Talking Tel Aviv (13): Von wegen zeitgemäß! DJs haben beim ESC keine Chance

Ein DJ, der vorgibt zu scratchen, gäbe einer ESC-Nummer eine zeitgenössische Anmutung, obwohl es im wirklichen Leben seit 30 Jahren out sei, versprach Petra Mede beim Eurovision Song Contest 2016 (verzweifelten) TV-Verantwortlichen. So viele Wahrheiten und hilfreiche Tipps in der Pausennummer „Love Love Peace Peace“ auch dabei waren – dieser DJ-Tipp hat nach dem ESC 2019 endgültig ausgedient. Oder nicht?

ESC-Pausenact 2016: Petra Mede und Måns Zelmerlöw erklären die ESC-Erfolgsformel „Love Love Peace Peace“

Vielleicht war es diese Hoffnung, die die finnischen ESC-Macher dazu bewogen hatte, in diesem Jahr auf DJ Darude als ihren ESC-Act zu setzen. Vielleicht hatten sie sich aber auch einfach mit ihrer Idee, einen Künstler intern auszuwählen und dann das Publikum aus drei Songs auswählen zu lassen, in eine strategische Sackgasse manövriert. Denn schon 2018 war der Erfolg von Saara Aalto, die im Finale nur Vorletzte wurde, mit diesem Konzept überschaubar.

DJ Darude erwischte es in diesem Jahr noch schlimmer. Mit nur 23 Punkten wurden er und sein Sänger Sebastian Rejman (Aufmacherfoto am Strand von Tel Aviv) Letzte im allgemein als schwächer eingestuften ersten Halbfinale. Der vorletzte Platz bei den Juroren (ein Punkt vor dem Portugiesen Conan Osíris) und der letzte beim TV-Voting (noch einen Punkt weniger als die Montenegriner D-Mol) gaben nicht mehr her.

Bereits die von DJ Darude und Sebastian Rejman einzeln veröffentlichten Titel für den finnischen Vorentscheid, Release Me, Superman und der spätere ESC-Vertreter Look Away, riefen bei den Fans keine großen Begeisterungsstürme hervor. Als dann alle ESC-Beiträge feststanden, war mit Rang 38 (von 41) im ESC-Kompakt-Index EKI abzusehen, dass es für die beiden Finnen beim ESC schwer werden würde.

Dabei war die Umsetzung auf der Bühne in Tel Aviv gar nicht schlecht, wenn auch arg kühl. Es wurde eine nachvollziehbare Geschichte erzählt, die einen eindeutigen Bezug zum Liedtext herstellte. Vom eigentlichen Hauptact, dem „scratchenden“ DJ Darude, war dabei nicht viel zu sehen. Erst recht konnte man als Zuschauer keine positive Verbindung zu ihm aufbauen. Sein singender Frontman Sebastian Rejman gab sicher sein Bestes, aber auch er war kein charismatisches Highlight. Zeitgemäß, also contemporary wie es Petra Mede nannte, war an der Nummer kaum etwas. Erst recht nicht das Lied.

War das jetzt der finale Beweis, dass man mit DJs beim ESC wirklich nichts (mehr) reißen kann? Braucht man als DJ beim ESC mindestens brennende Turntables und eine Sängerin, um wenigstens etwas Erfolg zu haben wie Deep Zone & Balthazar, die 2008 im zweiten Semi zumindest Zwölfte wurden? Sollte man generell die Finger von diesem Konzept für den ESC lassen? Und hätte ein Paul Kalkbrenner (oder ein anderer DJ) das Zeug, den Gegenbeweis anzutreten? Diskutiert mit!

Bereits erschienene Talking-Tel-Aviv-Folgen

(1) Duncan Laurence, der lachende Dritte
(2) Leider ein berechtigter vorletzter Platz für Deutschland
(3) Dynamisches, emotionales und farbenfrohes Opening des Finals
(4) Braucht’s wirklich vier Moderatoren?
(5) Mehr ist mehr – aber nicht beim Pausenact
(6) Nordmazedoniens erster ESC-Sieg – bei den Juroren
(7) Sind KEiiNO die wahren ESC-Sieger?
(8) Muss man den eigenen Beitrag unterstützen?
(9) Macht’s die neue Punktevergabe spannender – und gerechter?
(10) Peter Urban – die (bereits zu?) langjährige Stimme des ESC
(11) Dana International und die schwulste Kiss Cam der Welt
(12) Interne Auswahl oder Vorentscheidung – was brachte mehr Erfolg?



18 Kommentare

  1. Norwegen 2017 war doch auch eher der DJ Kategorie zuzuordnen, oder nicht? Das Problem mit Finnland dieses Jahr war weniger das Musikgenre, sondern eher die Schwäche des Songs. Der klang nunmal altbacken und lahm. Wäre der Songs zeitgemäßer und mit mehr Feuerwerk inszeniert worden, hätten sie besser abgeschnitten

  2. DJ kann man einbinden. Fragt auch Einsatz von Tänzer und eingeölte, halbnackte Männer, wie die Schweden richtig festgestellt haben.

  3. JOWST hat bewiesen, dass es funktionieren kann. Aber dann müssen Song und Sänger auch gut sein. Die anderen kürzlichen DJ-Nummern werden von mindestens einem davon vollkommen im Stich gelassen. Wobei es um Bulgarien 2008 tatsächlich ein bisschen schade war.

  4. Das Problem ist, dass DJs nicht singen und auch nichts live machen, außer so tun als ob.
    Das ist unauthentisch, besonders wenn ihre Sänger dann auch nichts taugen.

  5. Ich schließe mich an, es liegt nicht am DJ (auch wenn Gromee für mich den polnischen Auftritt letztes Jahr wirklich versaut hat), sondern einzig und allein an der Schwäche der DJ-Songs

  6. Ich durchschaue den eigentlichen Sinn dieses Artikels: Wenn wir DJs als grundsätzlich erfolgsfähig bescheinigen, d.h. abhängig vom Song, dann bewirbt sich der Autor nächstes Jahr selbst beim VE… Wenn wir DJs generell als nicht-erfolgsversprechend ansehen würden, ließe @Douze Points es sein 😉

  7. Ich glaube, es ist wie mit allen Titeln. Wenn sie gut gemacht sind und toll präsentiert werden, klappt es auch. Dann ist das Genre egal.
    Die Polen letztes Jahr waren live zum Beispiel einfach schlecht, weil der Schwede schief gesungen hat.
    Dieses Jahr war der Song zu schwach.
    Also keine voreiligen Schlüsse ziehen über DJs beim Contest.

  8. Das schlechte Abschneiden von Darude ist auch ein Grund dafür, weshalb so erfolgreiche deutsche DJs wie Alle Farben, Felix Jaehn und Robin Schulz den ESC meiden wie der Teufel das Weihwasser.

    • na ja, die hatten auch vorher schon – so weit ich weiß – kein Interesse am ESC. Und im Gegensatz zu Darude hatten sie auch Hits, die keine 20 Jahre zurückliegen.

  9. Und kein Wort zu der Ikone DJ Bobo und „Vampires are alive“? Na gut, das war zwar kein DJ Act im oben beschriebenen Sinne, aber das damalige Ausscheiden schmerzt noch bis zum heutigen Tage…

  10. Mit einer besseren Performance und Stimme hätte es Grome und Lukas sicher ins Mittelfeld des Finales geschafft. Das Lied höre ich sehr gerne.
    Finnland dieses Jahr war echt schwach.

  11. Wie haben die Niederlande 1993 abgeschnitten? Sie kamen auf den 6. Platz. Und das war das erste Mal, dass man dieses DJ scratching gehört hat!

  12. „Grab The Moment“ aus 2017 ist immer noch mein Sieger. Abgesehen davon, dass alle anderen Lieder von Jowst (und auch von Aleksander) für die Tonne sind, hatten beide da wirklich ein glückliches Händchen mit dem Lied.

  13. Ich glaube auch überhaupt nicht, dass DJs generell keine Chance beim ESC haben werden (überhaupt gibt es wohl nichts was generell chancenlos ist). Mit Ausnahme von Jowst waren die bisherigen Beispiele dafür nur mehr als dürftig.

    Schwache Songs, Sänger die kaum einen Ton trafen – da muss man sich danach nicht wundern.

    Nicht auszudenken, sollte UK der Clou gelingen z.B. Calvin Harris für den ESC zu gewinnen:
    https://youtu.be/SMRVFIrPevA

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