Ein Gastbeitrag von „ESC kompakt Reactions“-Songchecker Johannes Floehr
„Die waren dieses Jahr beim ESC!“, sagt irgendwann vor Konzertbeginn eine Zuschauerin zur anderen. Die dann ein bisschen schockiert, ein wenig ängstlich nachfragt: „Echt?“ Ja, echt! Ob viele der 150 Zuschauerinnen und Zuschauer wegen des diesjährigen ESC-Beitrages „(Nendest) narkootikumidest ei tea me (küll) midagi“ zum estnischen Abend beim Würzburger Hafensommer gekommen waren, da bin ich mir nicht so sicher. Der Altersschnitt war doppelt so hoch wie in Malmö und etwas weniger farbenfroh. Man sagt dazu, glaube ich: Kulturpublikum. Wieder andere sind für Puuluup sogar extra aus Hamburg angereist. Zum Beispiel ich.
Der Abend wurde dann eröffnet von Mari Kalkun. Kurz anmoderiert von einem Veranstalter, der fast schon unnötig entschuldigend ankündigte, es werde ein spezieller, ungewöhnlicher Abend. Ja, dafür war man doch hier? Die sympathische Mari Kalkun sang eine Dreiviertelstunde von Mythen und der Natur, begleitet manchmal vom Keyboard, meistens von Loopstation und einer Kantele, einer traditionellen estnischen Zither. Eigene Songs, estnische Folklore, dazu vertonte sie Gedichte estnischer Poeten. Ein Thema war etwa die Entstehung des höchsten Berg des Baltikums, dem Munamägi, wörtliche Übersetzung: „Eierberg“: 318 Meter hoch. Der befindet sich im Südosten Estlands (Võru), wo auch Mari Kalkun ihre Wurzeln hat.
Und hier kann ich jetzt sogar einen ESC-Bezug herstellen: Denn dort spricht man den estnischen Dialekt Võro, den die aus fünf Schwestern bestehende Band Neiokõsõ 2004 in Istanbul auf die ESC-Bühne brachte: „Tii“ schied nur knapp im Halbfinale aus. Da nur rund 70.000 Menschen Võro sprechen, war das, bis mich jemand in den Kommentaren korrigiert, der ESC-Beitrag, der in der „kleinsten“ Sprache gesungen wurde. Auch Kalkun sang in Würzburg einige ihrer Lieder in Võro, was ich natürlich auch ohne ihre erklärenden Zwischenansagen problemlos herausgehört hätte. Höflicher, nein, herzlicher Applaus des Würzburger Kulturpublikums. Nicht nur ich habe mir nach dem Konzert ihre Schallplatte gekauft.
Und dann, nach einer halbstündigen Pause: Puuluup. Puuluup, das sind Marko Veisson („der Bärtige mit der tiefen Stimme“) und Ramo Teder („der mit den längeren Haaren“). Im Laufe des Jahres bin ich großer Fan dieses Duos geworden. Zwei mittelalte Esten, die lustig tanzen, Talharpa spielen und Texte singen, deren Humor sich trotz Sprachbarriere sofort überträgt? Ja, ja und nochmal ja! Das ist genau die Scheiße, auf die ich Bock habe, wie wir jungen Leute sagen. Die beiden Anzugträger wurden schon beim Soundcheck bejubelt. Nicht nur von mir, es waren offenbar noch ein paar weitere Fans anwesend. Sehr schön. Ihr Konzert begannen die beiden mit „Metsvint“ (Buchfink), was bemerkenswert ist, da es sich hier um einen der Songs des Albums „kannatused ehk külakiigel pole stopperit“ (Leiden, oder: Die Dorfschaukel hat keine Stoppuhr) handelt, das sie gemeinsam mit 5Miinust aufgenommen haben. Also mit der vierköpfigen Rap-Gruppe, mit der sie auch beim ESC 2024 in Malmö aufgetreten sind – und die in Würzburg natürlich bzw. leider nicht mit dabei war. Ich war mir im Vorhinein gar nicht so sicher, ob sie ihren ESC-Song als Duo überhaupt performen würden, doch das gab mir gleich zu Beginn das gute Gefühl: Ja, doch, klar, werden sie.
Marko Veisson erklärte dem Publikum (auf Deutsch!), sie würden heute hauptsächlich Lieder über Landwirtschaft und Sport, hauptsächlich Langlauf, singen. Das war ein bisschen gelogen, soweit ich mir die Songtexte zu Hause korrekt habe übersetzen lassen. Unterschlagen wurden so beispielsweise die Songs „Süüta Mu Lumi“ (Zünde meinen Schnee an) oder „Lambad ei joo“, in dem es darum geht, dass Schafe kein Wasser trinken, glaube ich. Er ist nur teilweise auf Estnisch, zur anderen Hälfte in einer Fantasiesprache. Was Veisson erklärte: Für 99,99% der Weltbevölkerung mache das sowieso keinen Unterschied, nur eine Million Menschen sprechen Estnisch. Die ein oder andere Vokabel wurde Würzburg zwischendurch beigebracht: „Fernseher“ zum Beispiel heißt „TV“. Gut zu wissen. Wie sehr Puuluup-Fan ich inzwischen bin, konnte ich dann an meiner eigenen euphorischen Reaktion darauf ablesen, als sie einen komplett neuen Song ankündigten, der aktuell noch nicht mal einen Songtitel habe. Man könne ja hinterher Vorschläge machen. Auch Namenssponsoren wären willkommen. Musste leider passen.
Zu meiner Freude wurde irgendwann auch mein Puuluup-Lieblingslied gespielt: „Puhja Tuhlik“. Ein im besten Sinne kleines Lied über eine Mühle, „die einzige in ganz Süd-Estland“. Wer mag, kann sich das Musikvideo dazu ansehen, in dem Veisson und Teder lustig durch eine estnische Kleinstadt hopsen. Ich habe das Video schon zwei, drei Leuten in meinem privaten Umfeld gezeigt und bin weiterhin schockiert, wie man das nicht auf Anhieb aus tausend Gründen toll finden kann? Seitdem die Mühle vor drei Jahren abgerissen worden ist, sind die Energiepreise in Estland explodiert, erklärte Veisson. Der ohnehin in Plauderlaune war und sich zwischen den Songs schöne Dialoge mit Teder und dem Publikum lieferte. Der Funke sprang über, irgendwann wurde sogar auf den Publikumsrängen getanzt. Von manchen mehr, von anderen gar nicht, aber Würzburg hat sich wirklich bemüht. Einmal zog gar eine kleine estnische Polonäse über die Tribüne, angeführt übrigens von Mari Kalkun. Folkfest-Stimmung.
Ja und natürlich kam dann auch „der“ Song. Sie hätten monatelang nichts Anderes gemacht, als immer nur dieses eine Lied zu üben, erzählten sie. Heute müssten sie dabei ohne die vier anderen auskommen, „it’s expensive to travel so we didn’t bring them with us“. Aber sie hätten sich die Parts der anderen gemerkt, das würde schon werden. Wurde es dann auch. Okay, in einem Vers einmal kurz den Text verbaselt, aber ob das überhaupt jemandem aufgefallen ist? Bei der Folk-Version von – ja, einmal noch – „(Nendest) narkootikumidest ei tea me (küll) midagi“ saßen beide an ihren Talharpas und das hieß zwangsläufig: Kein Tanz. Den gab es dann aber bei der Zugabe. Ich kann und will mir wirklich nicht erklären, warum mich das so glücklich macht, diese beiden estnischen Männer tanzen zu sehen.
Im Anschluss ans Konzert habe ich mich dann auch bei beiden bedankt für die ganze Freude, die sie mir in diesem Jahr bereits gemacht haben. „I was in Malmö for five days because of you!“, musste ich vor dem gemeinsamen Foto noch stolz loswerden. „Oh, really?“, anerkennendes Händeschütteln und dann ein Selfie. Vor solchen Treffen habe ich immer ein bisschen Bammel, weil man seine Stars ja immer auch im falschen Moment erwischen kann: Never meet your hero. Sorgen waren hier jedoch unbegründet, wirklich sehr angenehme Zeitgenossen. Und tolle Künstler ja sowieso. „Das war ja mal was anderes“, höre ich eine Zuschauerin beim Herausgehen sagen. Ich glaube, sie meinte es anerkennend.
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Haha, sehr unterhaltsam geschrieben Johannes. Mir hat der estnische Beitrag dieses Jahr ja auch sehr gut gefallen, aber ich glaube, ein ganzes Konzert wäre trotzdem nichts für mich – umso schöner, dass sie in dir einen echten Fan gefunden haben, man liest deine Leidenschaft regelrecht aus den Zeilen. 🇪🇪🕺
REMINDER: OLYMPIA CHAT
Ist auf dem Céline Thread eingerichtet. Für alle, die yours haben, dann nerven wir die anderen nicht:
https://esc-kompakt.de/olympische-spiele-paris-2024-celine-dion-soll-bei-eroeffnonungsfeier-singen-auch-slimane-tritt-auf/comment-page-1/#comment-433979
Ich finde ja, dass Ramo Teder (der Blonde) Ähnlichkeit mit Ulf Weiß aus House of the Dragon hat. 😂
Ramo könnte tatsächlich als ein Targaryen durchgehen, wie ihn habe ich mir beim Lesen von „Feuer und Blut“ König Jaehaerys im Alter vorgestellt. 😃
Ich will nur sagen Huuu yaaa
.
Danke für den tollen Bericht, meine Töchter halten meine ESC Leidenschaft seit den Talharpas – hatten sie bis jetzt auch Verständnis – eher für fragwürdig, was solls😜
Danke Johannes für den ausführlichen Bericht. Bin jetzt ein bisschen neidisch, dass ich es nicht nach Würzburg geschafft habe.
Weiß jemand, ob Lasse auch da war?
Danke für den tollen Bericht. Ich war 4 Jahre lang in Würzburg. Aber vom Hafensommer habe ich nur am Rande was mitbekommen. Persönlich war ich nicht dort. Meine Musiktherapeutin hat mir mal erzählt, dass sie Amy Among Cloud von dort kennt.
Ich kenne nur Lilly among Clouds
Sehr flott geschrieben – und mit dem neu gewonnenen Wissen um das estnische Wort für „Fernseher“ werde ich direkt bei der nächsten Gelegenheit hausieren gehen. Danke dafür!
Vielen Dank Johannes für deinen leidenschaftlichen Bericht,hat Spaß gemacht zu lesen🙂
Ich hab die beiden ja letzten Sonntag beim Bardentreffen in Nürnberg gesehen. Kann die Ansichten von Johannes zu Puuluup durchaus teilen.
Bei uns haben sie vor „Nendest…“ den Tanz erklärt, so dass das Publikum den übernommen hat (soweit das auf dem vollen Platz ging). Und bei uns hat Marko selbst die Polonaise durchs Publikum angeführt, während Ramo allein Talharpa spielte.
Abends hab ich dann noch kurz zum Konzert von Marina Satti geschaut, aber die hat mich live genauso genervt wie beim ESC, so dass ich nach ner Viertelstunde weitergegangen bin.
Und zwei Tage vorher waren ja auch noch Ladaniva da, die (wie nicht anders erwartet) ganz wunderbar waren. Leider viel zu kurz, nur ne gute Stunde. „Jako“ haben sie allerdings in einer zehnminütigen Version gespielt. Die Band war quasi dieselbe wie in Malmö, nur statt der Gitarristin gab es eine Keyborderin (ich glaube, das war jemand anderes).
Super Bericht! Danke. Fast so als wäre man selbst dabeigewesen.
Danke für den Bericht, deine Freude dringt aus jeder Textzeile 🙂
Vielen Dank an Johannes für den informativen und leidenschaftlich geschriebenen Bericht sowie auch an ag9 für die Infos zum Auftritt in Nürnberg. Die estnischen Vertreter waren auch für mich d i e Entdeckung des diesjährigen ESC. Das gemeinsame Album ist großartig.
Ich konnte es mir am Ende nicht leisten, nach Jena zu fahren. Deshalb danke Johannes für den schönen Bericht aus Würzburg.