Ganz persönliche Erinnerungen an AnNa R. und Rosenstolz

Bild: anna_r_offiziell

Vorgestern haben wir darüber berichtet, dass AnNa R., Sängerin der Band Rosenstolz und ESC-Vorentscheidungsteilnehmerin aus dem Jahr 1998, gestorben ist, und einen Nachruf veröffentlicht. Die Kommentare unter diesem Artikel zeigen eindrucksvoll, dass die Musik der Band zahlreichen ESC-kompakt Leser*innen sehr viel bedeutet hat.

Uns Blogger*innen geht es da nicht anders und deshalb war es uns wichtig, zusätzlich zu dem Nachruf auch noch unsere ganz persönlichen Erinnerungen an AnNa R. und Rosenstolz und natürlich an die vielen Lieder der Band aufzuschreiben. Ihr findet sie gesammelt in diesem Artikel.

Benny

Rosenstolz haben mich einen Großteil meines Lebens begleitet. Bis gestern hätte ich gesagt, dass für mich alles NATÜRLICH mit dem ESC angefangen hat. Aber das stimmt nicht. Nachdem ich mich jetzt nochmal intensiv mit den Veröffentlichungsdaten der verschiedenen Werke des Duos beschäftigt habe, weiß ich, dass mein erster Berührungspunkt mit Rosenstolz die gemeinsame Single mit Hella von Sinnen „Ja, ich will“ gewesen sein muss. Ein Manifest für die Ehe für alle – 18 Jahre, bevor dieses politische Projekt Wirklichkeit wurde.

Ich muss das Video zufällig auf einem Musiksender gesehen haben. Damals war ich erst 11 Jahre alt, aber von Lied, Video und Thematik trotzdem schon fasziniert. Im Rückblick war Rosenstolz vielleicht meine ganz persönliche Coming-of-Age-Band, immer auch eng verbunden mit queeren Themen, Aktivismus und Sexualität. „Willkommen“ auf dem Soundtrack zum Film „Sommersturm“ ist da noch so ein Meilenstein, an den ich mich erinnere und der mich geprägt hat.

Aber nochmal kurz zum ESC. „Herzensschöner“ ist mir natürlich auch in Erinnerung, aber erst als Bonustrack auf der Compilation zur Vorentscheidung „Countdown Grand Prix 2001“ drei Jahre „danach“. Wer auch immer damals entschieden hat, den Song nochmal im Vorentscheid-Umfeld zu verwenden – danke dafür. Das hat auf jeden Fall stark dazu beigetragen, Rosenstolz in meinem Musik-Herz zu verankern.

Last but not least: Rosenstolz ist bei mir eng verbunden mit einer ganz bestimmten Gruppe von Freund*innen, mit denen zusammen ich schon auf sehr vielen Konzerten war – und eben auch bei Rosenstolz. Die gemeinsamen Konzerte von Rosenstolz gehören für mich zu meinen Alltime-Konzert-Highlights. Jedem, der das bislang nicht erleben durfte, empfehle ich unbedingt die Livealben und/oder Live-DVDs der Band.

Ich könnte noch ewig so weiter schreiben, jeden Rosenstolz-Song (und zusätzlich auch noch die Solo-Werke („Chaos & Symmetrie“! „Augen zu“!)) einzeln würdigen und persönliche Erlebnisse mit der Musik von Rosenstolz verknüpfen. Letztendlich will ich aber einfach nur sagen: Danke, AnNa R. und Peter, für alles. Und gute Reise, AnNa.

Ich schließe mit einer meiner Meinung nach unterschätzten Perle der Band. Im Jahr nach meiner „Ja ich will“-Erweckung habe ich im Plattenladen meines Vertrauens (Drogeriemarkt Müller) in das neue (und mein erstes) Album von Rosenstolz reingehört (ja, so lief das damals): „Kassengift“. Der Titeltrack hat mich gleich gekriegt und mich zum Kauf des Albums animiert. Und ich finde ihn auch heute noch großartig.

Berenike

Ich bin immer noch erschüttert. Mein Kopf und mein Herz wollen es nicht glauben. Das kann nicht sein. Da hängen doch drei Konzertkarten für nächsten Herbst an meiner Pinwand! AnNa war doch noch gar nicht alt! AnNa hatte doch noch so viele Pläne! Wie kann sie einfach nicht mehr da sein? Von jetzt auf gleich – einfach weg? Ihre einzigartige Stimme für immer verstummt?

Diese einzigartige Stimme, die mich an einem Freitagabend im August 2002 direkt in ihren Bann zog, als Rosenstolz bei einer Spendengala für Betroffene des Elbehochwassers mit „Amo Vitam“ auftraten. Ich war sofort fasziniert. Ein Lied auf Latein! Und das so toll gesungen! Von der Band wollte ich unbedingt mehr erfahren. Am nächsten Montag entdeckte ich das Album „Die Schlampen sind müde“ in der Bibliothek, legte es in den CD-Player – und danach war es um mich geschehen. Mein CD-Player hat danach mehrere Jahre lang kaum etwas anderes als Rosenstolz gespielt…

Ich war nie und werde wahrscheinlich nie von etwas anderem mehr Fan sein als damals von Rosenstolz. Nicht einmal der ESC kommt da heran. Ich fand es aber immer schön, dass es über den Vorentscheid 1998 eine Verbindung zwischen meinen beiden großen „Musiklieben“ gab und Rosenstolz den ESC schätzten und nicht wie andere die Nase rümpften.

Ihre Musik hat mir so viel bedeutet. Diese wundervollen Melodien und diese tollen Texte, in denen ich mich wiederfand. Sie haben mir so geholfen. Sie sind mir in Fleisch und Blut übergegangen. Auch bei mir haben Rosenstolz mein „Coming of Age“ begleitet und mir durch schwere Zeiten in der Pubertät, wo ich nirgendwo einen richtigen Platz zu haben schien, geholfen. Vielleicht würde es mich ohne Rosenstolz gar nicht mehr geben. Auf jeden Fall würde es mich ohne Rosenstolz so, wie ich jetzt bin, nicht geben. Die beiden haben meinen Blick auf die Welt mit den Werten, die sie in ihrer Musik, aber auch als Menschen vermittelt haben, so extrem geprägt und dafür bin ich so dankbar.

Aber es waren nicht nur die Texte und die Melodien, die Rosenstolz so besonders gemacht hat. Es war vor allem auch AnNas Stimme. Diese Stimme, mit der sie Opernsängerin, Diva und verrückte Schlampe war. Diese Stimme, die gleichzeitig so gefühlvoll und zerbrechlich sein konnte und die so viele Emotionen vermitteln konnte. Diese Stimme, die es wirklich nur einmal auf der Welt gab.

Mein erstes „richtiges“ Konzert, auf das ich (fast) allein gehen durfte, war von Rosenstolz. Und es war so ein tolles Erlebnis. Der lebenslustige Peter, der wie ein Flummi über die Bühne hüpfte, und AnNa, die mit dieser grandiosen Ausstrahlung als Person und Sängerin auf der Bühne stand. Danach war ich über die Jahre hinweg noch auf sehr vielen ihrer Konzerte. Und es sind für mich immer noch meine Highlights. Ich habe später viele andere Konzerte besucht, darunter auch viele sehr schöne, aber an Rosenstolz kam keiner heran. Die Rosenstolz-Konzerte waren so ein wunderbares Zusammenspiel aus Bühnenpräsenz und Livequalitäten von AnNa und Peter und dem Publikum, das textsicher alle Lieder im Chor mitsang. Es gab nichts Schöneres als endlose „Lachen“-Chöre.

Ich bin die kleine Grüne in der ersten Reihe vorm Steg…

Entsprechend geschockt war ich, als sie 2009 ihre Konzerte absagten und später die Trennung bekannt gaben. Die Konzertkarten der nie gespielten Konzerte habe ich immer noch, ich hatte es nie übers Herz gebracht, sie bei der Ticketverkaufsstelle zurückzugeben. Und jetzt kommen drei weitere Karten von AnNa-R.-Konzerten hinzu… Von Konzerten, die nie stattfinden werden…

Nie wieder wird AnNa auf der Bühne stehen. Nie wieder werden neue Lieder und Alben von ihr herauskommen. Was für ein schrecklicher Gedanke. Es bleiben nur noch die Erinnerungen. Und Aufnahmen. Und zumindest die werden weiterleben. In mir auf jeden Fall für immer.

… Und was mir bleibt ist Dein Gesicht
Und das Gefühl geteilt zu sein
Will ich Dich jemals wiedersehen?
Jemals wiederspüren?
Oder war es nur der Moment? …

Danke AnNa für alles! Danke meine Königin!

Dein DerMoment1608

Giulia

Die meisten Rosenstolz-Fans schwelgen vermutlich gerade in Erinnerungen, die bis zu drei Jahrzehnte zurückliegen. Meine Erinnerungen liegen hingegen gerade einmal sechs Jahre zurück. Erst im Jahr 2019 bin ich zu einem Rosenstolz-Fan geworden. In den 90er Jahren war ich noch nicht geboren und in den frühen 2000er Jahren noch zu jung, um das Phänomen Rosenstolz richtig mitzubekommen. Vor sechs Jahren habe ich dann zufällig einen kurzen Bericht im Fernsehen über die Band Gleis 8 gesehen, die AnNa 2012 gegründet hat. Das Lied „Geh nicht“ wurde gespielt und es dauerte nicht einmal zwei Sekunden, bis ich mich in die Stimme von AnNa verliebt habe. Sofort hörte ich mir im Internet alte Gleis-8-Lieder an.

Nach kurzer Zeit stieß ich dabei natürlich auch auf den Namen Rosenstolz. Mit einer großen Neugier darauf, was eigentlich all die Jahre hinter diesem mystischen Band-Namen gesteckt hat, begann ich meine Recherche. Im Nu wurde ich in den Bann gezogen von Liedern wie „Ich komm an dir nicht weiter“, ich wurde berührt von Liedern wie „Wie weit ist vorbei“, verzaubert von Liedern wie „Etwas zerstört“ und entdeckte mit Liedern wie „Duett“ Musik, von der ich nicht wusste, dass sie existiert.

Seit sechs Jahren vergeht so gut wie kein Tag, an dem ich nicht Rosenstolz höre. Doch diese wundervolle musikalische Entdeckung macht mich immer auch ein Stück weit traurig. Traurig, weil ich alles verpasst habe. Wie gern wäre ich einmal in meinem Leben auf einem Rosenstolz-Konzert gewesen. Wie gerne hätte ich in einer kleinen Kaschemme AnNas und Peters Performance zu „Schlampenfieber“ bewundert und wie gerne hätte ich in einem großen Open-Air-Stadion zu „Königin“ in die Hände geklatscht.

Dafür habe ich aber 2023 und 2024 etwas ganz Wundervolles erleben dürfen, was rückblickend noch wertvoller erscheint. Ich habe AnNa auf ihrer Solo-Tour zwei Mal live gesehen. Ein besonderes Highlight war, dass sie auf den Konzerten auch vier Rosenstolz-Lieder gesungen hat. Mein Lieblingslied „Nur einmal noch“ war jeweils der allerletzte Song der Konzerte. Bei dem Lied bin ich mit ein paar anderen Leuten vom Platz aufgestanden, habe mich an die Bühne gestellt, das Lied genossen und mich für einen Moment in eine Zeit zurückversetzt gefühlt, die ich selbst nie erlebt habe.

Ich kann nur erahnen, welche emotionale und identitätsstiftende Bedeutung Rosenstolz für viele früher gehabt haben muss. Schon die kurze Zeit, die Rosenstolz mich begleitet hat, reicht aus, um über AnNas Tod eine bedrückende Trauer zu empfinden. Ich würde am liebsten noch viele weitere Zeilen darüber verfassen, wie brillant die Musik von Rosenstolz war und was für eine unvergleichliche Person AnNa R. war. Doch letztlich bleibt es ein nicht in Worte zu fassendes Gefühl, das uns Fans, uns Erinnernde verbindet. Und dieses besondere Gefühl wird für immer bleiben, weil…alles was wir tun niemals umsonst ist und niemals vergebens, der Sinn ist zu geben, das Beste im Leben und wir sind das Beste, das Beste im Leben bist du, liebe AnNa! Ich wünsche Dir eine gute Reise.

Laureen

Ich bin Jahrgang 1999 – wenig Berührungspunkte mit Rosenstolz könne man meinen, aber dem ist nicht so. Kindheit und Aufwachsen, dazu gehörte für mich der Radiosender WDR2, der in vielen Räumen unseres Hauses, insbesondere der Küche lief und noch immer läuft. Dort wurde auch hier und da immer mal wieder Musik von Rosenstolz gespielt. Zu meinem Aufwachsen gehörte auch Blockflötenunterricht, mit komischen Liderbüchern, die mit meinem „echten“ Musikgeschmack nur wenig zu tun hatten. Das erste Lied, zu dem ich mir selbst die Noten im Internet herausgesucht habe und das ich freiwillig auf der Blockflöte gespielt habe, war „Liebe ist alles“ von Rosenstolz. Ich hatte es im besagten Küchenradio gehört und war schockverliebt in Text, Stimme und Gefühl – bis heute. Bis heute ist es das einzige Lied, das ich je freiwillig auf der Blockflöte geübt habe.

Das Instrument spiele ich heute nicht mehr, aber die Musik von Rosenstolz mit der Stimme von AnNa R. ließ mich nie wieder los. „Gib mir Sonne“, „Wir sind am Leben“ und „Lied von den Vergessenen“ waren der Soundtrack meines Aufwachsens und haben mir gezeigt, dass deutsche Musik (meine Klassenkamerad*innen behaupteten stetig das Gegenteil) wunderschön sein kann. Noch heute treiben mir diese Lieder Tränen in die Augen. Weil sie schön sind. Weil AnNa R.s Stimme mich jedes Mal berührt. Und weil sie sich nach Zuhause anfühlen. Danke.

Peter

Beim deutschen Vorentscheid „Countdown Grand Prix 1998“ war ich live in der Bremer Stadthalle dabei. Es war ein witziger und schöner, bunt gemischter Vorentscheid und bekanntlich haben Rosenstolz hinter dem alles überstrahlenden Guildo Horn den zweiten Platz belegt.

Wir waren auch auf der Aftershow-Party dabei und es war herzergreifend zu sehen, wie unbändig, ausgelassen, wahrhaftig und mitreißend AnNa und Peter ihr Abschneiden gefeiert haben. Es gab überhaupt keine Enttäuschung über den zweiten Platz, stattdessen pure echte Freunde über den Erfolg. Und es war es ja auch ein großer Erfolg, der die weitere Karriere von Rosenstolz geprägt hat: „Herzensschöner“ entwickelte sich zu einem  Meilenstein im Werdegang von Rosenstolz und zu einem Klassiker der deutschen VE-Geschichte und sogar der deutschsprachigen Popmusik.


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134 Comments
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Malge1985
Malge1985
1 Jahr zuvor

Rosenstolz sind mit 2 Alben und ein Soloalbum von Anna R in den Albumcharts vertreten. Bei den Singlecharts haben es 2 Rosenstolzlieder geschafft.

https://www.offiziellecharts.de/news/1529-steven-wilson-und-rosenstolz-saengerin-anna-r-praegen-charts

Matty
Matty
1 Jahr zuvor
florado86
Mitglied
florado86
1 Jahr zuvor

Bin immer noch fassungslos. Habe die ganze Woche Rosenstolz gehört. Einzigartige deutsche Musik, wunderbare melancholische Melodien, interessante Texte und diese wunderbare Stimme. Es war auch etwas der Soundtrack meiner Kindheit und Jugend. Ihr plötzlicher Tod hat mich tief berührt und viele Erinnerungen geweckt.

Matty
Matty
1 Jahr zuvor