
Schweden wird beim Eurovision Song Contest in Wien von Felicia mit ihrer EDM-Nummer „My System“ vertreten. Am vergangenen Wochenende gewann die 24-jährige Sängerin das schwedische Melodifestivalen. Kurz darauf sorgte sie mit einer Aussage für einen Eklat, der sich seitdem durch die Woche zieht. In einem Interview forderte Felicia den Ausschluss Israels vom ESC und erklärte, sie wolle „dafür sorgen, dass Israel nicht gewinnt“. Die European Broadcasting Union (EBU) reagierte umgehend und kontaktierte den schwedischen Sender SVT. Felicia wurde dabei an die strengen Regeln zur politischen Neutralität beim Eurovision Song Contest erinnert. Auch der israelische Sender KAN erwägt offenbar Konsequenzen. Gleichzeitig meldete sich aus dem Off auch der spanische Sender RTVE zu Wort. Die Ausgangslage: Am vergangenen Samstag gewann Felicia das Melodifestivalen mit ihrem Song „My System“ und sicherte sich damit den Startplatz für Schweden in der ersten Hälfte des ersten ESC-Semifinals am 12. Mai in Wien. Kurz nach ihrem Sieg gab sie Interviews, unter anderem der schwedischen Nachrichtenagentur TT. Darin wird sie mit folgenden Worten zitiert:
„Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, dass Israel teilnimmt. Ich habe darüber nachgedacht, wie ich damit umgehen soll und ob ich überhaupt antreten soll, aber ich habe mich entschieden. Ich gehe hin, und dann werde ich dafür sorgen müssen, dass sie nicht gewinnen.“
Am Montag äußerte sich Felicia erneut in einem Interview mit der schwedischen Zeitung Aftonbladet. Laut diesem Gespräch hat die Sängerin nicht vor, von ihrer Aussage abzurücken, dass Israel ihrer Meinung nach nicht am Eurovision Song Contest teilnehmen sollte. Als Begründung sagte sie:
„Ich finde alles, was mit Krieg zu tun hat, unglaublich unangenehm. Was ist nur los in der Welt? Die Stimmung ist überall so angespannt. Der Eurovision Song Contest ist einer dieser Orte, an denen wir immer gesagt haben, dass es dort so viel Liebe und Wärme geben sollte. Ich wünsche mir einfach, dass die ganze Welt … was machen wir da eigentlich? Wir sind doch alle nur Menschen. Können wir uns nicht irgendwo einigen? Es ist so schwer zu sagen, wenn man von außen zuschaut, aber ich hätte mir das gewünscht.“
In den sozialen Netzwerken löste die Aussage gemischte Reaktionen aus. Von Zustimmung bis zu deutlicher Ablehnung.
Nach dem Finalsamstag wurde auch die EBU tätig und brachte vorsorglich das Eurovision-Regelwerk ins Spiel. In einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber der Redaktion von Kulturnyheterna des schwedischen Fernsehens SVT erklärte Eurovision-Direktor Martin Green:
„Wir haben uns mit SVT in Verbindung gesetzt, um sicherzustellen, dass deren Künstler deutlich an die Regeln und Pflichten erinnert wurde, die nach der Auswahl für den Wettbewerb gelten. Wir werden den Dialog mit allen Beteiligten fortsetzen, um die Einhaltung der Regeln zu gewährleisten und die Integrität und Neutralität der Veranstaltung zu schützen. […] Die Teilnehmer dürfen den Eurovision Song Contest nicht instrumentalisieren oder die Veranstaltung als Druckmittel nutzen, indem sie politische Aussagen machen oder Kontroversen schüren und dadurch vom eigentlichen Zweck der Veranstaltung ablenken, nämlich die Musik zu feiern und die Einheit zu fördern. Der Verhaltenskodex betont außerdem, dass gegenseitiger Respekt zwischen den Künstlern von entscheidender Bedeutung ist.“
Damit lag der Ball wieder auf schwedischer Seite.
„Wir haben bereits darüber gesprochen, aber ich habe deutlich gemacht, dass ich meine Meinung habe und sie auch äußern werde. Dann werden wir gemeinsam nach Lösungen suchen. Wir – ich, die Plattenfirma und SVT – arbeiten jetzt zusammen, daher müssen wir einen Weg finden. Dabei ist es sehr wichtig, dass jeder seine Meinung äußern kann.“
Am Dienstag (also nach dem besagten Treffen) signalisierte SVT selbst Rückendeckung für die Sängerin. Eva Beckman, Programmdirektorin des Senders, betonte, dass die Meinungsfreiheit auch für Künstler gelte, selbst für diejenigen, die am Eurovision Song Contest teilnehmen. „Ich glaube nicht, dass SVT versuchen kann oder sollte, die persönlichen Meinungen unabhängiger Künstler zu kontrollieren“, sagte sie gegenüber Kulturnyheterna.
Damit nicht genug: Laut verschiedenen ESC-Informationsblogs, auf die sich auch SVT und Aftonbladet in der Berichterstattung zur Kontroverse beziehen, reagierte der israelische öffentlich-rechtliche Sender KAN ebenfalls. In einer Stellungnahme gegenüber Eurovisionfun erklärte KAN:
„Die israelische öffentlich-rechtliche Rundfunkgesellschaft arbeitet daran, den Eurovision Song Contest aus jeglicher politischen Diskussion herauszuhalten, und konzentriert sich ausschließlich auf die Musik.“
Berichten zufolge erwägt KAN zudem ernsthaft, eine offizielle Beschwerde bei der EBU gegen die schwedische Vertreterin einzureichen.
Als wären das noch nicht genug Beteiligte in diesem Konflikt, meldete sich auch das spanische Fernsehen zu Wort. Der Leiter des spanischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks reagierte scharf auf die Ermahnung der EBU an Felicia. Auf X bezeichnete José Pablo López das Vorgehen der Europäischen Rundfunkunion als „beschämend“. Seiner Ansicht nach sei die EBU zu einer „Überwachungsmaschine“ geworden. Zur Einordnung: Spanien ist eines der fünf Länder, die sich vom diesjährigen ESC zurückgezogen haben, weil Israel daran teilnehmen darf. Dafür hat das spanische Fernsehen die EBU regelmäßig und laut kritisiert.
So viel zum aktuellen Stand des Disputs. Wie es weitergeht, liegt nun in den Händen der Verantwortlichen, die mit dem neuen Code of Conduct versuchen, genau solche Streitigkeiten künftig zu vermeiden. Der neue Eurovision Code of Conduct, der nach dem ESC 2024 in Malmö eingeführt wurde, betont strikte Neutralität und gegenseitigen Respekt, um politische Kontroversen zu verhindern. Er verbietet ausdrücklich jede Instrumentalisierung des Wettbewerbs für geopolitische Statements. Wie das nun tatsächlich umgesetzt wird, liegt bei den Verantwortlichen.
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