Talking Tel Aviv (12): Interne Auswahl oder Vorentscheidung – was brachte mehr Erfolg?

Foto: Thomas Hanses

Auch nach dem ESC 2019 wurde wieder diskutiert, ob Deutschland womöglich vom nationalen Vorentscheidungskonzept Abschied nehmen sollte, um beim ESC idealerweise dauerhaft bessere Platzierungen einzufahren als in diesem Jahr und den Jahren vor 2018. Und natürlich scheint es nach Tel Aviv auf den ersten Blick sinnvoll, auf eine interne Auswahl zu setzen. ESC-Sieger Duncan Laurence wurde intern nominiert, die Jury-Favoritin Tamara Todevska aus Nordmazedonien (Aufmacherfoto) ebenfalls. Und auch die Schweiz hat mit der Abkehr vom öffentlichen Vorentscheid in diesem Jahr die beste ESC-Platzierung seit über 20 Jahren eingefahren.

Wir haben mal einen Blick auf die diesjährigen Platzierungen geworfen. Dabei haben wir einfach ausgezählt, welchen durchschnittlichen Platz Beiträge erreichten, die über eine öffentliche Vorauswahl bestimmt wurden, und welchen Platz Titel, die intern nominiert wurden. Dabei haben wir ganz einfach die erreichten Plätze addiert und durch die Anzahl der entsprechenden Länder geteilt.

Grundsätzlich haben Vorenscheid-Beiträge im Finale in Tel Aviv eine durchschnittliche Platzierung von 14,9 erreicht; interne Nominierungen hingegen von 11,3 (Differenz 3,6). Dass es insgesamt weniger intern nominierte Beiträge gab, spielt bei diesem Ergebnis keine Rolle. Der Unterschied ist bei der Platzierung des Televotings nicht so deutlich (Differenz 2,0); bei den Juroren ist er etwas größer (4,2).

Da sich die Big5-Beiträge und Gastgeber Israel nicht fürs Finale qualifizieren mussten und in diesen Ländern gleichzeitig fünf Acts per nationalem Vorentscheid bestimmt wurden, lohnt sich die Betrachtung ohne sie. Dabei kommt es auch zu einem ausgeglicheneren Verhältnis der Anzahl der Beiträge (11 Vorentscheid-Beiträge, 9 intern nominierte). Bei der Betrachtung des Gesamtergebnisses bleibt es bei einer Platzierungsdifferenz von etwas mehr als 3 (konkret 3,4). Während sich dann bei den Televotern die Schere schließt (statt eines Deltas von 2,0 jetzt nur noch 1,3), geht sie bei den Juroren richtig auf. Statt einer Differenz von 4,2 Platzpunkten sind es nunmehr 4,9.

Natürlich müsste diese Auswertung über mehrere Jahre durchgeführt werden, um zu sehen, ob es diese Unterschiede auch in anderen Jahren gibt. Allein auf Basis der Ergebnisse dieses Jahres ist aber festzuhalten, dass intern nominierte Beiträge im ESC-Finale besser performen – erst recht bei den Juroren.

Auch wenn der NDR nach dem Naidoo-Gate eine interne Auswahl scheut wie der Teufel das Weihwasser: Sollte man die Option für Deutschland aufgrund dieser Ergebnisse in Betracht ziehen? Was meint Ihr? Diskutiert gern unter diesem Beitrag.

Bereits erschienene Talking-Tel-Aviv-Folgen

(1) Duncan Laurence, der lachende Dritte
(2) Leider ein berechtigter vorletzter Platz für Deutschland
(3) Dynamisches, emotionales und farbenfrohes Opening des Finals
(4) Braucht’s wirklich vier Moderatoren?
(5) Mehr ist mehr – aber nicht beim Pausenact
(6) Nordmazedoniens erster ESC-Sieg – bei den Juroren
(7) Sind KEiiNO die wahren ESC-Sieger?
(8) Muss man den eigenen Beitrag unterstützen?
(9) Macht’s die neue Punktevergabe spannender – und gerechter?
(10) Peter Urban – die (bereits zu?) langjährige Stimme des ESC
(11) Dana International und die schwulste Kiss Cam der Welt



21 Kommentare

  1. Mein Vorschlag wäre folgender: Das ESC-Panel wählt einen Künstler aus, der dann alleine und/oder mit anderen Komponisten mehrere Lieder schreibt. Mit denen wird dann ein VE à la 2011 gemacht, bei dem nur die Zuschauer abstimmen dürfen. Das wäre dann quasi 50% intern und 50% Vorentscheid ^^

  2. Wie sieht es aus, wenn man auf alle teilnehmende Länder schaut?

    Polen, Ungarn, Belgien, Georgien, Portugal, Montenegro, Finland (Halbfinale 1) und Litauen, Moldau, Rumänien, Kroatien, Lettland, Armenien, Österreich, Irland (Halbfinale 2) haben es nicht ins Finale geschafft.

    Fünf dieser Länder (oder doch vier oder sechs, bin nicht ganz sicher) haben jemanden intern ausgewählt.

    Mein Fazit: interne Auswahl vergrößert auf jeden Fall die Chance ins Finale zu kommen. Das Gesamtpaket Künstler + Lied + Auftritt muss wirklich überzeugen um nicht mit eingezogenem Schwanz die Heimreise anzutreten.

  3. Also ehrlich gesagt würde ich den diesjährigen deutschen Beitrag auch unter interne Auswahl rein packen. Wir wissen ja, dass das eh der Wunschkandidat der deutschen Delegation gewesen war (unabhängig davon wie der Ablauf des deutschen Vorentscheids gelaufen ist).
    Sprich: Hätte Deutschland dieses Jahr eine interne Auswahl getroffen, wäre die Wahl auch auf S!sters gefallen.

  4. In Schweden wäre eine interne Auswahl eine nationale Katastrophe, dafür ist das Mello viel zu etabliert und für alle Generationen viel zu wichtig. Aber bei Licht betrachtet, sind die 28 teilnehmenden Songs ja auch eine interne Auswahl (außer P4 Nästa). Aber da kann aus dem Vollen schöpfen.
    In Deutschland sollte man eine interne Auswahl durchaus in Betracht ziehen, weil der Vorentscheid ja seit Jahren eine recht lieblos zusammengezimmerte Veranstaltung ist. Und wenn die wegfällt, ist es schlicht und einfach egal. Die Mittel sollten lieber in einen Act investiert werden mit allen Möglichkeiten der Vermarktung. Nur wer wählt den Song aus?
    In die zur Zeit verantwortlichen Teams um Schreiber habe ich da wenig Vertrauen. Der Musikgeschmack dieser Truppe liegt regelmäßig daneben. Bei einer internen Auswahl liegt die Verantwortung für einen Mißgriff dann auch klar beim NDR. Davor hat man Angst, das Votingergebnis kann man dann nicht als Ausrede verwenden.
    Ich vermute mal, es wird weiter für einen Vorentscheid gestümpert. Viel Wind um nichts!!!

  5. Vorentscheidungen bitte, so können wir im ersten Quartal unsere Favoriten küren und nach dem ESC den SCC spielen. Am liebsten mag ich Länder, in denen es zwei Halbfinale gibt und jeweils die Hälfte ins Finale zieht, da ich mir dann die Finalisten mit den Videos der Halbfinale ansehen kann.

  6. So lange das bekannte Team beim NDR für die Vorauswahl verantwortlich ist und egal welches gewählte Verfahren verwendet wird, so lange ist die im Blogbeitrag gestellte Frage redundant.

    Beim NDR neigt man zu Mainstream, radiotauglichen, massenkompatiblen Künstlern (vorzugsweise junge, hoffnungsfrohe Eintagsfliegen) und zu bedeutungsschwangeren Konzeptsongs. Wirkliche Gute-Laune-Popsongs gelten als verpönt. Einfach Spass machen darf der ausgewählte Beitrag nicht, er muss Tiefgang haben und eine Botschaft vermitteln. So weit vorhersehbar, so langweilig.

    Es geht um Macht, um Einfluss, und um Geld und wie es verteilt wird, und das alles im Kontext der ARD-Unterhaltungsshows, oder was dafür gehalten wird.

    So lange der ESC wie bisher bei der ARD so behandelt wird, wie es derzeit praktiziert wird, sind alle Überlegungen für die Katz.
    Und ironischerweise ist somit die Person Thomas Schreiber nur eine unbedeutende Randfigur. Tragisch ist nur, er könnte etwas ändern (da Chef), aber wieso glaube ich nur, dass er es weder will noch den Bedarf dafür sieht?

    • Weitgehende Zustimmung, aber ich würde schon meinen, dass Miss Kiss Kiss Bang, Glorious und Perfect Life auf Tiefgang und Botschaft mehr oder weniger verzichteten. Das Gute-Laune-Genre scheint dem NDR (noch) weniger zu liegen als der erhobene Zeigefinger.

  7. Kontra!

    – Wie nicht nur Vondenburg schon feststellte, wäre eine interne Wahl vom NDR keinen Pfifferling wert

    – Die Interne Auswahl in Belgien schien schon eine sichere Bank zu werden und nun sind sie direkt zweimal in Folge im Halbfinale gescheitert, obwohl Song und Künstler nicht mal schlecht waren

    – alle Big5-Länder setzen auf Vorentscheide und das ist auch sinnvoll, da die Songs so wenigstens mit einem Minimum an demokratischer Legitimation ins Finale gelangen

    – das bestehende deutsche Verfahren bietet ausreichend Potential, einen Hit zu finden, ob nun per SWC oder direkt in den VE geschobenen Songs

    – Verbesserungsbedarf gibt es beim Ansehen des Vorentscheids [ULF#], was mit dem gegenwärtigen Team schwierig, aber nicht unbedingt unmöglich wird

    – wenn etwas verzichtbar ist, dann mMn die internationale Jury (nicht nur aus der Logik einer „nationalen“ Vorentscheidung heraus – inwieweit die IJ überhaupt zu besserem Abschneiden beim ESC beigetragen hat, wäre vielleicht auch mal eine Untersuchung wert …)

    • Zu Belgien: da waren die Künstler schon meistens eher schwach und sind – außer Blanche – letztlich ein einer sehr schwachen Live-Performance gescheitert.

      Eine internationale Jury erscheint zwar auf den ersten Blick zweifelhaft, aber in Schweden führt das regelmäßig dazu, dass man bei den Jurys durchweg gut abschneidet, weil das letztlich die Leute sind, die beim ESC dann auch werten (wenn auch nicht unbedingt die gleichen Personen) und die haben ja schon mal den Beitrag gut bewertet. Warum das in Schweden jedes Mal klappt und in Deutschland nicht, ist freilich ne andere Frage.

  8. Menschen neigen zu impulsiven Entscheidungen. Dabei ist die Frage, intern wählen oder Vorentscheid, zweitrangig. Song, Künstler und Marketing müssen stimmen, darum geht es.

  9. Geht man einmal davon aus, daß Deutschland in einigen Jahren interne Auswahlverfahren hatte, sind die Ergebnisse beim ESC mehr als bescheiden:

    1974 – Cindy & Bert mit „Eine Sommermelodie“: Platz 14 in Brighton
    1993 – Münchener Freiheit mit „Viel zu weit“: Platz 18 in Millstreet
    1995 – Stone & Stone mit „Verliebt in Dich“: Platz 23 in Dublin
    2009 – Alex Swings Oscar Sings mit „Miss Kiss Kiss Bang“: Platz 20 in Moskau

    Als der NDR 1965 erstmals für den deutschen Vorentscheid zuständig war, landete Ulla Wiesner mit „Paradies wo bist Du?“ prompt mit Null Punkten auf dem letzten Platz.

  10. In Albanien, Schweden oder Italien würde man sich diese Frage wahrscheinlich gar nicht stellen, aber ich denke auch, dass man über eine interne Auswahl nachdenken könnte, solange da niemand vom Sender seinen Finger draufhat und irgendeinen Konsensmist erzwingt.

    Im Endeffekt nützt auch ein Titel aus einer Vorentscheidung nichts, wenn die Zuschauer den falschen Song gewählt haben. So wie bei uns dieses Jahr.

  11. Ich bin absolut gegen eine Interne Nominierung. Schließlich wird hier auch das Geld der Gebührenzahler ausgegeben und da möchte ich als gebührenzahler auch Einfluss auf den Künstler und den Song haben. Dabei ist es mir egal, wen wir bei einer internen Nominierung kriegen könnten. Kein Künstler ist es wert, das man den Zuschauern die Mitbestimmung nimmt.

  12. Ich bin ebenfalls gegen eine interne Nominierung, auch gegen die interne oder ESC-Panel-Auswahl eines Künstlers, bei dem das TV-Publikum dann noch den Song bestimmen darf (was hier ganz oben im Thread erstaunlich viel Zustimmung fand). Ich ärgere mich immer noch darüber, wie Stefan Raab 2010 einfach so festlegte, dass Lena im Jahr drauf noch einmal antreten würde, auch wenn dann das Lied, das dabei rauskam, zugegebenermaßen ganz gut war. Ich meine mich jedoch zu erinnern, dass dieses Format 2011 nicht so toll ankam; die Quoten wurden bemängelt und es gab einige kritische Artikel (ich selbst hab’s mir überhaupt nicht angeschaut, wobei das mehr an meinem Nicht-Ertragen-Können von Casting-Show-Juries lag als am Format „ein Künstler singt mehrere Songs“).

    Mir gefällt auch das Argument, dass besonders für Big-5-Länder eine VE die bessere Sache ist. Teilnehmer anderer Länder haben bei einer hinteren Platzierung immer noch das erfolgreiche Überstehen des Semifinales als „Trost“, Teilnehmer der BIg-5-Länder das Gewinnen der VE. Die Anführungszeichen habe ich deshalb gesetzt, weil die Teilnahme am ESC an sich schon eine tolle Sache ist und eine hintere Platzierung nichts Schlimmes sein sollte, es können nun halt mal nicht alle vorne sein, selbst bei 26 guten Songs müssen welche hinten landen. Aber das ist wohl leider eher Theorie, v.a. wenn man sieht, wie unschön sogar manche „Fans“ mit Interpreten umgehen, die eine hintere Platzierung belegen. Da bewundere ich jeden Künstler und jede Künstlerin, der/die sich überhaupt auf eine solche ESC-Teilnahme einlässt.

    • Da sind wir uns mal wieder einig.
      Ein Vorentscheid mit nur einem Interpreten sollte wenn überhaupt zuverlässigen Showgrößen vorbehalten sein, erinnert mich aber auch eher an alte Zeiten (Cliff Richard, Katja Ebstein …). Ich glaube auch nicht, dass sich jemand wie z.B. Sarah Connor darauf einlassen würde.

      • Das freut mich sehr (dass wir uns wieder einig sind, nicht dass Sarah Connor sich nicht auf solch einen VE einlassen würde) 🙂

        Meine positivste Erinnerung an diese Art von VE war 1994 mit Frances Ruffelle, da war ich gerade in England. Zwar wäre mir auch da eine „normale“ VE lieber gewesen, und die sympathische Sängerin war auch nicht gerade ein bekannter Star, aber immerhin gewann mit „Lonely Symphony“ der Song, der mir mit Abstand am besten gefiel und der noch heute zu meinen UK-Lieblingen gehört.

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