
Auch in diesem Jahr war der Jury-Sieger ein anderer als der Publikumssieger: Nemo aus der Schweiz konnte das Jury- und am Ende auch das Gesamtvoting gewinnen, Baby Lasagna aus Kroatien das Televoting. Aber das ist nicht der einzige Unterschied zwischen beiden Punktegebern beim Eurovision Song Contest 2024. Deshalb wollen wir in unserem nächsten Beitrag unserer Rückblick-Serie „Malmö Memories“ einen genaueren Blick auf die Unterschiede und Ähnlichkeiten beim Jury- und Televoting werfen.
Gesamtvoting, Jury-Voting, Televoting
Hier sind die Punkte und Platzierungen des Gesamtergebnisses, des Juryvotings und des Televotings im Überblick:
Beim Jury-Voting gab es zwei Punktegleichstände (Spanien & Österreich, Georgien & Slowenien). Hier gilt folgende Regel: das Land, das Punkte von mehr Jurys erhalten hat, wird höher platziert. Wenn auch die Zahl der punktegebenden Jurys identisch ist, dann wird geschaut, wer mehr 12 Punkte erhalten hat, wenn keiner 12 Punkte erhalten hat, dann wer mehr 10 Punkte erhalten hat usw.
Vergleich der Punkte
Wenn man jetzt die von Jury und Televotern vergebenen Punkte voneinander abzieht, erhält man diese Punktedifferenzen:
Der größte Punkteunterschied in diesem Jahr ergibt sich bei Israel. Eden Golan erhielt von den Televotern ganze 271 Punkte mehr als von den Jurys. Man kann hier jedoch davon ausgehen, dass dieser große Unterschied eher politische als musikalische Gründe hatte, auch weil der Beitrag eher klassisches Jurymaterial anstatt klassisches Televotingmaterial war. Bei den Televotern wollten sicherlich viele ihre Unterstützung Israel gegenüber ausdrücken, bei den Jurys hingegen haben wahrscheinlich viele „Hurricane“ wegen eigener politischer Überzeugungen oder der Stimmung im Heimatland auf einen tiefen Platz gesetzt.
Auch beim Land mit der zweitgrößten Punktedifferenz hat sicherlich noch mehr als Geschmacksunterschiede zum großen Unterschied beigetragen. Die Ukraine erhielt von den Zuschauern 161 Punkte mehr und ein Teil dieser Punkte (wenn auch nicht alle) geht sicherlich auf die Diaspora der Menschen zurück, die wegen des Krieges aus ihrem Heimatland in andere europäische Staaten geflüchtet sind. Zum Vergleich: im letzten Jahr erhielt die Ukraine 135 Punkte mehr im Televoting.
Die drittgrößte Punktedifferenz ergab sich in diesem Jahr beim Gesamtsieger, diesmal allerdings in die andere Richtung als bei Israel und der Ukraine: Nemo erhielt von den Zuschauern 139 Punkte weniger. Hier scheint Stimme, Komposition und Inszenierung die Jurys besonders angesprochen zu haben. Dieser Unterschied ist sogar größer als bei Loreen im letzten Jahr: sie sammelte bei den Televotern „nur“ 97 Punkte weniger.
Beim Televoting-Sieger in diesem Jahr zeigt sich der viertgrößte Punkteunterschied: Baby Lasagna erhielt von den Zuschauern 127 Punkte mehr. Eine ähnliche Punktedifferenz in umgedrehte Richtung liegt bei Portugal vor, welches von den Jurys deutlich mehr wertgeschätzt wurde. Und dann folgt auch schon Deutschland mit der fünfgrößten Differenz, auch hier mit einem deutlichen Punkteüberschuss auf Seiten der Jury.
Wenige Punktunterschiede gab es bei Zypern, Serbien, Frankreich, Georgien, Slowenien, Irland, Lettland, Spanien und Norwegen. Frankreich und Irland gefielen Jurys und Televotern ähnlich gut, die anderen Länder konnten gleichermaßen relativ wenig Punkte von beiden sammeln.
Vergleich der Platzierung
Wenn man sich jetzt anschaut, welche Unterschiede in der Punktevergabe zu welchen Unterschieden in der Platzierung führten, ergibt sich folgendes Bild:
Teilweise sind die Unterschiede in der Platzierung nicht bei den Ländern am größten, bei denen der Punkteunterschied am größten ist. Dies liegt vor allem daran, dass bei einigen Platzierungen die Punktedifferenz recht klein ist und wenige Punkte Unterschied die Platzierung stark ändern können. Bei anderen Ländern, insbesondere an der Spitze, ist die Punktedifferenz recht groß, sodass selbst größere Unterschiede nicht so große Auswirkungen auf die Platzierung haben.
Bei Portugal, Israel und Deutschland mit großen Punktedifferenz ergeben sich auch große Unterschiede in der Platzierung. Eine große Platzdifferenz gibt es aber auch beim Vereinigten Königreich, das im Jury-Voting 13. und im Televoting 25. wurde. Genau umgekehrt ist es bei Estland: 25. im Jury-Voting und 13. im Televoting, damit zwölf Plätze Unterschied. Auch bei Finnland ist die Differenz mit neun Plätzen recht groß.
Bei Kroatien und der Ukraine führt die Punktedifferenz von deutlich über 100 Punkten „nur“ zu einer Platzänderung um zwei Plätze. Bei der Schweiz sorgt die Punktedifferenz im gleichen Bereich in die andere Richtung für eine Platzänderung um vier Plätze.
Hier noch einmal die Differenz der Punkte und der Platzierung im direkten Vergleich:
Vergleich der Plätze im Televoting und Jury-Voting zur Platzierung im Gesamtergebnis
Zum Abschluss noch ein Blick darauf, wie sich die Plätze im Televoting und im Jury-Voting von den Plätzen im eigentlichen Gesamtergebnis unterscheiden. Zuerst der Vergleich von den Platzierungen im Televoting zu denen im Gesamtergebnis:
Der größte Verlierer im Vergleich Televotingranking zu Gesamtergebnis ist Estland. Deutlich besser im Gesamtergebnis im Vergleich zum Televoting sind dagegen Portugal, das Vereinigte Königreich und Deutschland. Gar keine Unterschiede ergeben sich bei Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Spanien und der Ukraine.
Und so sieht die Gegenüberstellung des Gesamtergebnisses mit dem Jury-Ergebnis aus:
Hier ist der größte Verlierer im Gesamtergebnis im Vergleich zum Jury-Ergebnis sogar Österreich zusammen mit dem Vereinigten Königreich. Die größten Gewinner im Gesamtergebnis im Vergleich zum Jury-Ranking sind Israel gefolgt von Finnland und Estland. Identische Platzierungen ergeben sich bei Georgien, Irland und der Schweiz.
Noch ein Wort zum Schluss: Diese Analyse soll keine Wertung sein, ob Jurys oder Televoter „richtiger“ abgestimmt haben, sondern einfach nur die Unterschiede und Gemeinsamkeiten darstellen. Gerne kann darüber aber in den Kommentaren diskutiert werden.
Was denkt Ihr über die sich ergebenden Punkte- und Platzdifferenzen? Sind sie problematisch oder am Ende in Ordnung, weil das „Ergebnis in Summe“ passend ist? Seht Ihr Probleme im Juryvoting oder im Televoting und wenn ja, welche Verbesserungen wären möglich?
In der Reihe „Malmö Memories“ bereits erschienen:
- Mein erster ESC – Ein Gastbeitrag von Johannes Floehr
- Im selben Hotel wie Eden Golan und die israelische Delegation
- Neue Podcast-Folge von „ESC BITE“: Ein sehr persönlicher Rückblick auf den ESC 2024
- Das waren die Fan Favourite Fails und Dark Horses des ESC 2024
- Effizient, praktisch, gut – der ESC 2024 profitierte von der erfahrenen Gastgeberstadt Malmö
- Die Eröffnungs-, Pausen- und Closing-Acts des ESC 2024
- So war das ESC-kompakt-Treffen beim Eurovision Song Contest 2024
- Wie hätte Joost Klein mit „Europapa“ für die Niederlande im Jury-Voting beim ESC 2024 abgeschnitten?
- Auswirkungen des ESC 2024: Diese Länder könnten 2025 zurückkehren – Teil 1
- Jury- und Televoting beim Eurovision Song Contest 2024: So hat Österreich abgestimmt
- Erneut keine Jurys: Welche Auswirkungen hatte das reine Televoting in den Halbfinalen des ESC 2024?
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Off-Topic:
Peter Schreiber, der mit dem ORF zusammenarbeitet, um den nächsten österreichische ESC-Repräsentanten zu finden, hat einen Post auf Instagram veröffentlicht in dem er Künstlerinnen und Künstler die ernsthaftes Interesse haben ermutigt, sich bei ihm zu melden, die Frist für die Auswahl endet am 15. September.
Quelle:
https://www.instagram.com/p/C88ulTAtYxj/?igsh=bXptMGUxNGJ0MjJi
Hauptanforderung: Schöne Frau, Gesang sekundär.
Dann sind sich Jury und Televote immerhin einig. 😉

Also ich habe das ganze nicht kommen sehen, dass sich das Aus des Juryvotings in den Semis so aufs Finale auswirkt. Mal schauen wie das ganze weiter geht, ob jetzt auch in Zukunft der Jury- und Televoting-Gewinner zwei verschiedene Acts sein werden. Natürlich kann es bei einem richtigen top Song schon mal sein, dass ein Act beides, also sowohl Jury- als auch Televoting, gewinnt, aber dies wird selten vorkommen. Meiner Meinung nach sollten die Big5, zumindest so lange es keine Jurys mehr in den Semis gibt, auf Juryfutter setzen. Ein guter Song mit einer guten Performance wird dann natürlich auch beim Publikum gut ankommen, aber halt eben nicht so gut wie ein Publikumsliebling aus den Semis, wie wir jetzt bei den letzten beiden ESC-Jahrgängen gesehen haben.
Das politische Voting für (Televoting) und gegen (zumindest hat es ein Jurymitglied zugegeben) Israel darf einfach nicht sein! Dieses Jahr aber bin ich beim Televoting, wie ich bereits schon desöfteren erwähnt habe, froh, dass das Publikum hier politisch gevotet hat um eben ein politisches Statement zu setzen und damit den Jurys sowie einigen ESC-Teilnehmern, welche sich ebenfalls politisch geäußert haben, contra zu bieten. Um diese ganze Politik beim ESC, wenn auch nur ein wenig, zu vermeiden, würde ich mir halt wirklich klare Regeln beim ESC wünschen (z.B. eben dass die Länder sich fair gegenüber verhalten) und wer dagegen verstößt muss halt ohne wenn und aber mit den Konsequenzen rechnen.
Wer im Televoting für Israel gestimmt hat, dürfte eher nicht „das Publikum“ (in der breiten Masse) gewesen sein. Für mich auch eine der Lehren aus diesem Jahrgang, dass die von Mehrfachabstimmungen ausgehende Gefahr mitnichten allein durch die Sonderbeobachtung Aserbeidschans gebannt ist.
Aber in diesem Jahr hat uns Deutschen auch das Politische Voting geholfen. Denn Isaak hat aus Israel insgesamt 18 Punkte bekommen, davon 10 von der Jury und 8 vom Publikum. Und man kann mir nicht erklären, dass das nur Musikalische Gründe hatte. Und ohne diese 18 Punkte hätten wir nur 99, anstatt 117 Punkte bekommen. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied.
Interessante Auswertungen, danke Berenike!
In diesem Jahr haben sich die großen Jurypunkte (12, 10, 8, 7) auf wenige Beiträge verteilt, da es nur wenige Songs gab, welche die Jurys komplett überzeugen konnten. Das lag aber nicht daran, dass Juryfutter durch das Televoting im Semi bereits ausgesiebt wurde – nein, im Gegenteil (wie ich bereits schon in einem anderen Thread schrieb) haben es eigentlich alle Balladen, die man eher als Juryfutter bezeichnen würde, ins Finale geschafft; namentlich: Israel, Slowenien, Serbien, Portugal und Lettland. Die Ursache liegt also bei der Auswahl der Songs, da die Nicht-Big 5-Länder ja erst einmal durch das Semi müssen und man anscheinend glaubt, mit eher auf Massenappeal und das Publikum abzielende Songs das Finale zu erreichen.
Dabei gibt es genügend Beweise, dass man durch einen Song, der bei den Jurys (sehr) gut und beim Televoting weniger gut ankommt, auch eine tolle Gesamtplatzierung erreichen kann, z.B. Isaak, iolanda und Alika.
Ich bin mal gespannt, wann und ob die Länder dies erkennen und darauf reagieren werden.
Dagegen spricht natürlich der große Erfolg Baby Lasagnas beim Televoting in diesem Jahr. Allerdings gab es auch nur diesen einen Song, der beim Televoting richtig durch die Decke ging, weil die Konkurrenz an Songs, die auf das Publikum abzielen einfach so quantitativ groß geworden ist. So geht die Startegie halt nur bei ganz wenigen bzw. einem Land auf. Als Beispiel dafür kann man die Ansammlung von Dance-Popsongs mit weiblicher Interpretin und Dancebreak in diesem Jahr anführen: Zypern, Malta, Österreich, Luxemburg und Georgien treffen auf diese Kategorie zu. So richtig erfolgreich war davon kein Song, am besten noch Tali auf Platz 13 (aber nur aufgrund des Comback-Bonus‘) und Silia Kapsis auf 15. Georgien zwar im Finale, aber dort unter ferner Liefen, Österreich Vorletzter und Malta sogar Letzter im Semi.
Liebe Grüße aus 🇮🇱