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Kommentar zu „Unser Lied für Rotterdam“: Ein gut gemeintes Missverständnis?

„Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse“, wusste schon die Journalistin Bettina Schmitz in der OB-Werbung in den 90er Jahren. Mit der Bekanntgabe des deutschen ESC-Beitrags 2020 im Rahmen der Sendung Unser Lied für Rotterdam verhält es sich womöglich genauso. Ein durchaus erfolgsfokussierter und die Fans berücksichtigender NDR trifft auf eine Meute von Fans, die nach ESC-Nachrichten giert. Da sind Missverständnisse vorprogrammiert.

Der NDR hat sich in diesem Jahr offensichtlich gegen eine nationale Vorentscheidung entschieden. Das mag für viele Fans bedauerlich sein. Aber es ist sein gutes Recht. Er könnte Beitrag und Künstler auch einfach nur Anfang März bekanntgeben und dann erst wieder zu den Proben in Rotterdam aus der Versenkung auftauchen. Seien wir ehrlich: In der Gesamtbevölkerung würde das nicht mehr als ein Schulterzucken hervorrufen.

Aber da sind die ESC-Fans. Und hier haben das Internet und der NDR mit Thomas Schreiber an der Spitze in den letzten Jahren ein „Monster“ gezüchtet, das Letzterer nun nicht mehr los wird. Wir erinnern uns: Nach der Blamage von Kiew zog Schreiber mit dem damaligen Head of Delegation durchs Land und schwor die Fans in nie dagewesener, transparenter Weise auf das neue ESC-Auswahlverfahren ein.

Zwei Saisons hielt er das durch, dann machte der NDR nach dem Scheitern in Tel Aviv die kommunikativen Schotten nicht. Statt voller Transparenz wird verdunkelt und vertröstet, was das Zeug hält. Dummerweise fällt dem Sender das jetzt auf die Füße. Denn Fernsehprofis wie der NDR wissen doch genau, wann welche Programmfahnen veröffentlich werden und dass ESC-Fans – allen Klischees zum Trotz – wirklich überall sitzen und jegliche Nachricht sofort in die Welt hinausposaunen.

Vermutlich würde die Kommunikationsstelle des NDR – vielleicht auch Schreiber selbst – schon längst klarstellen und einordnen, was seit vorgestern alle wissen. Allein: sie scheinen es noch nicht zu dürfen. Es mag reine Spekulation sein: Aber nach dem Naidoo-Gate Ende 2015 muss der NDR wohl das Auswahlverfahren und/oder den deutschen ESC-Beitrag ARD-intern transparent machen. Es ist gut möglich, dass das jetzt noch nicht erfolgt ist. Insofern warten gerade beide Seiten ungeduldig: Fans und NDR.

Was genau uns am 27. Februar erwartet, wissen wir nicht. Viele Fans haben sich enttäuscht gezeigt, dass es keine Vorentscheidung gibt. Mindestens genauso laut war der Aufschrei, dass die Sendung auf dem Nischensender ONE versteckt und unter Ausschluss der Öffentlichkeit liefe. Das ist nicht ganz verkehrt. Aber was wären die Alternativen?

Im Ersten hätte Schreiber sicher einen Slot im Morgenmagazin oder drei Minuten im Vorabendprogramm bekommen können, um das Video zu präsentieren. Letzteres gab es so auch schon einmal 2011, als das offizielle Video zu „Taken By A Stranger“ dort seine Videopremiere feierte, nachdem es ein paar Tage zuvor in der Vorentscheidung ausgewählt worden war. Das Vorgehen wäre in diesem Jahr wieder sehr kostenneutral gewesen und hätte – so kurz vor der Tagesschau – vermutlich mehr Zuschauer erreicht als eine eigene Vorentscheidungsshow (Unser Lied für Israel hatte 2019 nicht einmal drei Millionen Zuschauer).

Nun hat sich der NDR offenbar für einen Mittelweg entschieden: zwar keine große Vorentscheidung, aber auch keine reine Videopräsentation (die wir übrigens auch schon in anderen Ländern im Rahmen einer Nachrichtensendung erlebt haben). Stattdessen bekommen wir immerhin 45 Minuten, die allerdings auf dem reichweitenschwachen Sender ONE.

Womöglich beginnt genau hier das Missverständnis der Fans: diese Show kann (und soll wahrscheinlich) als Goodie des NDR verstanden werden. Man holt Barbara Schöneberger, die zwar ohnehin für die NDR-Talkshow am nächsten Tag beim NDR in Hamburg produziert, aber trotzdem nicht umsonst zu kriegen ist, und lässt sie eine 45-minütige ESC-Sendung präsentieren. Da wird es vermutlich Gespräche geben, Informationen über das Auswahlverfahren, Blicke hinter die Kulissen. Alles Dinge, für die im Ersten wahrscheinlich noch weniger Zuschauer zu finden wären als für die langweiligsten Bahnstrecken Deutschlands.

Und wer sagt denn, dass das kryptische „Zeitversetzte Live-Übertragung aus Hamburg“ nicht ein Zeichen dafür ist, dass die Sendung zuvor um 20:15 Uhr auf Eurovision.de (und womöglich Eurovision.tv) als Live-Stream zur besten Sendezeit zu sehen ist? Vielleicht gibt es ja sogar noch ein interaktives Element über die Eurovisions App?

Für seine sich selbst verordnete No-Information-Policy (ESC Presseverantwortliche Iris Bents zu ESC kompakt: „Wir kommunizieren dann, wenn wir etwas zu kommunizieren haben.“) begibt sich der NDR am 27. Februar mit 45 Minuten Sendezeit ziemlich aus der Deckung. Nehmen wir es also nicht als Zeichen der Missachtung, sondern viel mehr als Geste für die Fans. Üben wir uns in Geduld – und geben wir dem NDR und dem deutschen Beitrag eine ehrliche Chance. Missverständnisse waren nicht nur in den 90ern überflüssig, sie sind es auch im ESC-Jahr 2020.


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