Ein Plädoyer: Die Semifinal-Shows des ESC 2027 in Bulgarien gehören ins Erste, liebe ARD

Non-Qualifyer ESC 2026 Collage von ESC kompakt: Tamara Živković, Atvara, Veronica Fusaro, Vanilla Ninja

Auf unserem Aufmacherbild sind vier Acts zu sehen, die im ESC-Jahrgang 2026 viele Fans und Anhänger gefunden haben und mit ihren jeweiligen Songs in die ESC-Historie eingehen werden: Tamara Živković aus Montenegro, Atvara aus Lettland, Veronica Fusaro aus der Schweiz und Vanilla Ninja aus Estland. Sie alle verbindet, dass sie sich nicht für das ESC-Finale in Wien qualifizieren konnten. Das war zuweilen echt knapp und hat vor allem keinen Einfluss darauf, dass die Songs und ihre kreativen Interpretinnen viele Fans hinter sich versammeln konnten. Was die Künstlerinnen ebenfalls verbindet: Sie wurden im deutschen Fernsehen versteckt, denn ihre Auftritte waren niemals im reichweitenstarken ersten Programm zu sehen. Das muss sich ändern! Ein Plädoyer.

Nach dem ESC ist vor dem ESC. Ein gutes Mittel gegen die einsetzende PED (Post Eurovision Depression) ist der Blick nach vorne. Und so wollen wir einen Blick nach vorne auf den Mai 2027 werfen und einen Kniefall vor den vielen ARD-Entscheider*innen machen, die für die Programmplanung im Ersten verantwortlich sind: Bitte, liebe ARD-Leute, gebt dem Eurovision Song Contest die Würde, die er verdient und den Stellenwert, den er braucht. Seit dem ESC 2011 in Düsseldorf habt Ihr die Semifinalshows auf Nischensender verbannt. Tut das nicht! Es gibt so viele gute Argumente, die dagegen sprechen.

Ich will nicht mit dem Quoten-Argument zuerst kommen, obwohl die Einschaltquoten für beide Semifinale in diesem Jahr gigantisch waren – absolut, marktanteilsbezogen und für ONE sowieso. Das allererste Argument, die Semifinale nicht zu verstecken, ist der Spirit des ESC in Verbindung mit dem Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Ungeachtet aktueller Verwerfungen rund um die Teilnahme Israels gilt weiterhin: Der ESC hat mehr für die Völkerverständigung in Europa getan als die meisten internationalen, hochoffiziellen und politischen Initiativen. Denn der ESC bringt Menschen mit Menschen ins Gespräch, schafft Verständigung und Freundschaften über alle Sprach-, Milieu- und Systemgrenzen hinweg. Ein gutes aktuelles Beispiel dafür liefert gerade Bennet in seinem allerersten Stück für ESC kompakt.

Lebt Conchitas „We Are Unstoppable“, liebe ARD-Redaktionen! Diese Völkerverständigung, für die der ESC den Weg ebnet, ist auch die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Deutschland. Dazu gehört auch, jedes einzelne Land und jeden einzelnen Beitrag sichtbar zu machen – auf der großen Bühne und im ersten Programm, das nachweislich viel mehr Menschen und Altersgruppen erreicht als jeder einzelne andere TV-Kanal. United by Music heißt auch United by access 4 everybody. Denkt politisch und kulturell ganzheitlich, denkt europäisch, liebe ARD.

Der SWR feiert sich im Rückblick für die guten Einschaltquoten vom internationalen und vom deutschen Finale. Der Blick auf die beiden Hablfinalshows auf ONE fällt unter den Tisch. Dabei sind diese in Relation zur Senderperformance und auch absolut noch deutlich eindrucksvoller. 920.000 Zuschauer*innen haben beim ersten Halfinale (in dem Deutschland abstimmen durfte) eingeschaltet, das entspricht einem Marktanteil von fast 13% für den Nischensender ONE. Das zweite Halbfinale auf ONE erzielte mit 880.000 Zuschauer*innen den besten Wert, der jemals für ein Halbfinale ohne deutsche Beteiligung in der ARD erzielt wurde. Die Einschaltquoten in jungen Zielgruppen waren jeweils die höchsten jemals gemessenen und die Marktanteile auch.

Dabei sind die Einschaltquoten gar nicht alles. Die ARD ist dank der Rundfunkgebühren safe und muss gar nicht auf Marktanteile schielen. Der ESC bietet die Chance, mehr Verständnis und mehr Aufmerksamkeit für die kulturelle Vielfalt in Europa zu schaffen.

ONE wird in der ESC-Saison 2027 Geschichte sein, das ist bei aller Trauer die Chance für einen Neuanfang. Holt auch die Semis ins Erste, liebe ARD. Ihr habt diesen Content exklusiv und er kostet Euch nichts (zusätzlich), der (ohnehin vergleichsweise sehr niedrige) Minutenpreis verändert sich nicht, wenn Ihr dem ESC auch im deutschen Fernsehen die Würde zurückgebt, die er verdient.

Ihr braucht kein zusätzliches Geld für missglückte Hart aber fair-ESC-Quatschrunden auszugeben, die Semis schaffen durch die Integration ins Erste weit mehr Verständnis für ein gemeinsames kreatives Connecten in Europa als jedes andere Engagement. Durch das Abstellgleis ONE hat die Eröffnungsnummer im ersten Semi mit dem Stargast Vicky Leandros (die in DACH und darüber hinaus immer noch A-List ist) nicht die Liebe und Wertschätzung erfahren, die angemessen gewesen wäre.

Freudentränen bis zum Anschlag: Vicky Leandros hat ihren Kulthit im ersten Semifinale des diesjährigen ESC in Wien revitalisiert. Ein Songklassiker, der 1967 für Luxemburg Platz 4 des Grand Prix Eurovision de la Chanson erzielte. Der Hit wurde in Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch und Niederländisch ein Welthit und war 1968 als Instrumental fünf Wochen Platz 1 der Billboard Charts.

Die Semis im Ersten werden übrigens auch dafür Sorge tragen, dass die Finalshow deutlich mehr Zuschauer*innen haben wird als wenn diese wie bisher als ein One-Night-Only-Ereignis vermarktet und wahrgenommen wird. Die allermeisten EBU-Partnersender machen Euch vorbildlich vor, wie das exzellent funktioniert. Lernt von der anstehenden WM. Da wird jedes Spiel, egal ob mit ohne ohne deutsche Beteiligung, gleichberechtigt gefeiert. Ich darf das aus Erfahrung sagen. Ich lebe im Hamburger Portugiesenviertel und wenn Portugal spielt, wird das Viertel abgesperrt und tausende Hamburger pilgern hierher, um den Spirit des Wettbewerbs zu zelebrieren.

Bitte, liebe ARD-Gremien, belohnt die faszinierende, einzigartige Internationalität des ESC, der größten Musikshow der Welt. Motiviert Eure Gebührenzahler zu Public Viewing Events! Tragt zur internationalen Verständigung bei, indem Menschen aus ganz Europa, die in Deutschland leben und hier eine (zweite) Heimat haben, die Songs aus Ihren Geburtsländern im ersten Programm wiederfinden. Lebt den ESC-Spirit ohne Kompromisse, liebe ARD. Auch die ESC Semifinalshows gehören ins Erste!

P.S.: Danke an Arne für die Motivation, dieses Plädoyer zu schreiben.



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17 Comments
ESC1994
ESC1994
1 Stunde zuvor

Zustimmung meinerseits, wird aber fürchte ich wieder in den Nebeln von Norwegen verhallen.

OT: Wünsche allen Usern in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Saarland, Rheinland-Pfalz und NRW einen schönen und angenehmen Feiertag. 🙂

Jagu
Jagu
1 Stunde zuvor
Reply to  ESC1994

Wünsch ich auch! 🤗 In meinem Kanton habe ich heute auch frei 😉

Matty
Matty
50 Minuten zuvor
Reply to  Jagu

Es gibt zehn Kantone in der Schweiz mit Fronleichnam als Feiertag: Uri, Schwyz, Wallis, Zug, Tessin, Luzern, Jura, Nidwalden, Obwalden sowie Appenzell Innerrhoden, von wo der leckere Käse stammt.

Jagu
Jagu
28 Minuten zuvor
Reply to  Matty

Genau! Lecker Käse

Gaby L
Gaby L
1 Stunde zuvor

Dem gibt es nichts weiter hinzuzufügen.👍

*unterschreib*

Geri
Geri
1 Stunde zuvor

Yes

Andi
Andi
1 Stunde zuvor

Wenn nicht jetzt, wann dann! Der Sender ONE wird leider eingestellt. Also brauchen die Semis einen neuen Platz.

Micha*
Micha*
4 Minuten zuvor
Reply to  Andi

Ja, da bin ich auch mal gespannt, wo die Semis dann in Zukunft laufen, wenn One zum 31.12. wegfällt. Auf dem Sender neo, in einem der Dritten Programme oder vielleicht doch am Dienstag und Donnerstag im Ersten? Letzteres wäre natürlich super, bleibt aber vermutlich Wunschdenken.

ESC Jul
ESC Jul
1 Stunde zuvor

Vielen Dank Peter! Ich kann dir in allem nur zustimmen!

Apollo75
Apollo75
1 Stunde zuvor

Uns….hatte beim Lesen ein paar Tränen in den Augen
Das bedeutet, volle Zustimmung. Danke

Uli Wagner
Uli Wagner
59 Minuten zuvor

Wunderbarer Artikel, lieber Peter! Vielen Dank, auch wenn ich den Begriff Würde etwas drüber finde. Die Platzierung bei ONE empfand nicht als unwürdig, sondern eher als unangemessen und schade.

Jan Wehner
Jan Wehner
50 Minuten zuvor

Weil die WM erwähnt wird: selbst darin hat der ÖRR anscheinend nicht ausreichend investiert. Somit bestimmt faktisch die Telekom, die sich für Magenta TV die Rechte gekrallt hat, was bei ARD und ZDF gezeigt wird. Daher sollte man auch in puncto ESC besser nichts erwarten.
Der ESC hat nun einmal das Pech, nicht Giovanni Zarrella oder Intendant einer regionalen Sendeanstalt zu sein.

sam1
sam1
30 Minuten zuvor
Reply to  Jan Wehner

,,Weil die WM erwähnt wird: selbst darin hat der ÖRR anscheinend nicht ausreichend investiert. Somit bestimmt faktisch die Telekom, die sich für Magenta TV die Rechte gekrallt hat, was bei ARD und ZDF gezeigt wird.“

Das finde ich einen Schmarrn. Das wird ja im nächsten Jahr bei der Frauen WM 2027 genauso sein. Wobei ich tatsächlich Magenta TV habe und mir theoretisch alle Spiele anschauen könnte, aber dafür habe ich leider nicht die Zeit. Aber ein paar Spiele werde ich mir mit Sicherheit anschauen, darunter auf jeden Fall die Spiele der Deutschen Männer Nationalmannschaft und das Eröffnungsspiel.

Last edited 30 Minuten zuvor by sam1
sam1
sam1
44 Minuten zuvor

,,Der ESC hat mehr für die Völkerverständigung in Europa getan als die meisten internationalen, hochoffiziellen und politischen Initiativen. Denn der ESC bringt Menschen mit Menschen ins Gespräch, schafft Verständigung und Freundschaften über alle Sprach-, Milieu- und Systemgrenzen hinweg.“

Volle Zustimmung. Das kapieren aber viele Leute, die keine ESC-Fans sind nicht, darunter die ARD-Verantwortlichen. Ich erinnere auch gerne an den Satz von Hape Kerkeling: ,,So lange es den ESC geben wird, hat die Demokratie in Europa eine Chance.“ Das trifft es voll auf den Punkt.

Last edited 38 Minuten zuvor by sam1
ESC-Thom 💫
ESC-Thom 💫
24 Minuten zuvor

Danke an Arne und Peter ☺️

Rusty
Mitglied
Rusty
10 Minuten zuvor

Peter,ich wünsche mir so sehr,dass die ARD deinen Aufruf wahrnimmt und ihn umsetzt.
Es ist alles richtig, was in deinem Beitrag angeführt wird und wäre ein wichtiger Schritt.
Aber irgendwie glaube ich nicht,dass es eintreten wird.
Darauf hoffen darf man aber immer🙂.

Robin Schu
Robin Schu
33 Sekunden zuvor

Lieber Peter,
du bringst es mit deinen liebevollen und dringlichen Worten wieder auf den Punkt! Da müssen wir jetzt Daumen drücken.