
Als die European Broadcasting Union (EBU) in der vergangenen Woche verkündete, welche 36 Länder beziehungsweise Rundfunkanstalten beim Eurovision Song Contest 2027 in Burgas teilnehmen werden, war die Republik Irland nicht unter diesen Teilnehmern. Das überraschte wenig, denn auch in Wien 2026 blieb der zuständige Sender RTÉ der Veranstaltung bereits fern. Insgesamt ist in Irland in der öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft viel los. Das betrifft nicht nur die ESC-Teilnahme – oder eben Nicht-Teilnahme -, sondern auch die Förderung von RTÉ. Darauf lohnt sich ein ausführlicher Blick.
Irland befindet sich in einer ungewöhnlichen Doppelkrise: Der öffentlich-rechtliche Sender RTÉ boykottiert den Eurovision Song Contest wegen der Teilnahme Israels, während die irische Regierung RTÉ gleichzeitig 20 Millionen Euro der zugesagten Förderung für den Sender streicht. Die EBU ist in beiden Konflikten präsent – als Veranstalterin des Eurovision Song Contest und als Interessenvertreterin von RTÉ in der Finanzfrage.
Ende Oktober gab es einen Podcast mit RTÉ-Generaldirektor Kevin Bakhurst zum irischen ESC-Boykott. Bakhurst erklärte darin, Irland werde eher nicht zum Eurovision Song Contest zurückkehren, solange Israel teilnehme oder sich die Lage in Gaza und im Westjordanland nicht „sehr erheblich“ ändere. Bakhurst nannte als Begründung die anhaltenden Todesopfer und die humanitäre Krise in Gaza sowie die öffentliche Stimmung in Irland. Er sagte, eine Teilnahme sei für RTÉ „unvereinbar mit dem Gewissen“ gewesen und eine Rückkehr ohne grundlegende Veränderung der Lage oder ohne Israels Ausschluss kaum vorstellbar.
Auf der Seite des irischen Außenministeriums ist die politische Positionierung Irlands als Top-Priorität beschrieben: Das Land setzt auf eine dauerhafte Lösung durch eine Zwei-Staaten-Lösung. Es erkennt sowohl Israels Recht auf sichere Existenz als auch das Recht der Palästinenser auf einen unabhängigen, souveränen Staat an.
Gleichzeitig kritisiert Irland die israelische Politik in den besetzten palästinensischen Gebieten scharf. Genannt werden Landenteignungen für Siedlungen, Zwangsräumungen, die Zerstörung von Häusern, landwirtschaftlichen Gebäuden, Brunnen, Wassertanks, Bäumen und Ernten sowie Bewegungsbeschränkungen und ungleiche Behandlung. So der Bericht beim „Department of Foreign Affairs and Trade“.
Zurück zu Bakhurst: Ob sich sich etwas an der ESC-Teilnahme Israels ändern werde? An der Stelle benennt der RTÉ-Direktor auch Deutschland: Die EBU organisiert den Eurovision Song Contest, kann aber nach Bakhursts Einschätzung Israel nicht ausschließen. Entscheidend sei, dass mächtige Mitgliedssender (darunter die BBC aus Großbritannien, Deutschlands ARD/ZDF-Umfeld, Frankreich und Österreich) eine Teilnahme Israels öffentlich unterstützen.
Bakhurst kritisiert die EBU in diesem Punkt nicht. Er beschreibt sie als Organisation, die zwischen ihren Mitgliedern einen „sehr schwierigen Grat“ wandern müsse: Einerseits gibt es Sender, die Israel ausschließen wollen, andererseits große Mitglieder, die einen Ausschluss ablehnen.
Also versöhnliche Worte gegenüber der EBU? Dass RTÉ nicht direkt die EBU angreift, ist vielleicht nicht überraschend. Immerhin ergreift die EBU gerade Partei für den Sender in der Frage nach dem Geld.
RTÉ finanziert sich nach dem sogenannten Dual-Funding-Modell: aus Rundfunkgebühren, direkten staatlichen Zuschüssen und kommerziellen Einnahmen, also vor allem Werbung.
Nun gibt es aber Dynamiken in dieser Finanzierung: Im Budget 2027 wurden durch die irische Regierung jedoch nur 240 Millionen Euro zugewiesen – 20 Millionen Euro weniger als zugesagt. Dazu veranlasste die EBU Anfang Oktober auch prompt ein Statement:
Die EBU wirft der irischen Regierung vor, ein öffentlich gemachtes, mehrjähriges Versprechen zu brechen. RTÉ habe auf diese Zusage hin Verträge mit unabhängigen Produzenten geschlossen, in irisches Drama, Live-Sport und digitale Angebote investiert und unabhängige Nachrichten weiter ausgebaut. Die EBU verweist auf Artikel 5 des European Media Freedom Act (EMFA). Danach müssen EU-Mitgliedstaaten öffentlich-rechtlichen Medien ausreichende, nachhaltige und planbare Finanzmittel sichern. Eine Förderung, die von Budget zu Budget wieder geöffnet werden kann, sei weder planbar noch sicher.
Wenn die 20 Millionen Euro nicht zurückkommen, trägt RTÉ die unmittelbaren Folgen: weniger Spielraum für Produktionen, mögliche Kürzungen bei Personal, Dienstleistungen oder Programmen und Konflikte mit Partnern, die bereits auf zugesagte Mittel gesetzt haben. Dazu die EBU:
„Die EBU steht an der Seite ihrer Mitglieder RTÉ und TG4 und würde es begrüßen, mit den irischen Behörden an einem Finanzierungsmodell zu arbeiten, das den Standards des European Media Freedom Act (EMFA) entspricht.“
Die EBU und RTÉ stehen in der Sache also Seite an Seite.
Die Finanzierungsdynamiken machen natürlich auch eine potenzielle ESC-Rückkehr finanziell nicht leichter und wir wissen aus anderen Ländern (looking at you, Tschechien), dass finanzielle Gründe ein häufiger Grund für eine ESC-Absage sind.
Irland und der Sender RTÉ haben gerade also mehrere Kühe auf dem Eis. Eine baldige Rückkehr zum Eurovision Song Contest macht das nicht unbedingt wahrscheinlicher. Damit wird EMMY erst einmal der letzte irische ESC-Act gewesen sein.
Aufgrund der Erfahrungen unter früheren Beiträgen, haben die Kommentarfunktion für diesen Artikel abgeschaltet.
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