
Steht ein Act aus Kanada bald auf der Bühne des Eurovision Song Contest – womöglich sogar schon nächstes Jahr beim 70. Geburtstag des Wettbewerbs in Wien? Laut dem kanadischen Finanzminister François-Philippe Champagne sei das dem Land angeboten worden. ESC-Direktor Martin Green hingegen sagte am Montagabend zumindest indirekt, dass der kanadische Sender auf die EBU zugekommen sei. Fest steht: Im Budget der kanadischen Regierung für den öffentlich-rechtlichen Senders CBC/Radio-Canada für die Jahre 2025-2026 gibt es einen Posten mit dem Ziel „eine Teilnahme am ESC zu eruieren.“ Ob es dazu kommt und in welcher Form sich Kanada beim ESC präsentieren dürfte, ist derzeit vollkommen offen.
In der Nacht zum Mittwoch machte in den sozialen Medien ein Screenshot der Budgetplanung der kanadischen Regierung für den Sender CBC (siehe unten) die Runde, der die ESC-Fans aufhorchen ließ: Nach einer Einleitung über die grundsätzliche Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks unter anderem für die kanadische Identität, heißt es dort in einem Unterpunkt:
„Die Regierung wird Möglichkeiten prüfen, den Auftrag von CBC/Radio-Canada zu modernisieren, um seine Unabhängigkeit zu stärken, und arbeitet mit CBC/Radio-Canada zusammen, um eine mögliche Teilnahme am Eurovision Song Contest zu prüfen.“
🇨🇦 The Canadian government, in its 2025 budget released today, has stated it is “working with CBC/Radio Canada to explore participation in #Eurovision.”
CBC/Radio Canada is an associate EBU member and would need an invitation from the EBU to participate. pic.twitter.com/WAEmxhWjK5
— ESC Discord (@ESCdiscord) November 4, 2025
Während dieser reine Fakt offen lässt, woher dieses Interesse am ESC kommt, lieferte der kanadische Finanzminister François-Philippe Champagne in einem Fernsehinterview zu dem Budget am Montag mehr Kontext. Demnach seinen sie gefragt worden „von den Leuten, die daran teilnehmen“. Anschließend führte der Minister aus, warum ein solches Engagement beim ESC für das Land positiv sein könne: „Es ist eine Plattform, auf der Kanada strahlen kann“, so Champagne.
“We have a lot to offer as Canadians”
François-Philippe Champagne, the Canadian finance and revenue minister, speaks about potential Canadian participation in #Eurovision.
He appears to be suggesting that the EBU or participating countries had “asked” Canada to participate… https://t.co/ffyWWajjDc pic.twitter.com/bdQZhh2wYu
— Matthew Joyce (@ItsMatthewJoyce) November 5, 2025
Natürlich lassen die Aussagen sofort die Gedanken zurück in die Jahre 2014 und 2015 gehen, als Australien zunächst einen Pausenact zum ESC nach Kopenhagen entsenden und ein Jahr später in Wien dann auch – zunächst als Ausnahme – einen Act ins Rennen schicken durfte. Nach der Premiere durch Guy Sebastian mit „Tonight Again“ war Australien bei jedem ESC dabei und gehört mittlerweile fest zur Familie – auch wenn immer mal wieder Außenstehende fragen, was der fünfte Kontinent denn mit Europa zu tun habe.
Tatsächlich ist der kanadische öffentlich-rechtliche Rundfunk CBC/Radio-Canada genauso wie der australische Sender SBS ein assoziiertes Mitglied der EBU, der European Broadcasting Union, die den ESC ausrichtet. Beide Länder sind keine vollwertigen Mitglieder, weil sie – anders als etwa Marokko oder Kasachstan – geografisch nicht mit einem Teil ihres Gebiets in der definierten EBU-Zone liegen. Unabhängig davon gibt es eine enge redaktionelle und technische Partnerschaft zwischen diesen Sendern und der EBU.
Anders als Kanada verfügt Australien über eine lange ESC-Tradition, auch wenn das Land vor 2014 nie selbst auf der Bühne der Show stattfand. Der erste ESC, der in Australien im Fernsehen zu sehen war, war 1983 derjenige aus München. Ab 2009 schickte der australische Sender meist auch TV-Kommentator*innen zum jeweiligen ESC-Austragungsort. Derweil wurde der Wettbewerb down under immer beliebter – bis es ab 2015 zur regelmäßigen Teilnahme kam.
Kanada hat diese Tradition nicht, auch wenn es über den französischen Landesteil und viele europäische Einwanderer natürlich einen engen Bezug zur Alten Welt gibt – und damit zum ESC-Gebiet. 2019 begann CBC mit der Übertragung des ESC – allerdings nur auf seinen Streaming-Plattformen CBC Gem (englisch-sprachig) und ICI TOU.TV (französisch) sowie auf Radio-Canada (ebenfalls französischsprachig). Letzteres ist vielleicht nicht so überraschend: schließlich kam mit Céline Dion (Aufmacherbild) die ESC-Siegerin 1988 aus dem französischsprachigen Quebec. Tatsächlich war es auch geplant, dass die Sängerin im Mai diesen Jahres beim ESC in Basel auftritt.
Da die Anregung „eine ESC-Teilnahme zu eruieren“ laut dem kanadischen Finanzminister nicht aus dem eigenen Land gekommen sein soll, wäre die Initiative nicht mit der aktuellen (kulturellen) Entfremdung zwischen Kanada und den USA zu erklären. Vielmehr müsste die EBU oder ein Partnersender das angeregt zu haben. Und was läge da näher als an den ORF zu denken, der ja bereits 2015 mit Guy Sebastian den ersten australischen Beitrag im Wettbewerb hatte. Da könnte man als Verantwortliche*r, der/die damals schon im Dienst war, sicher auf die Idee kommen, hier einem weiteren Land die ESC-Tür zu öffnen. Bei solchen Überlegungen ist der (kulturelle) Weg nach Kanada gar nicht so weit.
Das gilt übrigens nicht nur für Céline Dion. Auch Natasha St-Pier, die 2001 beim ESC in Kopenhagen für Frankreich antrat und mit dem Song „Je nai que mon âme“ den vierten Platz holte, stammt aus Kanada. Sie kommt allerdings nicht aus Quebec, sondern der zweisprachigen Provinz Neubraunschweig aka New Brunswick aka Nouveau-Brunswick.
Martin Green, Direktor des Eurovision Song Contest, hat am Montagabend nun gegenüber dem The Euro Trip bestätigt, dass man sich mit dem kanadischen Sender CBC über eine Zusammenarbeit beim ESC unterhalte. Er drehte in seiner Aussage allerdings den Spieß um und erklärte zumindest indirekt, dass die ursprüngliche Initiative vom dortigen Sender gekommen sei:
„Wir freuen uns immer, wenn wir erfahren, dass Rundfunkanstalten Teil der größten Live-Musikshow der Welt sein möchten. Das Gespräch mit CBC in Kanada befindet sich noch in einem sehr frühen Stadium, und wir freuen uns darauf, unsere Gespräche mit ihnen fortzusetzen.“
🇨🇦 The EBU has confirmed it is in „very early stages“ of discussion with CBC/Radio Canada about potential participation in #Eurovision.
„The Canadian conversation with CBC is in its very early stages and we look forward to continuing our discussions with them.“ pic.twitter.com/ISE2NkfWQO
— ESC Discord (@ESCdiscord) November 5, 2025
Wie findest Du es, dass sich die EBU und CBC über eine Beteiligung Kanadas am ESC austauschen? Welche Form der Integration in die Show könntest Du Dir vorstellen: „nur“ ein kanadischer Pausenact oder ein eigener Beitrag im Wettbewerb? Lass uns Deine Meinung in den Kommentaren da.
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