Replay Rotterdam (8): So war die Arbeit mit dem Online-Pressezentrum

Auch für viele Journalisten und Fanjournalisten war bei diesem ESC „Home-Office“ angesagt: als Neuerung wurde in diesem Jahr coronabedingt ein Online-Pressecenter eröffnet. Nachdem wir bereits von der Arbeit im Pressecenter vor Ort berichtet haben, wollen wir Euch jetzt in unserer Serie „Replay Rotterdam“ auch einen Einblick in die Arbeit mit dem virtuellen Pressecenter geben.

Ziel des Online-Pressecenters war es, die Anzahl der Personen vor Ort zu begrenzen und Journalisten, denen die Anreise durch Reisebeschränkungen und individuelle Risikoabwägung nicht möglich war, die Pressearbeit zu ermöglichen. So konnten neben 500 Journalisten vor Ort weitere 1000 Journalisten von zu Hause aus Proben und Pressekonferenzen verfolgen und mit den Delegationen in Kontakt treten.

Zwei Tage vor Probenbeginn haben wir unsere Login-Daten erhalten und konnten uns damit im Online-Pressecenter einloggen. Vorher hieß es jedoch den aufpoppenden dauerpräsenten Hinweis „Recording or sharing any content shown on this platform is prohibited“ zu bestätigen.

 

So sah die Startseite aus:

Der wichtigste Bereich hier waren die Reiter „Now live“ und „Up next“. Dort konnte man die „Räume“ für die gerade laufenden oder bald beginnenden Proben öffnen. In diesen Räumen war auf der linken Seite das Video der Proben zu sehen, auf der rechten Seite gab es einen Chat. Theoretisch war dieser auch für den Austausch mit den Delegationen gedacht, meist war er jedoch nur von Fanjournalisten bevölkert. Wobei die Betonung mehr auf Fan denn auf Journalisten liegt, oft wurde einfach kommentarartig die eigenen Meinung zum Auftritt geschrieben.

Die Pressekonferenzen waren ähnlich wie die Proben organisiert. Über die Programmübersicht konnten die wie die Proben-Räume aufgebauten Pressekonferenz-Räume betreten werden. Im Chat konnte man Fragen einreichen, von denen ausgewählte den Künstlern dann auch gestellt wurden. Die Pressekonferenzen wurden im Gegensatz zu den Proben hochgeladen, sodass man sie auch später anschauen konnte.

Außerdem gab es Bereiche, in denen man sich über die einzelnen Teilnehmer informieren konnte. Dort fand sich noch einmal eine zeitliche Übersicht aller Pressekonferenzen, Meet & Greets und Proben sowie Informationen über die Künstler.

Zusätzlich es gab die Möglichkeit, Anfragen an die Delegationen zu richten, z.B. Interviewanfragen zu stellen. Benny musste allerdings die Erfahrung machen, dass diese (außer von der deutschen Delegation) meist nicht beachtet wurden.

Während die Proben im Online-Pressecenter gezeigt wurden, war man den Großteil der Zeit in der Tat mit Warten beschäftigt. In den Pausen zwischen den gestreamten Probenauftritten und während des ersten, nicht-öffentlichen Durchlaufs der ersten Proben wurden das Logo des ESC und die Sponsoren in Dauerschleife gezeigt. Besonders eindrücklich war das aber nicht. Bis auf Morrocanoil ist mir keiner in Erinnerung geblieben. Und das auch eher nur wegen Bennys Haarfrust bei den ESC kompakt LIVEs…

Die Kunst war mitzubekommen, wenn die Probe losging. Nach einer Weile konnte man das ungefähr abschätzen, meist dauerte es bei den ersten Proben z.B. eine Viertelstunde ab offiziellem Probenbeginn bis erste Bilder erschienen, und man konnte sich darauf einstellen, dann etwas aufmerksamer zu sein. Als dann am „langen“ Donnerstag mit den ersten Proben der Big 5 der Zeitplan nicht mehr eingehalten wurde, wurde es jedoch sehr wirr.

In der Zwischen- und Wartezeit wurde es aber nie langweilig, man war damit beschäftigt Fotos und Videos einzufügen, die Homepage von eurovision.tv und den YouTube-Kanal regelmäßig neu zu laden, um möglichst zeitnah den Upload von eben diesen mitzubekommen, im Eifer des Gefechts fabrizierte Tipp- und Inhaltsfehler zu korrigieren, die Kommentare der Leser:innen zu verfolgen…

Zum absoluten Running Gag während der Wartezeit auf die Probenstreams entwickelte sich dieses Bild im Pressechat. Irgendjemand stellte immer die Frage….

Wenn der Probenstream schließlich live geschaltet wurde, hieß es alles stehen und liegen lassen, um nichts zu verpassen. Die Probenvideos wurden nämlich im Gegensatz zu den Pressenkonferenzen nur live gezeigt, eine Aufzeichnung gab es nicht. Wenn man gerade für einen Live-Blog verantwortlich war, hat man während die Probe lief parallel in die Tasten gehauen und versucht alle Eindrücke wiederzugeben. Was manchmal dazu führte, dass man gar nicht alles wahrgenommen hat. Zum Glück wurden die Proben mehrmals gezeigt, sodass bei späteren Durchläufen weitere Details auffielen oder man die Probe einfach auch einmal als Ganzes auf sich einwirken lassen konnte.

Wir konnten hier von Anfang an die „Fernsehbilder“ sehen und hören, auch schon bei den ersten Proben. Der einzige Unterschied zu den dann in den Halbfinals und Finals im Fernsehen gezeigten Videos war, abgesehen von den Qualitätsverbesserungen bei Schnitten und Einstellungen natürlich, ein megafettes Wasserzeichen auf dem Video, mit dem Hinweis, dass die Aufzeichnung verboten sei.

Im Großen und Ganzen fand ich die Arbeit mit dem Online-Pressezentrum sehr angenehm. Ja, meist hieß Online-Pressearbeit von 10 Uhr morgens bis zum späten Nachmittag vor dem PC hocken. Dafür konnte man die Proben in klarer Ton- und Bildqualität und an einem ordentlichen Tisch mit guten Schreibtischstuhl verfolgen. Da hatte ich mit einer Fanakkredditierung in Tel Aviv schon ganz andere Erfahrungen…. Mit Glück konnte man da einen Platz auf einem Holzhocker ergattern, manchmal hieß es aber auch auf den Boden sitzen, und man starrte auf einen blassen Screen. Auch nicht zu vergessen: die Küche war zu Hause gleich nebenan, sodass man sich unkompliziert und schnell einen Snack holen konnte. Und auch die Anreise morgens und abends konnte man sich sparen. So hatte das Pressecenter einige Bequemlichkeiten im Gegensatz zur Pressearbeit vor Ort.

Auf der anderen Seite fehlten natürlich viele Dinge. Allen voran Liveatmosphäre vor Ort, genauso wie der direkte und reale Kontakt zu anderen, die Nähe zu den Künstlern bei den PKs und Meet & Greets, das ganze Rahmenprogramm des ESC, die Stadt kennen zu lernen, der Euroclub…

Insgesamt ist die Einführung des Online-Pressecenters meiner Ansicht nach trotzdem eine tolle Idee, die auch nach Ende der Pandemie beibehalten werden sollte. Auch vor Ort erspart es manchen stressigen Weg, wenn man z.B. die ersten Proben noch beim Frühstücken in der Unterkunft verfolgen kann. Auch die Option einer späteren Anreise eröffnet es. Es ist eine wirklich sinnvolle Ergänzung, die hoffentlich bestehen bleibt.

Bereits in der Serie „Replay Rotterdam“ erschienen:

Unser Rückblick auf den ESC 2021
(1) Das waren die Fan Favourite Fails und Dark Horses des ESC 2021
(2) Måneskin aus Italien waren mit „Zitti e buoni“ auch die Televoting-Sieger
(3) Live-Blogs, Live-Blogs, Live-Blogs
(4) Der Corona-ESC
(5) Das Moderatoren-Team unter die Lupe genommen
(6) Wie der WWF mit dem ESC die Welt retten will
(7) Wie geht’s weiter in und mit Österreich?


4 Kommentare

  1. Ihr habt es auch im Home-Office ganz großartig gemacht. Kompliment. Man hat gar nicht gemerkt, dass ihr nicht live dabei ward.
    Aber ich wünsche Euch vom Herzen, dass ihr im nächsten Jahr live vor Ort sein könnt. 🙂

  2. Das Arbeit online läuft, kann unglaubliche Vorteile haben. Habe in Videokonferenzen jetzt Kollegen in anderen Städten und selbst in Nairobi kennengelernt. Toll. Der Kontakt wär früher schriftlich gelaufen.

Schreibe eine Antwort zu Porsteinn Antwort abbrechen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.