Vor der deutschen Songpremiere: Interview mit Alexandra Wolfslast und Thomas Schreiber zum ESC 2021

Die Spannung steigt. In dieser Woche feiert Deutschlands Beitrag für den Eurovision Song Contest 2021 in Rotterdam Videopremiere. Wenige Tage vorher sagen Alexandra Wolfslast (auf dem ESC-kompakt-Foto oben bei der Präsentation des Vorjahrestitels von Ben Dolic im Hotel Pier3 in Hamburg), Head Of Delegation Germany, also deutsche Delegationsleiterin, und NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber (Foto unten) was uns erwartet, was in den nächsten Wochen auf der „Road to Rotterdam“ geplant ist und was das alles mit „The Roop“ und Litauen zu tun hat.

Bild: NDR/Hendrik Lüders
ESC kompakt: Die ESC-Community ist beglückt: Der ESC 2021 findet statt – no matter what. Wie glücklich sind Sie persönlich darüber? Sie haben sich schließlich auch 2020 mit einem eigenen Konzept dafür eingesetzt, dass der ESC unter veränderten Rahmenbedingungen stattfindet.

Alexandra Wolfslast (AW) + Thomas Schreiber (TS): Erleichtert. Obwohl: Wir wissen ja noch nicht, ob wir als kleine Delegation nach Rotterdam reisen dürfen oder ob ausschließlich das Back-up-Video zum Einsatz kommen wird – aber die Gewissheit, dass es einen ESC 2021 geben wird, ist schon erleichternd und motivierend.

Noch gibt es für die konkrete Umsetzung des Wettbewerbs in Rotterdam verschiedene Szenarien. Wie ist ihre Einschätzung?

AW: Vorhersagen über die Zukunft sind ja so eine Sache – wir alle hoffen, dass wir nach Rotterdam reisen dürfen.

TS: Die Infektions- und die Todeszahlen sind nach wie vor erschreckend. Hoffen wir das Beste!

Überall in Europa fallen jeden Tag ESC-Entscheidungen. Wie tief steigen Sie in das Geschehen ein und beobachten, was die europäischen Delegationen unternehmen?

AW: Na klar verfolgen wir alle Entscheidungen rund um den ESC mit Interesse. Und bezüglich der Organisation sind wir in regelmäßigem Austausch mit den HODs aller teilnehmenden Länder.

Deutschland wird in 2021 den Newcomer Jendrik zum ESC entsenden. Er hat die nationale und die internationale Jury gemeinsam überzeugt. Wie deutlich hat er sich bei den Juroren durchgesetzt?

TS: Sehr deutlich, mit der höchsten Punktewertung, die wir bislang bei unserem System gesehen haben – in der Addition beider Jurys 11,82 von 12 möglichen Punkten.

AW: … und das in einem unglaublich starken Jahrgang mit vielen tollen Künstler*innen und Songs.

Denken Sie, dass die beiden Jurys auch mit Blick auf die weiterhin schwierige Corona-Situation genau die richtige Entscheidung getroffen haben, einen so positiven Sänger und mutmaßlich auch positiven Song zum ESC zu schicken?

AW und TS: Da können wir beide, weil wir es gemeinsam erlebt haben, sagen: ja, absolut – der richtige Song zur richtigen Zeit mit dem richtigen Mann!

AW: Ich glaube persönlich, dass nach einem Jahr Pandemie der Wunsch nach Spaß, Freude und positiver Energie groß sein wird. Und es ist ein Ohrwurm.

TS: Ich habe am 19. November den Künstler*innen, die gemeinsam im Palladium in Köln ihre Songs für die Jurys aufgenommen haben, gesagt: am liebsten würde ich Euch alle nach Rotterdam mitnehmen, weil Ihr so toll wart – und das meine ich auch so, erlaubt aber die Pandemie nicht. Was bei mir an Reaktionen auf die Entscheidung der Jurys für Jendrik angekommen ist: alle sind mit der Einschätzung der Jurys einverstanden und finden sie gut.

Sie haben sich in diesem Jahr entschieden, Künstler und Song nicht gleichzeitig zu veröffentlichen. Was war der Grund dafür und hat sich diese Entscheidung nach ihrer aktuellen Einschätzung bezahlt gemacht?

AW: Im Fall von Jendrik war das sehr sinnvoll. Wie ihr wisst, ist er auf den Social Media Kanälen sehr aktiv. Er nutzt jetzt die Zeitspanne bis zur Veröffentlichung des Songs, um seine außergewöhnliche Geschichte rund um seine ESC Bewerbung zu erzählen. Für mich eine perfekte „Showtreppe“ für die Videovorstellung.

Jendrik tritt mit einem eigenen Song an, wie zuletzt Michael Schulte. Ist das nicht ein guter Indikator für eine überzeugende Platzierung?

AW: Der Song ist gut, ein passender Kommentar zu unserer Zeit, der Künstler ist stark und hat eine großartige Präsenz auf der Bühne – alles andere sehen wir im Mai. Ich jedenfalls freu mich drauf.

Bislang hat es mit „You Let Me Walk Alone“ nur ein Song aus einem deutschen Songwriting Camp für Deutschland zum ESC geschafft. Lohnt sich der Aufwand in dieser Hinsicht?

TS: Wir haben allen Teilnehmer*innen Diskretion zugesichert, aber da eine ganze Reihe der Songs eine erfolgreiche Reise angetreten hat – sei es als Single ohne ESC-Bezug, sei es als Lied für ein anderes Land – ja. Denn allein in Malmö sind letztes Jahr für diesen ESC einige Ohrwurm-Songs entstanden, von denen man noch hören wird – vielleicht bald schon….

Sie haben der Öffentlichkeit voraus, den Song und auch die von Jendrik entwickelte Inszenierung zu kennen. Was halten Sie für die herausragenden Stärken des deutschen ESC Beitrags?

AW: Inhalt, Präsentation, Fröhlichkeit…

TS: Übrigens: die Inszenierung entsteht als Teamwork: im Kern arbeiten daran Jendrik, unser Regisseur Povilas (Varvuolis, verantwortlich auch für „Pabandom iš naujo“ 2020 und 2021), Choreograph Marianas (Staniulénas), Barbora, die den Media Content auf der LED-Wand entwickelt, Lauras (Luciunas, Leitung Creative Industries in Litauen) und Werner (Klötsch, Geschäftsführer Digame), Alex und ich.

Hinzufügungen in Klammern durch ESC kompakt

Sie haben kurz vor der Bekanntgabe von Jendrik als deutschen Act für den ESC ein Bild eines litauischen Ü-Wagens auf Twitter gepostet mit dem Text „recording of final videos for our juries | help from lithuania“. Was hat es damit auf sich?

TS: Nach dem Sieg von The Roop mit ‚On Fire‘ vergangenen Mai in der Elbphilharmonie bin ich mit den Künstlern und ihren Kolleg*innen von Creative Industries in Vilnius in einen Dialog gekommen, besonders mit Lauras Luciunas, dem Kopf der Firma. Daraus entstand das Ziel, mit dieser Truppe arbeiten zu wollen. Und zugleich wollten wir den Jurys bei der finalen Entscheidung eine weitere Ebene anbieten: welche Bühnenpräsenz haben unsere Kandidat*innen?

Diese Show, denn es war wie eine Show unter allerheftigsten Corona-Bedingungen – moderiert von Alina Stiegler – bei der alle Finalist*innen ihre Songs performten, haben wir mit unseren Freunden aus Vilnius produziert: Ü-Wagen, Bühne, Kamera, Regie, Licht, Media Content auf der LED Wand.

Das Hauptargument dafür, dass es in Deutschland keine Vorentscheidung mehr gibt, ist, dass sich viele Künstler keiner offiziellen Vorentscheidung stellen wollen. Denken Sie, dass das auch für Ben Dolic und Jendrik gilt und zeigt die Entscheidung der Jurys für diese beiden nicht, dass es gar keine großen Namen im Auswahlprozess braucht?

AW: Große Namen braucht es nicht unbedingt – und gleichzeitig wollen wir vermeiden, dass unsere Finalist*innen, und da waren schon ein paar Knaller dieses Jahr dabei, als Verlierer vom Platz gehen. So können die, die mögen, 2022 wieder, frei von Altlasten, mitmachen. Wir haben die Kandidat*innen des Jahrgangs 2021 übrigens explizit nach ihren Erfahrungen im Auswahlprozess befragt. Momentan befürwortet etwa die Hälfte der Befragten noch die Anonymität. Und fast alle würden gerne auch im nächsten Jahr wieder mitmachen.

Wie sind sehr gespannt auf die Songpräsentation am 25. Februar 2021. Was ist exakt geplant und wie geht es danach weiter?

AW: Coronabedingt gibt es nur eine virtuelle Pressekonferenz, in der sich Jendrik noch einmal vorstellt, sein Video präsentiert und sich gemeinsam mit Thomas und mir den Fragen stellt. Wir arbeiten hier also mit kleinem Besteck. Umso mehr freuen wir uns über die offizielle Videopremiere in der ARD um 17:50 Uhr und kurz vor der „tagesschau“. Jendrik selbst wird am Folgetag in der „NDR Talk Show“ auftreten und dort mit Sicherheit auch die Ukulele auspacken. In der ARD Mediathek wird es ab dem 26.02. eine ausführliche Reportage geben, die sich intensiv mit der Person Jendrik befasst und natürlich darf man sich auf seinen ersten großen TV Liveauftritt bei den „Schlagerchampions“ am 27.02. freuen.

Bis zum 26. März 2021 besteht für jedes ESC Teilnehmerland die Verpflichtung, ein Live-OnStage-Video einzureichen – für den Fall, dass es pandemiebedingt nicht möglich sein wird, dass die Delegationen nach Rotterdam reisen. Ist das deutsche Video schon produziert und wenn nicht, wann und wo wird das Geschehen und wie wird das Video aussehen?

TS: Das Video wird Anfang März in Vilnius produziert: es gibt dort eine große Eishockeyhalle, die pandemiebedingt leer steht, und Creative Industries baut eine große Bühne, die sich in einer idealen Welt ein paar Länder teilen können – auf diese Art und Weise bekommen wir für ein immer noch erhebliches Investment eine Qualität, die wir, wenn wir es in Deutschland alleine machen würden, kaum bezahlen könnten, weil man davon sehr viele Sendeminuten in allen möglichen Genres herstellen könnte: Hallenmiete, Bühne, Licht, LED Wand, Ü-Wagen – je nachdem, wie lange man das alles braucht, ist man schnell bei sehr amtlichen sechsstelligen Summen.

AW: Lasst euch bitte überraschen. Jendrik selbst ist der wichtigste Teil der Inszenierung und wir arbeiten mit dem Team von Creative Industries daran, ihm den perfekten Rahmen für seine Performance zu schaffen.

Ist ein Choreograph für Jendriks Auftritt in Rotterdam engagiert? Haben Sie schon eine konkrete Vorstellung, wie der Bühnenauftritt aussehen wird?

TS: Der Choreograph ist Marijanas Staniulénas, der bei „Discoteque“ von The Roop in Rotterdam mit auf der Bühne stehen wird – cooler dude, war vorletztes Wochenende fünf Tage für Proben mit dem Team in Hamburg.

Wird Jendrik alleine auf der Bühne stehen?

AW: Er wird nicht alleine auf der Bühne stehen. Das Peace-Zeichen spielt eine Rolle und natürlich seine Backings. Näheres verrät euch Jendrik vermutlich noch selbst.

Sie haben beide  an verschiedener Stelle „Überraschungen“ für die Fans angekündigt. Mögen Sie das konkretisieren?

TS: Mit den Videos von Jendrik – und ich warne jeden, der mit ihm zu tun haben wird: Jendrik nimmt alles auf – wollen wir einen Blick hinter die Kulissen geben. Der Song ist eine Überraschung. Das Team, in dem die Inszenierung entsteht, ist neu, die beiden Videopremieren des Songs im Ersten. Es wird in der ARD Mediathek eine intensive Begleitung geben, unter anderem mit einer knapp halbstündigen Reportage hinter den Kulissen…

Coronainduziert sind die Möglichkeiten, für Jendrik europaweit Aufmerksamkeit zu erzeugen, in diesem Jahr eingeschränkt. Was ist geplant? Welche nationalen oder internationalen Promotion-Termine wird Jendrik in den kommenden Wochen absolvieren?

AW: Im Moment planen wir erst einmal verschiedene nationale TV- und Radio-Promotion-Termine. Zusätzlich steuert Eurovision.tv diverse Social Media Aktivitäten, die auch international ausgestrahlt werden.

Bleibt es dabei, dass der ESC 2021 gemeinsam von Peter Urban und Michael Schulte (hier gibt es ein aktuelles Interview mit Michael) für die ARD kommentiert wird?

TS: Ich hoffe, aber wir müssen abwarten, was die EBU in den kommenden Wochen zur Umsetzung in Rotterdam entscheiden wird.

Der NDR hat bekanntgegeben, in den nächsten vier Jahren 300 Mio. Euro einsparen zu wollen. Einzelne Rückkopplungen auf den ESC sind feststellbar, z. B. ist die Position des ARD Teamchefs nach dem Wechsel von Christian Blenker nach Stockholm (zumindest bislang) nicht nachbesetztworden. Welche Budgeteinsparungen in Bezug auf den ESC 2021 konnte der NDR weiterhin realisieren?

TS: Wir waren 2020 einfach in der glücklichen Position, dass wir zu dritt mit Christian und Alex personell gut aufgestellt waren. Die Elbphilharmonie, Sendeplätze, die Diskussionen mit der EBU und unseren Freunden in Rotterdam habe ich geführt, parallel hat Christian wahnsinnig viel für die Show aus der Elbphilharmonie getan, damit es sie überhaupt geben konnte, und ohne Alex wären zum Beispiel keine internationalen Künstler*innen unter Lockdown-Bestimmungen nach Hamburg gekommen. Dieses Jahr machen Alex und ich gemeinsam, und 2022 wird Alexandra das mit ihrem Team sehr souverän stemmen. Also das hat nichts mit den Kürzungen zu tun.

Gekürzt haben wir das Geld für die Reeperbahn 2021 – wir bekommen derzeit keine Genehmigung für eine Open-Air-Veranstaltung, auch nicht an einem anderen Ort – wir hätten es gerne vor dem Schellfischposten gemacht, wo „Inas Nacht“ entsteht. Keine Chance. Also machen wir das etwas kleiner und leider pandemiebedingt ohne Publikum aus einem unserer Studios, dafür aber unter anderem mit einem großartigen Künstler und seiner Band, der eine ESC-Geschichte hat und bei uns Musik machen wird…

Wird es bezogen auf das ESC Engagement der ARD in den nächsten Jahren weitere Einsparungen geben müssen?

TS: Ich würde mir eher wünschen, dass der ESC eine gemeinsame ARD Anstrengung wird.

Viele Fans sind traurig, dass es auf Eurovision.de in diesem Jahr keine Songschecks in der bisherigen Form mehr geben wird, was ebenfalls mit den o. g. Einsparungen begründet wird. Welche weiteren Rückkopplungen haben die notwendigen Budgetrücknahmen für Eurovision.de und weitere ARD/NDR ESC-Formate und -Aktivitäten?

TS: Es ist so, dass wir sogar an mehreren anderen Stellen höhere Aufwendungen haben, unter anderem um den Gesundheitsschutz zu gewährleisten – z. B. auch mit der zusätzlichen kleinen Show im Palladium, mit der Inszenierung für Rotterdam und durch das Backup-Video.

Sie treten zum 1. Mai dieses Jahres ihre neue Aufgabe als Degeto-Geschäftsführer an. Der ESC 2021 findet erst drei Wochen später statt. Werden Sie den ESC in diesem Jahr noch vollumfänglich verantworten? Wie wird ein notwendiger Übergang organisiert?

TS: Ich werde vom 12. bis zum 23. Mai in Rotterdam sein und in der Proben-freien Zeit meine Degeto -Videokonferenzen machen.

Es sind durch ihren Wechsel zur Degeto gleich drei Jobs neu zu besetzen – der des NDR Unterhaltungschefs, der des ARD Unterhaltungskoordinators und der des obersten ESC Verantwortlichen beim NDR. Wird es einen oder mehrere Nachfolger für diese Aufgaben geben und wann wird das bekanntgegeben?

TS: Darüber wird der NDR bzw. die ARD sicher bald informieren. Sie werden verstehen, dass ich nicht derjenige bin, der über die – in meinen Augen übrigens sehr überzeugende – Nachfolge informiert – aber eine exzellente und verlässliche Konstante gibt es: Alexandra Wolfslast als HOD und ihr Team aus Assistenz und Produktion. Und über eines bin ich auch ganz zuversichtlich: meine Kolleg*innen arbeiten schon an guten Ideen für 2022.

Werden Sie dem ESC auch nach 2021 in irgendeiner Form verbunden bleiben? Gibt es mglw. sogar Netflix-Style („The Story Of Fire Saga“) Degeto-Produktionen mit ESC Bezug?

TS (lacht): …. das weiß ich nicht. Aber vielleicht mal eine Produktion, in der ein Jendrik Sigwart mitspielt, oder für die ein Michael Schulte Musik schreibt, oder ein Roman Lob oder eine Elzbieta Steinmetz….

Liebe Alexandra Wolfslast, lieber Thomas Schreiber, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Weitere neue Impressionen aus dem ESC-kompakt-Fotoshooting mit Jendrik (Copyright Volker Renner, viel mehr Bilder und Insights von Jendrik gibt es hier)


133 Kommentare

  1. Selbst wenn Jendrik das jetzt live so richtig raushaut und ne absolut erstklassige Performance bringt. Wie kann das Bitteschön 11,82 von 12 Punkten im Durchschnitt bekommen haben? Das ist – jetzt mal fernab der aufgesetzten Message – doch Musik die vielleicht vor Jahrzehnten gehört wurde?

    Wurde jetzt wirklich nur die Performance bewertet und so überhaupt nicht auf den Song geachtet?

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