Advent der liebsten Blogger-ESC-Momente (3): Der ESC 2000 in Stockholm

18 lange Jahre musste ich warten, bis sich mein großer – und lange Zeit für unmöglich gehaltener – Wunsch erfüllte: Ich war live in der Arena beim Eurovision Song Contest 2000. Dass danach noch einige weitere ESCs „vor Ort“ kommen würden, war da überhaupt nicht abzusehen. Umso prägender und präsenter ist mir der Abend und die Show noch heute. Und offenbar bin ich auch nicht der einzige hier auf dem Blog, für den „das erste Mal“ eine nachhaltige ESC-Erinnerung geworden ist (so für Manu und auch Benny).

Für meine Geschichte müssen wir einmal zurück gehen ins Jahr 1999. Den ESC aus Jerusalem verfolgte ich mit ehemaligen Kommiliton/innen in Köln. Dabei war auch Heiko, der ein Jahr vor mir in Schweden studiert hatte. Entsprechend schwedophil war er damals auch unterwegs und hatte natürlich auch schwedische Fahnen am Start, als es darum ging, Charlotte Nilsson zunächst anzufeuern und später zu feiern. An dem Abend wurde sie auch geboren: die Idee, den ESC 2000 in Schweden live zu erleben.

Irgendwann im Frühjahr 2000 war es dann soweit: Dank des Internets und der digitalen schwedischen Kompetenz wusste ich, wann der Kartenverkauf für die Show starten würde. Ich wollte im Internet mein Glück probieren. Gleichzeitig hatte ich aber auch Ulrika Handlungsanweisungen für den Notfall gegeben, dass ich keine Karten bekommen würde. Ulrika war während meines Studiums in Örebro meine offizielle schwedische Kontaktstudentin. Sie wohnte mittlerweile in Stockholm. Und nach meiner SMS (die man damals noch schrieb und viel Geld dafür bezahlte), dass ich keine Karte online bekommen hatte, fuhr sie los zu einer klassischen Kartenverkaufsstelle (ich meine sogar an einer Tankstelle!). Und entgegen allen Erwartungen bekam sie dort dort tatsächlich fünf zusammenhängende Karten für die Show!

Mein Freude und Euphorie kannten da schon keine Grenzen mehr. Ungefähr zwei Wochen vor dem Finale wurde dann die offizielle ESC-CD mit allen Beiträgen des Jahres veröffentlicht. Darauf war natürlich auch der deutsche Beitrag „Wadde hadde dudde da“. Ich war kein Stefan-Raab-Fan und hatte auch bei der Vorentscheidung nicht mitgefiebert. Insofern sagten mir auch „Once in a Lifetime“, „Tell Me“ und wegen seiner ironischen Aussage „Don’t Play That Song Again“ eher zu als der deutsche Beitrag.

Zwei Wadee-Hadde-Dudde-Da-T-Shirts für den ESC: Gut, dass es kein schärferes Foto davon gibt

Zwei, drei Tage vor dem Event flog ich nach Stockholm. Denn von der Existenz eines EuroClubs wusste ich nichts, noch hatte ich eine Akkreditierung. Ich wohnte bei Ulrika in Björkhagen, was sich als doppelt sinnvoll herausstellte, weil der Stadtteil sehr nah am Globen liegt. Am späten Nachmittag der Show trafen wir uns zum Essen bei ihr: Heiko war dabei und zwei Freundinnen von Ulrika. Heiko hatte noch zwei hellblaue „Wadde hadde dudde da“-T-Shirts mitgebracht. Ich habe meins immer noch als Schlaf-T-Shirt, kann es aber hier nicht abbilden, weil es in Hamburg liegt und ich mich sechs Stunden vor Veröffentlichung dieses Kalendertürchens passenderweise in Stockholm befinde. Außerdem hatte er noch aufblasbare Wadde-Hadde-Dudde-Da-Hände für uns mit dabei.

Mit genügend Zeit ging es zum Globen, und wir nahmen unsere Plätze auf dem unteren Rang rechts von der Bühne ein. Um 21 Uhr ging es mir dann wie Manu bei seinem ersten Mal ESC vor Ort: Freude, Kloß im Hals, Gänsehaut beim Ta Deum. Die Schweden hatten – wie auch 2016 wieder – den ESC stark modernisiert. Ich war begeistert, auch wenn ich schon damals kein Fans von Anders Lundin war (wobei er in den letzten Jahren bei „Allt för Sverige“ einiges gut gemacht hat). Die originellen Postkarten-Filme waren der Hammer; der Auftakt mit PingPong aus Israel dann eher „underwhelming“.

Danach kamen viele Songs, die heute noch Hits und Klassiker sind. Damals wie oftmals noch heute hatte ich die Befürchtung, dass Russland sich tatsächlich den Sieg holen könnte. Gleichzeitig feierte ich „No Goodbyes“ und „My Heart Goes Boom“. Den belgischen Auftritt nutzte ich für eine Toilettenpause. Dann war es Zeit für den deutschen Beitrag. Auch hier war die Postkarte originell, irreleitend und unterhaltend. Der Auftritt von Stefan Raab und seiner Truppe war erwartungsgemäß, aber dann geschah etwas Unvorhersehbares:

Ich hatte bei den vorherigen Auftritten gesehen, dass die Kamera sich immer Fans suchte, die nach dem Auftritt eines Landes eingeblendet wurden. Viele Deutsche hatte ich im Globen nicht wahrgenommen. Aber wir hatten ja unsere T-Shirts, die aufblasbaren Hände und kleine Fähnchen. Damit hatten wir von Anfang an immer auffällig gewunken – und damit die gewünschte Aufmerksamkeit auf uns gezogen. Denn während des Auftritts platzierte sich auf ein Kameramann direkt vor uns.

Bei 3:02:16 – der Autor in Ekstase nach dem Auftritt von Stefan Raab mit „Wadde hadde dudde da?“

Wir fünf standen und tanzten während des Auftritts. Ulrika war direkt an der Treppe – und ich quasi am weitesten entfernt davon. Aber die Kamera war da und sie hielt auf uns drauf. Und das auch noch, als der Song vorbei war. Ich hatte gar keine Augen mehr für das, was auf der Bühne geschah, sondern nur noch für die Kamera. Und auf einmal leuchtete auf ihr ein rotes Licht auf. Das hieß: Wir waren live! 100 Millionen Menschen sahen uns genau in diesem Moment. Ich wusste gar nicht, wie ich mich verhalten sollte, sondern bewegte mich wirr vor Ekstase.

So schnell wie sie gekommen war, war die Kamera auch wieder weg. Ich erinnere mich noch, wie die Arena beim Auftritt Schwedens ausflippte und an den riesigen Applaus für Brainstorm aus Lettland. Die spätere Punktevergabe war mir gar nicht so wichtig, auch wenn ich mich freute, dass Deutschland sogar besser abgeschnitten hatte als der Gastgeber Schweden. Mit dem Sieg der Olsen Brothers konnte ich zunächst nicht viel anfangen, freute mich aber trotzdem.

Dass es im Anschluss an die Show womöglich einen EuroClub geben könnte, daran war für mich damals noch nicht wirklich zu denken. Also gingen wir nach Hause und hatten dort eine kleine Afterparty. Erst 2003, als ich durch einen Zufall in Hannover an Karten für den ESC in Riga gekommen war, eröffnete sich mir die Welt vor und um den ESC vor Ort. Nach dem großartigen Abend in Stockholm war das eine andere und auf vielfältige Weise fantastische Woche in Baltikum. Aber das ist dann wirklich eine andere Geschichte.

Bislang in unserem Adventskalender erschienen:

(1) Mein „erstes Mal“
(2) Die BRAVO und ein Kindheitstrauma

2020: Advent der besten DACH-ESC-Beiträge
2019: Advent der besten ESC-Momente


31 Kommentare

  1. Ich erinnere mich beim ESC 2000 am meisten an die Punktevergabe und die niederländische Punkteverkünderin, die darauf aufmerksam machte, daß ihr Land die Liveübertragung wegen der verheerenden Explosion in Enschede abbrach. Da wurde der Sieg Dänemarks fast zur Nebensache.

  2. 2000. Ein denkwürdiges jahr für mich. Ich war mit meinem heutigen mann auf weltreise und auf ko pha-ngan gestrandet und nicht mehr im entferntesten am esc interessiert. Zufälligerweise lief aber in einer bar in aller herrgottsfrühe der esc. Ich habe genau einen song bewusst mitbekommen. Israel. Es war schlimm und meine esc-pause wurde nochmal um drei jahre verlängert.

  3. Ich fand die Moderation 2000 toll. Ein sehr sympathisches Duo. 🙂
    Nein, ein Stefan-Raab-Fan war und bin ich auch nicht. „Wade hadde dudde da“ fand ich sogar total blöd (also, den Song. Die Inszenierung war schon irgendwie gut gemacht. Von daher fand ich den 5. Platz schon verdient.
    Aber die deutsche VE hatte so viel Besseres zu bieten (Kind of Blue, Corinna May, E-Rotic😍😍😍)
    Meine Favoriten bem ESC waren Russland und Estland. Insgesamt fand ich den ESC 2000 damals ganz gut, aber im Vergleich zu vielen, vielen späteren ESCs finde ich ihn aus heutiger Sicht doch relativ schlecht.
    Ich finde, die Einführung der Semis hat schon die Qualität der Beiträge nach oben geschraubt.

      • Ja, okay, live war das nicht so gelungen. Aber in der Studioversion war das doch ein schöner Ohrwurm. Gehörte damals zu meinen Favoriten, heute würde ich es vielleicht anders sehen, man wird ja älter und (vielleicht) auch weiser.😀

  4. Irgendwie habe ich in Erinnerung, dass die ESC-CD, also der Sampler bzw. das Album mit allen ESC-Songs vom ESC 2000 erst nach dem ESC Finale veröffentlicht wurde. Trügt mich vielleicht meine ESC-Erinnerung 2000? Kann das jemand nachrecherchieren?

    • Daran kann ich mich auch noch erinnern. Die CD erschien kurz danach. 2002 und 2003 hatte ich sie jeweils am Abend vorher in den Händen. Ab 2004 kam sie dann deutlich vor dem ESC.

    • Als ich hatte die CD schon vorher. Ich musste damals im Radio am Tag des Finales ein Interview zum ESC geben und hab mir dann im Vorfeld alle Lieder von CD durchgehört. 🤔
      Dänemark hatte ich da zwar nicht als Sieger voe Augen, hatte aber mitbekommen, dass die Bühnenarbeiter vor Ort die beiden Jungs feierte. Russland und Lettland habe ich von CD aber auch schon ganz vorn getippt und besonders bei Lettland freue ich mich noch heute darüber.

  5. Die Jahrgänge 1998 bis 2003 sind für mich eine Übergangszeit in der langen Geschichte des ESC. Das war nicht mehr der gediegene ESC der 1990er mit seinen ethnisch gefärbten Meisterstücken und bombastischen oder sentimentalen Balladen, aber auch noch nicht der große Event mit Halbfinals, Peinlichkeiten und Shake Shake voll auf die 12, der in den Folgejahren zu voller Blüte reifte. Ich habe immer das Gefühl, dass viele Länder in diesen Jahren nicht so recht wussten, was sie zum ESC schicken sollten, und so war dann eben viel Mittelmäßiges und Langweiliges am Start. Immerhin haben allerdings 4 Lieder des Jahrgangs 2000 bis heute in meiner Playlist überlebt: Lettland, Estland, die Türkei und Zypern. Das verheerende Ergebnis des zyprischen Beitrags ist für mich eines der größten Punkteverbrechen der ESC-Geschichte.

  6. Eigentlich erinner ich mich nur an das Unglück in Enschede und an den Sieg der Olsen Brothers, um Gottes Willen, war und ist imir regelrecht peinlich. Seit dem wird mir leider immer klarer, dass Dänemark zwar eines meiner Lieblingsurlaubsländer ist, hab sogar dort geheiratet, aber für den ESC bringt mir DK so ziemlich nix.
    .
    Wadde hadde war der Grower meiner Töchter, waren damals aber noch klein. Wurde mehrmals als Dancetrack für Kuscheltieraufführungen benutzt. Echt süss.

    • Meistens trifft Dänemark auch nicht meinen Geschmack beim ESC, ist aber ein wunderschönes Urlaubsland, stimme Dir zu.😀
      Als einziger dänischer Siegersong gefällt mir nur „Dansevise“. Okay, 2015 und 2021 waren nette Ohrwürmer (mMn), aber die sind ja leider schon im Semi ausgeschieden.

      • Ergänze noch grad: DK 2006 hat mir auch noch gut gefallen, höre ich heute noch gerne. Hebt die Stimmung.😀

      • Mir fällt gerade doch noch Rasmussen ein, die fand ich irgendwie ganz erhebend, eben higher ground, Show zwar passend, aber doch nen bisschen naiv😗

      • Ich liebe zwei dänische ESC-Beiträge: 1963, 1995 und 2005. Außerdem mag ich auch 1960, 1965, 1979, 1993, 2001, 2006 und 2012 gerne. Sieht also bei mir gar nicht so schlimm aus. Rasmussen finde ich andererseits ganz grässlich.

      • Ich meinte drei Beiträge. Ich kann nicht mal bis 3 zählen. Alarmstufe rot! 🤣

      • @togravus ceterum

        da gab’s doch mal so ein putziges Video aus der Sesamstraße. Hat mir auch geholfen…😀😉

      • Ich oute mich jetzt mal: Ich bin wahrscheinlich die einzige Person auf diesem Planeten, die DK 2009 richtig, richtig toll findet. Das war der erste Song, den ich eingesungen habe, nachdem 2009/2010 fast ein Dreivierteljahr lang meine Stimme im Eimer war.

      • Dansevise ist sogar einer meiner liebsten – wenn nicht mein allerliebster – ESC-Song aller Zeiten.

  7. In der Video-Unterschrift stimmt die Zeitangabe nicht – bei 3:02:16 ist das Video schon vorbei! Du meintest wohl eher 1:11:23? Alternativ geht auch das in den Kommentaren genannte Video 😉

  8. Wenn ich an den ESC 2000 denke, hab ich immer als erstes dieses in hellen Trachten gekleidetes Mädel vor Augen, die zu Beginn im dunkeln auf der Bühne stand, in die Kamera schaute und „welcome europe“ rief. Plötzlich alles hell erleuchtet und das Publikum am ausrasten.

    Lustig, wie sich so ein kurzer Moment so einbrennen kann!

  9. Na, Douze Points, freue Dich mal lieber nicht zu früh. Gerade sind ja einige Fans dabei, sämtliche ESC-Shows auf Full-HD hochzschrauben, dann kann man Dich noch viel besser darauf erkennen! 😉

    Für mich bleibt 2000 als einer der schwächsten Jahrgänge ever im Gedächtnis. Und als ein Jahr, in dem ich keinen Sieger so richtig habe. Gerade ist es Malta, aber Malta, Mazedonien (kein Scherz) und Estland sind dicht dahinter. Mit Niederlande gab es dafür einen meiner größten Hasssongs und Lettland fand ich immer unerträglich. Ich werde wohl nie verstehen, warum der Song so populär war…
    Und ein guter Indikator, wie ich das Jahr sonst noch finde: Belgien ist bei mir auf Platz 7. 😀
    Ansonsten muss man den Schweden lassen, die Show war schon gut gemacht, mehr Nuller-Atmosphäre ging fast gar nicht. Und die große Halle war in der Tat echt beeindruckend. Dänemark hat im Jahr danach ja eindrucksvoll bewiesen, wie es auch in die Hose gehen kann.

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