Rückblick: So liefen die deutschen ESC-Vorentscheid-Shows 2010 und 2012 in der Kooperation mit Stefan Raab und ProSieben

Nach zwölf Jahren Pause soll es Stefan Raab im nächsten Jahr wieder richten und Deutschland beim Eurovision Song Contest zum Erfolg führen. Fest steht derzeit, dass die ARD und RTL dabei kooperieren und es damit jeweils mindestens eine Show auf den beiden Sendern geben wird – vermutlich sogar mehr. Das klingt im ersten Schritt nach einer Kopie der Kooperation der ARD mit ProSieben in den Jahren 2010 und 2012. Erwartet uns im nächsten Jahr eine Neuauflage des damaligen Auswahlprozesses? Und wie liefen die Shows ab?

Stefan Raab war in unterschiedlichsten Konstellationen bereits sechs Mal an der Auswahl des deutschen ESC-Beitrags beteiligt. In den Anfangsjahren war er auch auf kreativer Ebene als Songwriter involviert – oder stand sogar selbst auf der Bühne. Spätestens seit 2004 lag sein Schwerpunkt auf der Auswahl der bzw. des richtigen Künstler*in. Damals startete er in seiner Show TV total die Talentsuche Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star (SSDSGPS). Unter den nur vier Teilnehmenden war auch Max Mutzke, der später für Deutschland den achten Platz beim ESC in Istanbul holte.

Zwei Aspekte kamen hier zum Tragen, die auch bei den ESC-Jahrgängen 2010 und 2012 einen wesentlichen Einfluss auf den späteren ESC-Erfolg hatten: Die Vorauswahl der Teilnehmer*innen durch Stefan Raab und sein Team sowie später die umfangreiche Integration der Zuschauer*innen über das Televoting. Gerade der erste Teil darf nicht unterschätzt werden und zeigt, welche gute Spürnase die Verantwortlichen bei der Identifikation der richten Talente hatten. Konkret: 2010 hatten sich „mehr als 4.500 Musiker“ für Unser Star für Oslo beworben. Wie leicht hätte Lena da übersehen werden können?!

Max Mutzke und Lena waren totale Newcomer, als sie in den Raab-Sendungen entdeckt wurden. Roman Lob war schon vorher etwas als Musiker unterwegs. Gleich war ihnen aber, dass ihre Stimmen und ihr Charisma international gezündet und die fehlende Bühnenerfahrung beim ESC wettgemacht haben. Lediglich bei Lenas zweitem ESC-Einsatz 2011 wurde auf eine umfangreiche Choreographie gesetzt, sonst wurde vollständig die Authentizität in den Mittelpunkt gestellt.

Beim Blick zurück fokussieren wir uns auf die Jahre 2010 und 2012, weil hier komplett neue Künstler*innen gesucht wurden. Im Jahr 2011 kam es zur „Mission Titelverteidigung“, bei der Lena verschiedenste Titel vortrug, bis dann der ESC-Beitrag gewählt war. Dieses Modell scheint für das Jahr 2025 jedoch äußerst unwahrscheinlich.

Das ESC-Vorentscheidmodell 2010 und 2012

Sowohl 2010 als auch 2012 gab es jeweils acht Shows: Die ersten fünf und die siebte, das sogenannte Halbfinale, liefen auf ProSieben; die sechste und achte Show, also das Finale, waren in der ARD zu verfolgen. 2010 waren die Sendetage auf ProSieben die Dienstage, die Shows in der ARD liefen am Freitag. Zwei Jahre später waren bis auf die Shows 5 und 7, die montags liefen, alle Sendungen am Donnerstag um 20:15 Uhr zu erleben.

Sowohl 2010 als auch 2012 gingen je 20 Kandidat*innen an den Start, in der ersten Sendung die ersten zehn, in der zweiten die zweite Hälfte. Hier wurden jeweils gleich fünf Talente ausgesiebt, so dass ab der dritten Show nur noch zehn Kandidat*innen am Start waren. In den Shows 3 und 4 mussten jeweils zwei Acts die Show verlassen; in den Shows 5 und 6 je einer. In der siebten Show, dem Halbfinale, waren somit in beiden Jahren noch vier Teilnehmer*innen im Rennen. Hier wurden erneut zwei ausgesiebt, so dass im Finale jeweils zwei Talente mit drei Songs antraten: 2010 Jennifer Braun und Lena Meyer-Landrut, 2012 Ornelia De Santis und Roman Lob.

Bezüglich des Votings gab es immer mal wieder leichte Unterschiede. Die größte Neuerung war 2012 die „Blitztabelle“, über die quasi live gesehen werden konnte, welche*r Kandidat*in gerade in Führung liegt. Was als spannendes und zum Voten animierendes Element gedacht war, erzielte eher das Gegenteil und wurde vielfach kritisiert.

Im Finale präsentierten die Finalist*innen jeweils drei Songs. Hier wurde zunächst die beste Paarung aus Song und Interpret*in von den Televotern bestimmt. Dabei entschieden sich die Zuschauer*innen 2010 gegen die Raab-Komposition „Love Me“ und sprachen sich für „Satellite“ als Beitrag für Lena aus. Danach mussten sich die Abstimmenden dann nur zwischen zwei Paketen entscheiden.

Es gab also viel zu abzustimmen über die acht Sendungen. Dabei hatten immer die Televoter das letzte Wort. Die mit wechselnden Prominenten besetzte Jury gab nur ihre Feedback zu den Kandidat*innen und ihren Präsentationen.

2010 und 2012 starteten die Shows mit etwa 2,5 Mio. Zuschauern im Gesamtpublikum. Während dieser Wert 2010 nur langsam zurückging und sich zum Viertelfinale und dem Finale wieder sehr deutlich steigerte, brachen die Quoten 2012 bereits mit der zweiten Sendung ein. Der Tiefpunkt war mit der fünften Show und nur noch 1,13 Mio. Zuschauer*innen im Gesamtpublikum erreicht.

Was erwartet uns bei der Vorentscheidung 2025?

Seit 2012 werden im Frühjahr 13 Jahre vergangen sein. Die Fernsehlandschaft hat sich radikal verändert und das lineare Fernsehen erheblich an Reichweite verloren. Gleichzeitig sind Streamingangebote wie RTL+ oder die ARD Mediathek wichtiger denn je. Diese ermöglichen zeitversetztes Fernsehen, können Televoting-Entscheidungen aber nur nachträglich abbilden. Ganz sicher hat sich über die Jahre auch der Musikgeschmack verändert. Ob Stefan Raab sein Gespür für Talente behalten hat, kann aktuell niemand sagen. Fest steht aber: Es gibt viele interessierte Künstler*innen, die am ESC-Vorentscheid teilnehmen wollen.

Dass es bei der Vorentscheidung 2025 mehrere Shows geben wird, steht außer Frage. Eine klassische Castingshow kann aber ausgeschlossen werden. Zum einen hat RTL hierfür Deutschland sucht den Superstar. Zum anderen waren die Quoten im Roman-Lob-Jahr nicht gut genug und generell reicht die Anzahl der Sendungen dafür nicht aus.

Außerdem hieß es beim ersten Vorschlag von Raabs Mehrsender-Konzept für die Vorentscheidung, dass jeder beteiligte Kanal selbst über das Verfahren der bei ihm ausgestrahlten Vorrunde entscheiden kann. Wenn es nun nur noch auf zwei Sendergruppen hinausläuft – die ARD und die RTL-Gruppe – spricht einiges für ein einheitliches, senderübergreifendes Konzept, so wie in den Jahren 2010 und 2012. Ob von RTL-Seite dabei nur der Hauptsender oder z.B. auch VOX zum Zuge kommen, bleibt abzuwarten.

Wenn es also keine klassische Castingshow wird, müssten die Acts – ob etabliert oder Newcomer – vorher intern ausgewählt werden. Auch wenn Stefan Raab nunmehr viele Jahre nicht im Show- und Musikgeschäft aktiv war: Er ist bestens vernetzt und kann gezielt auf solche etablierten Musiker*innen zugehen. Ob das auch soweit ginge, dass er diese auch zur Teilnahme an einem ESC-Vorentscheid bewegen könnte, steht in den Sternen. In den Jahren 2010 und 2012 waren die prominenten Künstler*innen lediglich als Juroren dabei.

Dem NDR gelang es in den letzten Jahren aber durchaus, immer mal wieder bekannte Namen für die ESC-Vorentscheidung zu begeistern – manche auf dem Weg nach oben (zum Beispiel Santiano), andere eher nach ihrem Zenit (Vicky Leandros). Problematisch wurde es allerdings immer, wenn es eine vorgeschaltete Nachwuchsrunde gab und die dort gefundenen Künstler*innen dann die etablierten Acts in der Vorentscheidung aus dem Rennen kegelten – wie übrigens auch Max Mutzke 2004 im Finale gegen Scooter.

Zeit für eine Nachwuchs-Vorrunde wie das Clubkonzert 2015 oder das Finale von Ich will zum ESC! in diesem Jahr gäbe es 2025 aber durchaus. Dennoch scheint es wahrscheinlicher, dass Nachwuchsacts, die sich womöglich ab morgen bewerben können, vorab intern ausgewählt und auf ihren Vorentscheidauftritt vorbereitet werden. Hier käme es bei der Auswahl also wieder auf die Spürnase von Raab & Co. an.

Am Ende könnte es damit auf ein Vorentscheidmodell hinauslaufen, das in anderen Ländern die Regel ist und von den deutschen Fans oft gefordert wurde – quasi ein deutsches Melodifestivalen (ein Samremo wird’s wohl eher nicht). Mit welchen Innovationen der Auswahlprozess noch angereichert wird – Stichwort: Blitztabelle – werden wir womöglich morgen bereits erfahren. Es bleibt spannend!

Welches Modell kannst Du Dir für die deutsche ESC-Vorentscheidung 2025 vorstellen? Erwartet uns eine Kopie der Jahre 2010 und 2012? Oder läuft es womöglich auf ein deutsches Melodifestivalen hinaus? Lass es uns in den Kommentaren wissen. 

Über die Pläne für die deutsche ESC-Vorentscheidung sprechen wir auch am Freitagabend um 21 Uhr in einem ESC kompakt LIVE.



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