Tagebuch ESC 2026: Mini-Storys aus meiner Zeit in Wien (Viva Vienna 6)

Ich muss zugeben, ich hatte nicht damit gerechnet so viel und gutes Feedback im vergangenen Jahr für meinen gleichnamigen Artikel nach dem ESC in Basel zu bekommen. Und ich sagte auch damals, dass ich es in diesem Jahr wiederholen würde, falls es euch gefällt. Also, hier sind wir nun und ich liefere Euch wieder Mini-Stories aus meiner Zeit in Wien während dem Eurovision Song Contest 2026.

Das ist hier keine Beerdigung! Lavadom, bürgerlich Luis, ist eine echte Marke in der spanischen ESC-Bubble. Bekannt wurde er durch seine YouTube-Reactions, in denen er mit bemerkenswerter Leidenschaft auf ESC-Songs reagiert und in seinem unverwechselbaren Spanglish – gelegentlich garniert mit einer Prise Griechisch – erklärt, warum er einen Song feiert oder eben nicht. Seine Art wird von manchen belächelt. Ich hingegen feiere sie. Und der Erfolg seiner Videos gibt ihm ohnehin recht.

Von seiner Existenz wusste ich schon länger. Er wiederum erfuhr erst in Basel nach dem Turquoise Carpet von meiner. In meinem Bericht vom vergangenen Jahr über die „portugiesische Familie“, die ich kennengelernt hatte, wurde er bereits kurz erwähnt, denn wir sahen gemeinsam einen Probendurchlauf. Stichwort: argentinischer Mate-Tee.

Seit Basel hielten wir Kontakt und freuten uns beide darauf, uns in Wien wiederzusehen. Gleich am ersten richtigen Tag im Media Center, einem Montag, begegneten wir uns. Allerdings war er nicht allein. Neben ihm stand ein junger Mann, der ihm verdächtig ähnlich sah. „Das ist Jaume, mein Bruder!“ Gemeinsam hatten sie sich vorgenommen, täglich Video-Tagebücher aus Wien zu produzieren. Dazu sollten Interviews mit den Acts und eine Charity-Aktion kommen: Lavadom ließ ein T-Shirt von den Künstler*innen unterschreiben, das er nun für einen wohltätigen Zweck versteigert.

Wir sahen uns während der Woche praktisch jeden Tag – mal geplant, mal zufällig. Benny und ich saßen beim ersten Halbfinale mit Lavadom und seinen Bruder am Tisch, und Benny bekam somit die volle Breitseite Spanisch ab. Aber keine Sorge, hat es überlebt, mehr oder minder. Am Donnerstag nach dem zweiten Halbfinale kam es dann zu jener Situation, die mich letztlich zu diesem Tagebucheintrag inspiriert hat.

Die zweite Semi-Show war gerade zu Ende gegangen. Die Acts hatten ihre Starthälften gezogen, während die Produzenten fieberhaft an der Startreihenfolge für das Finale arbeiteten. Ich ging im Media Center auf die Pirsch, in der Hoffnung, einen Act zu sehen, zu filmen oder vielleicht sogar kurz sprechen zu können.

Am Delegation-Tunnel hatte sich bereits eine größere Traube von Journalist*innen versammelt. Es wurde gemunkelt, dass sowohl DARA als auch Delta Goodrem gleich vorbeikommen würden. Lavadom entdeckte mich und winkte mich zu sich.

Da wir ziemlich weit hinten standen, schlug er vor, einfach zwei Stühle zu organisieren und darüber hinwegzufilmen. Gesagt, getan. Plötzlich hatten wir einen hervorragenden Blick und thronten über der Menschentraube wie zwei etwas fehlplatzierte Könige. Minuten vergingen. Dann eine Viertelstunde. Niemand kam. Irgendwann drehte ich mich zu Luis um und sagte: „Wir haben jetzt den Punkt erreicht, an dem es langsam peinlich wird, hier zu stehen. Andererseits warten wir schon so lange, dass wir jetzt auch durchziehen müssen.“ Er stimmte zu. Dann entstand plötzlich Bewegung. Irgendjemand näherte sich durch den Tunnel dem Media Center. Das Getuschel wurde lauter. Wer würde es sein?

Kurz darauf tauchte überraschend Eva Marija aus Luxemburg auf und stand plötzlich vor der versammelten Menge. Und die wusste nicht so recht, wie sie reagieren sollte. Normalerweise werden die Acts frenetisch begrüßt, wenn sie ins Media Center kommen. Doch Eva war gerade ausgeschieden. Man sah ihr an, dass sie das Ergebnis noch verarbeitete. Die Stimmung war seltsam. Fast unangenehm. Luis schaute mich an. „Das kann doch nicht deren Ernst sein.“ Er meinte die zurückhaltende Menge vor ihm. „Leute, wir sind doch nicht auf einer Beerdigung!“, sagte er in seinem typischen Spanglish. Dann begann er zu jubeln, Evas Namen laut zu rufen und ihr zuzuwinken. Ich stimmte sofort mit ein. Und plötzlich machte die ganze Menge mit. Innerhalb weniger Sekunden hatte sich die Atmosphäre komplett verändert. Eva lächelte, hüpfte ein wenig auf der Stelle und wirkte sichtlich erleichtert. „Bitte unterstützt auch meine Kollegen am Samstag im Finale!“, rief sie den Anwesenden zu. Dafür erhielt sie kräftigen Applaus. Ich war froh, dass Luis diese Situation gerettet hatte.

Lavadom und ich nach dem Sieg von Bulgarien im Media Center. Quelle: Screenshot Youtube

Natürlich sind wir in erster Linie vor Ort, um zu berichten. Aber gerade wir als „spezialisierte Medien“, wie man uns beim ESC gerne nennt, tragen auch Verantwortung für die Stimmung, die Leidenschaft und das menschliche Miteinander. Auch im Media Center. Wenn wir nicht zumindest ein kleines Auffangnetz für die Acts sind – wer dann?! Und an Luis bewundere ich besonders, dass er in alles, was er tut, seine Menschlichkeit, seine Authentizität und seinen Optimismus einbringt. Genau deshalb folgen ihm Menschen. Und genau deshalb bleibt er in Erinnerung.

Gracias por todo Luis, a por Sofia!

Wo ist denn nun Delta, Max?! Ich hatte Benny bereits den gesamten Tag in den Ohren gelegen, dass wir unbedingt pünktlich am Türkisen Teppich sein müssten, um uns einen guten Platz zu sichern. Wir waren beide für den Empfang akkreditiert und dieses Mal deutlich besser ausgerüstet als noch in Basel. Eigentlich konnte also nichts schiefgehen. Dachte ich.

Ich war tagsüber unterwegs gewesen und hatte einen kurzen Stopp im Hotel eingelegt, um mich für den Türkisen Teppich umzuziehen. Hemd oder Anzug? Nicht mein Stil. Ich bin eher Team Casual-Sporty. Dann passierte das Unvermeidliche: Ich nickte kurz ein. Aus dem kurzen Nickerchen wurden wertvolle Minuten. Also schnell unter die Dusche, hektisch fertig machen – und plötzlich war ich ziemlich spät dran. „Wo bist du, Max?“, fragte Benny am Telefon. „In der U-Bahn. Und in der Hoffnung, dass ich die Warteschlange für den Türkisen Teppich gleich finde“, antwortete ich.

Das war nicht einmal übertrieben. Kaum aus der U-Bahn gestiegen, rannte ich los wie ein Bekloppter. Die Richtung war zunächst zweitrangig. Ich verließ mich komplett auf meinen Instinkt – und darauf, dass irgendwo vor mir Menschen mit ESC-Badges unterwegs sein würden. Benny hatte mir zwar einen Standort geschickt, aber Standorte sind doch nur was für Weicheier! Auf dem Weg sah ich mehrere bekannte Gesichter. Normalerweise hätte ich angehalten und geplaudert, aber diesmal keine Chance. Wir waren nämlich vorgewarnt worden: Wer zu spät kommt, könnte draußen bleiben, falls die maximale Teilnehmerzahl erreicht wird.

Also sprintete ich weiter, samt Rucksack, Equipment und Stativ. Dann sah ich ihn. Benny. Er wirkte sichtlich erleichtert und setzte bereits zu einem Spruch an, den ich mit einer festen Umarmung zunächst erfolgreich unterbinden konnte. Zumindest für ein paar Sekunden. Kurz darauf wurden wir eingelassen und stürmten los, um uns einen möglichst guten Platz zu sichern.

Die sogenannte Mixed Zone für die Presse befand sich im Innenhof des Wiener Rathauses – eine beeindruckende Kulisse. Dort schlängelte sich ein Teil des Türkisen Teppichs entlang, dazu gab es einen Catering-Bereich mit Getränken und kleinen Häppchen. An dieser Stelle könnte nun ein längerer Absatz darüber folgen, wie spezialisierte Medien beim ESC erneut benachteiligt wurden. Glaubt mir: Stoff dafür gäbe es genug. Aber das würde den Rahmen dieses Berichts sprengen. Nur so viel: Es war wirklich nicht ideal gelöst, wiedermal…

Während Benny bereits damit beschäftigt war, mit dem ORF aus oben genannten Gründen zu diskutieren, machte ich mich auf die Suche nach einer strategisch günstigen Position. Dabei entdeckte ich Johannes (unten im Bild am Türkisen Teppich mit Benny zu sehen), der sich bereits einen Platz gesichert hatte. Neben ihm war sogar noch etwas Raum frei. Johannes ist im OGAE aktiv und einer dieser Menschen, die einfach ein Leuchten haben. Er strahlt konstant Optimismus aus, steckt voller Energie und ist immer bereit zu helfen. Anders kann man ihn kaum beschreiben. Benny und ich gesellten uns also zu ihm und warteten darauf, dass die Acts nach und nach vorbeikommen würden.

Doch die ließen auf sich warten. Also tat ich das, was ich offenbar während ESC-Wochen am häufigsten tue: Ich ging auf die Pirsch. Und da sah ich sie. Delta Goodrem. Delta besitzt viele Talente. Eines ihrer größten ist jedoch die Fähigkeit, jedem Fan und jedem Gesprächspartner das Gefühl zu geben, in genau diesem Moment die wichtigste Person in ihrem Leben zu sein. Es ist faszinierend, das zu beobachten.

Da Benny – und das ist wahrlich kein Geheimnis – ein großer Delta-Fan ist, musste ich ihm natürlich sofort berichten, dass ich sie bereits erspäht hatte. Von diesem Moment an wurde er spürbar ungeduldiger. „Wo ist denn jetzt Delta, Max?“ Diese Frage entwickelte sich im Laufe des Abends zu einem Running Gag. Immer wenn eine Gesprächspause entstand oder das Thema wechselte, kam sie wieder. „Wo ist denn jetzt eigentlich Delta, Max?“

Irgendwann – ich weiß bis heute nicht, ob Stunden oder Jahre vergangen waren – war es dann soweit. Delta kam tatsächlich. Benny schaffte es sogar, die australische Head of Delegation zu überzeugen, und kurz darauf bewegte sich Delta direkt auf uns zu. Es war einer dieser magischen ESC-Momente. Allerdings einer, den Benny wahrscheinlich besser selbst erzählen sollte.

Der gesamte Türkise Teppich war anstrengend, chaotisch und teilweise nervenaufreibend. Doch als wir nachts bei einem wohlverdienten Club-Sandwich zusammensaßen, waren wir vor allem eines: Glücklich. Glücklich und stolz. Dem Türkisen Teppich könnte ich noch viele weitere Absätze widmen. Sehr viele weitere Absätze… Aber dann würde dieser Bericht endgültig aus dem Ruder laufen.

Ich hoffe, dass ich euch mit diesem Artikel etwas Lesestoff fürs Wochenende liefern und zugleich einen etwas persönlicheren Einblick in die Arbeit vor Ort geben konnte. Ich denke, bei jedem von uns gibt die Wien-Woche genug Stoff für einige Artikel oder eine Kurzgeschichten-Serie. Mich würde es aber jetzt interessieren, was für euch so ein Erlebnis oder eine Story während der ESC-Woche war (ob daheim oder in Wien), die Euch so in Erinnerung geblieben ist.
Übrigens: Laureen und ich haben in der neuesten ESC BITE-Folge die Wien-Woche etwas Revue passieren lassen. Hört rein für eine Menge Insider und schlechte Versuche, den Wiener Dialekt zu imitieren:

In unserer Reihe Viva Vienna bereits erschienen:

 



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6 Comments
Matty
Matty
4 Stunden zuvor

Danke für diesen Bericht und vielleicht gibt es bald eine neue Folge von ESC BITE, dem tollen Podcast mit dem Schönen Rick und dem Feschen Max.

Edit: die gibt es bereits und statt Rick ist es mit der Zauberhaften Laureen!

Last edited 4 Stunden zuvor by Matty
Rusty
Mitglied
Rusty
1 Stunde zuvor

Lieben Dank,Max,für den schönen Bericht🙂.

Gaby L
Gaby L
39 Minuten zuvor

Ach wie schön, besonders der Teil, wo ihr der Eva doch noch einen so herzlichen Empfang bereitet habt. Hatte fast ein paar Tränen in den Augen vor Rührung. Vielen Dank für den schönen Bericht.😊👍

ESC1994
ESC1994
16 Minuten zuvor

Wo ist der Pinguin?? So viele Bilder von seinem Lieblingsblogger müssten ihm doch gefallen. 😁

Last edited 15 Minuten zuvor by ESC1994
Gunnar
Gunnar
13 Minuten zuvor

Danke für diesen klasse Erlebnisbericht vor Ort, den du u.a. auch mit sehr viel
Leidenschaft verfasst hast!👍
Das Highlight für mich war dabei eindeutig deine Aktion mit Luis für die noch so frisch enttäuschte Eva Marija nach Ihrem Ausscheiden. Hat mich richtig gerührt.
Gelacht habe ich herzhaft über Benny, der dich andauernd aufgeregt mit der Frage bombardierte “ Ja wo bleibt denn nur Delta – Hast du sie schon gesehen“?
Köstlich, weil ich mich da in ähnlichen Situationen selbst wiedererkenne.
Ungeduld und Aufregung lassen dann grüßen!🤪
Zu Lavadom: Anfangs dachte ich erst, es würde sich um Fabio handeln, den du letztes Jahr in Basel kennengelernt hattest. Aber ich habe mich da gerade nochmals schlau gemacht. Er ist ja Portugiese. Ich habe nicht immer alles so genau auf dem Schirm.
Mein persönliches Highlight war das Zusammenschauen des ESC am Finalabend bei Freunden mit 4 Personen und vor allem die Anwesenheit von 2 Kids dabei,
er 11 J. und sie 9J; zu sehen, wie die beiden ihren 1. ESC erlebten, so viele Fragen machmal schon zu viele stellten und richtig fasziniert mitfieberten.
Ich glaube, es war bei Schweden, danach gingen beide freiwillig auf ihr Zimmer.
Sie meinten vorher einstimmig: „Bangaranga“ soll gewinnen. Ausgang bekannt.

Marvin_Gallus
Marvin_Gallus
8 Minuten zuvor

Was für ein toller Bericht zweier wunderbarer ESC-Momente. Danke Max!