
Beim OGAE-Germany-Fanclubtreffen in München vor bald zwei Wochen stellte sich nicht Tina Sikorski, die neue deutsche Head of Delegation beim ESC, den Fragen von OGAE-Moderator Jochen Voß, sondern Alexandra Wolfslast. Sie hatte diese Funktion in den vergangenen sechs Jahren inne, als die ESC-Verantwortung innerhalb der ARD noch beim NDR lag. Die Begründung für Tinas Absage: Zeitmangel und zu viel zu tun. Das ist in der ESC-Vorentscheidsaison natürlich nachvollziehbar – zugleich passt diese Erklärung auffällig gut zu einem Motiv, das sich durch das gesamte Gespräch zog.
Denn Zeitmangel war im Talk zwischen Alexandra Wolfslast und Jochen Voß (Aufmacherbild) eine wiederkehrende Begründung für vieles, was in der deutschen ESC-Organisation nicht rund läuft. Etwa für die kurze Phase zwischen Vorentscheid und ESC, in der zu wenig Zeit bleibe, um an einer wirklich ausgefeilten Inszenierung des deutschen Beitrags zu arbeiten.
Nun ist es so, dass Zeitmangel in den seltensten Fällen Ursache, sondern meist Symptom eines tieferliegenden Problems ist. Das kennt man noch aus der Schule: Die Zeit für eine Hausarbeit war selten objektiv zu knapp – andere haben es schließlich auch geschafft. Häufig wurde sie schlicht falsch genutzt oder unklug eingeteilt.
Genau dieses Muster lässt sich auch beim ESC in Deutschland beobachten. Während andere Länder nach dem internationalen Wettbewerb im Mai zügig in die Planung für das kommende Jahr einsteigen und diese dann auch konsequent verfolgen – ja, wir schauen wieder einmal nach Skandinavien –, vergehen hierzulande oft Monate, ohne dass klare Linien, Zuständigkeiten oder verbindliche Entscheidungen erkennbar wären. Stattdessen wird Zeit verloren, die später schmerzlich fehlt.
Im Gespräch verwies Alexandra Wolfslast unter anderem auf den Rundfunkrat und den Verwaltungsrat, die zu Verzögerungen beitrügen. Tatsächlich haben diese beiden Gremien mit der operativen Organisation einer TV-Unterhaltungsshow jedoch nur sehr begrenzt zu tun. Der Rundfunkrat bewertet nachgelagert, ob Programme und Genres insgesamt dem öffentlich-rechtlichen Auftrag entsprechen. Er ist kein Gremium, das Moderator*innen auswählt, Votingmechanismen festlegt oder Showkonzepte bewertet. Auch der Verwaltungsrat kommt allenfalls dann ins Spiel, wenn außergewöhnliche finanzielle Dimensionen, besondere Vertragsmodelle oder massive Budgetüberschreitungen vorliegen.
Die Verzögerungen in Sachen ESC lassen sich daher weniger mit formalen Gremienzuständigkeiten erklären als mit Organisation, Arbeitsweise und Entscheidungsfindung innerhalb der ARD. Zu viele Menschen haben in zu vielen Ebenen und Runden ein Wörtchen mitzureden. In überbordenden Governance-Strukturen führt das häufig zu Entscheidungsdiffusion: Verantwortung verteilt sich, Entscheidungen werden abgesichert, verschoben oder verwässert – effiziente Ergebnisse bleiben aus.
Hinzu kommt ein weiteres Phänomen, das in großen hierarchischen Organisationen gut dokumentiert ist. In laufende Konzepte wird von Vorgesetzten eingegriffen, ohne dass dies zwingend aus inhaltlicher Notwendigkeit geschieht. Solche Änderungen markieren Zuständigkeiten, sichern Einfluss oder sollen Risiken minimieren. Das Ergebnis sind selten bessere Lösungen, sondern lauwarme Kompromisse. Oder plakativer gesagt: Viele Köche verzögern – und verderben am Ende den ESC-Brei.
Solange die ARD nicht stärker der Arbeit einzelner Redaktionen vertraut und Innovation aus Angst vor Kritik, Gremiendebatten oder kurzfristigem Zuschauerverlust ausbremst, wird sich an der deutschen ESC-Misere wenig ändern. Ab und an mag man ein Korn finden und beim ESC erfolgreich abschneiden. Insgesamt bleibt so jedoch allzu oft das letzte Drittel der Ergebnistabelle der natürliche Lebensraum deutscher Beiträge beim Eurovision Song Contest.
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