
Es muss 2005 oder 2006 gewesen sein. Wir waren ein bisschen spät dran, als wir uns dem Gelände des Stockholm Prides im Tantolunden näherten. Ich dachte erst, dass auf der Bühne gerade Pause ist und ESC-Klassiker gespielt werden. Dann kamen wir um die Ecke und sahen die Bühne von vorn: dort stand und sang tatsächlich Nicole ihren ESC-Beitrag „Ein bisschen Frieden“! Über 20 Jahre nach ihrem Sieg in Harrogate. Nicht in Deutschland, sondern in Schweden!
Ich hatte auf der schwedischen Gay-Website QX.se in den Jahren zuvor schon immer mal etwas von diesem „Schlagerkväll“, dem Schlagerabend mit ESC- und Melodifestivalen-Stars, gelesen. Daher wusste ich, dass es hier ein großes Staraufgebot und immer Überraschungen gäbe. Aber „unsere“ Nicole?!
Leider fällt der Stockholmer CSD immer auf dasselbe Wochenende wie der in Amsterdam und der in Hamburg. Da ich bei letzterem viele Jahre aktive und stark involviert war, konnte ich nur ganz selten zum Schlagerkväll nach Stockholm fahren, der traditionell am Donnerstag vor dem Pride stattfindet. Aber jedes Jahr las ich weiter mit Begeisterung davon. Wie schaffen die es nur jedes Jahr wieder, dort so ein buntes und überraschendes Programm für ESC-Fans aus Schweden, aber auch aus anderen Ländern auf die Bühne zu bringen?!
In diesem Jahr war ich wieder einmal dabei. Und um es vorwegzunehmen: der Abend hat nichts von seiner Magie verloren. Wie in früheren Jahren werden viele große Namen vor allem aus dem Mello-Umfeld, aber auch vom ESC vorab vermeldet. Und immer noch gibt es Überraschungen – wie etwa Siw Malmkvist, die ja auch für Deutschland beim ESC angetreten ist – und zwar bereits 1969. Oder Shirley Clamp. Oder Afro-Dite.



Während das CSD-Straßenfest in vielen deutschen Städten – nicht zuletzt in Hamburg – immer am gleichen Ort stattfindet, probiert man in Stockholm immer mal wieder neue Locations aus. Tantolunden, Kungsträdgården, Östermalms Sportplatz – und jetzt das Schlachthausgebiet (Slakthusområde) neben dem Globen, der ESC-Veranstaltungshalle 2000 und 2016. Getrieben wird diese Location-Entscheidung auch von der Stadt Stockholm.

Und das war – um es vorweg zunehmen – der einzige Downer des diesjährigen Schlagerkvälls. Das gilt gar nicht mal für den Eintritt, den man zu zahlen hat. Den ist man in Schweden – im Gegensatz zu den kostenlosen Straßenfesten in Deutschland – seit Jahren gewohnt. Genau dafür bekommt man dann aber auch ein hochkaratiges Bühnenprogramm mit großen Namen.

Problematisch war auch nicht die Location südlich der Innenstadt. Vielmehr war es der viel zu kleine Saal, in dem der Schlagerkväll stattfand. In früheren Jahren war das immer eine Open-Air-Veranstaltung mit einer großen Bühne. In diesem Jahr ließ der Saal maximal vielleicht 2.000 Personen zu. Für andere waren auf dem Festivalgelände zwischen den Hallen oder im Freiluftbereich zwar riesige Monitore aufgebaut. Aber man will die Stars doch live sehen und hören, wenn sie schon einmal da sind!

So standen wir dicht an dicht mit vielen Fans in der Halle und verfolgten das Bühnenprogramm. Die beiden Showhälften wurden von der Coverband Le Crush eröffnet, die professionell und dynamisch ESC- und Mello-Klassiker darboten. Die einzelnen Acts hatten ganz unterschiedliche lange Sets: Cimberly, die dieses Jahr mit „Eternity“ am Melodifestivalen teilnahm, durfte auch nur genau diesen Song präsentieren. Alwin, der in diesem Jahr schon zum zweiten Mal beim Mello angetreten war, konnte auch nur den diesjährigen Beitrag vortragen (und das wegen offensichtlicher In-Ear-Probleme eher schlecht als recht).

Je populärer die Acts, desto mehr Songs konnten sie vortragen – vor allem dann, wenn sie Hits im Gepäck haben, die die Leute begeistern. Lilly & Susie aus den 1980ern etwa. Und später Da Buzz, die in den 90ern ihre Hochphase hatten. Vollends den Saal zum Kochen brachte Andreas Lundstedt, der sowohl mit Solo-Auftritten als auch mit Alcazar beim Mello dabei war. Da kann man als Künstler natürlich aus dem Vollen schöpfen.


Die Aufzählung der Acts zeigt auch: der Schlagerkväll ist auch immer eine Reise in die musikalische Vergangenheit. Es ist also kein EuroClub 2.0 des aktuellen Jahres. Vielmehr hilft es, wenn man schon ein paar Jahre die schwedische Mello-Geschichte verfolgt hat. Nicht ganz überraschend waren im Publikum dann auch mehr GenX- als GenZler.

Aber bei aktuellen Hits macht das keinen Unterschied – und alle feiern gleichermaßen mit. Das gilt für die aktuellen Mello-Beiträge und noch mehr für „Allsång“-Material wie „Genom eld och vatten“ von Sarek, was jede*r Schwede/in zwischen 7 und 70 von vorne bis hinten mitsingen kann.


Und es gilt auch für den ESC-Siegersong. Lange mussten die Fans auf DARA warten. Eigentlich sollte die Show um 0:10 Uhr vorbei sein. Um 0:13 Uhr kam die ESC-Siegerin dann auf die Bühne. Mit ihrer Energie und den positiven Vibes setzte sie dort an, wo Andreas Lundstedt vorher aufgehört hatte. Der Saal tobte. Bei „Curse“ noch verhalten, beim ersten „Bangaranga“ dann richtig. Und beim zweiten „Bangarang“, wofür sich DARA unter die Fans mischte, gab es kein Halten mehr.

In dem Moment waren auch alle Vorbehalte bezüglich der Location vergessen. Gehypt und glücklich verließen die Fans den Saal, andere blieben noch, um zu ESC- und Mello-Hits von Mathias Holmgren zu tanzen. Andere zogen weiter – nach Hause, zur Mello-Party ins Främling oder einschlägigere Gay-Locations.
Man muss es wohl nicht mehr sagen: Wer mit dem Gedanken spielt, den Stockholm Pride einmal live zu erleben, der sollte unbedingt schon am Donnerstagabend beim Schlagerkvällen dabei sein!
Warst Du schon mal beim Schlagerkväll in Stockholm? Wie war Dein Erlebnis? Und könntest Du Dir vorstellen, dass es so einem Abend auch beim einem CSD in Deutschland gibt? Lass es uns in den Kommentaren wissen.
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Nanu, noch keine Kommentare?
Dann fange ich an: Vielen Dank für den Artikel. Man hat das Gefühl mitfeieren zu können. Stockholm ist eine meiner Lieblingstädte, vielleicht sollte ich also wirklich mal zum Feiern dahin fahren.
Doch, deiner!🤓
So ein Abend würde mir beim CSD in Stuttgart besser gefallen, als immer die gleichen unbekannten Pop- und Rockbands auf dem Rathausplatz.
Dazu noch schlecht playback „singende“ Drags…
Gottseidank gibts jedes Jahr auf dem Schillerplatz ein großes DJ Set, wo die Stimmung um einiges besser ist.
Danke für den tollen Bericht. Ich liebe Stockholm einfach seit meinem ersten Besuch in 2014!!
Apropos Allsång: am vergangenen Dienstag waren die diesjährigen Favoriten Linda Lampenius und Pete Parkkonnen zu Gast auf der Bühne im Skansen. Den Auftritt kann man sich bei SVT Play ansehen: https://www.svtplay.se/video/8Zxx2qX/allsang-pa-skansen/oskar-linnros-icona-pop-newkid-lasse-holm-med-flera?video=visa&position=2319 (ca. ab Min 38:38.
Und letzte Woche Dara 😀.
Die Gruppe Da Buzz hatte in den 2000er Jahren und nicht in den 90er Jahren ihre Hochphase, denn sie nahm vor 23 Jahren am Melodifestivalen teil, schieden aber schon in der Vorrunde aus. Zudem hatten sie 2003 mit „Alive“ und 2006 mit „Last Goodbye“ einen Nummer-Eins-Hit in den schwedischen Singlecharts:
https://sv.wikipedia.org/wiki/Da_Buzz
Lili & Susie Päivärinta nahmen 1989 und 2009 am Melodifestivalen teil. Beim ersten Mal belegten sie mit „Okey Okey“ den fünften Platz und 2009 schafften sie es in die Ehrenrunde, schieden darin allerdings mit „Show me heaven“ aus:
https://sv.wikipedia.org/wiki/Lili_%26_Susie
Bei der nächsten Staffel der schwedischen Ausgabe von „Let’s Dance!“ gibt es auch ESC-Bezug: Martinus Gunnarsen, der mit seinem Zwillingsbruder Schweden beim ESC 2024 vertrat, tritt an:
https://www.tv4.se/artikel/5mg3N7Yhwv6WYzcMnHhujS/tva-nya-stjaernor-klara-foer-lets-dance-2026
Ebenfalls dabei ist Melodifestivalen-Debütant Lilla Al-Fadji, der im Finale mit seinem Spaßsong „Delulu“ Achter wurde, ist dabei.
Heute Abend ab 20 Uhr YouTube most watched Videos im Juli 2026:
Und wieder hat es Alexander Rybak nicht geschafft! 🥹
Übrigens wird Sie Malmkvist im Dezember diesen Jahres unglaubliche 90 Jahre alt. Chapeau 🥰