Nimmt Aserbaidschan am ESC 2027 teil? Das steckt hinter den Spekulationen und Meldungen

JIVA – Foto: EBU / Sarah Louise Bennett

Wird Aserbaidschan beim Eurovision Song Contest 2027 in Bulgarien (Burgas oder Sofia) teilnehmen? Bisher haben wir aus dem Kaukasusland nichts Gegenteiliges gehört, aber politische Dynamiken könnten die Teilnahme beeinflussen. So berichten es zumindest einige ESC-Medien. Was an den Meldungen dran ist, haben wir überprüft und eingeordnet.

Vorweg: İctimai Televiziya və Radio Yayımları Şirkəti (İTV) ist der öffentliche Rundfunkanbieter Aserbaidschans, aktives Vollmitglied der European Broadcasting Union (EBU) und zuständig für die aserbaidschanische Teilnahme am ESC. Seit Beginn an ist das Land durchaus erfolgreich beim ESC. Die Krönung war dann sicherlich der Sieg 2011. Mittlerweile setzt das Land weniger auf internationale Songwriter-Teams und mehr auf eigene Einflüsse; mit weniger Erfolg: Mit JIVA (Aufmacherbild) in Wien (Bussi!) scheiterte Aserbaidschan zum ersten Mal in seiner Geschichte beim Eurovision Song Contest viermal hintereinander am Finaleinzug.

Das zur aserbaidschanischen ESC-Geschichte. Wie konnte İTV überhaupt EBU-Mitglied werden? Die EBU-Satzung sieht vor, dass ein Rundfunkanbieter Vollmitglied werden kann, wenn er

  • einen nationalen Rundfunkdienst innerhalb der Europäischen Rundfunkzone (definiert durch die ITU) betreibt oder
  • in einem Staat ansässig ist, der Mitglied im Europarat ist.

Die European Broadcasting Area (EBA) ist ein von der International Telecommunication Union (ITU) definiertes geografisches Gebiet zur Koordinierung des Rundfunks. Sie umfasst auch Gebiete außerhalb Europas (etwa Teile des südlichen Mittelmeerraums), schließt aber gleichzeitig einige geografisch zu Europa gehörende Regionen aus. Nach der Erweiterung der EBA im Jahr 2007 ist Kasachstan der einzige ITU-Mitgliedstaat mit europäischem Territorium, der weiterhin außerhalb dieser Rundfunkzone liegt. Aserbaidschan ist seit 2007 in der Zone.

Das ist erst einmal die Vorrede und die Theorie. Denn nun kursieren in der ESC-Welt Postings und Spekulationen über eine mögliche Abkehr Aserbaidschans vom ESC, weil derzeit die Möglichkeit besteht, dass Aserbaidschan sich aus dem Europarat zurückzieht.

Präsident Ilham Alijew sagte beim vierten Shusha Global Media Forum, Baku denke „nicht nur über ein Einfrieren, sondern eindeutig über einen Austritt“ aus der 46-Staaten-Organisation nach. Auslöser: Die Parlamentarische Versammlung des Europarats (PACE) hat 2024 die Stimmrechte der aserbaidschanischen Delegation ausgesetzt beziehungsweise das Beglaubigungsschreiben nicht anerkannt, unter anderem wegen wiederkehrender Kritik an der Menschenrechtslage, der Rechtsstaatlichkeit und dem Umgang mit politischen Gegnern. Politisches Drama.

Daher vermutlich die Meldungen auf verschiedenen ESC-Portalen.

Tatsächlich ist das aber gar nicht so einfach und Aserbaidschan würde dadurch nicht aus der EBU fliegen. Ein Ausschluss vom ESC wäre also nicht automatisch die Folge eines Austritts aus dem Europarat. Er müsste vielmehr über eine EBU-Entscheidung gegen den Sender İTV erfolgen (wie 2021/22 bei Belarus), etwa bei schweren Verstößen gegen die EBU-Statuten oder deren Werte.

Denn: İTV wäre natürlich weiterhin EBU-Vollmitglied, weil der Sender in der Europäischen Rundfunkzone liegt.

Das Einzige, was Aserbaidschan von einer Teilnahme am ESC 2027 abhalten könnte, wären also die Misserfolge der vergangenen Jahre und das ist ja bekanntlich kein Grund aufzugeben (looking at you, Deutschland).

Wie schätzt Du diese politischen Dynamiken ein? Hattest Du ebenfalls Sorge, dass Aserbaidschan nicht mehr beim ESC dabei sein könnte? Lass uns Deine Meinung gerne in den Kommentaren wissen!



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13 Comments
ag9
ag9
1 Monat zuvor

Ach, Aserbaidschan ist doch eine genauso lupenreine Demokratie mit keinerlei Verstößen gegen Menschenrechte wie Israel.
Das kann also nicht der Grund für einen Rückzug sein…

Didi 0815
Didi 0815
1 Monat zuvor
Reply to  ag9

ganz genau, so ist es….

Aaronzrh
Aaronzrh
1 Monat zuvor
Reply to  ag9

Gehts noch. Israel ist ein demokratischer Staat.

Matty
1 Monat zuvor
Reply to  Aaronzrh

EBEN!

cc.cc
cc.cc
1 Monat zuvor
Reply to  Aaronzrh

Ich glaube Demokratie setzt voraus das alle das Recht zum abstimmen erlangen können. Das trifft für 30% der kontrollierten Bevölkerung nicht zu.

Jorge
Jorge
1 Monat zuvor

Es zählt nur der letzte Absatz und der Hinweis, dass AZE politstrategisch angesichts der nördlichen und südlichen Nachbarschaft ganz sicher weiterhin nach Europa offen bleiben wird. Läuft doch insgesamt auch ganz gut, nachdem der Konflikt mit Armenien ähm ‚gelöst‘ ist. Europa hat’s geschluckt und die Schlagzeilen um Lobbyismus in der EU-Politik sind ja auch verschwunden. Also eine gute Gelegenheit, sich mal wieder dem gepimpten musikalischen Aussenbild zu widmen – wenn überhaupt, hatte deren Lustlosigkeit zuletzt diese Zweifel an der Teilnahme genährt.

Schorschiborsch
Schorschiborsch
1 Monat zuvor

Die Headline klingt ein wenig, als ob Aserbaidschan noch nie am ESC teilgenommen hätte. Müsste es nicht heißen: „Nimmt Aserbaidschan NICHT am ESC 2027 teil?“ 🙂

eurovision-berlin
eurovision-berlin
1 Monat zuvor

Mich wundert es, dass die überhaupt noch mitmachen, weil ihre letztjährigen Beiträge so lustlos rüberkamen. Und auch die Themen wie GO! wirken auf mich eher, als hätten sie keine Lust mehr.

RichardESC1997
RichardESC1997
1 Monat zuvor

Ich denke Aserbaidschan wiry mitmachen und sich wieder mehr Mühe geben. Ist so ein Gefühl, den ich schon länger habe.

dunefan5000
dunefan5000
1 Monat zuvor

Ehrlich gesagt mir ist es egal ob Aserbaidschan mitmacht oder wegbleibt. Die letzten Ergebnisse waren ja alle schlecht. Auch weil der Herr Diktator kein Interesse mehr am ESC hat. Oder weil die EBU jetzt genauer hinschaut bei den Juryergebnissen.

Christian W
Christian W
1 Monat zuvor
Reply to  dunefan5000

Betrogen hat Aserbaidschan aber von 2011 bis 2013 nachweislich nicht bei Juryergebnissen, sondern beim Televoting. 2013 hat doch eine litauisches Fernsehteam aserische Diplomaten in Vilnius dabei gefilmt, wie sie Studenten SIM-Karten austeilten und Belohnung versprachen, wenn die Karten leertelefoniert würden… Denke mal, dass man die Ausschnitte immer noch auf YouTube sehen kann.

Und danach war der Ofen plötzlich aus und man wurde nicht mehr Zweiter oder Dritter mit irgendeinem schwedischen Murks. Komisch…

dunefan5000
dunefan5000
1 Monat zuvor
Reply to  Christian W

Ja auf einmal war die Gute Serie dahin. Wie das nur sein kann. Aber mal im Ernst die Letzten Lieder von ihnen sahen und hörten sich an wie will und kann nicht.

Christian W
Christian W
1 Monat zuvor

Wichtiger, aber fehlender Absatz: 2013 wurde Aserbaidschan nach dem ESC durch eine litauische Fernsehcrew des Betruges überführt. Aserische Diplomaten wurden dabei gefilmt, wie sie SIM-Karten an Studenten verteilten, die diese gegen Belohnung abtelefonieren sollten.

Die EBU verwarnte und ganz plötzlich brachen die Ergebnisse ein und vorherige Punktelieferanten wie das kleine Malta straften Aserbaidschan nun von heute auf morgen mit 0 Punkten. Größere Televotingmärkte wie Deutschland, Frankreich oder Großbritannien hatten in all den Jahren übrigens erstaunlich wenige Punkte für den schwedischen Melodifestivalen-Restmüll übrig, den Bakus Ölgeld einkaufte.

Und als man nicht mehr besch…ubsen konnte, verlor man ganz schnell das Interesse. Sollen sie halt zu Putins peinlichem Diktaturen-Singsang gehen. Ich würde sie nicht vermissen.