Schlaflos nach Tallinn – Meine abenteuerliche Reise zum Eesti Laul 2024 (Malmö Memories 28)

Puuluup

„Du bist doch verrückt!“ – so oder so ähnlich reagieren meine Freunde, als sie erfahren, dass ich nach Tallinn fliegen werde, nur um das Finale des estnischen Vorentscheids live vor Ort mitzuerleben. Hieraus wird ein „Du bist doch vollkommen verrückt“, als ich ihnen von meinen Plänen erzähle, die Vornacht auch noch durchzumachen.

Zum einen liegt das daran, dass ich die Tondiraba jäähall, in der das „Eesti Laul“-Finale stattfindet, schon um 18 Uhr betreten möchte, idealerweise gesättigt und mit 2 bis 3 Stunden nachgeholtem Schlaf im Gepäck. Zum anderen möchte ich mir die After-Show-Party des deutschen Vorentscheids auf keinen Fall entgehen lassen.

Mit einem strikten Zeitplan im Gepäck geht es so mit der Bahn nach Berlin. Karten für „Das deutsche Finale 2024“ habe ich leider keine mehr bekommen. Stattdessen verfolge ich die Sendung in der Bar Zum schmutzigen Hobby, in der die Berliner ESC-Fans nicht nur ein Public Viewing, sondern auch die anschließend stattfindende After-Show-Party organisiert haben. Und was das für eine Party ist! Als mein Wecker pünktlich um 3:35 klingelt, um mich daran zu erinnern, dass ich mich unverzüglich zur S-Bahn-Station begeben sollte, um rechtzeitig am Flughafen einzutreffen, ist mir klar: Diese Party werde ich jetzt ganz definitiv noch nicht verlassen! Zu schön ist es einfach, mit Gleichgesinnten zu Liedern wie „My AI“, „Sinceramente“ oder dem baldigen litauischen Beitrag „Luktelk“ abzugehen, statt wie bisher nachts um drei alleine in der eigenen Küche.

Ein persönliches kleines Highlight ist der Moment, in dem die ersten Töne von „You’re Mine“ aus dem diesjährigen MGP dafür sorgen, dass ich eine Konversation abseits der Tanzfläche nach dem Wort „Hey“ aber sowas von unmittelbar abbrechen muss. Zum Glück hat der Fan, mit dem ich mich gerade „unterhalten“ habe, genau so großes Verständnis dafür, denn auch sie macht sich unverzüglich auf den Weg zurück auf die Tanzfläche. Unterhaltungen während „You’re Mine“? Nicht nur für mich ein No-Go.

Andere Länder würden sicherlich Unsummen ausgeben, solch einen Act zum ESC zu schicken

Irgendwann schaue ich dann wieder auf mein Handy. 5:14. Verdammt! Da war doch noch irgendwas… Nur wenige Sekunden später sitze ich im Taxi auf direktem Weg Richtung Flughafen. Dort angekommen, nehme ich beide Beine in die Hand und drängele ich mich an unzähligen Menschen vorbei, um schnellstmöglich die Sicherheitskontrolle passieren zu können: „Sorry, mein Flug geht gleich!, Sorry, mein Flug geht gleich! Sorry mein Flug…“. Als ich diese Hürde geschafft habe, schnappe ich meinen Reiserucksack und sprinte was das Zeug hält. Am Gate angekommen, völlig aus der Puste, wird mir mitgeteilt, mein Name sei schon mehrfach aufgerufen worden und dass ich, wäre ich nur wenige Augenblicke später erschienen, meinen Flieger verpasst hätte.

12 Stunden später stehe ich dann endlich zusammen mit vermutlich über 5000 Esten in der Halle und warte sehnsüchtig auf den Start des Eesti Lauls. In der Hand halte ich eines von unzähligen Pappschildchen, mithilfe derer die Fans Auskunft über ihre persönlichen Favoriten geben können. Meines trägt ein Bild der beiden Gruppen 5miinust und Puuluup. Nicht verwunderlich, kann ich doch den Text ihres Beitrages jetzt schon Wort für Wort fehlerfrei mitsingen, auch wenn ich mir noch nicht so ganz sicher bin, wie dieser verflixte Songtitel überhaupt lautet.

Unterdessen schweift mein Blick gedankenversunken durch die Arena. Ich muss an das gestrige deutsche Finale denken. Ein Sofa? – finde ich hier nirgends. Und selbst wenn hier irgendwo eines stünde, müsste ich meinen Blick vermutlich ein paar Mal hin- und herschweifen lassen, um es zu erblicken. Stattdessen blicke ich in tausende Gesichter jeden Alters: viele Schüler und Studenten, mehrere Eltern mit ihren Kindern, Rentner – Frauen insgesamt leicht in der Überzahl. Das Eesti Laul scheint echt in der Mitte der estnischen Bevölkerung angekommen zu sein. Besonders bewusst wird mir dies, als ich bemerke, wie viele der Menschen in der Halle die im Hintergrund laufenden Eesti-Laul-Beiträge der letzten 10 Jahre mitsingen können. Gänsehaut! Wenn der Vorentscheid in Deutschland doch nur ähnlich stark etabliert wäre. Hach…

Die sehr gut gefüllte Tondiraba jäähall

Kurz darauf geht es dann auch schon los. Besonders erfreue ich mich an den Auftritten meiner persönlichen Favoriten: „Over the Moon“, „My Friend“, „Seretoniin“ und „Never Growing Up“. Und dann kommt er endlich: der Moment, auf den ich schon seit Wochen hinfiebere. Gleich werde ich den Song, der in mir den Wunsch ausgelöst hat, diese Reise auf mich zu nehmen, endlich zum ersten Mal live erleben. Doch was ist das? Ich traue meinen Augen nicht. Direkt vor meinen Füßen wird eine Leuchtstoffröhre platziert und Platz geschaffen. Die werden doch nicht…? Durch das Publikum…? Direkt an mir vorbei…?

Doch bevor diese Information auch nur halbwegs von mir verarbeitet werden kann, erklingen schon die ersten Töne: „Me pole narkomaanid…“. Und ich singe mit. Wort für Wort. Während der Sänger Päevakoer an mir vorbeiläuft, werde ich von der Kamera auf- und abspringend eingefangen. Als ich direkt nach dem Auftritt auf mein Handy schaue, kommt die Bestätigung: befreundete ESC-Fans haben mich im Publikum erblickt.

Man achte auf den deutschen Fan im roten Pullover (0:37 – 0:39)

Nachdem alle Lieder vorgetragen worden sind, gibt es eine kleine Pause – ideal um sich mit den Künstlern zu unterhalten oder diese nach Fotos zu fragen. Ich unterhalte mich kurz mit Daniel Levi und Carlos Ukareda und berichte zwei Mitgliedern der Band 5miinust davon, dass ich nur ihretwegen aus Deutschland angereist bin. Als ich Stig Rästa erblicke, ist mir sofort klar: ich muss mich bei ihm für das von ihm geschriebene Lied „Wunderbar“ bedanken, welches es leider nicht mit ins Finale geschafft hat – und das, obwohl ich auch dieses auf estnisch textsicher mitsingen kann. Welch eine Unverschämtheit. Die Unterhaltung gestaltet sich anfangs jedoch etwas holprig, denn zeitgleich zu mir verwickelt ihn auch eine Bekannte von ihm in ein Gespräch, in welches ich mich natürlich nicht einmischen möchte.

„Wunderbar“ – leider im „Eesti Laul“-Semi ausgeschieden

Der Rest des Abends verläuft dann ganz nach meinen Vorstellungen: „(nendest) narkootikumidest ei tea me (küll) midagi“ und „My Friend“ qualifizieren sich beide für das Superfinale – zusammen mit der unscheinbaren Ballade „Käte ümber jää“. Ich vernehme sehr viel Gekreische der vor allem jungen weiblichen Fans: „Ollie, Ollieee! 5miinust, 5miinuuust!…“. Faszinierend, denke ich mir. Solch eine lautstarke Euphorie wünsche ich mir auch mal wieder bei einem deutschen Vorentscheid.

Schlussendlich steht fest: 5miinuust und Puuluup fahren nach Malmö! Vor Freude überwältigt mache ich mich auf den Rückweg zum Hostel, meine Augen stets auf das Handy gerichtet. Schließlich wird doch gleich hoffentlich „Luktelk“ im Nachbarland zum Sieger gekürt werden

Das Musikvideo von (nendest) narkootikumidest ei tea me (küll) midagi

Bevor es zwei Tage später dann wieder zurück nach Deutschland geht, muss ich noch zwei besonderen Orten einen Besuch abstatten. Zuerst besuche ich die Location, in der das Musikvideo von „(nendest) narkootikumidest ei tea me (küll) midagi“ gedreht wurde. Tallinn ist im Februar noch sehr vereist und so schlittere ich in diesem Lost Place an mehreren Orten vorbei, die ich aus dem Musikvideo wiedererkenne. Besonders hervorzuheben ist da natürlich die Stelle, an der sich Puuluup verewigt haben. Es ist unfassbar, wie vereist der Schotterboden hier ist. Das nächste Mal bringe ich Schlittschuhe mit und mache mir hier einen schönen Nachmittag. Wann auch immer das sein mag.

Einer der Drehorte des Musikvideos von „(nendest) narkootikumidest ei tea me (küll) midagi“
Puuluup

An der zweiten Location staune ich nicht schlecht. Wären hier noch andere Menschen anwesend, so würden sie sich jetzt sicherlich wundern, wieso ich mich so darüber freue, einen stinknormalen Hocker zu entdecken. Doch dies ist kein gewöhnlicher Hocker – okay, zugegebenermaßen schon – nein, dieser Hocker wurde hier, am Drehort des Musikvideos von „Wunderbar“, von den Mitgliedern der Band Traffic in die Luft geworfen, untermalt von in die Luft schießenden Feuerbällen…

Ein gewöhnlicher Stuhl… oder?

Nachdem ich mich von diesen Eindrücken erholt habe, heißt es dann schließlich Abschied nehmen. Bis zum nächsten Mal, Estland!

Der Finalaufritt Estlands beim ESC 2024

„Hey, du warst dieses Jahr doch beim Eesti Laul“, werde ich drei Wochen später von einem schwedischen Fan auf der Preparty des Melfest Weekends angesprochen. „Oh wow, du musst dir den Auftritt von Puuluup und 5miinust ja einige Male angesehen haben, dass du dich an mein Gesicht erinnern kannst, das nur kurz im Hintergrund zu sehen war.“ – „Was meinst du? Neeein, du hast dich doch mit Stig Rästa unterhalten.“ Kurz bin ich verwirrt. Wie…? Woher…? Doch dann wird mir klar: Vor mir steht die Person, die sich zum selben Zeitpunkt wie ich auch mit Stig unterhalten wollte. Ein Fan also und keine Bekannte von Stig. Wie klein die ESC-Bubble manchmal doch sein kann!

In der Reihe „Malmö Memories“ bereits erschienen:

  1. Mein erster ESC – Ein Gastbeitrag von Johannes Floehr
  2. Im selben Hotel wie Eden Golan und die israelische Delegation
  3. Neue Podcast-Folge von „ESC BITE“: Ein sehr persönlicher Rückblick auf den ESC 2024
  4. Das waren die Fan Favourite Fails und Dark Horses des ESC 2024
  5. Effizient, praktisch, gut – der ESC 2024 profitierte von der erfahrenen Gastgeberstadt Malmö
  6. Die Eröffnungs-, Pausen- und Closing-Acts des ESC 2024
  7. So war das ESC-kompakt-Treffen beim Eurovision Song Contest 2024
  8. Wie hätte Joost Klein mit „Europapa“ für die Niederlande im Jury-Voting beim ESC 2024 abgeschnitten?
  9. Auswirkungen des ESC 2024: Diese Länder könnten 2025 zurückkehren – Teil 1
  10. Jury- und Televoting beim Eurovision Song Contest 2024: So hat Österreich abgestimmt
  11. Erneut keine Jurys: Welche Auswirkungen hatte das reine Televoting in den Halbfinalen des ESC 2024?
  12. Das waren die Unterschiede im Jury-Voting und Televoting beim ESC 2024
  13. Geht die Ära der Dancebreaks beim Eurovision Song Contest langsam zu Ende?
  14. Auswirkungen des ESC 2024: Diese Länder könnten 2025 zurückkehren – Teil 2
  15. Die Qualifikations-Chancen nach dem ESC 2024
  16. Bringt TikTok die junge Generation auf den ESC-Geschmack?
  17. Wie hätte sich das Ergebnis des ESC 2024 mit den Votingsystemen der Vergangenheit verändert?
  18. Jury- und Televoting beim Eurovision Song Contest 2024: So hat die Schweiz abgestimmt
  19. Das waren die ESC kompakt Reactions 2024
  20. Inklusive kurzfristiger Absagen: Das waren die Spokespersons beim ESC 2024
  21. Eurovision in Dänemark – Die Stimmung auf der anderen Seite des Öresund
  22. Komm, wir fahren nach Amsterdam – meine erste Eurovision Pre-Party
  23. Nach „Das deutsche Finale 2024“ – Wie geht es 2025 mit der deutschen Vorentscheidung weiter?
  24. Wie gut haben die Wetten, Leser und Blogger den Ausgang des ESC 2024 vorhergesagt?
  25. Jury- und Televoting beim Eurovision Song Contest 2024: So hat Deutschland abgestimmt
  26. We Will Rave! – Euro-Clubbing in der ESC-Gastgeberstadt 2024
  27. Wie war das ABBA-Jubiläum „50 Jahre Waterloo“?


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14 Comments
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Rusty
Mitglied
Rusty
1 Jahr zuvor

Ah, wie schön😃😍Lieben Dank für diesen mitreißenden Erlebnisbericht von dir, Paul. Dies zu lesen hat mir großen Spaß bereitet.👍😁

Johannes Floehr
Johannes Floehr
1 Jahr zuvor

Das hab ich sehr interessiert und auch ein bisschen neidisch gelesen! Äitah!

KarinM
KarinM
1 Jahr zuvor

Super dass du diese Malmö Memory mit uns teilst, toll das du live dabei warst, liebe den estnischen Song wie wahnsinnig gegen sämtliche Widerstände, haben alle keine Ahnung🤔oder evtl. zuwenig Drogen😇

Timo1986
Timo1986
1 Jahr zuvor

Wenn ich mir nachher noch ein Glas Campari-Orange genehmige, werde ich in meinem Inneren einen Toast aussprechen, dass dies nicht dein letztes „Eesti Laul“ in Tallinn gewesen sein möge. 😀

Gaby
Gaby
1 Jahr zuvor

Ein sehr schöner, kurzweiliger Bericht. Vielen Dank dafür.🙂

Lola
Lola
1 Jahr zuvor

Ein sehr schöner Bericht 🙂
Bin mittlerweile sehr traurig das ich nicht beim Puuluup Konzert in Jena im Sommer war, aber da kam privat alles einfach zusammen (geldtechnisch, Chaos auf Arbeit….), das wäre mehr Stress gewesen als das ich das Konzrt hätte genießen können 🙁

Daniel
Daniel
1 Jahr zuvor

Ui, schon wieder ein neuer Blogger? Ihr habt echt gut aufgerüstet nach Malmö😃

Thomas O.
Thomas O.
1 Jahr zuvor

Toller Bericht über den best ever estnischen ESC Beitrag!
Ich hab je nur im Livestream mit gezittert, das war aber schon spannend genug.
Puuluup will ich auch mal live sehen, ich hoffe die kommen noch mal in der Nähe vorbei

elkracho
Mitglied
elkracho
1 Jahr zuvor

Hallo Paul,
ein toller Bericht von dir.

Danya | דניה | 🎗️
Mitglied
Danya | דניה | 🎗️
1 Jahr zuvor

Es hat Spaß gemacht, den Artikel zu lesen. Vielen Dank!

ESCforETERNITY
ESCforETERNITY
1 Jahr zuvor

Vollkommen Verrückte😂 sind mir immer sehr sympathisch, vor allem wenn es um den ESC geht. Man merkt beim Lesen wie deine Freude überspringt, das ist schon sehr ansteckend😉 – bald geht die neue VE-Saison los, ich freu mich schon sehr – da gibt‘s sicher wieder viele Momente wie von dir beschrieben- danke für deinen Bericht🤗

Dennis_Duesseldorf
Dennis_Duesseldorf
1 Jahr zuvor

Herrlich 😂 Besten Dank für diesen launigen Bericht 😉 Da bekommt man tatsächlich Lust, selbst Vorentscheide zu „sammeln“: Jedes Jahr einen anderen VE live besuchen, das wäre doch was! Und das Baltikum wäre da in der Tat auch eine meiner ersten Adressen 👍

bisschenfrieden
bisschenfrieden
1 Jahr zuvor

Zwei Fakten: 1.) Du bist verrückt. 2.) Du schreibst toll 😀. Danke dafür!

Rheez
Rheez
1 Jahr zuvor

Was für ein eindrucksvoller Bericht, so toll geschrieben, kurzweilig, interessant und gleichzeitig sehr einprägsam, erinnerungswürdig❤️