„50 ist das neue 25“: Nicole steigt mit neuer CD auf Platz 21 in die Album-Charts ein

Man kann es sich kaum vorstellen, so lange wie die erste deutsche ESC-Siegerin Nicole schon im deutschen Musikgeschäft unterwegs ist: aber sie wird am nächsten Freitag erst 55 Jahre alt. Und mit diesen zusätzlichen fünf Jahren nach dem 50. Geburtstag kann sie heute um so zuverlässiger bestätigen: 50 ist das neue 25.

Diese Erkenntnis hat die Sängerin dann auch zur Leitlinie ihres neuen Albums gemacht, das am 11. Oktober veröffentlicht wurde. Es ist eine (dann vielleicht doch etwas verspätete) Halbzeitbilanz, mit der Nicole den jungen Sängerinnen durchaus erfolgreich zeigt, wo der musikalische Hase im Schlagergeschäft lang läuft. Gleichzeitig spricht sie ihren Altersgenoss(inn)en jede Menge Mut zu: denn alle sollten „Gerne am Leben“ sein. So wie sie. Und mit den 13 Songs auf ihrem Album thematisiert sie ganz verschiedene Facetten, auf die sie heute viel entspannter blickt bzw. blicken kann also noch mit 25.

Gedreht in der Lena-Stadt Hannover: Nicoles Video zu „50 ist das neue 25“

Musikalisch bleibt sich Nicole auf diesem Album treu – und ganz selbstbewusst im klassischen Schlagersegment. Dass sie ihre Fans damit begeistert, bestätigt nicht zuletzt der erfolgreiche Einstieg in die Albumcharts auf Platz 21. Es ist aber durchaus auch vorstellbar, dass sie damit einige jüngere Schlagerfans ebenfalls erreicht, auch wenn die Titel dafür zu wenig dem aktuellen Trend entsprechen.

Da hilft auch der vergleichsweise pop-schlagrige Titelsong des Albums nicht, der es aber trotzdem in die deutschen Schlagerradios schaffen dürfte. Gegen den fröhlichen Refrain, der sich zügig in in den Gehörgang fräst, fallen die Strophen allerdings etwas ab, sind stellenweise zu verkopft und teilweise auch zu lang für einen Hit. Hier, wie auch bei vielen anderen Songs des Albums, kommen viele Binsenweisheiten und zum Teil verschwurbelte Redewedenungen zum Einsatz. So wie bei „Alle Menschen sind besonders (aber keiner so wie Du)“, einer klassischen Ballade mit Marschansätzen. Dort heißt es unter anderem „Ich bin treu wie eine Auster, die ein Sandkorn in sich hält“.

Nach dem Auftakt des Albums kommen immer wieder poppigere Stücke, die aber alle in der Tradition des Singer-Songwriter-Ansatzes stehen. Die meisten wurden von Nicole selbst geschrieben, viele auch in Zusammenarbeit mit Heinz Rudolf Kunze. Dabei sind Gitarre und Klavier meist gesetzt. Dazu kommen aber auch gern Soundeffekte, die allzu offensichtlich sind, aber vermutlich dadurch auch bei schlichteren Gemütern verfangen. Wenn Nicole bei „Der Maharadscha (sucht die absolute Frau. Wenn er die Augen schließt, dann sieht er sie genau … Jedoch der Maharadscha weiß: es soll nicht sein)“ von Elefanten singt, sind tatsächlich im Hintergrund Elefanten zu hören. Und bei „Bis ans Ende dieser Welt (möchte ich mit Dir auf Wolken schweben)“ wird natürlich Regen imitiert, wenn von Regen gesungen wird. Wie Peter sagen würde: Stumpf ist Trumpf.

Der Maharadscha ist auf dem Album nicht die einzige Figur aus fremden Ländern. In „(Zum Glück weiß jeder das genau, was das so ist) Eine richtige Frau“ singt Nicole: „Ich bin … eine Mata Hari auf der Party-Meile, ich mehr als die Summe meiner Einzelteile, eine weiße Massai in der Fußgängerzone, eine Parkprinzession auf der Chili-Bohne.“ Inhaltlich und von seiner Ironie her erinnert dieses etwas poppigere Stück übrigens an „Das bisschen Haushalt“ von Johanna von Koczian.

Auch an einer anderen Stelle gehen die Gedanken an alte Schlagerperlen zurück: „Mein lieber Mann (ich schreib dir dann eine Karte aus Athen)“ ist eine neuzeitliche Uptempo-Version von „Dann heirat‘ doch Dein Büro“ – und gleichzeitig auch eine kleine Reminiszenz an Nicoles Top-Schlager „Allein in Griechenland“ aus den 80ern.

Am stärksten sind jedoch die Titel, in denen Nicole zeigt, dass das Leben vor allem Spaß machen soll und es sich nicht lohnt, sich über Fehler oder Enttäuschungen aufzuregen. In „Sag nicht alles (manche Lasten kann man, soll man ruhig alleine tragen … Selbst die Liebste muss nicht alles wissen, denn sie soll nicht all und jedes dir verzeihen müssen)“ verabschiedet sie sich vom Anspruch junger Liebenden, wirklich alles über den Partner wissen zu wollen. Und in „Ich lieb dich immer noch“ tut es ihr zwar weh, wenn sie kläglich (gegen eine andere Frau) verliert. Sie trägt es aber mit Stolz und Ruhe.

Etwas vertan hingegen ist die Aussage von „Heut ist das Leben mein Freund (es gibt nichts mehr zu bereu’n)“. Hier weckt der Titel Erwartungen, die die etwas zusammenhanglose Africa-Love-Story nicht erfüllt. Auch die Abrechnung mit der US-Traumfabrik in „Goodbye Hollywood (nur hier bin ich daheim)“ wirkt eher wie ein Anbiedern bei der Zuhörergruppe, die sich am liebsten nicht aus Deutschland heraus bewegt, als als Abrechnung mit der Härte des Unterhaltungsgeschäfts und dem aktuellen Schönheitsideal (was übrigens heute auch über Social Media allgegenwärtig ist).

Der bereits angesprochene Titel „Gerne am Leben (und so war das nicht immer)“ ist nicht ohne Grund am Ende des Albums platziert (bevor „Dein ist mein ganzes Herz“ als minimalistische Klavier-Gitarren-Ballade im Duett mit Heinz Rudolf Kunze den tatsächlichen Abschluss bildet). „Gerne am Leben“ bildet so etwas wie das Fazit der vorherigen Lieder. Die ruhige Ballade spielt mit Bildern und Situationen, vermittelt Zufriedenheit und Zuversicht. Das berührt – auch oder vielleicht gerade wegen mancher textlicher Plattitüde. Bei so viel Optimismus ist es wohl nur eine Frage der Zeit bis Nicole zu der Erkenntnis kommt, dass 60 das neue 30 ist – und wir ein weiteres Album von ihr zu hören bekommen.

„50 ist das neue 25“ von Nicole ist ab sofort auf allen gängigen Download- und Streamingportalen erhältlich (z.B. hier bei Amazon, bei Apple Music, im iTunes-Store und bei Spotify).



7 Kommentare

  1. Nicole sieht immer noch sehr gut aus, muss man neidlos anerkennen. Musikalisch sagt mir „50 ist das neue 25“ gar nicht zu. Ich war allerdings nie ein Fan von ihrer Musik, auch „Ein bisschen Frieden“ finde ich bis zum Erbrechen durchkalkuliert und dadurch nicht wirklich sympathisch (meine Meinung). Obwohl ich viele Schlager der 70er/80er Jahre heute noch hin und wieder gerne höre.

  2. Sie ist sich selber treu geblieben. Daran liegt es, dass nicole bis heute dick im geschäft ist. Das sollten sich ein paar andere auf die nase binden.

    • Wobei sich treu bleiben kein Garant dafür ist, im Geschäft zu bleiben. Ich freue mich sehr, dass es Nicole gelungen ist.

      Meine Begeisterung für „Ein bisschen Frieden“ kam erst mit den Jahren, 1982 fand ich den Titel noch nicht so besonders (u.a. weil ich in der VE andere Favoriten hatte, zu dumm, wie einen sowas manchmal gegen einen Titel einnimmt). Auf jeden Fall ist ihr und Siegel & Meinunger nicht nur der Sieg beim Grand Prix gelungen, sondern auch die 500ste Nummer 1 in der Geschichte der britischen Single-Charts!

  3. „Klassisches Schlagersegment“… was bin ich froh, dass auf diesem Album noch jeder Titel einen eigenen Rhythmus hat und nicht durch den Drumcomputer zu Einheitsbrei verkommt, wie heute im modernen Schlagersegment üblich.

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