Problematischer Banger? Song im serbischen ESC-Vorentscheid 2026 nutzt Jugoslawien-Metapher

Zejna – „Jugoslavija“ Bild: Single-Cover

Erst vor kurzem hat der serbische Sender RTS die 24 teilnehmenden Acts und Songs des Vorentscheides zum Eurovision Song Contest, Pesma za Evroviziju 2026 (PZE), veröffentlicht. Ein Titel, der im 1. Halbfinale am 24. Februar antritt, hat allerdings jetzt schon mehr Aufmerksamkeit auf sich versammelt als alle anderen (und das obwohl mit „Fräulein“ von Brat Pelin sogar ein Song mit deutschem Titel und der sensationellen Zeile „Du bist meine Fräulein“ dabei ist). Die Rede ist von „Jugoslavija“ von Sängerin Zejna (Aufmacherbild) – ein Song, der schon wenige Stunden nach Veröffentlichung Kritik einstecken musste.

„Jugoslavija“ hat auf dem YouTube-Account des serbischen Senders, der alle 24 Vorentscheidtitel hochgeladen hat, aktuell die meisten Aufrufe aller Songs. Auch bei Fanvotings wie auf Eurovisionworld oder hier auf ESC kompakt liegt „Jugoslavija“ vorne. Denn allein ein Song, der Jugoslawien im Titel hat und von Serbien zum ESC geschickt werden könnte, ist erst einmal ein Hinhörer. Glorifiziert der Song den zusammengebrochenen Staat?

Die 39-jährige Zejna Murkić geht mit dem Song ins Rennen um Serbiens ESC-Teilnahme in Wien. Zejna wurde 1986 in Loznica geboren, direkt an der serbischen Grenze zu Bosnien-Herzegowina. Sie gehört der Gruppe der Roma an – und hat über ihren Stolz darauf auch schon einen Song veröffentlicht. Zejna nahm bereits in den Jahren 2022 bis 2024 jedes Jahr am serbischen ESC-Vorentscheid teil. Am besten lief es für sie 2024, als sie mit „Najbolja“ Platz fünf erreichte. Dieses Jahr war Zejna außerdem Jurorin für Serbien im Luxembourg Song Contest. Dort gab sie der späteren Siegerin Eva Marija mit „Mother Nature“ die Höchstwertung von 12 Punkten.

Ist ein Song aus Serbien, der an Jugoslawien erinnert, nun aber problematisch? Tatsächlich stellen die Lyrics des Songs Jugoslawien erst einmal als etwas Positives dar. Es wird als Metapher für eine Liebe genutzt:

Jugoslavija smo ti i ja,
molitva i nebo,
zlato su i srebro,
nada sam ti poslednja.

Jugoslawien sind du und ich,
Gebet und Himmel,
sind Gold und Silber,
ich bin deine letzte Hoffnung.

Die im Song zu düsteren Loreen-haften Beats besungene Beziehung wird zwar als gegensätzlich beschrieben, „aber so im Sinne von Gegensätze ziehen sich an und brauchen einander“, so sagt es NDR-Journalistin Selma Zoronjić, die selbst Wurzeln auf dem Balkan hat und sich seit Jahren mit dem ESC beschäftigt. Etwas später heißt es im Song auf Englisch: „Don’t destroy. Unite.“ (Zerstöre nicht. Vereinige.) Außerdem wird gesagt, Geld habe die Fähigkeit, Länder kaputtzumachen.

Wie genau „Jugoslavija“ nun interpretiert werden soll, wie ernst oder wie bildhaft, dazu gibt es bislang wenig Handfestes. Sender RTS hat nichts weiter dazu veröffentlicht. Die Sängerin selbst schreibt auf Instagram: „Meine Botschaft ist klar! „Jugoslavija“ ist ein Lied über Frieden, Liebe, Einheit und die eine Rasse – die MENSCHHEIT.“

Der Fan-Account Eurovision Kosovo kritisiert den Song auf X und schreibt, die EBU würde „Jugoslavija“ wegen seiner politischen Inhalte ohnehin nicht erlauben. Laut diesem Account sei alleine die Verwendung des Wortes „Jugoslawien“ politisch. Außerdem könne die „Symbolik von Einheit, Zusammengehörigkeit und ‚letzter Hoffnung‘ […] als politische Nostalgie und ideologische Erzählung über Wiedervereinigung oder als Idealisierung der Vergangenheit interpretiert werden.“

Inwieweit die EBU dieser Argumentation folgen würde, sollte „Jugoslavija“ tatsächlich gewählt werden, ist natürlich fraglich. Gerade weil auch hier ein politischer Kontext wie oft in Songtexten Interpretationssache wäre und man in den letzten Jahren häufig klare Leitlinien, wann ein Titel zu politisch ist, vermissen ließ. Selma Zoronjić erkennt in dem Song nichts Problematisches, was mittlerweile fast überraschend sei für einen Song, der aus Serbien kommt: „Es ist im Prinzip ein Liebeslied, das Jugoslawien im Refrain eigentlich nur erwähnt, um einen Vergleich zu machen.“

Wenn man so will, gab es in Serbiens Vorentscheid vor zwei Jahren sogar noch einen deutlich brisanteren Song: „Gnezdo orlovo“ („Adlerhorst“) von Breskvica wurde 2024 vorgeworfen, einen nationalistischen Text zu enthalten und sich eigentlich darum zu drehen, dass Kosovo ein Teil Serbiens sei. Breskvica erreichte trotz oder wegen des Textes Platz zwei und verlor nur gegen „Ramonda“ von Teya Dora. Musikalisch war das zwar die uninteressantere Wahl – aber zum Wohle aller wohl die bessere. Nicht auszudenken, wäre der ESC in Malmö 2024 politisch geworden.

Was denkst Du über „Jugoslavija“ von Zejna? Ist es ein Song wie jeder andere? Oder sollte die EBU einschreiten, wenn Serbien ihn zum ESC schicken möchte? Lass es uns in den Kommentaren wissen!



Entdecke mehr von ESC kompakt

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

149 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen