Konzertbericht: Ein etwas anderer Sommer mit Diodato

Ein Gastbeitrag von ESC-kompakt-Leserin Candy

Wer auf diesen Sommer zurückblickt, denkt sicherlich nicht zuerst an Konzerte – dennoch haben der diesjährige italienische ESC-Vertreter Diodato und sein Team mit der „Concerti di un’altra estate“-Tour eine Reihe von Open-Air-Konzerten der etwas anderen Art organisiert. Insgesamt fanden zehn Konzerte in sieben verschiedenen Städten Italiens statt.

Damit ist Diodato nicht allein, so war beispielsweise auch ESC-2017-Teilnehmer Francesco Gabbani kürzlich auf Akustik-Tour quer durch Italien unterwegs. Auf den Konzerte gelten selbstverständlich, den Umständen entsprechend, strenge Sicherheitsregeln. So gibt es lediglich fest zugeteilte Sitzplätze mit jeweils einem freien Platz Abstand zu fremden Sitznachbarn und beim Einlass werden nicht nur die Tickets gescannt, auch der Temperatur-Scanner wird gezückt.

Bereits Anfang August kam ich in den Genuss, Diodato, meinen persönlichen Sieger des ESC 2020, live erleben zu dürfen – im Teatro Greco in Taormina auf Sizilien. Als nun die finalen Konzerte der Open Air-Tour angekündigt wurden, zögerte ich nicht lange.

Am 7. und 8. September fanden die beiden Konzerte im Schlosshof des Castello Sforzesco im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Estate Sforzesca” in Mailand statt. Beide Konzerte waren ausverkauft, das Interesse an Diodato ist in Italien nach wie vor groß. So durfte er erst am vergangenen Samstag die Abschlusszeremonie der Venediger Filmfestspiele eröffnen, war einer der Künstler des Streaming-Festivals „Heroes“ und hat nach dem verdienten Sanremo-Sieg noch weitere Trophäen verliehen bekommen.

Das Abschlusskonzert am 8. September wird mit der Ballade „Alveari“ aus dem im Februar erschienen Album eingeleitet. Antonio Diodato tritt schlicht, aber sehr stilvoll in einem schwarzen Hemd gekleidet mit seiner Gitarre unter Applaus auf die Bühne. „Alveari“ ist ein ungewöhnlich ruhiges Lied, um ein Konzert zu eröffnen, aber nicht nur textlich ist es eine sehr passende Wahl in diesen Zeiten. So lässt sich der Refrain folgendermaßen übersetzen: “ […] und dann eines Tages zu fallen, eines Tages zu fallen und sich daran erinnern, dass alles so zerbrechlich ist, ein Gleichgewicht, das man leicht verliert. Aber fallen ist nicht sinnlos, fallen ist nicht sinnlos, denn im Fall findet man sich selbst, erinnert sich wieder an das unsichtbare Wesentliche.“

Direkt darauf folgt mit „Un’altra estate“ der namensgebende Titel der Tour, den Diodato während des Lockdowns (den er allein in seiner kleinen Wohnung in Mailand verbracht hat) schrieb und mit dem er ein Zeichen für die Hoffnung, das Licht am Ende des Horizonts, setzt.  „Tu ci credi, Milano?“ ruft er dem Publikum zu. Spätestens, als das Publikum den Refrain mitsingt, kommt echte Konzertstimmung auf; das Eis zwischen Künstler und Publikum ist gebrochen.

Die Live-Band besteht aus Backing-Vocalist Greta Zuccoli, einem Saxophonisten, der zeitweise zur Querflöte wechselt, sowie einem Violinisten, einem Bassisten, einem E-Gitarristen, einem Drummer und einem Keyboarder. Scheinbar hat sich Diodato Musiker und Tontechniker von höchstem Niveau an Bord geholt, denn die Lieder klingen durchgehend hervorragend.

Bei den nächsten Songs darf „Laky“, Diodatos Gitarre (neuerdings mit dem Schriftzug „fai rumore“ verziert), eine Pause einlegen. Schnell wird klar, dass Diodato neben der Musik auch großes Talent zum Tanzen hat, er bewegt sich sehr elegant und leichtfüßig, immer im Fluss mit der Musik.

Ich bin beeindruckt von seiner ausdrucksstarken Bühnenpräsenz, die Musik überkommt ihn regelrecht und reißt ihn mit. Er ist ohne Zweifel ein begnadeter Live-Sänger, selbst die höchsten Töne singt er glasklar und wechselt stets mühelos von sanfter, fast zerbrechlicher Stimme zum umso kraftvolleren Gesang. Man merkt ihm die jahrelange Bühnenerfahrung an, er scheint sich wohl zu fühlen und ist in allem, was er macht, makellos – und dabei trotzdem authentisch.

„Essere Semplice“ singt er im Refrain als Duett mit seinem Publikum – abwechseln, Zeile für Zeile. Mit „Non ti amo più“, einem Anti-Liebeslied, treibt er es noch weiter mit der Publikumsnähe, verlässt die Bühne und läuft zwischen die Publikumsreihen, die mittlerweile ausgelassen tanzen, aber alle brav an ihren Plätzen bleiben.

Die Setlist, die insgesamt 23 Lieder umfasst, lässt kaum Wünsche offen. Wer Diodato für einen reinen Balladenkünstler hält, bekommt an diesem Abend eine ganz andere Seite zu sehen. Insbesondere bei „Ubriaco“ von dem Debütalbum geht es durchaus düster zu, der Sound erinnert an die Bands Muse und Radiohead. Für mich eines der Highlights, denn diese Rockmusik steht Diodato sehr gut. „Ma che vuoi“ trägt außerdem Züge des Rock’n’Roll.

In diesem Zusammenhang verwundert auch nicht der Gastauftritt von Manuel Agnelli, Sänger der Mailänder Rockband Afterhours. Bereits 2014 hatten die beiden ein Cover von „La Voce di Silenzio“ veröffentlicht, neben diesem Stück wird auch ein Cover eines Afterhours-Songs zum Besten gegeben. Die raue Stimmgewalt von Manuel Agnelli bietet einen interessanter Kontrast.

Lediglich am Vorabend hatte es auch ein englischsprachiger Song auf die Setlist geschafft: Ein Cover von Blurs „Out of Time“, als Duett mit Greta Zuccoli. Sie darf heute ein anderes Cover („Grazie dei fiori“) singen. Diodato bleibt dabei auf der Bühne, aber das Licht fällt allein auf Greta, die dieser Aufmerksamkeit durchaus gerecht wird. Mit „Ciao, ci vendiamo“ wird schließlich mit einem Augenzwinkern das Ende des Konzerts angetäuscht, aber natürlich gibt es kurz darauf eine Zugabe.

Der Höhepunkt des Abends ist, im Hinblick auf die vergangenen Monate, natürlich „Fai Rumore“, am Vorabend sogar mit Co-Writer Edwyn Roberts am Keyboard vorgetragen. Stimmlich sowie emotional ist Diodato seinen Sanremo-Auftritten ebenbürtig und die Live-Inszenierung mit Band statt Orchester ist mehr als angemessen. Das ist ganz große Kunst; ein Moment, den man am liebsten für die Ewigkeit festhalten würde. Sobald der letzter Ton erklingt, ertönt tosender Beifall, dann singt die Menge – mittlerweile von ihren Sitzplätzen aufgestanden (aber noch immer mit Mindestabstand) – lautstark den gesamt Refrain, ein wahrhaft magischer Moment. Diodato strahlt und wirkt zutiefst berührt.

Er bedankt er sich bei jedem, der in irgendeiner Weise an der Tour beteiligt war – seiner Live-Band, der Ton- und Bühnentechnikern, auch bei den Team am Merchandise-Stand. Aufgrund fehlender Sprachkenntnisse kann ich dem Geschehen leider nicht ganz folgen. Jedenfalls sorgt er dafür, dass jedem Mitglied der Tour-Crew sowie dem “Estate Sforzesca” -Team vor Ort applaudiert wird und natürlich bedankt er sich auch herzlich bei seinem Publikum.

Nach insgesamt zweieinhalb Stunden findet das Konzert mit „Che vita meravigliosa“ schließlich sein Ende. Diodatos Geste, bei der er sich an die Brust fasst, andeutet, sein Herz herauszureißen und es dem jubelnden Publikum zuwirft, trägt hohen symbolischen Wert. Dieses besondere Konzert, dieses Zeichen gegen die Stille, das ihm selbst sicherlich mindestens genauso viel bedeutet hat wie seinen Zuschauern – es wird unvergessen bleiben.

Eine Weile nach Konzertende sammeln sich Fans am Ausgang des Schlosses. Ein Mädchen aus Frankreich ist ebenfalls vor Ort. Diodato, Covid-19-konform mit schwarzer Maske, nimmt sich trotz später Stunde die Zeit für Fotos, Autogramme und kurze Gespräche. Er wirkt sehr sympathisch, aufmerksam und recht introvertiert. Als ich ihm erzähle, dass ich wieder für seine Konzerte nach Italien gereist bin, freut ihn das sehr. „Next time in France and Germany „, ruft er uns beiden internationalen Fans noch zu. Wir hoffen es – aber selbst, wenn es die Lage nicht zulassen sollte, kann ich seine Konzerte in jeder Hinsicht weiterempfehlen. Italien ist immer eine Reise wert – und ein so grandioser Ausnahmekünstler wie Antonio Diodato ist es sowieso.

Grazie di tutto, Diodato!


6 Kommentare

  1. Wow, vielen lieben Dank für diesen tollen Bericht.
    Ich bin auch ein absoluter Fan von Diodato geworden und finde ihn absolut grandios.
    Wenn es sich irgendwann mal ergeben sollte, werde ich bestimmt mal wieder nach Italien reisen und mir ein Konzert von ihm anschauen.

  2. Ein Fan-Bericht! Ganz toll, posso sentire il fuoco – durch die Zeilen schlagen regelrecht die Flammen 🙂 Ich als alter Grand-Prix-Pyrotechniker kann dazu nur sagen: Brava!!

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.