Kommentar zum ESC 2025: Schon wieder wurde das Publikum überstimmt – Reduziert die Macht der Jurys!

Foto: Sarah Louise Bennet / EBU

Vor zwei Jahren Käärijä (Aufmacherbild), letztes Jahr Baby Lasagna, dieses Jahr Yuval Raphael. Dreimal hintereinander haben die Jurys beim Eurovision Song Contest dem Publikumsfavoriten den Sieg verwehrt und entschieden, wer die Siegtrophäe mit nach Hause nehmen darf. Die Favoriten der Zuschauer*innen hatten das Nachsehen und konnten sich bestenfalls über den zweiten Platz freuen. Ist das fair und im Interesse der (kommerziellen) Erfolgs des Wettbewerb und der teilnehmenden Künstler*innen?

Zugegeben: Seit der Wiedereinführung der Jurys im Jahr 2009 waren diese nicht immer das Zünglein an der Waage. 2011 setzten sich die Televoting-Favoriten Ell & Nikki mit „Running Scared“ durch, 2018 Netta mit „Toy“ und 2021 Måneskin mit „Zitti e buoni“ – und holten sich jeweils den ESC-Gesamtsieg. 2022 war dann ohnehin eine Ausnahmesituation mit dem gerade gestarteten Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine und der großartigen Solidarität der europäischen Völker.

Und natürlich gab es auch Jahre, wo sich Jury- und Televoting einig waren: Bei Alexander Rybak und Lena etwa, aber auch bei Loreen 2012, Emmelie de Forest, Conchita Wurst und Salvador Sobral. Das ist natürlich der beste Fall. Der trat aber tatsächlich 2017 das letzte Mal ein.

Gerade mit den Siegen von Nemo im letzten Jahr und jetzt von JJ sind wir aber denkbar weit von einem Einklang von Jury- und Televoting entfernt. Nemo war beim Televoting nur Fünfter, JJ jetzt Vierter. „The Code“ hatte nach einer kurzen Euphorie kein dauerhaftes popkulturelles Echo. Es bedarf nicht allzu viel Kaffeesatzleserei, um das auch für „Wasted Love“ zu vermuten. Gleichzeitig zeigten Käärijä und Baby Lasagna als Pausenact im gestrigen ESC-Finale, dass sie und ihre Songs dauerhafte Relevanz über den eigentlichen ESC-Abend hinaus hatten und auch noch weiter die Menschen begeistern.

Die EBU hatte gute Gründe, als sie die Jurys wieder beim Wettbewerb etablierte – auch wenn an ESC-Siegern der Nuller Jahre, die ohne das Zutun von Jurys zustande gekommen sind, wie „Molitva“, „My Number One“ oder „Hard Rock Hallelujah“ recht wenig auszusetzen ist. Alles sind ESC-Hits für die Ewigkeit.

Gleichzeitig kann man fragen, ob es wirklich gerechtfertigt ist, wenn die Jurys gestern Abend dem israelischen Beitrag „New Day Will Rise“ ganze 60 Punkte geben, aber Miriana Conte von ihnen 83 Punkte bekommt oder Tommy Cash 98 Punkte? Wäre es – abgesehen von den politischen Umständen – wirklich kulturell so falsch gewesen, wenn die Televoting-Siegerin Yuval Raphael den ESC 2025 gewonnen hätte? Oder der Televoting-Zweite Tommy Cash mit seiner Spaßnummer, die absurd gut ins Ohr geht und offenbar Menschen in allen Teilen Europas erreicht hat?

Televoting-Favoriten haben in den letzten Jahren nur dann den ESC-Sieg davon getragen, wenn sie beim Publikum sehr weit vor den anderen Beiträgen lagen. Das ist aus den unterschiedlichsten Gründen – nicht zuletzt dem reinen Televoting in den Semis – schwerer zu erreichen als bei den Jurys, denen zum einen klare Bewertungskriterien vorgelegt werden und die sehr oft einer geringen Anzahl von Beiträgen die Höchstpunktzahlen zukommen lassen, so dass diese einen Vorteil gegenüber Televoting-Favoriten haben.

Jurys können sinnvoll sein, um groben musikalischen Unfug zu verhindern, den es ohne Zweifel beim ESC geben kann. Sie sollten aber nicht bevormundend sein und ihren Willen durchsetzen, sondern eher Wegweisung geben und künstlerisch anspruchsvolleren oder innovativen Beiträge Anerkennung zollen, die ihnen das Publikum möglicherweise vorenthält (siehe die Schweiz gestern Abend).

Das minimale Wertungsübergewicht des Televotings wegen der Rest-of-the-World-Stimmen reicht da nicht aus. Man könnte ja mal prüfen, wie sich die Ergebnisse geändert hätten, wenn die Jury-Stimmen ein Drittel zählen und die des Publikums zwei Drittel. Dann würden wir uns auch dem Ideal des deutschen Grundgesetzes annähern: Die Macht geht vom Volke aus (und nicht von den Jurys).

Wie siehst Du die ESC-Siege der Jury-Favoriten in den letzten drei Jahren? Wäre die Änderung der Gewichtung der Stimmen, eine Möglichkeit, um das besser zu gestalten? Oder sollte man ganz anders vorgehen? Lass es uns in den Kommentaren wissen. 



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Matty
Matty
10 Monate zuvor

Wer sich schon mner gefragt hat, wie aus einem schwarzen ein weißes Kleid beim Auftritt von Klavdia wurde:

https://www.instagram.com/reel/DJuGbMlihvm/?igsh=MTM3Zm81a2c4ZWVmNw==

Malge1985
Malge1985
10 Monate zuvor
Reply to  Matty

Mit Perwoll! Da wird auch bunte Wäsche wieder weiß. 😅😅😅

Dominic
Dominic
10 Monate zuvor

Israel sollte wie Russland ausgeschlossen werden! Entweder ist man politisch oder halt nicht. Beides geht nicht..

Rouven
Rouven
10 Monate zuvor
Reply to  Dominic

Zum 178. Mal: Die staatlich gelenkte russische Sendeanstalt ist ausgeschlossen worden. Informiere dich.

Heinz Schneider
Heinz Schneider
10 Monate zuvor

Sorry, irgendwas stimmt einfach nicht mit dem israelischen Beitrag.
Er ist einfach nur mittelmäßig!
Da hat der Mossad seine Finger im Spiel.
Reiner Betrug. Mich interessiert der ESC nun niemals wieder. Auf Nimmerwiedersehen!

Malge1985
Malge1985
10 Monate zuvor

🙄🙄🙄

Reisende soll man nicht aufhalten.

Gunnar
Gunnar
10 Monate zuvor

Ach komm schon, du wirst dich sicher wieder beruhigen.😊
Man schreibt vieles aus Wut oder Enttäuschung.
Das legt sich sicher bald schon wieder.
Nach dem ESC ist vor dem ESC und der kommt wieder
schneller als man denkt.

Thomas M. (mit Punkt)
Thomas M. (mit Punkt)
10 Monate zuvor

Ich bin heute morgen blöd gestolpert.
Da hat bestimmt der Mossad seine Finger im Spiel gehabt.

Ich fass‘ es einfach nicht, was hier immer wieder für ein Mist geschrieben wird.

Alki Bernd
Alki Bernd
10 Monate zuvor

Nein, das war ich ! Weil Du mir immer widersprichst  👿

Thomas M. (mit Punkt)
Thomas M. (mit Punkt)
10 Monate zuvor
Reply to  Alki Bernd

Wie gemein von Dir! Dabei habe ich Dir vor gut zwei Jahren doch auch mal zugestimmt, wie konntest Du das nur vergessen?

Wolfgang, kerk
Wolfgang, kerk
10 Monate zuvor

Es ist ,glaube ichauch politisch das Österreich Deutschland immer schlecht aussehen läßt ist ja bekannt ich würde den Ossietzky keine stimme mehr geben ebenso die osteuropäischen Länder die ganze schau ist ein Witz vorallen mit den sogenannten Chef mehr als peinlich mein Tipp, Deutschland aussteigen

Claire
Claire
10 Monate zuvor
Reply to  Wolfgang, kerk

??? „ich würde den Ossietzky keine stimme mehr geben […]“ ??? Wem würden Sie da keine Stimme mehr geben? – Ich kenne mit diesem Namen nur „Carl von Ossietzky„, einen Hamburger Journalisten, Schriftsteller u. Pazifisten, der 1936 den Friedensnobelpreis erhielt, was die „Nazis“ fraglos nicht davon abhielt, ihn ins KZ zu stecken. Er starb 1938 mit nur 48 Jahren.

Jane
Jane
10 Monate zuvor

Für mich ist Tommy Cash der Sieger. Er hat von 35 Jurys der insgesamt 37 Jurys Punkte bekommen. Somit haben nahezu alle Länder den Beitrag hervorgehoben, zusammen mit dem super Televoting ein voller Erfolg! Israel war eigentlich nur Mittelmaß und wurde aus Solidarität gewählt und der eigentliche Sieger des ESC sorgt wie auch im letzten Jahr dafür, dass ich mich Frage: mit welcher Qualifikation werden eigentlich Jury Mitglieder ausgewählt? Ich persönlich mag Oper und Operette, aber dies ist ein anderer Format als ein ESC und hier zählt für mich eine andere Performance. Mal ehrlich: 10 weitere Beiträge mit Sopran oder Tenor beim ESC und es würde diese enormen Einschaltquoten auch bald nicht mehr geben.

Tom
Tom
10 Monate zuvor

Ich wünschte, Israel hätte gewonnen. Dann hätte die EBU eine Frage zu beantworten: Soll ein ESC in einem Land stattfinden, das Völkermord begeht, dessen Staatschef einen Haftbefehl am Hals hat und dessen Fernsehsender

Franny
Franny
10 Monate zuvor
Reply to  Tom

Die Frage kannst du dir ganz bestimmt selbst beantworten. Dazu braucht es nicht mal groß Verstand.

Claire
Claire
10 Monate zuvor
Reply to  Franny

Ehrlich gesagt habe ich mir diese Frage ebenso gestellt wie Tom.
Und ich bin mir sicher, dass bei uns beiden fraglos kein Mangel an Verstand herrscht.

Die EBU müsste m.E. nach „de jure“ entscheiden, dass der ESC auch in Israel stattfindet (Entscheidung bezieht sich ja nur auf „öffentlich rechte Sender“, nicht auf die Landespolitik.). – Die entscheidende Frage aber bliebe dennoch: Was dann?

a) Dann könnten die anderen/zahlreiche Länder verkünden, dass sie dortige Auftritte ablehnen, „ganz unpolitisch“, allein weil sich Israel „im Krieg“ befindet, und das Gefahrenpotential zu groß sei für die Delegationen, wie auch für das Publikum.
b) Ebenso vorstellbar, dass Israel diese Aufgabe als Gastgeberland ablehnen würde, und zwar v.a. aus Sicherheitsbedenken gegenüber der Flut von dann Einreisenden unklarer Gesinnung, wie auch ob der finanziellen Belastung.
c) Letztlich müsste sich in beiden Fällen dann ein EBU-Sender-Land anbieten, diese Austragung für Israel zu übernehmen, so wie 2023 GB für die Ukraine.
Fragt sich dann wiederum, wer sich diese extra Sicherheitsvorkehrungen bezüglich der vielen Ressentiments gegen die israelische Regierung freiwillig antun will.

ALL diese Komplikationen können der EBU keinesfalls recht sein, zumal es auch den offiziellen Ausstieg einiger, weiterer Länder nach sich ziehen könnte, was schlicht ein finanzielles Defizit ergeben würde, ebenso wie das Risiko der größeren Abkehr vom ESC.
Auf jeden Fall käme die EBU also ganz klar in die Bredoullie bzw. eben in eine sehr missliche Situation. – Und nichts anderes hat Tom da zum Ausdruck gebracht!

Liebe Franny, nun erwarte ich von Dir nach Deiner so „fixen sportlichen Antwort“ eine weitere, nun ins Detail gehendere Antwort von Dir, die Deinen Verstand rechtzufertigen vermag, hm? —Und wie steht es mit +-Vergebenden/-er?

grie
grie
10 Monate zuvor
Reply to  Claire

Claire, genau das! An einem israelischen Sieg hängt ein unglaublich langer Rattenschwanz.

Mir persönlich gehen diese ganzen Mitleidsstimmen oder Diasporastimmen ohnehin nur noch auf die Nerven und derzeit dominieren sie leider den Wettbewerb…

Badenherbert
Badenherbert
10 Monate zuvor

My Amore sonst nix und alle Kriegstreiber haben auf dem ESC nix zu suchen und damit ist nicht nur Russland gemeint.

Rouven
Rouven
10 Monate zuvor
Reply to  Badenherbert

Welcher Sänger oder welche Sängerin des ESC ist ein Kriegstreiber? Habe ich was verpasst?

Philipp
Philipp
10 Monate zuvor

Israel hat massiv Werbung für deren Beitrag gemacht, um angesichts des von ihnen geführten Krieges, positive Publicity zu erlangen. Seht Herr, Europa unterstützt Israel. Die haben Leute außerhalb von Europa dazu ermutigt mit abzustimmen und so unfair gespielt.

Armin
Armin
10 Monate zuvor

Es ist sogar noch schlimmer: Von 184 Jurymitgliedern in ganz Europa setzten 4 Israel auf den ersten und 15 auf den letzten Platz. Das ist ein Skandal und kann keine anderen als politische Gründe haben! Wegen 15 einzelnen Antisemiten hat Israel also nicht gewonnen! Die Jurys gehören abgeschafft!!!

Mal ganz davon abgesehen, dass es ohnehin schwachsinnig ist, wenn Eko Freshs Stimme genau so viel Gewicht hat wie die von 20% der gesamten deutschen Fernsehzuschauer!

GEF
GEF
10 Monate zuvor
Reply to  Armin

Jeder, der Israel auf 25 gesetzt hat, ist Antisemit? Geht’s noch?

Ich glaube, jedes Lied landete Mal auf dem letzten Platz bei einem Jury-Mitglied.

Mike
Mike
10 Monate zuvor

Mich persönlich ärgert es das die Jurys so schwer gewichtet werden , wie der Rest der Bevölkerung.
Und zum Thema Israel sehe ich es ähnlich wie viele andere.
Länder die völkerrechtswidrige Kriege führen sollten vom Contest ausgeschlossen sein.
Da dies aber in diesem Jahr nicht der Fall war, im Bsp Israel und die Sängerin nunmal zugelassen war ,sollte man keine politischen Exempel an Ihr statuieren. Wenn das stört müsste vorher protestieren und nicht im Nachgang oder protest Voting machen.
Für mich persönlich war Israel mein Siegersong neben Luxemburg.

Werner
Werner
10 Monate zuvor

ESC ist immer noch ein Eurovision SONG Contest, kein Bühnenshow-Wettbewerb, keine Kostümkonkurrenz. Insofern ist es sicher unerlässlich, wenn eine Fachjury vorhanden ist. Beim Public Vote sollten eine Stimme und nicht maximal 20 Abstimmungen erlaubt sein pro Person.

Sabine Hofer-Mair
Sabine Hofer-Mair
10 Monate zuvor

Ich bin so froh, dass es die Jury gibt, das Ergebnis hätte ich sonst nicht verkraftet.

Rouven
Rouven
10 Monate zuvor

Wenn das ernst gemeint ist, solltest du den ESC nicht gucken. 😉

grie
grie
10 Monate zuvor

Also, um ehrlich zu sein… ich fand die Jurys dieses Jahr echt okay. Dass Österreich da auf 1 landet, war doch klar, sobald man das Lied gehört hat, machen wir uns da mal nichts vor. Man muss solche hohen Tonlagen nicht mögen, um anzuerkennen, dass das großartig war und Teya als Songwriterin was von Klimaxing versteht. Ohne die Jurys wäre Zoë übrigens mit 0 Punkten nach Hause gegangen, wollt ihr das wirklich? Die Jurypunkte hatten eine recht diverse Aufteilung und viele Länder hatten was abbekommen, auch 12 Punkte. Besonders gefreut hat es mich für Tautumeitas mit dem besten Staging des Abends sowie Griechenland. Es gab echt schon schlimmere Jahre bei den Jurypunkten – und auch wenn ich nach wie vor nicht über Loreens Sieg 2023 hinweg bin, muss ich ehrlich sagen: Wenn es komplett Televote only wäre, hätten wir in ein paar Jahren eine Schlacht von Espresso Macchiatos, Milshake Mans und Windows 95 Mans. Ich mag jedes dieser drei Lieder, aber wir würden uns keinen Gefallen tun wenn die Hälfte des Wettbewerbs daraus besteht. Ein Grund, warum Käärijä so erfolgreich war, war seine Einzigartigkeit (und er ist einfach ein guter Musiker).

Andrea Collins
Andrea Collins
10 Monate zuvor

Meiner Ansicht nach haette Yuvul Raphael gewinnen sollen.Die Zuschauer haben Sie gewaehlt.-Die Leute im Saal hat sie ebenfalls ueberzeugt.

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