ESC 2020: Großbritannien setzt auf ein Songwriting Camp – und auf das deutsche Konzept?

Nachdem Deutschland beim Eurovision Song Contest 2018 mit Michael Schulte und seinem „You Let Me Walk Alone“ auf dem 4. Platz gelandet ist, übernahm die Schweiz für den ESC 2019 Teile des Vorentscheidungskonzeptes, wählte Luca Hänni und „She Got Me“ aber intern aus – und landete prompt ebenfalls auf dem 4. Platz. Und während bislang noch nicht klar ist, ob Deutschland das neue Konzept nicht schon wieder über Bord wirft, scheint Großbritannien nun auf den Zug aufzuspringen.

Darauf deuten einige Fotos hin, die der „Eurovision-Music-Consultant“ der BBC, Greig Watts, auf Facebook veröffentlicht hat. Sie zeigen die Teilnehmer eines Songwriting-Camps, das aktuell in den Water Rat Music Studios in Woking in England stattfindet und über das wiwibloggs berichtet hat. Unter ihnen sind auch ESC-prominente Namen (siehe unten), die eigentlich interessante Nachricht ist aber, dass auch Werner Klötsch von digame mobile an dem Camp teilnimmt. Zur Erinnerung: Digame hat gemeinsam mit der Beratungsagentur Simon Kucher & Partners sowie dem NDR den aktuellen deutschen Vorentscheidungsprozess mit Eurovisions-Jury und internationaler Experten-Jury erdacht und vor allem auch durchgeführt. Springen nach der Schweiz jetzt also auch Großbritannien und die BBC auf den Zug auf?

Greig Watts dürfte in seinem zweiten Jahr als Musikberater in Sachen Eurovision für die BBC jedenfalls schon einigen Druck verspüren, nachdem der erste Durchlauf mit einer qualitativ eher dürftigen Vorentscheidung und einem letzten Platz für Michael Rice‘ „Bigger Than Us“ beim ESC 2019 gründlich schief gegangen ist. Überhaupt braucht es im Mutterland der Popmusik endlich mal frische Ideen in Sachen ESC. Die letzte Platzierung in der linken Tabellenhälfte datiert aus dem Jahr 2011, als Blue in Düsseldorf mit „I Can“ ins Rennen gingen und auf dem 11. Platz landeten.

Vielleicht kommen diese Ideen von den anwesenden Songwritern, darunter auch einige mit ESC-Erfahrung: Tom Oehler aus der Schweiz ist dabei, der in diesem Jahr an „Sister“ mitgeschrieben hat. Holly Tandy, die in diesem Jahr selbst an der britischen Vorentscheidung „Eurovision: You Decide 2019“ teilgenommen hat und die aktuell auch mit ihrer Version von „Bigger Than Us“ an unserem ESC kompakt Second Chance Contest teilnimmt, ist ebenfalls im Camp. Das Gleiche gilt für Mørland, der zusammen mit Debrah Scarlett und dem Song „A Monster Like Me“ 2015 für Norwegen einen 8. Platz erreicht und dieses Jahr mit „En Livredd Mann“ wieder an der Vorentscheidung Norsk Melodi Grand Prix teilgenommen hat. Weitere Teilnehmer des Camps sind Jonas Thander, Jeroen Swinnen, Duke Ashton, Patrik Jean Olsson, Charlotte Churchman, Mila Falls, Maria Broberg, Henrik Tala, Anthony Goldsbrough, Georgie Keller und King John’s Castle.

Was meint ihr, sind Songwriting Camps der Schlüssel zum ESC-Erfolg? Und sollte die BBC noch weitere Vorentscheidungselemente vom NDR und/oder dem SRF übernehmen?



22 Kommentare

  1. Songwriting Camps sind mit Sicherheit eine gute Sache, auch um Verbindungen zu knüpfen und Songs zu entwickeln.
    Eine Garantie auf eine gute Platzierung ist das aber nicht.
    Egal welches Konzept angewendet wird, entscheidend ist das Song und Sänger zusammen passen und so Authenzität und Identifikation transportieren.
    Aus diesem Grund sollten auch Kompositionen aus dem ’stillen Kämmerlein‘ immer einen Bewerbungsweg offen haben.

    Solange am Ende alle zur Vorauswahl qualifizierten Songs gleichzeitig präsentiert werden, spielt es keine Rolle aus welcher Quelle sie kommen.

  2. „Auftragskompositionen“ sind natürlich so eine Sache (Authenzität), aber dafür gibt es schließlich den Beruf des Komponisten! Der Sänger muss mMn nicht immer alles selber gemacht haben, von Melodie und Text bis hin zum Staging-Konzept. Er muss es auf der Bühne tragen, aber ein Team kann wunderbar funktionieren.

    Ich kann da nur meinen Kommentar auf wiwibloggs wiederholen:
    „Send Holly and Mørland as a duet! Song title: „A Monster Like Me Is Bigger Than Us“ :D“
    Ich mag beide wirklich sehr und die werden da bestimmt was zaubern!

  3. Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob diese Songwriting Camps, wo man irgendwelche Leute, die sich nicht kennen, 1-2 Tage zusammenwürfelt wirklich sinnvoll sind. Viele von uns kennen sicher ähnliche oft eher aktionistischen Workshops aus dem Berufsleben; das Ergebnis überzeugt selten und gerade kreative Prozesse kann man nicht forcieren.
    Wenn man sich die bekannten Profi-Teilnehmer anschaut, hat man zudem wieder mal das Gefühl, dass ähnlich wie bei Champions League Clubs immer wieder dieselben Leute recyclet werden,weil sie irgendwann mal erfolgreich waren bzw. Erfahrung haben. Hier ein s!stärZ-Mitautor in UK; als nächstes Boatang zu Gala oder Fener?

    • 4porcelli hat meine Meinung über Songwriting Camps sehr schön in Worte gefasst, dem ist nichts hinzuzufügen (außer vielleicht, dass ich Bennys Aussage, die britische VE 2019 sei „qualitativ eher dürftig“ gewesen, nicht teile).

  4. Ein Song Writing Camp funktioniert nur, wenn die Zusammensetzung stimmt. Es sollten die geeigneten Komponisten und Texter eingeladen werden und möglichst sollte auf Jahrgangs-Mehrfach-Bewerber verzichtet werden. Hier merkt man, dass Quantität die Qualität übersteigt und das Engagement in einem „Irgendwo wird es schon klappen“ verpufft .
    Und man sollte nicht auf Material vergangener Camps zurückgreifen und nur aktuelle Kompositionen berücksichtigen. ,-)
    All dies war beim letzten NDR-Camp nicht der Fall und das Ergebnis war, wie wir wissen, ziemlich dürftig. Die Aufgabe der Verantwortlichen ist es also in erster Linie die richtigen Leute zusammenzubringen. Ansonsten kann man auf das Camp getrost verzichten.

  5. Digame sollte vielleicht erst einmal die Abstimmungsapps nachbessern bevor man sich neue Kunden angelt.

    Falls einen Song mit Geburtsurkunde ‚SWC‘ gut abschneidet, ist der Künstler selbst dafür verantwortlich. Beide Beispiele (Hänni/Schulte) sind halt talentiert und waren fähig ihren Song glaubhaft zu präsentieren.

    Hauptnachteil eines SWC ist die Seifenblase, die dort entsteht. Es gibt da zuviele Leute, die glauben zu wissen wie Erfolg geht, aber diese Zeiten sind längst vorbei. Erfolg ist eine Kombination von Glück, Talent, den richtige Moment und Qualität.

    SWC / Namensliste => Auch in 2020 sichert Großbritannien sich so einen Platz rechtsunten. Wer jetzt immer noch glaubt, dass man so etwas gutes zusammenwurfeln kann, hat viel mehr als die letzte Trend verpasst.

  6. Nach unzuverlässigen Quellen soll ein gewisser Mr. Writer, ein ausgewiesener Experte für ESC-Performances und Siegerlieder, der Chef der britischen Delegation 2020 werden

    • Man munkelt so, genau, James Writer heißt der Knabe…ich starte auch ne Umlage, für Reisekosten (One way ticket) und Dauerquartier und so…die andere unfehlbare Kanaille namens Heiner Blötsch könnse auch gleich behalten, das Duo Infernale gibt’s gratis im Doppelpack. Im ganzen Leben nicht für 5 Cent jemals kreativ gewesen, aber alles können, erkennen, ermitteln und entwickeln wollen.
      Auf Nimmerwiedersehen…

  7. Schweiz, UK und Deutschland. Ein Dream Team.
    Nächstes Jahr uns ja wieder Laurell Baker mit tollen Songs versorgen, wovon 2 unter die letzten 2 kommen.

  8. Mir ist egal, wo und wann und wie die Lieder entstehen … Es wäre nur endlich mal schön, wenn auch gute Lieder dabei herauskommen würden. Ich weiß nicht, ob sich der Aufwand und die Kosten speziell bei solchen halbguten Songwritingscamps von 2 Tagen lohnen.

  9. Nette Taktik von dieser Laurell Barker: Zwei ganze Nationen und somit die Konkurrenz auf die Plätze 25/26 und 26/26 abstürzen lassen und das eine Land mit einem besseren Song versorgen, das wegen ihr im Vorjahr rausgeflogen ist. Ich fand alle vier Lieder von ihr furchtbar und ganz besonders dieses ,Stones‘ war für mich mit Müll vergleichbar. Ich will auf jeden Fall nie wieder ein Lied von ihr hören.

    • Aw, da muss ich die Gegenposition vertreten, sorry: Ich persönlich fand „Stones“ verdammt stark, eingängig und mit tollem Text nach dem Motto „wir haben jahrhundertelange Erfahrungen und kloppen uns trotzdem dämlich den Schädel ein, nein, ich werfe nichtmehr dumpf mit Steinen“. Ganz toller Song! ❤

  10. Ich finde die Idee mit dem Songwritingcamp ganz gut, auch wenn es in diesem Jahr in Deutschland ad absurdum geführt wurde, weil ein Konzepttitel das Rennen beim Vorentscheid gemacht hat. Nun hat man endlich in Großbritannien mal erkannt, daß es so nicht weitergehen kann.

    • Dieser Konzepttitel stammt allerdings auch aus einem Songwriting-Camp. Allerdings gefallen mir die Camps des NDR viel besser, weil diese unter Mitwirkung der Interpreten stattfinden und dadurch gleich eine viel engere Bindung zwischen Sänger und Song erschaffen.

  11. Oh, aus dem schweizer songwritercamp 2017 sind noch einige restposten zu haben. NDR und BBC, bitte zugreifen. Aber wie man hört, hat herr schreiber die super-rosine schon rausgepickt.

  12. Ach , das wird doch wieder nix. So lange die Briten den ESC nicht ernst nehmen, wirds auch nix. Auch wenn Michael Rice den letzten Platz nicht verdient hat, aber bei den Briten wäre soviel mehr möglich. Aber die haben halt kein Lust auf Europa. Dann sollen sie halt den ESC verlassen.

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