Alle (und mittlerweile auch viele deutschsprachige Medien) reden über „ICH KOMME“ von Erika Vikman (ich auch, also ich rede auch über Erika), aber der ESC-historische Sieg des Samstagabends gehört „Shanghain valot“ von Annika Eklund. Yesterday, today, forever.
Ich möchte in bester Ergänzung dazu heute den zweiten Intervall-Act in der finnischen Vorentscheidung UMK 2025 mit Annika Eklund und ihren Co-Künstlerinnen feiern, der meinen Glauben an den ESC in ungeahnter Art und Weise gestärkt hat.
Es gibt Momente im Leben eines ESC-Bloggers, da überlegt man, ob man nicht vielleicht das Hobby wechseln sollte. Ich erinnere mich z.B. an 2018, als ich im Rahmen der Berichterstattung über das deutsche Finale, dass Michael Schulte dann gewonnen hat, einen „Shitstorm“ ertragen musste, weil wir Einzelinterviews mit den fünf Jungs von voXXclub veröffentlicht haben, was viele Leser*innen als Wettbewerbsnachteil gegenüber den Solisten empfanden und mich dafür mit teilweise unterirdischen Rants tadelten. Mir tat das so leid für voXXclub, die uns geduldig Interviews gegeben hatten und gleich in unfaire und beleidigende Mitverantwortung genommen wurden. Dieses peinliche Theater hat mich so genervt, dass ich überlegte, zur Aquaristik zurückzukehren (kein Scherz) und auf das Bloggen zu verzichten.
Aber es gibt auch Momente, die das überraschende euphorisierende Momentum haben, deutlich zu machen, dass der ESC das schönste Hobby der Welt ist.
Ein solches Highlight ist die neue UMK-Interpretation des finnischen (Euroviisut) Klassikers aus 2006 „Shanghain valot“, vortragen von der Originalinterpretin Annika Eklund gemeinsam mit BESS (UMK 2022), Eini (UMK 2016), Keira (UMK 2023), Laura Voutilainen (ESC 2002) und der finnischen Star-Violinistin Linda Lampenius aka. Linda Brava.
Vor meiner Eloge auf dieses All-Star-Remake hier noch einmal der Euroviisut-Auftritt aus 2006:
Den finnischen Vorentscheid Euroviisut 2006 hat bekanntlich Lordi gewonnen und dann in Athen auch den ESC für Finnland nach Helsinki geholt. „Hard Rock Hallelujah“ ist heute ein internationaler ESC -Milestone. „Shanghain valot“ wurde 2006 Dritter im Vorentscheid, entwickelte sich aber in Finnland in der Folge ebenfalls zu einem großen Hit, so wie es in Deutschland etwa bei Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir“ passiert ist, nachdem der Song 1975 im deutschen Vorentscheid auf dem 10. Platz gelandet war.
Auch in der internationalen Bubble gewann „Shanghain valot“ an Popularität – bis heute. Das konnten wir z.B. beim letzten Eurovision Weekend in Hamburg erleben, als DJ Jay-T den Kultklassiker auflegte.
Vor diesem Hintergrund durfte die finnische Rundfunkanstalt YLE fest damit rechnen, dass diese „ultimate Eurovision dream act“ (YLE-Programmankündigung) Überraschung beim Publikum mega ankommen würde, erst Recht, nachdem die „Fantasy Girlband“-Präsentation mit der Botschaft verknüpft wurde, die Frauen in der finnischen Pop-Musik zu feiern. Was gut passt zu einem Vorentscheid, in dem fünf der sechs Songs von Powerfrauen kommen und auch zwei populäre Female-Empowerment-Multiplikatorinnen moderieren.
Der Auftritt selbst ist ganz großes Kino – und es stimmen so viele Details. Es werden sogar Choreo-Bits-and-Pieces aus dem 2006er-Original übernommen:
Indem gleich drei beliebte UMK-Sängerinnen der letzten Jahre mit sehr unterschiedlichen Styles bei der Neuauflage von „Shanghain valot“ mitmachen, stärkt YLE sehr intelligent sein relativ neues VE-Format UMK, welches sich in den letzten Jahr zu einer internationalen ESC-Brand entwickelt hat. Laut Jaakko Oleander-Turja, der für die internationalen Zuschauer*innen in Englisch kommentiert hat, haben sich Fans aus 126 Ländern in dem Livestream zugeschaltet.
UMK bewegt sich dynamisch auf Augenhöhe mit dem Melodifestivalen in Schweden, das ebenfalls (auch) für seine kreativen Intervall-Acts populär ist. In der Tat ist der „Shanghain valot“-Gig genauso unterhaltsam und kreativ wie die besten Mello-Pausen-Inszenierungen.
Dazu tragen logischerweise maßgebend die Künstlerinnen bei. Neben Annika Eklung im Lead möchte ich die Geigerin Linda Lampenius, bekannt auch als Linda Brava, hervorheben, die in der internationalen Klassikszene einen Ruf wie ein Donnerhall hat, wie hierzulande etwa Anne-Sophie Mutter. Linda Lampenius gilt als „one of the most versatile and accomplished players of her generation“ und ihre sehr überzeugende und intelligente Einbindung in die „Shanghain valot“-Inszenierung ist außerdem ein Brückenschlag von der E-Musik zur U-Musik.
Aber es ist noch viel mehr als das. Es ist atemberaubend schön zu sehen, wie hier mehrere Generationen der finnischen Musikszene miteinander auftreten und harmonieren. Wohlgemerkt, im besten Sinne miteinander und eben nicht nebeneinander. Das beste ist, dass jeder einzelnen Interpretin Raum gegeben wird, sich persönlich darzustellen (z.B. über die individuellen Outfits, die dennoch ein wunderbares Gesamt-Ensemble bilden, aber auch über die Solo-Vocalparts), und gleichzeitig spürt man über verschiedene (Choreo-)Elemente, den Spaß, den die sechs Künstlerinnen in den Tagen vor der Show bei den Proben gehabt haben dürften.
Niemand versucht sich hervorzuheben und alle würdigen die Rolle von Annika Eklund als Originalinterpretin und Taktgeberin.
Entsprechend hat die Halle getobt, wie ich das selten erlebt habe und wie dieser Screenshot nur im Ansatz zeigt. Auch im Greenroom stehen ALLE UMK-Teilnehmer*innen und feiern die finish Divas. Jaakoo sagt „iconic“ und Recht hat er.
Ich habe es schon im Live-Blog geschrieben, aber den liest niemand mehr, wenn die Show gelaufen ist, erst Recht nicht, wenn zeitgleich in Europa sechs weitere ESC-Shows stattfinden. Deshalb wiederhole ich an dieser Stelle noch einmal, was sich ansonsten in den Nebeln von Finnland verlieren würde:
„Shanghain valot“ ist ein neues Highlight der Eurovisionsgeschichte und genau solche Momente sind es, die mich zum ESC Fan machen. Ich glaube fast nicht, dass es in der ESC-Saison noch besser kommen kann. „Shanghain valot“ wird nicht zu toppen sein. UMK hat den Song für mehrere Generationen neu entdeckt. Eine clevere, fast kalkulierte hochprofessionale Produktion und Wahrhaftigkeit und Kreativität müssen kein Gegenteil sein.
Annika und besties – das ist LIEBE in so vieler Hinsicht.
Es gab mal eine „gay times“-Rezension von einer sehr sorgfältig kuratierten ABBA Re-Re-Release-CD-Edition. Davon war der (mit mir nicht verwandte) Rezensent so begeistert, dass er – obwohl mehrere gute Platten auf der gleichen Seite vorgestellt wurden – schrieb: „Forget the rest of this page.“
In diesem Sinne: Vergesst gerne alles, was ich in diesem Jahr bisher geschrieben habe oder noch schreiben werden. So deep wie bei diesen Betrachtungen über „Shanghain valot“ wird es wohl nicht mehr. Was Andy Warhols „Campbell’s Soup Cans“ für die Kunstwelt und Pop-Art war, das ist „Shanghain valot“ für die ESC-Bubble.
PS: Nicht zu vergessen geht ein DANKE an das ESC-kompakt-Team, dass ich diese kleine ESC-Geschichtsstunde aufschreiben konnte, die es in dieser Form definitiv nirgendwo anders zu lesen gibt.
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Ich habe UMK mit finnischen Kommentar angesehen. Und mir alle Intervall Acts gefallen. Auch dieses hier.
Der Peter ist frisch verliebt. 😉😉😉🫠🫠🫠🫶🫶🫶
Cooler Auftritt beim UMK.
Zwar ist die Reihenfolge von Wörtern im finnischen nicht allzu wichtig, dennoch bitte UMK, nicht UKM 😭
Bei UKM muss ich zwangsläufig an das Universitätsklinikum Münster denken 😂
Hab´s jetzt durchgängig korrigiert. War wahrscheinlich eine Freud´sche Fehlleistung meinerseits, denn ich bin in Münster zur Welt gekommen.
Daher dieser gemütliche westfälische Plauderton in Deinen Berichten. 🙂
Fan-Sein ist so schön, auch wegen solchen kleinen Schmankerln.
Wunderschön und eine tolle Erinnerung daran, wie viele Perlen es den Weg ins ESC-Finale gar nicht erst schaffen.
Ich hatte durchgehend Gänsehaut! Auch für mich vielleicht das Highlight der gesamten Saison. Danke, Peter, für diese Einordnung.
UMK hat sich in den letzten Jahren wirklich zu einer starken Marke entwickelt, bei der auch die Crème de la Crème, der jungen, finnischen Musikszene mitmachen will und die natürlich produktionstechnisch ganz vorne mitspielt. Es wird Zeit, dass Finnland endlich wieder gewinnt, dieses Jahr ist es wohl noch nicht zu erwarten, aber ich bin zuversichtlich, dass es in den nächsten 10 Jahren passieren wird.
OT: Gute Nachrichten für alle die keine Tickets ergattert haben: Am 27.03.2025 12:00 Uhr gibt es die zweite Ticketwelle. Es gelten die gleichen Bedingungen wie beim ersten Mal.
Da ich Finnland den Sieg gönne, würde ich natürlich nie sagen, dass Shanghain valot damals hätte gewinnen sollen. Einer meiner absoluten All-Time-Favourites ist der Song aber trotzdem.
Ich bitte doch den ersten Satz zu ändern in“ Alle außer Biobanane“. Habe mit den Auftritt noch gar nicht angeschaut, mit hat der vom letzten Jahr schon gereicht.
Der Auftritt war wirklich episch. Ich stelle mir so etwas ähnliches in Deutschland vor. Aber unsere Interpret*Innen werden ja leider wieder schnell vergessen oder bei schlechten Abschneiden fallen gelassen … Schade!
Überhaupt ist der Finnische VE ein Bsp. für eine grandiose ESC Auswahlveranstaltung. Da stimmte alles und die Stimmung übertrug sich auf den Zuschauer.
P.S. Habe dieses Jahr zum ersten Mal den VE anderer Länder gesehen. (Island, Malta, Ukraine und Finnland – nicht immer vollständig.)
Ja ich war ebenso begeistert von dem Intervall-Act! Habe das über YLE gesehen, weil mit englischen Kommentar als übersetzer wäre das zu nervig.
uff!
jetzt weiß ich endlich mal,woher dieser erika vikman sound eigentlich kommt – wieder was gelernt!
ESC-meilenstein?
meine vorschlag wäre eher „inside the bubble ESC meilenstein“.
ich meine ja nur. 🐼
mmhh ..Euphorie ist ja was schönes aber „Meilenstein der ESC-Geschichte“. Ein paar Regale tiefer hätte es auch getan denke ich. Es war ein toller Auftritt mit einem tollen Lied. Ich dachte es wäre ein finnischer ESC Beitrag aus den 70/ 80gern, der mir durch die Lappen gegangen ist.
Neee, es war die Nr 3 der finnischen VE aus dem Lordijahr 🙂
Lieber Peter,
was für ein herrlicher und leidenschaftlicher Beitrag von dir 🤩 Als ich gerade eben in der Mittagspause bei dem kleinen Bäcker auf der Ecke war, lief dort ABBA („The Name of the Game“) und ich dachte noch:“Och, das würde Peter sicher gefallen hier…“ Und kaum schau ich bei meinem Brötchen und einer Tasse Kaffee bei ESCkompakt vorbei, findet sich direkt dein schöner Artikel – das passt doch!
Danke dafür, sonst wäre mir dieser in der Tat klasse Auftritt durch die Lappen gegangen 🫶🏻 Und vor allem freue ich mich, dass du dich so sehr darüber freuen kannst. Wenn jemand Enthusiasmus und die Freude an diesem Gefühl nachvollziehen kann, dann gehöre ich mit Sicherheit dazu (wie man beispielsweise aktuell an meinen Kommentaren zu Ziferblat nachlesen kann 🤭🫣😂)!
In Sachen „Shitstorm“ hingegen habe ich erfreulicherweise noch keine Erfahrung, ich bin allerdings auch nur hier bei ESCkompakt im Netz „aktiv“, sonst überhaupt nicht. Ich habe mal gelesen, Empörung sei negativer Narzissmus – gut, dass du dich dagegen entschieden hast, dich von solchen Narzissten vertreiben zu lassen 💪🏻
Ich wünsche dir und uns allen hier während der ESC Saison 2025 noch mehr Anlässe zu großer Freude und Enthusiasmus, denn so macht das hier doch am meisten Spaß! 💗🇪🇺🎉
In Finnland darf einem nichts durch die Lappen gehen. 😉
(Hab ich nur für das Wortspiel so geschrieben, sorry an alle Samen, die mitlesen.)
Wenn ich das Katzenklo mal für eine Woche nicht Reinige, dann könnte ich einen „Shitstorm“ anbieten… 😀
„Shanghain valot “ .Einer meiner alltime Favoriten . Hätte ich gerne für Finnland 2006 gesehen anstelle von Lordi.
Obwohl ich Lordi auch nicht schlecht fand .
Yeah! Danke für diesen Artikel. „Shanghain valot“ ist einer meiner Lieblings-Vorentscheidungstitel ever. So sehr ich Finnland in diesem Jahr den Sieg gegönnt habe, so wenig werde ich nach wie vor mit Lordis Siegertitel warm. Und dieser Auftritt von der Fantasiabändi beim finnischen Vorentscheid ist jetzt schon ein Highlight dieser Saison für mich 🙂
Großartige Hommage, Peter!
Als der Song damals im Juni 2006 im Gay-Club DTM in Helsinki lief und alle mitsangen und tanzten, fragte ich zwei Jungs, welcher Titel das ist. Damals gab’s noch kein Shazam. Wir verbrachten dann den weiteren Abend zusammen. Am Freitagabend saßen wir fast 19 Jahre später beim Wein in einer Bar in Helsinki zusammen – und mit einem davon war ich am Samstag in Tampere in der Arena mit diesem Pausenact. Gefühle bis zum Anschlag (um einen bekannten Blogger zu zitieren). ESC-Songs können wahrlich lange Freundschaften begründen!
Ich war schwer entzückt und habe lauthals mitgesungen. Ein denkwürdiger Auftritt! 🇫🇮
Mit den üblen Methoden des Shanghaien kennt man sich in Hamburg und anderen Hafenmetropolen aus!
Auffällig ist mal wieder, dass damals noch Fähnchen – keine Smartphones – vom Publikum hochgehalten wurden!
Gib‘s zu, eine Fantasie von DIR.
Natürlich, jetzt müsstest du nur noch meinen Job bei der Sache erraten!
Wieso kommt mir jetzt Pressgang-bang in den Sinn? *schäm*
Hey! Das hat dir doch insgeheim 4porcelli zugeflüstert!
Vermutlich telepathisch. 🙂
Das klingt ja übel. Eher Furchtbar.
Ja. Ich musste einfach bei dem Songtitel daran denken.
Die Ork-Armee betreibt doch genau damit sein Recruiting.
UMK ist einfach das alljährliche Highlight der ESC-Vorentscheidssaison.
Doch Peter, dieser „niemand“ bin zum Beispiel ich. 🙂 Ich lese immer alle Liveblogs inklusive aller Kommentare (irgendwann, meist 1, 2 Tage danach) – man möchte ja nichts verpassen. 😉 Von daher sind mir deine Schwärmereien schon im Liveblog aufgefallen, den ich am Sonntag nachgelesen habe. 😘
Streber. 😜🤗🫶
Kiitos 💖
Awwwwwww, ich LIEBE es, lieber Peter, wenn du so wundervoll ins Schwärmen gerätst und solche mitreißend überschwängliche Elogen schreibst. Man kann es beim Lesen förmlich mitempfinden, wie dir das Herz überfließt voller Freude und Verzückung über diesen wirklich einmalig schönen Moment beim UMK. Und das ist so wunderbar ansteckend. Ich habe diesen Auftritt ebenfalls sehr genossen, aber deine Nachbetrachtung adelt ihn erst zu einem besonders unvergesslichen Moment und macht ihn unsterblich. Dafür vielen lieben Dank!