Kommentar: Der Austragungsort des ESC 2020 ist letztlich irrelevant

Wenn der Frühling kommt, dann schick‘ ich Dir Tulpen aus Amsterdam … und im nächsten Jahr per TV-Signal den ESC aus irgendeiner anderen Stadt in den Niederlanden. Jaja, wir wissen es schon genauer: entweder aus Maastricht oder aus Rotterdam. Aber ganz ehrlich: Wer interessiert sich eigentlich dafür, aus welcher Stadt der ESC übertragen wird?

Das niederländische Fernsehen macht ganze zwei (!) Minuten für die Bekanntgabe der Entscheidung frei. An einem Freitag. Um 12 Uhr mittags. In der Zeit könnte nicht mal Luke Mockridge einen Skandal heraufbeschwören. Offenbar hat selbst in den Niederlanden die Entscheidung über die Gastgeberstadt keine größere Bedeutung. Und das ist auch nachvollziehbar: Amsterdam ist es schon mal nicht, was 90% der Niederländer freuen dürfte. Also alle, die nicht in Amsterdam leben. Denn die Stadt bekommt ohnehin mehr oder weniger die ganze internationale Aufmerksamkeit. Womöglich freuen sich aber auch einige Amsterdamer selbst über eine Hand voll weniger Touristen im Mai nächsten Jahres.

Es steht bereits fest, dass der ESC (wieder einmal) in eine Zweite-Liga-Stadt kommt. Der dortige Bürgermeister bzw. die Bürgermeistern wird sich darüber freuen und der lokale Tourismus- und Hotelverband. Vielleicht auch noch ein paar Einwohner der austragenden Stadt. Lokalstolz und so. Für den Rest der Niederländer dürfte es wichtiger sein, dass ihr Land – die Niederlande – der Gastgeber ist und sich international präsentieren kann. Ob die Fahrräder, Windmühlen, Holzschuhe und Joints in Maastricht oder Rotterdam auf der Bühne als Botschafter für das Land herhalten müssen, spielt dabei keine Rolle. Bühne ist Bühne. Saal ist Saal. Publikum ist Publikum.

Der ESC 2019 aus Tel Aviv hätte prinzipiell genauso aussehen können, wenn er aus Jerusalem oder Haifa übertragen worden wäre. Jan Delay hätte als Intervall-Act die internationalen Zuschauer genauso ratlos zurückgelassen, wenn er nicht in Düsseldorf, sondern in Hamburg, Berlin oder München auf der Bühne gestanden hätte. Und welcher Außenstehende könnte aufgrund der TV-Bilder vom ESC 1993 erkennen, dass diese in einer Reiterhalle in einem 1.500-Seelen Dörfchen entstanden sind? Mit anderen Worten: dem Gros der TV-Zuschauer ist der Austragungsort herzlich egal. Letztlich bleibt das Gastgeberland im kollektiven Gedächtnis hängen. Wenn überhaupt.

Das heißt nicht, dass für die TV-Produktion die Entscheidung irrelevant wäre. Natürlich müssen die nach geeigneter Infrastruktur Ausschau halten, sich überlegen, wie die Künstler von A nach B kommen und letztlich wo alle Beteiligten – Ausrichter, Künstler, Presse, Fans, Zuschauer – unterkommen. Alles darüber hinaus ist aber Geschmacksache.

Wenn wir ehrlich sind, erfreuen wir als Fans uns an der Diskussion über die Gastgeberstadt doch nur deshalb so sehr, weil ansonsten in der ESC-Bubble gerade so gut wie nichts passiert. Und dann kennt vielleicht noch jemand in der einen Stadt einen Ex-One-Night-Stand, den man auffrischen könnte, weshalb man diese Option präferiert. Oder die Anreise in die eine Stadt ist leichter als in die andere. Aber am Ende – das zeigt die Erfahrung der Vergangenheit – finden alle Fans den Weg in den Austragungsort und dort auch eine Unterkunft.

Von fast allen Ecken Deutschlands aus könnten wir mit etwas Zeit selbst mit dem Fahrrad einigermaßen klimaneutral zum ESC 2020 anreisen. Es wird vor Ort eine Halle, ein Pressezentrum, einen Euroclub und sicher auch ein EuroCafé geben. Was braucht’s mehr für den gemeinen Fan? Insofern können wir den zwei Minuten am Freitag bei einer Frikandel, einem Käseteller oder einer Stroopwafel sowas von entspannt entgegensehen. Ich freu mich auf den ESC 2020 – wo auch immer er stattfinden wird.

(Aufmacherfoto von Stephanie LeBlanc auf Unsplash)



22 Kommentare

  1. Ich finde jetzt nicht, daß man sagen kann, daß die Bekanntgabe des ESC-Ortes „nur“ 2 Minuten in Anspruch nimmt (also im TV, dazu kommt ja sicher noch einiges an Online-Tamtam). Das Theater, das dieses Jahr um den Austragungsort gemacht wird, ist schon ziemlich einzigartig und mehr als sonst – ob das gut oder schlecht ist sei dahingestellt, aber merkt außer den Locals und der Bubble mit WiWi-Gequieke ohnehin niemand.
    Ist auch schon etwas her, daß eine Stadt aus der 2. Reihe den Zuschlag bekommen hat – Tel Aviv ist schließlich eher die 1. Wahl als Jerusalem und Düsseldorf war oberer Rang Mitte.

  2. Wirklich gut geschrieben. Finde auch, dass es vollkommen wurscht ist, wo der ESC letztlich stattfinden wird. Hab daher auch keinen bevorzugten Sieger.
    Allerdings ist es schon ein bisschen verwegen, Rotterdam als Zweite Liga zu bezeichnen. Das ist nicht nur die zweitgrößte niederländische Stadt, sondern hat auch zahlreiche Vereine, die im Fußball erstklassig sind (mit Feyenoord nicht zuletzt einen Ex-Meister)
    Auf Deutschland bezogen wären Köln, München und Hamburg 2. Liga (wobei das bei Hamburg sigar stimmt) 🤣🤣🤣

      • Ja, ich bin ESC und Fußballfan.
        Rotterdam ist aber auch unabhängig vom Fußball keinesfalls als 2. Liga der Niederlande zu bezeichnen. Man stelle sich mal vor man würde München oder Köln bezogen auf den Status von Berlin so einordnen…

    • Eine Frage an die die schon einmal live beim Esc dabei waren….

      Ich möchte dieses Jahr selber zum ersten Mal zum Esc

      Gibt es irgendwelche Tipp oder Sachen die ich beachten muss wenn es um die Themen Hotel/Anreise und Tickets für die Halle geht?

      Vielen Lieben Dank an alle die sich die Zeit nehmen hierauf zu antworten 😀

  3. Sehr schöner Artikel, vielen Dank dafür. Die Niederländer werden schon eine tolle Show zaubern, da bin ich mir sehr sicher. Den Millionen Fernsehzuschauern ist es eh schnuppe, aus welcher Stadt der ESC übertragen wird.
    Und die Fans vor Ort können wohl auch im kleinsten Kaff ihren Spaß haben. Aber toll, dass ihr das Auswahlverfahren so begleitet. Ich freue mich schon total auf die nächste Saison.
    Aber Maastricht ist sicher eine wunderschöne Stadt, werde ich mir bestimmt auch mal irgendwann anschauen, nur nicht beim ESC, sollte er dort stattfinden. Ist mir einfach „too much“. Zu viel Trubel ist nichts für mich.

  4. Die Niederlande wird bestimmt eine bessere Show abliefern als die Israelis in diesem Jahr. Hoffentlich verzichtet man darauf irgendeine verkrachte Showexistenz einzuladen, die vor zig Jahren mal angesagt war. Das hat ja in Tel Aviv ja nicht so gut geklappt. Es hat die Show unnötig vollkommen in die Länge gezogen. Und ich hoffe mal wieder auf ein besseres Deutsches Ergebniss als in diesem Jahr. Einmal alle 10 Jahre ein Topergebniss ist zu wenig.

    • Ein Top Ergebnis in 10 Jahren??
      Wir waren 1x Erster, 1x Vierter, 1x Achter und 1x Zehnter! Das ist mehr als so viele andere Länder in den letzten Jahren zustande gebracht haben. Es sind über 40 Teilnehmer!! Muss Deutschland zwangsläufig alle paar Jahre gewinnen weil es Deutschland ist? Ich schätze die unbefriedigende Wahrnehmung resultiert aus den Katastrophenjahren 2015 bis 2017 und 2019

      • Ich habe nicht von „Gewinnen gesprochen. Aber schaut euch mal Italien an. Seit 2011 sind sie bis auf 2 Ausnahmen immer unter den ersten oder gar Top 5 gekommen. Die Schweden schaffen es auch seit 2011 regelmäßig in die Top 5. Und wir? In den Jahren 2005 bis 2009 nur hintere Plätze. Dann wieder ein hoch 2010 bis 2012. Dann von 2013 bis 2017 auch nur hintere Plätze davon 2 mal hintereinander der letzte Platz. Also eine gute Bilanz sieht nun wirklich anders. aus.

      • Um die 40 Teilnehmer stimmt schon. Allerdings kann sich Deutschland durch die direkte Finalteilnahme jedes Jahr mind. Platz 26 sichern. Das ist doch eh schon was. 😉

  5. Und außerdem ist der letzte Sieg auch schon wieder 9 Jahre her. Was ist an dem Streben gewinnen zu wollen eigentlich so verkehrt? Man müsste sich halt mehr anstrengen. Natürlich kann man nicht immer gewinnen, aber dem NDR fehlt es an jeglichen unbedingten Willen zum Erfolg. Die Schweden und die Italiener machen es seit Jahren vor, wie es geht. Die Italiener schaffen das sogar nur mit Songs in der Landessprache. Angesichts der Ereignisse aus diesem Jahr, kann man den 4. Platz 2018 unter Zufallserfolg abheften oder auch als „Ein Blindes Huhn findet auch mal ein Korn.“ bezeichnen.

  6. @Benjamin

    Nein und mir geht es eigentlich nur um das Finale. Mit Hotel + Anfahrt und dem finalticket gehe ich schon an meine finanziellen Grenzen.

    • Als Einzelinteressent ist es verdammt schwer, wenn nicht gar unmöglich an Karten zu kommen. Wenn dann muss man schon Mitglied der ESC-Fanclubs sein. Die bieten bestimmt mehrere Optionen an. Ich war 2014 live vor Ort und spreche da aus Erfahrung. Aber das Prozedere variiert von Jahr zu Jahr.

  7. Das „zweite Reihe Phänomen“ bei den Ausrichterstädten scheint etwas nordeuropäisch und förderalistisch geprägt zu sein. Schweden war sicher ein Sonderfall wegen Wiederholungsgefahr, aber es gibt in gestressten Metropolen die leicht schizophrene Neigung, gerne in Szenestädten gleichzeitig urban & dörflich wohnen zu wollen, da werden Großereignisse schnell als Störfaktor gesehen. Ich bin zwar auch pro Rotterdam, aber genau genommen ist es wirklich schnuppe, weil man eh einen Abstecher einplanen würde. Entweder Amsterdam (ROT) oder Köln (MT) ..

  8. Mir wäre es nicht egal, wenn der ESC in einem Provinznest (Maastricht) oder einem Ghetto (Rotterdam) stattfindet. Ich war immer für Amsterdam und hätte in der Arena oder im Ziggo Dome die drei Shows gerne gesehen. Außerdem ist die niederländische Hauptstadt im Gegensatz zum häßlichen Rotterdam auch viel deutschfreundlicher.

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