Von der Wildcard-Bewerbung zum deutschsprachigen Hip-Hop: Nessi veröffentlicht „Schein ist Betrug“

Der ESC-Bezug dieses Artikels mag sich nicht allen sofort erschließen und deshalb hole ich hier etwas weiter aus: In den Jahren 2014 und 2015 wurde die deutsche Vorentscheidung bekanntlich um ein so genanntes Clubkonzert bereichert, in dem sich hoffnungsvolle Nachwuchstalente präsentieren und eine Wildcard für die Vorentscheidungsshow gewinnen konnten. Das Kuriose daran: In beiden Jahren setzten sich die Clubkonzert-Siegerinnen (Elaiza und Ann Sophie) anschließend auch im eigentlichen Vorentscheid durch und ließen namhafte und etablierte Künstler hinter sich (Dieses Phänomen haben wir bereits hier und hier aufgearbeitet).

Für das Clubkonzert zu „Unser Song für Österreich“ im Jahr 2015 bewarb sich auch die damalige Newcomerin Nessi. Ihr indie-poppiges „Rolling With The Punches“ hatten wir damals auf dem PRINZ-ESC-Blog in unserer Favoriten-Shortlist (in wechselnder Besetzung musste sich ein bemitleidenswerter Blogger wöchentlich durch all die Bewerbungen kämpfen und die Highlights herausfiltern). Geholfen hat das Nessi allerdings bekanntlich nicht, die neunköpfige Jury (bestehend aus „NDR Unterhaltungschef und ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, Stefan Müller (Warner Music), Konrad von Löhneysen (Sprecher der Independent-Label), Tom Bohne (Universal Music), Aditya Sharma (Musikchef beim Hörfunksender Fritz), Nico Gössel (Sony), Norbert Grundei (N-Joy) sowie Jörg Grabosch und Claudia Gliedt (beide bei Brainpool)“, wie Wikipedia weiß) entschied sich letztendlich für zehn andere Kandidat*innen.

Auch abseits des ESC brachten „Rolling With The Punches“ und das gleichnamige (sehr empfehlenswerte!) Album Nessi zwar nicht den ganz großen Durchbruch, sie machte sich aber zwischenzeitlich unter anderem als Songwriterin einen Namen und gewann den Kulturpreis in der Kategorie „Best Newcomer Singer/Songwriter“. 2018 lief ihr Retro-Song „Shake Shake“ dann als Untermalung für die damalige Coke-Light-Kampagne von Coca Cola über alle Kanäle. Später wurde das Lied auch in einer Folge der Simpsons und auf dem Soundtrack der 4. Staffel der Serie „Lucifer“ verwendet.

2019 orientierte sich Nessi musikalisch neu und veröffentlichte etwa gemeinsam mit Prinz Pi den Song „Immer nur zu dir“. Gemeinsam mit Kool Savas und dem Lied „Deine Mutter“ erreichte die Hamburger Sängerin außerdem auch zum ersten Mal eine Platzierung in den Single-Charts. Der Song kletterte bis auf Platz 16 und hielt sich dreizehn Wochen in den Charts.

Es ist also vermutlich nur folgerichtig, dass Nessi dieses Momentum nutzt und sich nun auch solo im deutschsprachigen Hip-Hop etablieren will. Am vergangenen Freitag ist ihre Single „Schein ist Betrug“ erschienen, auf der sie sich textlich mit dem manchmal nur vordergründig schönen Schein der Social-Media-Welt beschäftigt. Das Lied besticht außerdem durch ein Sample des Die-Prinzen-Hits „Alles nur geklaut“. Das alles macht Lust auf mehr und ein Album soll demnächst folgen. Schön, dass Nessi auch ohne Clubkonzert ihren Weg konsequent weiter verfolgt – und wer weiß, vielleicht sehen wir sie ja doch irgendwann im ESC-Kontext wieder.

„Schein ist Betrug“ von Nessi ist jetzt unter anderem bei Amazon, bei iTunes und auf Spotify verfügbar.

Wie gefällt Euch „Schein ist Betrug“? Hattet Ihr Nessi noch auf dem Schirm? Und wäre sie mit ihrem neuen Sound auch eine potenzielle deutsche Vertreterin beim ESC?


9 Kommentare

  1. „Rolling with the Punches“ ist irgendwie so gar nicht mein Fall, kann mir auch nicht vorstellen, dass wir damit beim ESC weit gekommen wären, aber lässt sich im Nachhinein natürlich auch nicht mehr sagen.🙂
    „Shake Shake“ finde ich aber ganz cool, stehe halt total auf Retro😊
    „Deine Mutter“ – Das Video ist ganz gut, aber irgendwie mag ich diesen „Kiez-Slang“ nicht wirklich. Um mich zu überzeugen, braucht es schon einen schönen Gesangspart zwischendrin, aber ich finde, die Stimme von Nessi gibt nicht allzu viel her.
    „Den Text von „Schein ist Betrug“ finde ich ganz gut, soweit ich ihn verstehe, weil irgendwie finde ich Nessi relativ undeutlich.
    Prinzipiell habe ich ein Problem mit ihrer Stimme, und könnte sie mir deshalb eher weniger als Teilnehmerin beim ESC vorstellen. Am ehesten noch mit einem Retro-Song, wie „Shake-Shake“.🙂

  2. Soweit ich weiß, ist 2004 Max Mutzke auch per Wildcard zum deutschen Vorentscheid gekommen und gewann. Im Finale in Istanbul errang er den achten Platz.
    Hier war Stefan Raab Initiator, Songwriter u. Produzent. Das war seine dritte Beteiligung nach 1998 und 2000.

  3. Bin selbst auch gestern auf das Video gestossen, weil mir Nessis „Rolling with the Punches“ damals sehr gefiel und ich den Song im Prinz-Blog zu den Wildcards auch schon promotet hatte. Mir gefiel es und finde super, dass @Benjamin das Thema aufgreift, zumal die Klicks für einen Underdog und die paar Tage nach der VÖ nicht übel sind. Vor allem kann man mal das Thema Rap/HipHop klischeebefreit diskutieren.

    Diese reflexartige Ablehnung gegen die Musik ist ja leider in der ESC-Community sehr weit verbreitet. Hängt natürlich mit der Sozialisation zusammen. Aber wenn sich selbst inzwischen der „Zeit“-Feuilleton mal dem Streaming-King Apache207 widmet, ist es in der Community vielleicht schon in 10 Jahren soweit, dass ein ESC-Fan-Panel sowas durchwinkt. 😉 Ich persönlich würde mich über RIN (vintage, Dior2001, Monica Bellucci, aktuell Ayo Technology) oder mindestens den für die Samples und Beats verantwortlichen Alexis Troy (eigene Songs Keta – aus der Werbung bekannt & Codeine) freuen.

    • Sozialisation? Willste damit etwa sagen, die ESC-Community sei wat besseres als wir normale Leute??? Sozialisten ist ja schon sehr beleidigend formuliert von dir hier. Wenn ich sowas geschriebn hätte, wäre ich wieder fertiggemacht worden.

  4. „Rolling With the Punches“ ist für mich damals schon sehr positiv aus dem Bewerbungspool herausgestochen. Beim ESC wären wir damit, gerade im starken Jahr 2015, über das hintere Drittel wohl auch nicht hinausgekommen, eine Duftmarke hätte wir mit diesem frischen Sound aber vielleicht setzten können. Zumindest zum Clubkonzert hätte man sie eigentlich einladen müssen, wenn man bedenkt, wer da sonst so aufgetreten ist…

    „Schein ist Betrug“ finde ich ganz nett, reißt mich jetzt aber nicht vom Hocker, die Richtung, in die sich Nessi da entwickelt, scheint allerdings ganz vielversprechend zu sein; mal schauen, wo die Reise hingeht.

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