben und uns so ganz gut abgelenkt haben).

Zum anderen haben mir viele meiner ESC-Freunde gefehlt. Viele, die Jahr für Jahr aus der ganzen Welt zum ESC reisen, waren diesmal nicht dabei und selbst mit denen, die da waren, konnte man kaum etwas unternehmen (s.o.). Umso schöner, zumindest ein paar bekannte Gesichter zu sehen.

Zu nicht ganz so guter Letzt hat sich das Virus dann doch auch auf unsere inhaltliche Arbeit ausgewirkt. Bekanntlich gab es Ende der ersten/Anfang der zweiten Rotterdam-Woche mit Vorjahressieger Duncan Laurence und einem Mitglied der isländischen Band Gagnamagnið leider auch zwei prominente Corona-Fälle unter den an den Shows beteiligten Acts und mehrere Verdachtsfälle. All das haben die Veranstalter stets bemerkenswert transparent kommuniziert und so gab es in den letzten Tagen vor dem Finale dann doch auch mehr zum Thema Corona zu berichten, als uns lieb gewesen wäre, und wir haben spontan unser „ESC-Corona-Update“ in Anlehnung an „Das Coronavirus-Update“ von NDR Info etabliert.

2021 auch nur mit Abstand und Maske: Ich-und-mein-Star-Fotos

Dann waren da natürlich auch noch die Corona-Auswirkungen auf die eigentlichen Shows, aber da wir nicht selbst in der Halle dabei waren, waren wir davon nicht unmittelbar betroffen. Beschäftigen wir uns dieses Thema in unserem Rückblicken aber natürlich trotzdem noch.

Zum Abschluss hier noch ein allerletztes ESC-Maskenfoto, das zu sehr später Stunde gegen halb 3 Uhr morgens nach dem Finale entstanden ist, als Douze Points und ich mit als Letzte das Pressezentrum verlassen haben. Auf einen wunderbaren ESC 2022 in Italien – ohne Corona!

Wie hat Corona Eure ESC-Zeit 2021 verändert und wie habt Ihr den Corona-ESC erlebt?

Bereits in der Serie „Replay Rotterdam“ erschienen:


25 Kommentare

  1. Wenngleich natürlich die Bilder mit Masken und die offensichtlichen Auswirkungen für die Menschen vor Ort und auf die Show au h bin Zuabuse sehr ärgerlich waren hat die Corona-Zeit für mich auch das ein oder andere positive gebracht.
    Vor allem hat sich das in der Vorentacheidssaisosn gezeigt. Ich hatte merklich mehr Zeit und habe so deutlich mehr Vorentscheide gesehen. Und das obwohl merklich weniger stattgefunden haben.
    Mal schauen, ob mir das nächstes Jahr wieder gelingt, dann hoffentlich mit mehr Stimmung bei mehr Vorentscheiden.

    Danke für deinen Bericht über eure Sicht der Dinge.

  2. Man kann den Veranstaltern nur ein großes, großes Lob aussprechen, dass sie unter den gegebenen Umständen so eine tolle Show veranstaltet haben. Hut ab.😊

  3. Ich denke auch, dass die Niederländer die unter den Umständen bestmögliche Show geliefert haben. Dafür mein Dank und Respekt. Hier in LuBu hat mir vor allem die alljährliche ESC-Party meiner Eltern gefehlt.

  4. Wie hat Corona meine ESC-Zeit verändert? Nun, ich glaube, ich habe mich ab dem Moment, wo ich Mitte April dann zum ersten Mal alle Beiträge gehört habe, viel mehr hineingeflüchtet als sonst. Normalerweise brauche ich nach dem Durchhören der Beiträge immer erst mal eine Weile Pause und lasse mich dann langsam wieder in die Bubble ziehen, wenn die Proben losgehen. Das war in diesem Jahr nicht so, dieses Mal habe ich mich sehr bereitwillig direkt danach einsaugen und mich erst um den 25. Mai rum wieder ausspucken lassen. Und es hat so unfassbarglaublich gut getan. Ich bin jedem Kommentator hier und vor allem Euch Bloggern nach wie vor zutiefst dankbar dafür, dass ich hier sozusagen einen geschützten und geschätzten Raum gefunden habe, wo ich mich ein wenig aus der realen Welt zurückziehen konnte.

    Die reale Welt war aber dann doch nicht außen vor, denn der ESC selbst war in vielerlei Hinsicht ein bisschen zwiespältig. Der Mulm ob der gefüllten Halle wollte nie so ganz weichen. Beim positiven Test von Jóhann war ich so traurig wie noch nie im Zusammenhang mit einem ESC. Aber der absolut schlimmste Moment war der Moment, als ich gelesen habe, dass Duncan positiv getestet worden ist. Da ging mir wirklich der Hintern auf Grundeis und ich habe inständig gehofft, dass da nicht noch was nachkommt. Für beide hat es mir unendlich leid getan, dass sie nicht in der Halle an der Show teilnehmen konnten.

    Auf der anderen Seite hat man als ausgehungerter Fan so sehr nach Eurovisionärem gelechzt (und nein, die Veranstaltungen 2020 waren kein Ersatz!). Wie hätte man das nicht dennoch alles genießen können, zumal in diesem hochklassigen Feld?

    Der ESC hat in diesem Jahr mehr als je zuvor gezeigt, dass er „bigger than us“ ist, und ich denke und hoffe, dass er uns noch lange, lange Freude machen wird. Hoffentlich in Zukunft ohne Corona oder entsprechende Nachfolger.

  5. Vor allem die Zuschauerbeteiligung war sooo extrem wichtig! Die Umstände haben euch Blogger offensichtlich nicht zu sehr verunsichert und eingeschränkt – lief ja alles sehr flüssig. Aber: ich hoffe, Benny & DP haben sich über das mangelnde Angebot an Masken beschwert: Kein fettes ESC-Logo? Kein Rainbow?, Keine Merch-Masken? Beim ESC?

    • Ja, Frechheit. Eine einzige hat jedeR bekommen. Die war aber aus Stoff und damit de facto im Pressezentrum unbrauchbar. Außerdem habe ich die natürlich selbstlos für die Tippspiel-Gewinner zur Verfügung gestellt.

      • Apropos Tippspiel … Für das nächste (EM) ist es ja schon echt knapp. Ich hatte das Kicktipp-Interesse unter Lesern/Bloggern als gering eingeschätzt.

  6. Gibt es inzwischen sowas wie einen offiziellen Abschlussbericht zum Thema „ESC mit Livepublikum“? Ich denke mal dieser Testlauf für andere Veranstaltungen ist gut gelaufen.

  7. Es war ne tolle Show, die die Niederländer unter den Umständen auf die Beine gestellt haben. Die Bühne war fantastisch. Tolle bilder und ein großes Spektakel im besten Sinn war es. Danke, dafür Niederlande. Hoffentlich kriegt das die RAI auch so gut hin.

    • Doch, da bin ich recht zuversichtlich, dass die Italiener uns auch eine schöne Show bereiten werden.

      P. S. Ich muss immer noch recht amüsiert an die chaotische Moderation von 1991 denken. Damals dachte ich: „Du lieber Himmel, wie schrecklich“. Aber mittlerweile finde das echt kultig. Sowas bleibt in Erinnerung.😃

  8. Das war toll. Danke an die Niederländer für diesen großartigen ESC, in dieser schwierigen Zeit! Dank aan de Nederlanders voor deze geweldige ESC, in deze moeilijke tijd!

  9. Vielen Dank für die Eindrücke.

    Ich war dieses Jahr trotz oder gerade wegen Corona sehr gehypt auf und vom ESC 2021,denn so gab etwas, dem man entgegen fiebern konnte.
    Zuerst habe ich mich wahnsinnig gefreut, dass die Veranstaltung überhaupt stattfindet. Ich fand es toll und wichtig, dass die Niederländer die Show auch mit Zuschauern durchgeführt haben.
    Normalerweise wären wir live vor Ort gewesen, was dieses Jahr nun leider nicht ging. So habe ich die Urlaubswoche sämtliche Probenberichte, Kommentare usw. verfolgt. Dadurch merkt man aber auch, dass man vieles ganz anders wahr nimmt, als wenn man live vor Ort ist. Außerdem lässt man sich sehr beeindrucken von den vielen Meinungen und Bewertungen.
    Die Shows fand ich ganz toll, vor allen Dingen die Spannung beim Finale und Corona konnte mir da nichts vermiesen.

  10. Ein toller ESC in der Niederlande, meinem Haupturlaubsland – Quasi mein 2. Zuhause, bin stolz auf euch! Hatte wieder ein klein bisschen das Gefühl von Normalität und auch Stoff für Auseinandersetzungen mit meinen Töchtern. Kroatien und Finnland 12 Points, tsss.🙃
    .
    Aber da der Ton hier doch wieder etwas rauer wird, bei wohl wachsender PED, wird es Zeit nach vorne zu schauen, es wird dringend Zeit für den SCC .
    .
    Mich würde auch sehr eine Bilanz zum ESC als Feldversuch mit Livepublikum interessieren, auch was aus den Corona Fällen Island, Duncan und Polen geworden ist?

    • Ja, ich freue mich auch schon wie ein Keks auf den SCC.😊

      Nach der ESC-Saison plumpst man doch immer in ein Loch.

  11. Oh bitte benutzt nicht den Ausdruck „Corona-ESC“. Diesen Begriff finde ich nicht so gut. Ich sehe den ESC 2021 in Rotterdam als regulären ESC. Der diesjährige war besonders und auch auf eine gewisse Art experimentell 😉

    Die Niederländer haben zwei Jahre echt super tolle Arbeit geleistet. Sie haben mein Respekt!
    Und dann sollte man den ESC nicht unter den o.g. Begriff/Ausdruck in die ESC-Historie eingehen lassen.

    • Ich denke Österreich und die restlichen ESC-Fans werden es gerade noch so verkraften, das La Bueno an keinem Wettbewerb mehr teilnehmen will. Warten wir mal ab, wenn ihm in ein paar Jahren es langweilig ist, ständig Supermärkte zu eröffnen oder nur noch auf Betriebsfeiern aufzutreten. Ob er dann nicht doch daran denkt, am ESC teilnehmen zu wollen.

  12. Und ich habe geglaubt, man trüge in Holland diese weißen gestärkten auf dem Kopf und nicht vor dem Mund. Wie hätte Frau Antje denn so ihren Käse anpreisen können?

  13. Wie habt Ihr den Corona-ESC erlebt?
    Es war eine gute Show, wobei es wirklich erfrischend war den Greenroom auf der Stelle der Stehplätze zu sehen. Und es macht Spaß jetzt zu beobachten wie in Italien Städte sich bemühen den ESC2022 zu bekommen – das Wettrennen vor 2 Jahren war also der Start ein neuer Tradition.

    Wie hat Corona Eure ESC-Zeit 2021 verändert?
    ESC hat schön abgelenkt vom Alltag.

  14. Wie habe ich den Corona-ESC erlebt?
    Nun, zunächst einmal zu Hause, das erste Mal seit 2012. Das war die größte Veränderung.
    Ich habe die Tage in den Austragungsstädten vermisst, die verrückten Fans in den Straßen, die Atmosphäre in der Halle.

    Aber man, was bin ich froh, dass der ESC stattgefunden hat.

    Und danke, wie ihr die Berichterstattung aus Rotterdam gewuppt habt.
    Das war eine Glanzleistung.

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