
Der 4. Dezember 2026 wird in die ESC-Geschichte eingehen – „but not in a good way“, um ein bekanntes angloamerikanisches Sprichwort zu zitieren.
Auf der 95. Generalversammlung der European Broadcasting Union (EBU) stand auch der 70. Eurovision Song Contest im Mai 2026 in Wien auf der Tagesordnung. Konkreter ging es um die neuen ESC „Spielregeln“, die die EBU für die Jahre 2026 ff. vorgeschlagen und zur Abstimmung gestellt hatte.
Nicht zur Abstimmung stand die Teilnahme Israels am ESC im kommenden Jahr, wiewohl acht EBU-Mitgliedsender diese beantragt hatten. Da aber die überarbeiteten und weiterentwickelten ESC-Regeln die Diskussion über die Teilnahme eines einzelnen Landes in der Form wie gefordert nicht vorsehen, kam es nicht mehr zu der geforderten Abstimmung.
Diese neue Beschlusslage löste in der Folge dramatische Stunden aus, die in der Geschichte des Eurovision Song Contest einzigartig sind. Nacheinander sagten mit wohlfeilen, sorgfältig vorbereiteten, in der Tonalität zuweilen überhöhten Stellungnahmen die EBU-Mitgliedsender aus Niederlande, Spanien, Slowenien und Irland (in dieser Reihenfolge) ihre Teilnahme am Wettbewerb in Wien im kommenden Jahr ab – und das alles in einer Spanne von etwa nur 45 Minuten.
In unserem Rollbog könnt Ihr die Dramaturgie der EBU-Generalversammlung und ihrer Folgen noch einmal im Detail nachvollziehen. Der Go-Or-No-Tag ist nicht nur für die ESC-Geschichte bedeutsam, er wird auch in der europäischen Kulturgeschichte als ein Einschnitt aufgeschrieben werden.
Weitere Absagen sind nicht ausgeschlossenen. Island etwa will in der kommenden Woche über die Teilnahme in Wien entscheiden. Mit weiteren skandinavischen Ausfällen darüber hinaus ist aber nicht zu rechnen. Finnland und Schweden haben bekräftigt, dabei zu sein, das ist quasi ein nordisches Agenda-Setting.
Ein wenig unter geht in der hitzigen Diskussion (auch hierzulande, wir mussten schon unter ausgewählten Beitragen die Kommentarfunktion deaktivieren), dass politische Verwerfungen immer schon Bestandteil der größten Musikshow der Welt gewesen sind.
Spezifisch brutal klingen die diesjährigen EBU-Aggressionsbotschaften des spanischen Mitgliedssenders RTVE. Gleichzeitig aber gab es in den frühen Grand-Prix-Jahren über die Teilnahme Spaniens ebenfalls Kontroversen. In den 60er-Jahren, als Spanien als Diktatur am ESC teilnehmen durfte, löste diese Zulassung heftigste Diskussion aus und sogar politisch motivierte Protestaktionen auf der Bühne wie sie beispielsweise hier Oliver Rau bei aufrechtgehn.de dokumentiert hat.
Die Weltpolitik ist seit Jahrzehnten ein Begleiter des ESC, mal mehr („1944“) mal weniger („We don’t wanna put it“) subtil. Dennoch fühlen sich die vielfaltigen Herausforderungen 2026 besonders an, weil Traditionsländer die Teilnahme verweigern und mit einer schnellen Rückkehr dieser nicht zu rechnen ist, solange die Entscheidungsträger des politisch motivierten Boykotts weiter „in charge“ sind.
Gleichzeitig haben unter anderem Bulgarien und Rumänien ihre Rückkehr angekündigt und es gibt Hoffnungen, dass Monaco sich zurückmeldet. Außerdem wird über die erstmaligen Teilnehmer Kasachstan und Kanada diskutiert.
Genug zu besprechen gibt es also und wir haben uns auf vielfachen Wunsch unserer Leser*innen entschlossen, Euch am kommenden Sonntag zu einem ESC kompakt LIVE einzuladen. Diese Entscheidung ist uns übrigens nicht leid gefallen, nachdem wir in den letzten Wochen und Tagen leider die Erfahrung machen mussten, dass sich nicht jeder in den Kommentarspalten an eine respektvollen Umgang miteinander hält, wenn auch Meinungen differenzieren können.
Deshalb freuen wir uns, wenn Ihr uns in den Kommentaren Anregungen gebt, was wir besprechen sollten, und auch Fragen stellt. Wir möchten aber gleichzeitig nochmal darum bitten, bei jedweder Diskussion einen respektvollen Umgang mit den Thema und mit anderen Kommentator*innen zu wahren.
Das ESC kompakt LIVE am morgigen Sonntag ab 18:00 Uhr findet Ihr hier auf YouTube und Twitch.
Lasst uns in den Kommentaren gerne wissen, worüber wir sprechen sollten. Und seid gerne dabei, aktiv mit uns zu diskutieren.
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