Unser Lied für Rotterdam: Wie viele Ecken und Kanten lässt der Auswahlprozess zu?

Diese ESC-Vorentscheidungs-Woche hatte es in sich: Litauen stürmt mit THE ROOP an die Spitze des ESC-Barometers und des EKIs, unserem ESC-kompakt-Index. Gleichzeitig erlebt mit Daði og Gagnamagnið (Aufmacherbild) aus Island der kantigste aller dort antretenden Beiträge einen viralen Push, um den man die Band und das Land nur beneiden kann. Selbst, wenn das noch lange nicht bedeutet, dass sie auch von den Isländern zum ESC geschickt werden.

Fakt ist aber: mit THE ROOP und Daði Freyr haben es zwei höchst spezielle Beiträge in die nationale Vorentscheidung von zwei durchaus kleinen Staaten geschafft – in Litauen leben 2,8 Mio. Menschen, in Island gerade einmal 356.000. Wie sie dort gelandet sind, ist nicht überliefert. Mutige Verantwortliche in den Sendern? Mangel an Alternativen? 

Fakt ist auch, dass beide Acts über ihre jeweilen Ländergrenzen hinaus für Aufsehen sorgen. Ich wage zu unterstellen: gerade auch, weil sie polarisieren. Unsere Auswertung der Vorhersagekraft des ESC-Barometers und des EKI für das spätere ESC-Finalergebnis hat das unterstrichen: polarisierende Beiträge müssen es nicht unbedingt an die Spitze des ESC schaffen. Sie schneiden aber dann überdurchschnittlich gut ab, wenn es eine relevante Anzahl von Zuschauern/Juroren gibt, die zu ihren Lovern gehören und ruhig auch etliche Hater haben. Nur egal sollte der Beitrag den Zuschauern nicht sein. Bei Rambo Amadeus und „Euro Neuro“ waren es einfach zu wenige Lover. Bei Hatari letztes Jahr mehr als genug. 

Rambo Amadeus – Euro Neuro (Montenegro, 2012)

Diesen polarisierenden Acts ist gemein, dass sie typischerweise als Gesamtpaket aus Künstler-Song-Auftritt entwickelt worden sind. Das scheint auch logisch, denn welcher Künstler würde es wagen, ein Lied eines ihm ansonsten unbekannten Autoren so weiterzuentwickeln und durch seine Bühnenshow möglicherweise ins Lächerliche zu ziehen, dass es letztlich als polarisierendes Paket funktioniert? 

Wo fängt nun polarisierend an und wo reichen womöglich „Ecken und Kanten“? Letztere dürfte laut ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber durchaus der deutsche Kandidat haben, damit er aus dem ESC-Teilnehmerfeld heraussticht. Damit stellt sich auch die Frage, ob mit dem deutschen Auswahlsystem, das in diesem Jahr Anwendung findet, ein Künstler – und womöglich auch ein Song – mit Ecken und Kanten überhaupt gefunden werden kann. Letztes Jahr hatte Lilly Among Clouds sicher einige davon. Aber dieses Jahr soll ja einiges anders sein.

Wenn ich das auf Eurovision.de richtig verstanden habe, gab es insgesamt sieben Auswahlschritte, die zum Teil überlappend und parallel stattfinden können:

  1. Mini-Panel (607 Künstler werden zu 100)
  2. Eurovisions-Jury (100 Künstler werden zu 50)
  3. + Experten-Jury (50 Künstler)
  4. Mini-Panel (568 Songs/mp3s werden zu 74)
  5. Eurovision-Jury (74 Songs/mp3s werden zu 34)
  6. + Experten-Jury (34 Songs/mp3s)
  7. Eurovisions-Jury und Experten-Jury (20 besten Kombinationen aus 10 Songs und 17 Künstlern)

Dazu heißt es weiterhin auf Eurovision.de: „Darüber hinaus war dem ESC-Team wichtig, dass besonders gut bewertete Künstler auch eigene Songs einbringen.“ Ich hege große Zweifel, ob Daði Freyr gut genug abgeschnitten hätte, um unter die 50 besten Künstler zu kommen. Und wäre „Think About Things“ unter den 34 besten Songs gewesen? Wissen werden wir es nie. 

Dazu kommt: Hätte er, aber hätten auch THE ROOP tatsächlich einen solchen Aufwand getrieben, ein Video bzw. Auftritt zu entwickeln, wenn nicht klar ist, ob sie damit in die engere Auswahl kommen würden? Hätte das litauische oder isländische Paket so also zusammenfinden können?

Mir scheint auf Basis des Wissens über das Auswahlverfahren, dass dies in erster Linie dazu geeignet ist, einen Mass-Pleaser zu generieren. Man setzt also eindeutig auf besten Song und besten Künstler (sowie in diesem Jahr ja auch auf die beste Inszenierung). Damit will man um den Sieg bzw. einen Platz ganz vorne mitspielen. Das kann klappen – und zu wünschen wäre es allen Beteiligten einschließlich der Fans und Fernsehzuschauer. Es kann aber auch wie 2019 enden. Nächsten Donnerstag wissen wir in jedem Fall schon einmal, wie kantig und eckig denn nun der deutsche ESC-Act 2020 ist. 


35 Kommentare

  1. Und wenn schon nicht eckig und kantig dann doch bitte authentisch. Genau das was den letzten deutschen Beiträgen, ausgenommen Michael Schulte, fehlte.

    • Guter Gedanke, ich würde sogar so weit gehen, dass in vielen Fällen eckig/kantig = authentisch.
      Dass The Roop oder Dadi als „edgy“ wahrgenommen werden und trotzdem auf große Resonanz treffen, liegt m.E. auch daran, dass sie ihre Titel selber geschrieben haben und auch ihre Bühnenshow (mit)konzipiert haben – sprich, sie hatten als Künstler die Kontrolle über das Projekt und konnten so viel von ihrer Persönlichkeit einbringen. Kein Wunder, dass das dann authentisch rüberkommt, weil es das ja auch ist.
      Sowas bekommt man natürlich nicht, wenn man eine Beraterfirma Song- und Interpretenvorschläge lose miteinander kombinieren und dann marktforschungsmäßig nach Resonanz testen lässt – auch da kann man natürlich einen Treffer landen, ich fürchte aber, dass in den meisten Fällen Einheitsbrei herauskommt.
      Deshalb finde ich es (aus deutscher Sicht) wichtig, dass für den ESC Talente gefunden wurden, die nicht
      bloß leere Projektionsflächen für irgendwelche Kreativberater und Produzententeams sind, sondern selber eine klare künstlerische Vision besitzen, eine eigene Handschrift in puncto Sound, Stil und Image und im besten Falle auch selber Songs schreiben oder sich im Songwiriting-Prozess zumindest einbringen können – all das traf meiner Meinung nach auf Salvador Sobral, Jamala, Netta zu, die ja dann auch den Wettbewerb für sich entscheiden konnten.

  2. Guter Artikel, dem ich zunächst voll Zustimmen wollte, dann aber doch an Lilly Among Clouds, Ryk und Xavier Darcy denken musste. Das waren für mich durchaus eigenständige, irgendwo auch kantige Acts, die es in die Vorentscheidung geschafft haben. Dass die jetzt abgesehen von Ryk keine besondere Präsentation auf Lager hatten, liegt nur zum Teil am NDR, sondern auch am deutschen Authentizitäts-Denken, nach dem „Show“ den Song eher künstlich denn künstlerisch untermalt.
    Letztlich war es auch eine fatale Erfahrung, mit dem geringeren Aufwand (Nicole vs. Dschigis Khan, Lena vs. Alex Swings …) den maximalen Erfolg zu ernten.

  3. Wie wäre es mal dann mit einem Beitrag, der flott und eingängig ist,und der einfach Spass macht? Kamen diese Dinge in der Formel vom NDR überhaupt vor? Kennen die sowas überhaupt? Mal einen Beitrag ohne Message wäre schön.

    • Ich glaube bei jedem Song wird eine Message vermittelt, egal wie tiefsinning oder themenbezogen diese konzipiert oder nicht konzipiert ist. Aber ich verstehe deinen Punkt und unterstütze ihn, dass der Song auch ohne tiefe bzw. offensichtliche Message einfach so gut und unterhaltsam sein muss. Mehr Wert auf den SONG-Contest!

      • Das mit Voxxclub haste immer noch nicht verdaut, oder? Da scheint der arme Michael ja ein heftiges Trauma bei dir hinterlassen zu haben.

  4. So eckig und kantig finde ich Daði Freyr und The ROOP gar nicht. Das sind beides relativ eingängige Songs, die auch gut im Radio funktionieren können und einfach gute Laune verbreiten (rein vom Audio her).
    Die Performance in Video und Bühne stechen natürlich aus dem Einheitsbrei heraus.
    Außerdem sind beide Künstler eher nicht die typischen Anwärter, da sie keine glattgebügelten Aushängeschilder sind. Hier könnte man natürlich polarisieren und Ecken und Kanten entdecken.
    Da die Auswahl der Songs im Panel auch nur mit Audio erfolgte, könnte(!) da was brauchbares gefunden worden sein.
    Unklar ist natürlich, was für Kriterien man beim Finden von Künstlern angesetzt hat. Je nach Vorlieben könnte das natürlich dazu führen, dass man eher jemand findet, der allen gefallen soll und wieder eher glattgebügelt ist und dem dann die Sympathien fehlen werden.

    • ich bin überzeugt davon, dass man den perfekten ESC-Song nicht durch wissenschaftliche Auswertungen und Statistiken finden kann. es muss zur richtigen Zeit, der richtige Song und Act sein. Das kann man nicht vorausberechnen.

    • Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, aber das diesjährige Auswahlverfahren ist schon ein guter Weg. Ich habe persönlich auch als Schwachstelle das ARD-Publikum ausgemacht. Es kamen in den letzten Jahre einige Acts mit Kanten und Ecken zum Zug. Diese wurden von ARD-Publikum nicht wirklich akzeptiert.

      Auch Aly Ryan war eher ein Act mit Kanten und Ecken. Blitzkids waren auch auffällig. Laing war sehr kantig. Aber diese Acts hatten keine Chance, weil sie dem eingestaubten Geschmack des ARD-Publikums nicht zusagten.

      Lena war mit Ecken versehen, wurde aber vom Pro7-Publikum gewählt, also von einer jüngeren, experimentierfreudigeren Generation.

      Die einzige Gefahr, die ich bei dem neuen Auswahlverfahren sehe, ist, dass man schwer einschätzen kann, wie sich ein Sänger auf einer großen Bühne unter Konkurrenzdruck gibt, denn das fällt ja ohne Vorentscheid weg.

      Die Juries, vor allem das 100-köpfige Panel, hat mit Sicherheit einen guten, mutigen Ansatz bei der Auswahl eines Acts. Dahingehend bin ich mir sicher. Die Frage ist nur, kann dieser Act live auf einer großen Bühne authentisch abliefern.

      • Dummes Zeug, diese Publikumsbeschimpfung . Der NDR ist einfach nicht in der Lage, die Zielgruppe an die Glotze zu bringen

      • Wie mich dieses „Lena wurde aber vom Pro7-Publikum gewählt, also von einer jüngeren, experimentierfreudigeren Generation“ mittlerweile aufregt (um in der Wortwahl nett zu bleiben)……. Das grenzt ja schon an Mobbing der Generation Ü23. Ich habe es satt. Was bildet sich diese Jugend eigentlich ein? Geht ab und zu freitags statt zur Schule mal auf die Straße und glaubt die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben.
        In meinem Bekanntenkreis schauen wesentlich mehr Alte (jenseits der 30) den großen ESC. Aber die Quoten zeigen doch, dass bei der Vorentscheidung ein hoher Anteil junger Leute geschaut hat und bestimmt auch abgestimmt hat. Also Schluss mit diesem Schwachsinnsargument.

  5. Hätte, könnte, sollte, ‚wird man nie erfahren‘ usw usf. Es gibt vorerst noch 25 Möglichkeiten des Abschneidens beim ESC. Das Auswahlverfahren erscheint mir prädestiniert für Mittelmaß

  6. Na ja, Ecken und Kanten sind zunächst noch kein Qualitätskriterium an sich. Und schon gar kein Garant für Erfolg. Wie in dem Artikel schon richtig angemerkt wurde, können Ecken und Kanten zum Erfolg führen – oder eben auch nicht.
    Was genau sind Ecken und Kanten? Wer definiert das überhaupt? Reicht es schon, bescheuert zu sein? Oder muss man eher bescheuert im positiven Sinne sein, also so wie Guildo? Es gibt scheinbar noch etwas anderes neben dem reinen Anderssein, das darüber entscheidet, ob´s am Ende auch ankommt oder nicht.
    Ganz davon abgesehen, dass Daði Freyr hierzulande von Jan Böhmermann mächtig social Media Rückenwind erfährt, international von Russel Crowe. Der Effekt, der durch diese Influencer ausgelöst wird, ist auch nicht zu unterschätzen.
    Und dann stelle ich mir auch die Frage, ob beispielsweise eine Lena oder eine Roman Lob oder ein Max Mutzke die typischen Vertreter für Ecken und Kanten waren?

  7. Bei einem ESC-Song muss einfach etwas rüberkommen. Das ist alles.
    warum schnitten die deutschen Beiträge perfect life und ghost und Sisters schlecht ab?
    Perfect life: Langweiliger Popsong, zudem auch unoriginell (schlecht kopiert von einem Welthit)
    Ghost: Einfach nur langweilig; ich fühle bei dem Song nicht als langweile.. sehr eintönige Produktion, zudem was das Staging einfach grottenschlecht.. passte null zum Song
    S!sters: ehrlich gesagt der beste von den drei Songs; warum schnitt der Song schlecht ab? Man hat denen die Message einfach nicht abgekauft. Das Staging war unter aller Würde.. wir sehen doch die Ladies auf der Bühne, warum projiziert man dann deren Gesichter auf die LED-Wand?? nicht einmal die Mundbewegungen auf der LED-Wand der SängerInnen passten zu deren Gesang. Die Bühne war insgesamt einfach zu leer.. wurde nicht einmal benutzt.

    Wie wird man also beim ESC erfolgreich? Es MUSS einfach etwas rüberkommen!
    Sei crazy (Netta, Hatari), mach mich an (Maruv), rühr mich zu Tränen (Michael Schulte) oder sei interessant (Conchita)

    • Zustimmung. Zum recht durchschnittlichem „Perfekt Life“ (freundlich ausgedrückt) kam noch das irritierende Staging: Eine hübsche junge Frau wird in einen grässliches graues Fräulein-Rottenmeier-Kleid gesteckt und sinkt vor einem grauen!!! Hintergrund von einem perfekten Leben, welches also GRAU ist??? Perfekt stelle ich mir irgendwie anders vor. Also, bevor eine solche Inszenierung verbrochen wird, dann lieber gar keine.

  8. Es geht doch auch gar nicht darum, eckig und kantig zu sein. Es geht darum, authentisch zu sein. Und dann kanste auch einen normalen Popsong wie Michael Schulte. Der war erfolgreich, weil die Zuschauer ihm anmerkten, dass er echt ist und dass das ein Song ist, den grad nur er so singen kann. Und das ganz ohne Ecken und Kanten.
    Das hat man bei Ann-Sophie oder Levina eben nicht gemerkt.

    Und es stimmt auch nicht, dass das ARD-Publikum keinen Beitrag mit Ecken oder Kanten wählt. (Ich finde da ja schon die Behauptung absurd, das Pro7-Publikum habe Lena gewählt. Das dreht man sich dann grad so, wie es einem passt.)
    Das ARD-Publikum hat Jamie-Lee gewählt. Das war ein Beitrag mit Ecken und Kanten, wenn man so will. Und vor allem war es ein authentischer Beitrag. Kam nicht an beim ESC. War halt dann doch zu speziell, weil sich international niemandem erschlossen hat, warum sie so aussieht und warum das alles so sein muss.
    Auch Andreas Kümmert wurde vom ARD-Publikum gewählt. Bei allem Respekt: kein Schönling, kein Mainstream-Künstler, sondern ein echter Typ. Der Ausgang der Story ist bekannt, aber gewählt wurde er trotzdem.

    Jamie-Lee, Kümmert, Schulte – das sind für mich drei gute Beispiele, dass es auch in Deutschland sehr wohl funktioniert, authentische Künstler zum ESC schicken zu wollen. Mit Vorauswahl-Prozessen und mit Publikums-Entscheidungen. Im Levina-Jahr war ja, wenn ich das richtig erinnere, überhaupt nicht echtes, authentisches dabei. Da wurden die Songs halt den Newcomern übergestülpt und man hat gesagt „Macht mal“. Das konnte nix werden.
    2019 hat dann tatsächlich das Publikum sich mehrheitlich gegen die authentischen Acts wie zum Beispiel Lilly among clouds entschieden. Aber deswegen zu sagen, dass das ARD-Publikum halt immer nur Grütze wählt, stimmt halt auch nicht.

    • Andreas Kümmert hätte ich irgendwie sogar einen Achtungserfolg in Wien zugetraut. Eben, weil er doch speziell war und eine Hammerstimme hatte. War zwar jetzt nicht unbedingt mein Geschmack sein Song, aber war doch irgendwie schade, dass er abgelehnt hat. Na ja, er hatte wohl seine Gründe.

    • Jamie-Lee war eine „authentische Künstlerin“? Vielleicht Realschule-Abschlussfeier-Karaoke; da passte wirklich gar nichts zusammen. Ist ja schön, dass Dir der Song gefiel aber mit dem Auftritt haben wir uns – mal wieder – international lächerlich gemacht.

      • @4porcelli:
        Mir gefiel weder Song noch Sängerin noch der Auftritt. Aber authentisch war es. Weil sie ihr Manga-Ding durchgezogen hat. Es war mir von Anfang an klar, dass wir damit beim ESC gnadenlos untergehen, wenn sie das so durchzieht. Und ich bin sicher, dass man sich auch beim NDR dieses Risikos bewusst war. Aber trotzdem blieb man dabei. Und das nötigt mir zumindest Respekt ab, wenn jemand sich eben nicht verbiegt für einen Massengeschmack.

      • Vielleicht hätte Jamie-Lee mit ihrem Manga-Outfit einen fröhlicheren Song singen sollen. Oder aber zu „Ghost“, einem doch recht düsteren Song, ein entsprechendes Kleid wählen sollen.
        Sorry, normalerweise bin ich nicht so oberflächlich, aber wenn schon Inszenierung, dann sollte es wenigstens stimmig sein. Meine Meinung.

  9. Die Zusammensetzung der Jurys in Deutschland bestimmt natürlich zum großen Teil die Richtung in die der auszuwählende Beitrag gehen soll. Da die Mitglieder eher „esc-affin“ sind, werden es vorrangig auch dementsprechende Songs und Künstler in die Auswahl schaffen.
    Acts , die durch Originalität oder Authentizität punkten und polarisieren, werden es daher in einem Jury-Auswahlverfahren schwer haben, da diese bei vielen Juroren einfach nicht auf der Agenda stehen.

    • Ich halte diese „ESC-Affinitiät“, wie du sie beschreibst, teilweise eher für kontraproduktiv. Wenn man sich so in der ESC-Community umschaut, dann stellt man fest, das viele eine ganz genaue Vorstellung haben, wie ein ESC-Beitrag zu klingen hat bzw. der Meinung sind, dass ein erfolgreicher ESC-Beitrag nach einem bestimmten Schema aufgebaut sein muss (Wie oft liest man: „passt/klingt nicht nach ESC“, „Funktioniert beim ESC nicht“). Es fehlt teilweise einfach an „thinking outside of the box“ (sorry für diesen gruseligen Business-Slang), der Sinn dafür, dass auch Beiträge erfolgreich sein können, die mit dem gängigen ESC-Schema brechen.

      • Weil ich zu faul bin, einen langen Beitrag darüber zu schreiben – und man sich früher noch zu Prinzblog-Zeiten einen Ast zu exakt diesem Thema schrieb – hänge ich mich an die beiden Posts mal dran.

        Das Artikelthema kommt einfach 2-3 Jahre zu spät – wohl nicht ganz zufällig zu einer Nominierung ohne VE. Die fanaffine Panel-Zusammensetzung war jahrelang sowas wie Community-Mainstream und erreichte seinen Höhepunkt am Vorabend des letzten VE. Viele waren einfach von der Möglichkeit angefixt, den Beitrag mitzubestimmen.

        Ich warte einfach ab, was da für eine Eurovisionshymne 2020 gecastet wurde. Wenn’s was cooles wird – ok – ansonsten gibt es hübsche Kerle auch in Clubs wo andere DJs auflegen.

  10. Es gibt erfreulicherweise ganz viele unterschiedliche Ansätze, die Erfolg und gute Unterhaltung bringen können. Ein authentischer Michael Schulte hat genauso seine Berechtigung wie eine Eleni, die „einfach nur“ einen Song von anderen Komponisten singt, aber mit einer sehr heißen Choreographie punktet.
    Dasselbe Publikum wählt also eine Netta auf „1“, eine Eleni auf „2“, einen Cesar Sampson auf „3“, Schulte auf „4“ usw. Das liegt aber vermutlich daran, dass es „das Publikum“ gar nicht gibt. Zuschauer ist nicht gleichbedeutend mit Wähler. Es handelt sich nicht um eine Pflichtabstimmung. Die einen wählen Hatari, die anderen Hänni. Die meisten vermutlich gar nichts. Ohne es zu wissen, gehe ich davon aus, dass es wenig Überschneidung zwischen Hatari- und Hänni Wählern gab.
    Insofern würde ich mir wünschen, dass ein Auswahlmechanismus nicht nur das eine oder das andere zulässt, sondern offen ist für alles, was einfach gut gemacht ist.

  11. „In Litauen leben 2,8 Mio. Menschen, in Island gerade einmal 356.000. Wie sie dort gelandet sind, ist nicht überliefert.“ Diesen Anschluss finde ich ziemlich genial 😉

    • Und diese kleinen Länder kriegen einen Vorentscheid hin, der die Zuschauer begeistert und bei dem sie mitfiebern und der große NDR in Verbund mit der ARD kriegt das nicht hin.

  12. Ich möchte mal eine ganz steile These in den Raum werfen: ALLE Kandidaten der deutschen Vorentscheidungen 2018/19 hatten in irgendeiner Weise Ecken und Kanten; sei es die Stimmfarbe, das Aussehen oder die Art zu performen. Als einzige fällt Carlotta ein bisschen aus dem Schema raus, sie war aber bei der Künstlerbewertung auch „nur“ auf Platz 53.
    Mir scheint es so, als benutze der eine oder andere „Ecken und Kanten“ gerne als Synonym für „100% mein Geschmack“, und dass man den so genau nur schwer treffen kann, besonders wenn sowieso schon eine kritische Distanz zum NDR herrscht, ist klar.
    Andererseits nützt auch der kantigste Künstler gar nichts, wenn der Song nichts taugt (siehe Andreas Kümmert mit seinen etwas fußlahmen Radio-PopRock-Songs).
    Solange es die deutsche Musikindustrie nicht zuverlässiger als bisher hinbekommt, in Eigenregie international aussichtsreiche Kandidaten auch mit solchen Songs auszustatten, finde ich das jetzige Verfahren (bei dem ja auch noch Künstler wie zuvor selektiert werden, und dabei ist in den letzten Jahren nicht das schlechteste herausgekommen) einen guten Weg.

  13. @floppy
    ich widerspreche. Insbesondere der Vorentscheid 2019 war angefüllt mit Pop-Belanglosigkeiten, die natürlich null Ecken und Kanten hatten, sondern fast bis zur Unkenntlichkeit zu einer imaginären ‚ESC Erfolgsformel‘-Stromlinienförmigkeit ‚rundgeschliffen‘ waren. Wirklich kein Mensch wollte dieser Lieder hören, oder als Video sehen, komischerweise mit Ausnahme dieser Jurys und der NDR Leute. Keiner dieser Songs hatte irgendwas Auffälliges von dem man hätte Notiz nehmen müssen/können. Kurz gesagt es war alles einfach nur Driss.

    Soweit ich das verstanden habe ist auch in diesem Jahr das oberste Ziel gewesen, einen Song und am Ende auch eine Act/Song Kombi nach vorne zu bringen, der/die diese imaginäre ‚ESC Erfolgsformel‘ für die Jurys am besten darstellt. Es ging glaube ich auf gar keinen Fall darum einen besonders ‚riskanten‘ Beitrag rauszufischen. Man kann davon ausgehen, dass aber auch ‚riskante‘ Beiträge vorgeschlagen wurden. Glaube aber nicht, dass diese die 100er Jury in nennenswerter Zahl überlebt haben.

    ‚Riskante‘ Songs d.h. die mit besagten ‚Ecken und Kanten‘, erreichen ja nicht Popularität dadurch, dass sie bei der Mehrheit irre beliebt wären. Stattdessen braucht es eine möglichst große Minderheit, die einen Song ‚hörenswert & sehenswert‘ findet und eine Mehrheit, die jetzt nicht übertrieben ‚dagegen‘ ist.

    • Ich sprach auch nicht von den Songs (da war durchaus noch Luft nach oben. Dass sie niemand hören wollte, stimmt aber nicht und ob sie jetzt „Driss“ waren oder nicht, dazu gibt es unterschiedliche Auffassungen), sondern von den Künstlern und da ist für mich durchaus jeder auf seine Weiise aufgefallen. Das verstehst du jetzt vielleicht nicht; ich verstehe allerdings auch nicht, dass du anhand von Vorab-Streaming-Nutzung den Erfolg beziehungsweise Misserfolg von Songs bei ESC vorhersagen willst. So bunt ist die Welt 🙂

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