Der ESC findet auch in diesem Jahr (erfreulicherweise) wieder seinen Nachhall im Buchmarkt. Das gelungene ESC-Kochbuch mit Rezepten aus allen 35 Teilnehmerländern 2026 haben wir Euch bereits ausführlich vorgestellt. Nun ist in der Fischer Taschenbuch-Bibliothek das Hardcover-Minibuch „ESC – Das kleinste Buch zum größten Musikereignis“ erschienen und wir möchten diese Novität mit Euch feiern.
Lukas Heinser brauchen wir Euch eigentlich nicht vorstellen, er ist seit über zwei Jahrzehnten mit der Bubble connected. Lukas ist Blogger, freier Autor und Journalist und lebt in Bochum. Seit 2007 betreibt er den popkulturellen Blog coffeeandtv.de, von 2010 bis 2014 leitete er den BILDblog.
Eurovisionär bekannt wurde Lukas durch seine Collab mit Stefan Niggemeier. 2010 berichtete er gemeinsam mit Stefan im Oslog von Lenas Sieg in Oslo, es folgten Duslog 2011 und Bakublog 2012. Seit 2013 ist Lukas Assistent des deutschen Kommentartors, also bis 2023 von Peter Urban und seit 2024 von Thorsten Schorn.
Im Februar 2022 erschien sein erstes Buch „Eurovision Song Contest — Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten“ im Klartext-Verlag, nun liegt sein zweites Buch „ESC — Das kleinste Buch zum größten Musikereignis“ vor. Und wiewohl der Buchtitel sich bescheiden gibt, ist die ESC-Buch-Neuerscheinung von Lukas eine ausgewachsene Maxi-Empfehlung, gerade auch im Vergleich zu seinem Erstlingswerk.
„ESC – Das kleinste Buch zum größten Musikereignis“ (DKBZGME) ist fast 400 Seiten stark und eine feuilletonistisch abwechslungsreiche, kompetent recherchierte und sehr unterhaltsam und gleichzeitig lehrreich zu lesende „Liebeserklärung an den Eurovision Song Contest“ (Klappentext). Folgerichtig richtet Lukas das Buch an „alle, die immer noch daran glauben, dass Musik die Menschen zusammenbringen kann.“ (Eine weitere Widmung geht an seine Tante Dörte, die ein großer Udo Jürgens Fan und Lukas eng verbunden war. Eine bewegende Geschichte zum Abschiednehmen von Dörte findet sich hier.)
Das innovative Mini-Buch-Format ist ein Boom-Segment im Buchmarkt, oft werden bereits erschienene Bestseller noch einmal für diesen neuen Content-Verwertungsweg gepimpt, seltener – wie im Falle von Lukas – kommen Erstveröffentlichungen in diesem smarten, attraktiven Format auf den Markt. Ich liebe dieses Buchformat, es ist eine Art „best of both worlds“, kombiniert Vorteile des klassischen Buchdrucks mit der mobilen Handlichkeit von Readern wie „Kindle“. Außerdem sind Mini-Bücher häufig herstellerisch exzellent gut ausgestattet, was auch auf DKBZGME zutrifft.
Es gibt inzwischen ungezählte Bücher und Nachschlagewerke über den ESC bzw. einzelne ESC-Aspekte. Hervorzuheben sind als Pionier-Veröffentlichungen beispielsweise „Nul Points“ aus 2007 von Tim Moore oder auch „Ein Lied kann eine Brücke sein“ von Jan Feddersen (btw, was macht eigentlich…). „Ein Lied kann eine Brücke sein“ wurde 2002 vom Germanisten und Schlager-Experten Rainer Moritz bei Hoffmann und Campe verlegt. Ich mag mich festlegen, dass DKBZGME aus allen ESC-Büchern der jüngeren Jahre in diesem Jahrzeit hinsichtlich seiner Alleinstellungsmerkmale (neuhochdeutsch USPs) herausragt, was ich hier begründen mag.
Die gute Ausstattung und das in vielerlei Hinsicht schöne Format habe ich schon genannt. Ein weiterer Vorteil ist die kluge Entscheidung, vollständig auf Bilder zu verzichten, was teuer und redundant zu so vielen anderen ESC-Publikationen gewesen wäre. Stattdessen ist das Buch durchgängig harmonisch und defensiv illustriert, was den guten Texten eine gewisse Leichtigkeit gibt. Für Bewegtbild-Fans gibt es einen Link zur Youtube-Playlist zum Buch.
Vor allem aber – und das geht Hand in Hand mit dem Bilderverzicht – ist DKBZGME nicht die nächste Anekdoten- und Klischeeparade, sondern ein gut strukturierter, kompetent recherchierter und sehr unterhaltsamer Reader. Um der Themenvielfalt gerecht zu werden, setzt Lukas vordringlich auf DACH. Deutschland, Österreich und der Schweiz sind eigene Kapitel gewidmet und selbst langjährige ESC-Aficinados werden darin Geschichten entdecken, die sie noch nicht kannten.
Das Schöne an DKBZGME ist auch, dass es für Einsteiger und Hardcore-Fans gleichermaßen lesenswert ist. Im Intro „Was ist der ESC?“ bekommt man einen didaktisch klug komponierten ESC-Schulungseinstieg, an den sich ein kurzes Kapitel anschließt, in dem Lukas seinen persönlichen Weg zum ESC beschreibt, der – wie man merkt – noch nicht abgeschlossen ist! Es warten nämlich Zeit unseres Lebens neue ESC-Erkenntnisse und -Einsichten auf uns alle. Auch das macht das schönste Hobby der Welt aus.
Das längste und aus der subjektiven Sicht des Autors dieser Zeilen lesenswerteste Kapitel widmet sich dem Thema, was speziell in jüngeren Jahren die ESC-Schlagzeilen geprägt hat: „Die Mär vom unpolitischen ESC“. Gesellschaftspolitik hat den ESC seit seiner Gründung beeinflusst und zuweilen geprägt: „Der Gedanke, der ESC sei jemals unpolitisch gewesen, ist ganz großer Quatsch“, sagt Lukas dazu im ESC kompakt Autorengespräch. „Schon der allererste deutsche Beitrag ‚Im Wartesaal zum großen Glück‘ von Walter Andreas Schwarz prangerte elf Jahre nach Kriegsende die Vergangenheitsverdrängung in Deutschland an.“
Spannend sind auch die Abschnitte zu lesen, in denen Lukas beschreibt, wie der russische Diktator Putin versucht, den ESC für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Auch aufgeladenen, komplexen Fragen widmet sich DKBZGME in einer erfreulich präzisen Sachlichkeit.
Allein an der Frage, wieso das ESC als queeres Event gilt (wenn es denn so sein sollte), scheitert Lukas wie so viele andere Expert*innen vor ihm. Seine Insights in die verdeckten und offenen queeren Signale, die der ESC seit seinen frühen Jahren bis heute aussendet, sind jedoch gleichermaßen aufschlussreich wie spannend. Lukas identifiziert dabei den ESC-Erfolg von Dana International in 1998 als Meilenstein.
Es sprengt den Rahmen, auf das gesamte Angebot des kurzweiligen und wertschätzenden Readers einzugehen, aber abschließend sei noch auf die Wiederentdeckung des Schweizer Beitrags aus 2008, Paolo Meneguzzis „Era Stupendo“, verwiesen, den Lukas als einen seiner persönlichen Favoriten benennt. In der Tat ist es aus heutiger Perspektive unbegreiflich (wenngleich Lukas auch gute Erklärungsversuche liefert), warum dieses Powerballaden-Meisterwerk im Semifinale gescheitert ist (13. Platz mit 47 Punkten).
Allein für diese Wiederentdeckung gehört Lukas applaudiert. Seine ESC-Novität sei Euch leidenschaftlich ans Herz gelegt und ist mit 15 Euro auch wahrhaftiger „value for money“. Wir werden in Kürze auch einige Exemplare verlosen (im Rahmen unseres großen ABBA-Gewinnspiels). Aber es ist eigentlich fast zu schade, darauf zu warten, denn DKBZGME ist ein großartiges Must-Have, was auf jeden ESC-Altar daheim gehört. Ich habe dafür sogar auf der Vitrine ein paar ABBA-Vinyl-Compilations etwas zusammengeschoben, um Platz für das platzsparende DKBZGME zu schaffen.
Lukas Heinser: ESC – Das Kleinste Buch Zum Größten Musikereignis, Fischer TaschenBibliothek, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, illustriert von Sophie Strauß, ISBN 9978-3-596-52005-3, 15 Euro (gebundene Ausgabe – highly recommended) oder 12,99 Euro (E-Book).
Die Lektüre von DKBZGME passt genauso zu „Espresso Macchiato“ wie zu einem guten Glas Sauvignon blanc von Lena Skringer aus der Süd-Steiermark.
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