Long Live Love: Eine stille Verbeugung vor Olivia Newton-John

Sie war schon ein (US-)Superstar, als sie 1974 beim ABBA-ESC in Brighton für ihr Heimatland Großbritannien antrat (sie wurde 1948 in Cambridge geboren – als sie fünf Jahre alt war, wanderte ihre Familie nach Australien aus). Olivia Newton-John belegte einen guten 4. Platz, aber ihren (biederen) Song „Long Live Love“ hat sie nie sonderlich gemocht und ihr Kleid (siehe Aufmacherbild) – heute ein 70er-Jahre-Signature-Outfit – mochte sie auch nicht.

Groß und früh erfolgreich wurde Livvy (wie ihre Fans sie in den 70ern nannten) vor allem mit Coversongs wie „If Not For You“ von Bob Dylan oder „Take Me Home, Country Roads“ von John Denver. Das Country-Standardwerk „Banks of the Ohio“ gab es sogar auf deutsch: „Unten am Fluß, der Ohio heißt“. Anders als ABBA oder Céline Dion, denen der ESC zum internationalen Durchbruch verhalf, feierte Olivia Newton-John bereits 1973 und 1974 vor ihrer ESC-Teilnahme Millionenseller in den USA wie „Let Me Be There“ und „I Honestly Love You“.

Wer (wie der Autor dieser Zeilen) in der zweiten Hälfte der 70er sozialisiert wurde, verbindet mit Livvy eine offene oder zuweilen auch verborgene Leidenschaft. Das lag vor allem an zwei Musicalverfilmungen – dem ikonischen „Grease“ von Produzent Robert Stigwood (mit den heutigen TikTok-Favoriten „You’re The One That I Want“ und „Hopelessly Devoted To You“) und dem Trash-Musical „Xanadu„, gleichzeitig dem letzten Hollywood-Film von Gene Kelly.

So unterschiedlich die beiden Filme von den Kritikern aufgenommen wurde („Grease“ wurde gefeiert, „Xanadu“ zerrissen), so (kommerziell) erfolgreich waren die Soundtracks beider Produktionen – und zwar bis heute. Ich habe mir erlaubt, hier den (subjektiven empfunden) allerschönsten Titel vorzustellen: „Magic“ vom Xanadu-Soundtrack war 1980 neben „Call me“ von Blondie und „Another Brick in the Wall“ von Pink Floyd weltweit der erfolgreichste Song des ganzen Jahres.

Es ist unmöglich, in diesen Abschiedszeilen alle Erfolgsstationen von Livvy vollständig abzubilden, unterschlagen möchte ich aber keinesfalls, dass Livvy ABBA (die im Livvy-ESC-Jahr 1974 den Sieg in Brighton davongetragen hatten) maßgeblich zu ihrer Popularität in den USA verholfen hat, in einem TV-Special für ABC, in dem auch Andy Gibb („I Just Want To Be Your Everything“) dabei gewesen ist, der wie Livvy viel zu früh von dieser Welt Abschied genommen hat.

Zwei unverzichtbare Songtitel aus dem Newton-John-Erfolgsportfolio möchte ich noch touchieren. Das ist zum einen „Physical„, mit dem sich Livvy 1981 (neben Jane Fonda) zu einer Ikone der Aerobic-Bewegung machte und gigantische zehn Wochen an der Spitze der Billboard-US-Charts stand. Und „Xanadu“ – der Titelsong des gleichnamigen Musicals ist heute noch auf jeder Pride-Party in West Hollywood oder Key West in etwa das, was vor zehn oder zwanzig Jahren hierzulande „Er gehört zu mir“ (Dt. VE 1975) war.

Und – wieder subjektiv – zwei Männer dürfen nicht fehlen, wenn man über die großartige Livvy spricht. Enger Weggefährte war und ist John Travolta, ihr musikalischer Counterpart aus „Grease“, der bereits ein Jahr vor „Grease“ in dem maximal unterschätzten „Proletendiscofilm“ (taz) „Saturday Night Fever“ (ebenfalls produziert von Robert Stigwood) zum weltweiten Sexsymbol geworden war. SNF (basierend auf einer sensationell gut geschriebenen Reportage aus dem New York Magazine) ist für mich der beste US-Film ever, ever, ever. Als sich John Travolta von Livvy heute auf Insta mit „Dein Danny“ verabschiedete, schossen mir die Tränen in die Augen.

Fast vergessen ist heute mein damaliger persönlicher „teenage crush“, der atemberaubend gut aussehende Matt Lattanzi (siehe Foto), den Livvy am Set von „Xanadu“ kennenlernte und den sie 1984 heiratete. Mit Matt bekam Livvy 1986 die Tochter Chloe, die wie „Danny“ social-media-öffentlicht herzzerreißend von ihrer Mama und gleichzeitig ihrem „best friend“ Abschied nahm.

Chloe stand Livvy – wie auch ihr heutiger Ehemann John Easterling – auch zuletzt engagiert zur Seite, als Livvy 2017 erneut an Brustkrebs erkrankte. Erstmals wurde die Erkrankung 1992 diagnostiziert, als Chloe gerade sechs Jahre alt wahr. Ihre 30 Jahre dauernde Auseinandersetzung mit den tückischen Befunden machte Livvy auch zu einer (anderen Betroffenen mutmachenden) Kämpferin in der Sache mit zahlreichen Charity-Engagements.

Am Montagmorgen (8. August 2022) musste Livvy im Kreise von Familie und Freunden auf ihrer Ranch in Kalifornien den Kampf aufgeben. Sie hinterlässt eine Lücke wie kaum eine andere Künstlerin der 70er- und 80er-Jahre. Long Live Love, liebe Livvy, we will be forever hopelessly devoted to you.



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