Wildcards, Nachrücker, Rückkehrer: Die Liebe der ESC-Fans zu den Außenseitern

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Dass die deutschen ESC-Fans ein Herz für Acts haben, die als Außenseiter gelten, ist schon bekannt. Die vielzitierten Beispiele dafür sind Elaiza (2014) und Ann Sophie (2015), die sich beide zunächst in einem kleinen und medial wenig beachteten Clubkonzert durchsetzen mussten, bevor sie überhaupt an der deutschen Vorentscheidung teilnehmen durften. Dort wiesen sie dann bekannt Acts wie Santiano, Unheilig, Laing und Alexa Feser in die Schranken und sicherten sich so das Ticket zum Eurovision Song Contest. (Selbst wenn man einrechnet, dass Andreas Kümmert 2015 eigentlich gegen Ann Sophie gewonnen hat, ist es doch ein großer Erfolg, dass sie es gegen die etablierte Acts ins Superfinale geschafft hat.)

Neu ist in diesem Jahr aber, dass es auch in den anderen Länder eine große Faszinationen für explizite Außenseiter zu geben scheint. Besonders auffällig ist diese Häufung bei den Big 5 und Gastgeber Israel, also den sechs bereits für das Finale gesetzten Ländern. In Italien musste sich Mahmood zunächst über den Newcomer-Wettbewerb „Sanremo Giovani“ (sozusagen das italienisches Clubkonzert…nur anders) qualifizieren, bevor er am großen Sanremo-Festival teilnehmen durfte und dort letztendlich gewann. In Israel war Kobi Marimi bereits bei „The Next Star“ ausgeschieden, als die Band Shalva ihre Teilnahme am Finale absagte und er doch noch nachrücken und die Show gewinnen konnte. In Deutschland wurden S!sters zwei Monate nach den anderen Künstlern und damit eineinhalb Monate vor der Sendung als siebter Act für „Unser Lied für Israel“ bekannt gegeben, weil hier – ebenfalls anders als bei den anderen sechs Acts – zunächst der Song „Sister“ als möglicher Vorentscheidungstitel feststand und dann zwei Sängerinnen für diesen Song gesucht wurden. (Auch in Spanien wurde Miki bei Operación Triunfo übrigens nur Sechster, gewann aber später die Eurovisions-Gala. Trotzdem liegt dieser Fall etwas anders als die anderen und bleibt hier deshalb unberücksichtigt.)

Wenn man berücksichtigt, dass es in Großbritannien, Spanien und Frankreich keine Wildcards oder Nachrücker gab, haben also in 100% der möglichen Fälle die vermeintlichen Außenseiter gewonnen. Warum ist das so? Oder ist die spätere Nominierung bzw. Bekanntgabe am Ende gar kein Nachteil, sondern eher ein Vorteil? Hier sind sechs mögliche Erklärungsansätze:

Zufall

„Alles Zufall“, wird jetzt sicherlich der eine oder andere sagen. Die genannten Acts hatten eben einfach das beste Gesamtpaket und haben deshalb überzeugt. Aber kann das bei diesem hohen Prozentsatz wirklich der Fall sein? Statistisch ist das eher unwahrscheinlich. Auch die hohe Wildcard-Sieger-Quote bei den Vorentscheidungen in Deutschland (s. oben) spricht eher gegen diese Theorie. Aber: Wenn wir ehrlich sind – wer außerhalb der ESC-Fankreise bekommt überhaupt mit, dass ein Acts erst nachträglich für eine Vorentscheidung nominiert oder später bekannt gegeben wurde? Das würde dann doch wieder für den Zufall sprechen.

Der psychologische Ansatz

Vielleicht gelten Nachrücker tatsächlich eher als Außenseiter auf den Sieg und können deshalb unbeschwerter auftrumpfen. Sie sind vielleicht nicht dem gleichen Druck ausgesetzt, wie die haushohen Favoriten oder etablierten Acts. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu verlieren und können einfach ihr Ding durchziehen. Vielleicht werden sie von Fans und Journalisten im Vorfeld sogar übersehen, schweben unter dem Radar und können dann in der Show eigentlich nur positiv überraschen.

Der Erwartungsansatz

Ein ähnliches Muster könnte es umgekehrt auch auf der Seite der Zuschauer oder der Jurys geben. Sie erwarten nichts oder wenig von dem Act und können eigentlich nur positiv überrascht werden. Von Künstlern, an die man hohe Erwartungen hat, kann man dagegen leichter enttäuscht werden.

Der Bekanntheitsansatz

Dieser Ansatz trifft zwar nicht auf alle hier geschilderten Fälle zu, ist aber zumindest im Hinblick auf den Sieg von Mahmood und die deutschen Wildcards in den Jahren 2014 und 2015 interessant: Auch wenn die Songs in den „Vorrunden“ nicht immer die gleichen waren wie die, die die Künstler dann anschließend bei der Vorentscheidung präsentiert haben, so kann man doch davon ausgehen, dass ein Teil der Zuschauer sowohl zu dem Act als auch zu dessen Musik eine Bindung aufgebaut hat. Man findet ihn oder sie vielleicht sympathisch und ist deshalb empfänglicher für den Vorentscheidungsauftritt. Mit unter anderem einem ähnlichen Argument wird immer mal wieder das (auffällig häufige) schlechte Abschneiden der Big 5 beim ESC begründet. Sie müssen sich nicht erst im Halbfinale beweisen, sind den Zuschauern deshalb vor dem Finale noch nicht bekannt und haben deshalb einen Wettbewerbsnachteil.

Der Außenseiterbonus

Denkbar ist aber auch, dass die Zuschauer sogar für die Außenseiter stimmen, eben gerade weil sie Außenseiter sind. Vielleicht glauben sie, diese Acts hätten keine Chance gegen die Etablierten und bräuchten deshalb spezielle Unterstützung. Im Gegensatz zum Erwartungsansatz findet die Unterstützung hier ganz bewusst statt, gerade weil es um einen Außenseiter geht.

Der „Das-letzte-Prozent“-Ansatz

Vielleicht sind Nachrücker oftmals diesen einen Tick besser als die anderen Acts, weil sie sich ihrer Außenseiterrolle bewusst sind. Das könnte sie dazu motivieren, doch noch die eine Probe mehr zu absolvieren, die kleine Änderungsidee für den Song oder die Performance noch umzusetzen oder sich generell empfänglicher für Tipps zu zeigen. Sie wollen vielleicht einfach noch den letzten Schritt gehen, um das Bestmögliche rauszuholen.

Wahrscheinlich ist es wie so oft im Leben eine Mischung aus den genannten Gründen, die für die auffällige Häufung der VE-Nachrücker und -Wildcards unter den diesjährigen Big 6 sorgt. Oder haben wir eine mögliche Erklärung übersehen? Welchen Ansatz haltet ihr für den überzeugendsten? Sagt es uns in den Kommentaren.



26 Kommentare

  1. Naja, in Italien war es die seltsame Jury am Finalabend die irgendwas gegen Ultimo und Il Volo hatte, die Mahmood den Sieg ermöglicht hat.

    • Guter Punkt. Bei Jurys können die genannten Effekte teilweise natürlich noch stärker sein, eben weil es sich um eine kleine Gruppe handelt, die mit dem Thema vielleicht sogar etwas vertraut ist, und eben nicht um Millionen von Zuschauern, die sich ansonsten wenig für den ESC interessieren. Ich mache das nochmal deutlicher.

  2. Der Abgrenzungsansatz

    Neben dem Underdog-Effekt tendiert das Publikum nicht nur dazu, etwas zu mögen, sondern auch auszuschliessen, was es NICHT mag. Die Stimmen des vorfestgelegten Publikums fehlt bekannteren Acts, von denen man weiß, wofür sie stehen, die (in vielen Köpfen) vorbelastet oder kategorisiert sind – oft gekoppelt mit dem Inside/Outside-ESC-Schema bei Teilen des Publikums.

    Wenn aber, wie bei ULfI, die Teilnehmer insgesamt relativ unbekannt sind, würde ich die Beispiele aus dieser Diskussion herauslassen.

  3. Wir befinden uns hier im Reich der Spekulationen und der Orakelbefragungen. Was soll’s? So genannte Wildcards haben sich im Wettbewerb auch behaupten müssen. Vielleicht geben sie sich halt mehr Mühe als etablierte Acts. Im Umkehrschluss könnte man Vorentscheidungen ganz sein lassen., jedenfalls in Deutschland. Das Verfahren wurde bereits im zweiten Jahr des Bestehens kurzerhand ausgehebelt mit dem vom NDR gewünschten Ergebnis. Nichtsdestotrotz wünsche ich den Mädels, äh „S!sters“, viel Glück.
    Aber offensichtlich glaubt man da auch nicht mehr an den großen Wurf, denn anders kann ich mir das große Schweigen im Walde (Medien) nicht erklären.
    Bei etablierten VE wie in Schweden oder Italien wäre eine Direktnominierung aber eine mittelschwere Katastrophe auf die mehrstufigen Auswahlprozesse zu verzichten, egal wie die Teilnehmer letztlich zustandekommen. 😁

    • In Schweden gibt’s ja seit Jahren eine Wildcard: Der Sieger von P4 Nästa bekommt einen festen Startplatz im Semi – und ist von dort bisher nie auch nur in die Andra Chancen gekommen. Hat auch viele Gründe, zeigt aber, dass zumindest den Schweden eine solche Nominierung furzegal ist und nur der Auftritt zählt.

      • Stimmt nicht ganz, denn die Gewinner des Jahres 2018 waren Spring City mit dem Titel „Back on our streets“ die Gewinner von P4 Nästa, verzichteten aber auf ihren Startplatz beim Melodifestivalen dieses Jahr.

        https://de.wikipedia.org/wiki/Melodifestivalen_2019

        Gleiches gilt auch für Patricia Birgersson, die im Finale Spring City unterlag. Den Platz bekamen dann die Lovers of Valdaro.

      • Na klar, ist das in Schweden egal. P4 Nästa hat noch nie einen Finalisten hervorgebracht. Das liegt aber auch an der guten Vorauswahl der 27 anderen Teilnehmer vom Christerteam und an dem mehrstufigen Verfahren mit den 6 Shows. Da kennt man die Finalistensongs nicht erst einen Tag vor der Show. Überhaupt kann man das mit der Geheimniskrämerei in Deutschland bis einen Tag vor der Show kaum vergleichen, wo dann nur der Liveauftrit zählt.

      • Zeigt das nicht eher Ressentiments gegen Wildcards. Ich weiß zwar nicht, wie lange es diese Wildcards gibt, aber rein statistisch gesehen muss doch irgendwann auch einmal einer weiterkommen.

    • @Porsteinn
      Die Wildcardteilnehmer von P4 Nästa treten beim Mello aber mit einem neuen Song an. Das ist dann eher B-Ware. Aber die beiden Jungs „Lovers of Valdaro“ sehen wir bestimmt mal wieder. Die sind mittlerweile ziemlich beliebt in Schweden. Ressentiments gibt es da eher nicht.

    • Stimmt, in Deutschland kann man sich den Wettbewerb sparen, da der @NDR sowieso entscheidet, wen er haben will. So unfair, wie es bei ULfI zugegangen ist wird künftig kein ernst zu nehmender Künstler mehr für einen Vorentscheid antreten.

  4. Mein Ansatz: Es ist „spannender und cooler“!
    Wenn z.B. nur „etablierte“ Sänger an der deutschen VE teilnehmen (ein Feld z.B. aus Namika, Revolverheld, Tim Bendzko, Alice Merton und BossHoss), dann würde man wahrscheinlich alle kennen und sie wären alle recht erfolgreich in der Musikszene, aber gerade das ist dann doch ein bisschen „langweilig“. Kommt dann auch nur ein Kandidat, der etwas unbekannter oder „anders“ ist, sagen viele Zuschauer vielleicht „oh, guck mal, wer ist das denn? Noch nie gehört. Was kann der so? Welche Musikrichtung macht der denn? etc.“ D.h. ich drehe eigentlich die hier oft vorgetragene Beklagung „es würden keine etablierten Künstler teilnehmen, wir wollen aber große Namen“ einfach um und behaupte, in einem Feld aus Etablierten ist der eine Unbekannte viel spannender und wird alleine deshalb schonmal viele Stimmen bekommen, weil es das Überraschungsmoment am Abend ist (sofern er natürlich einen schönen Auftritt hinlegt). Es ist einfach irgendwie „cooler“, den „Neuen“ zu nehmen 😀

  5. Unheilig haben damals u.a. gegen Elaiza verloren, weil die Zuschauer, auch die im Saal, sie nicht WOLLTEN. Man konnte es in der Halle mit den Händen greifen, dass die Stimmung sich gegen sie gedreht hat. Dass dann das zweite vorgetragene Lied von Unheilig in das Superfinale kam, lag ja auch daran, dass der geneigte Zuschauer eine Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege hat, s. hierzu auch Levina, Andreas Kümmert, und erste Lieder sofort wieder vergisst. Elaiza war da die Ausnahme, deren zweites Lied wollte keiner, weil Is It Right? schlicht besser war. Und warum nun diesen Schwestern in diesem Jahr „gewonnen“ haben, darüber schweigen wir lieber.

    • @cars10 weil der @NDR es so wollte. Es wurde in der Presse auch auch im Netz genug darüber geschrieben, deshalb spare ich mir das an dieser Stelle. Mir fairen Wettbewerb hatte es nichts zu tun. Man nennt das auch KLÜNGEL. Die eine Schwester ist background Sängerin bei @Lena Mayer-Landruth (die ihre Fans aus der Maske während des televoting aufruft, für Ihre Sängerin zu Voten! ) die andere wird protegiert von Revolverheld @Strate der als Mitglied der ESC-Jury 12 Punkte an die Sisters vergibt. Noch Fragen ….?

      • Wie wär’s mit: kann es sein, dass Du dich hier immer nur meldest, wenn man auf dem ach so geschobenen deutschen Vorentscheid rumhacken kann?
        Oder: bist Du vielleicht einer dieser muckeligen Aly Ryan Supporter, die nicht einsehen wollen, dass ARs Performance die Erwartungen enttäuscht hat?

        Ich räume gerne ein, dass die bekannten Umstände womöglich das Zünglein an der Waage waren, aber dann hätte Makeda gewonnen, was Dir vermutlich auch nicht lieber wäre und – ich lehne mich mal aus dem Fenster – in Tel Aviv oder den Charts auch keinen Unterschied gemacht hätte.

  6. Auffällig finde ich auch, dass in Deutschland fast immer Acts aus dem Sendegebiet des NDRs selbst gewinnen:
    2015: Ann-Sophie aus Hamburg
    2016: Jamie-Lee aus Hannover
    2017: (trifft nicht zu) Levina aus Bonn
    2018: Michael Schulte aus Buxtehude
    2019: Carlotta Truman aus Hannover

    • Eine interessante Beobachtung. Ich erweitere mal:
      2014 Elaiza (Berlin)
      2013 Cascada (Bonn)
      2012 Roman Lob (Neustadt, Wied [RLP])
      2011/10 Leina (Hannover)
      2009 Alex Christensen (Hamburg)
      2008 No Angels (Frankfurt, Berlin, Wuppertal & Bulgarien)
      2007 Roger Cicero (Berlin/Hamburg)
      2006 Texas Lightning (Hamburg)
      2005 Gracia (München)
      2004 Max Mutzke (BWÜ)
      2003 Lou (BWÜ)
      2002 Corinna May (Bremen)
      2001 Michelle (BWÜ)
      2000 Stefan Raab (Köln)

      Laura Kästel stammt übrigens aus Königsau (RLP)

  7. @Frederic Das Netz wimmelt von Kritik am Vorgehen des NDR – da bin ich nicht die einzige. Und überall Wunder sich Blogger aus anderen ESC Ländern über Deutschlands Sister Act.
    Gegenfrage: hast du keine besseren Argumente, vielleicht Mitarbeiter von Thomas Schreiber ?😂😂😂 ach ja: ich bin ESC Fan und hätte mir gewünscht, dass ein fairer Wettbewerb stattgefunden hätte, dann könnte ich durchaus damit leben, dass nicht alle meine liebe für wearyourlove teilen.

  8. Noch gibt es bei den Buchmachern nicht die Wette „Letzter Platz“, allerdings bin ich mir ziemlich sicher, daß Deutschland dann wieder auf dem ersten Platz liegt.

  9. Ich hatte übrigens vor einigen Tagen einen Albraum: Sisters sind bei EiC in Amsterdam aufgetreten und nach ihrem Auftritt wurden sie von den Zuschauern ausgebuht und mit Sitzkissen beworfen! Hinter der Bühne hatten die beiden dann einen Nervenzusammenbruch! Drückt mal die Daumen, daß es dazu nicht kommen wird.

    • Ohje, klingt ja grausig. Aber gibt es beim EiC in Amsterdam überhaupt Sitzkissen? 😂 Ich hab gerade nur Bilder der Londoner Party im Kopf, da stehen die Leute doch. Dann bliebe der Teil ja definitiv aus! 🙂

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