Talking Tel Aviv (8): Muss man den eigenen Beitrag unterstützen?

Foto: Thomas Hanses

Eine groß gewachsene weißrussische Journalistin beugt sich zu mir herunter, liest mein Presseschild und fragt: „Oh you are team Germany! How do you like your song?“. Ich hatte mich im Vorfeld bereits auf die Frage vorbereitet, denn ich wusste, dass man mich das vor Ort in Tel Aviv fragen würde. Meine diplomatische Antwort war, dass ich mir dessen bewusst sei, dass Deutschland in diesem Jahr nicht zu den Favoriten zähle. Man müsse jedoch abwarten, was Europa zu den S!sters sagt. Zufrieden war sie mit der Antwort nicht, aber ich würde ihr nicht sagen wollen, dass ich kein großer Fan von unserem Beitrag bin.

Und da sind wir bei der Frage, die mich vor Tel Aviv beschäftigt hat und auch nach dem Contest, speziell nach den berüchtigten „zero points“ beim Zuschauer-Voting beschäftigt: Sollte man den eigenen Beitrag unterstützen, obgleich man ihn selbst nicht gut findet? In Deutschland neigen wir eher dazu, den eigenen Song zu kritisieren und ihn nicht bedingungslos zu unterstützen. Wenn man sich bei den ausländischen Fans und Journalisten umschaut, gibt es da schon „treuere“ Artgenossen. Unvorstellbar scheint es, dass etwa Spanier oder Griechen den eigenen Act verreißen und ihn mal nicht unterstützen. Wenn es zum Beispiel nach Szenen-Applaus und Jubel ginge, müsste Spanien jedes Jahr in den Top 5 landen. Eine Frage der Mentalität? Ein Beispiel aus dem Sport: Selbst Jogi Löw und seine Nationalmannschaft bleiben im Fußballland Deutschland nicht von Kritik verschont. Die wenigsten der Fans würden jedoch aufgrund von negativer Kritik an der Startaufstellung oder am Kader damit aufhören, das DFB-Team anzufeuern.

Ich selbst konnte mich nicht dazu zwingen, die Deutschlandflagge in den Koffer zu packen und in Tel Aviv anderen vorzugaukeln, dass wir so etwas wie die Top 10 knacken könnten. Ein letzter Platz hätte mich nicht geschockt, obwohl ich bei der Verkündung der Null Punkte so entgeistert drein geschaut habe, dass israelische und weißrussische Kameras auf mich gerichtet wurden. Was man in Weißrussland mit mir hat, weiß ich übrigens noch immer nicht. Ich konnte mich auch nicht wirklich freuen und ein „ich hab’s euch ja gesagt“-Gefühl kam auch nicht auf. Aber wer weiß, vielleicht kann ich schon im nächsten Jahr die diplomatische Schiene wieder verlassen und euphorisch Wuppertal 2021 prophezeien.

Was denkt ihr, sollte man den Beitrag aus dem eigenen Land bedingungslos unterstützen? Diskutiert gerne in den Kommentaren.

Bereits erschienene Talking-Tel-Aviv-Folgen

(1) Duncan Laurence, der lachende Dritte
(2) Leider ein berechtigter vorletzter Platz für Deutschland
(3) Dynamisches, emotionales und farbenfrohes Opening des Finals
(4) Braucht’s wirklich vier Moderatoren?
(5) Mehr ist mehr – aber nicht beim Pausenact
(6) Nordmazedoniens erster ESC-Sieg – bei den Juroren
(7) Sind KEiiNO die wahren ESC-Sieger?



105 Kommentare

  1. Mit reichlicher Verspätung auch von mir einen Kommentar. 😉

    Muss ich den deutschen Beitrag unterstützen?? Klare Antwort: Nein!!

    Ich unterstütze die Beiträge die mir gefallen, da ist es völlig egal ob die aus Deutschland, Polen, Slowenien oder Malta kommen, solange sie mir musikalisch zusagen hoffe ich auf ne gute Platzierung. Wenn der deutsche Song mir nicht gefällt, so wie auch dieses Jahr, dann drücke ich auch nicht die Daumen, so einfach ist das!! Und das miserable Ergebnis der „Schwestern“ dieses Jahr kam einfach daher weil der Song total langweilig und unglaubwürdig war und die Zuschauer nicht erreicht, und nicht wegen der angeblich „treulosen“ Fans aus Deutschland. Als ob den durchschnittlichen Zuschauer in Helsinki, Dubrovnik, Faro oder Graz interessiert wie erfolgreich der Beitrag bei uns läuft.

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