
Mit dem Sieg von Nemo aus der Schweiz beim Eurovision Song Contest 2024 setzte sich ein Beitrag durch, der im Televoting nur den fünften Platz erreicht hatte. Auch im letzten Jahr bremsten die Jurys den deutlichen Publikumsfavoriten Kärijää aus. Das kann Zufall sein und so etwas gab es schon früher. Allerdings ist das nun in den beiden Jahren der Fall gewesen, in denen die Jurys kein Mitspracherecht mehr in den Halbfinals haben. Die Big 5 könnten davon profitieren, indem sie typisches „Jury-Futter“ zum ESC schicken.
Mitte der 90er wurden die Jurys beim ESC nach und nach durch reines Televoting ersetzt. Ab 2009 führt man dann das System ein, das wir in groben Zügen heute kennen: Jurys und Televoting vergeben jeweils die Hälfte der Punkte. Das stimmt so nicht mehr ganz: Die Einführung der Abstimmungsgruppe „Rest of the World“ 2023 hat das Televoting im Finale etwas stärker gemacht. Gleichzeitig wurden die Halbfinale auf 100% Televoting umgestellt.
Was als Stärkung der Meinung der Zuschauenden gedacht war, stellt sich nach und nach als Schwächung heraus – zumindest im Finale. Denn seit dieser Regeländerung haben sich als ESC-Sieger nicht die Favoriten des Televotings durchgesetzt, sondern die der Jury. Dafür kann es ganz unterschiedliche Gründe geben. Und es ist sicher nicht verkehrt ein Korrektiv zu haben, um – wodurch auch immer ausgelöste – Tele-Powervotings abzuschwächen.
Das Problem liegt nun aber möglicherweise woanders: Alle Beiträge, die sich über die Halbfinale qualifizieren müssen, müssen zunächst das Publikum beeindrucken. Denn nur in seiner Hand liegt es, welche zehn Songs jeweils ins Finale kommen. Beiträge, die im Televoting durchfallen, aber von den Jurys honoriert werden könnten, fallen dabei möglicherweise eher durchs Raster.
Das Ergebnis: Wir haben im Finale viele Televoting-Favoriten – möglicherweise zu viele. Denn die Stimmen der Zuschauenden verteilen sich im Finale so auf mehr Beiträge und sind weniger stark auf einzelne fokussiert. Die Beiträge, die sich ohne Jury-Hilfe fürs Finale qualifiziert haben und von diesen besonderes honoriert werden, können hier nun richtig durchstarten. Denn die Jurys haben weniger Jury-affine Beiträge zur Auswahl, ihre Punkte können häufiger zu denselben Acts gehen – zum Beispiel Nemo. Dessen Beitrag „The Code“ war im Televoting im zweiten Halbfinale auf Platz 4 gelandet und im Finale auf Platz 5. Trotzdem hat es für den Sieg im Finale gereicht.
Hier liegt nun die Chance der für das Finale gesetzten Big5 und des Gastgeberlandes. Deren Beiträge müssen sich nicht im Halbfinale qualifizieren. Sie könnten sich direkt auf die Jury-Stimmen im Finale fokussieren. Letztlich haben sie darüber auch in diesem Jahr profitiert, wenn vielleicht auch nicht beabsichtigt.
Der Franzose Slimane konnte in Malmö Jurys und Publikum gleichermaßen abholen. Aber Angelina Mango aus Italien bekam von den Jurys 60 Punkte mehr als im Televoting. Bei Marcus & Martinus & Martinus, die für Schweden sangen, lag die Differenz sogar bei 76 Punkten. Olly Alexander aus Großbritannen konnte nur Dank der Jurys überhaupt Punkte aufweisen und den letzten Platz hinter sich lassen.
Am meisten profitierte aber der Deutsche ISAAK von dem Phänomen: 99 Punkte von den Jurys zu 18 Punkte im Televoting – das ist eine Differenz von 81 Punkten. Oder anders: 10. bei den Jurys und 19. beim Televoting ergaben zusammen den für deutsche Verhältnisse extrem guten 12. Platz.
Die Lehre daraus liegt auf der Hand: Sollte sich an dem Abstimmungsmodus in den Halbfinalen nichts ändern, wäre es nachvollziehbar, wenn sich Deutschland im nächsten Jahr auf die Suche nach einem Jury-Favoriten machen würde. Das würde möglicherweise weniger öffentliche Aufmerksamkeit z.B. in Form von Radio-Airplays bedeuten. Ein erfolgreiches Abschneiden beim ESC selbst über viele Punkte (von der Jury) könnte aber aber dennoch die Begeisterung für den Wettbewerb im Land befeuern.
Findest Du, dass die Jurys den Ausgang des ESC zu stark beeinflussen oder ist das System so gut? Und sollten die Big5-Länder stärker auf Jury-affine Beiträge setzen, um erfolgreich zu sein? Lass uns Deine Meinung in den Kommentaren da.
Über alle aktuellen Themen rund um den Eurovision Song Contest sprechen wir heute Abend um 19 Uhr bei ESC kompakt LIVE auf YouTube.
Entdecke mehr von ESC kompakt
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.



Was war denn 2021? Da stand der Beitrag aus der Schweiz von Gjon‘ Tears nach der Jury-Wertung auf Platz 1 und wurde dann aber nur 3.
Also ist Nemos Sieg jetzt quasi die karmische Wiedergutmachung für die Schweiz?
Richtig, es ist ja so, dass die Punkte aus beiden Wertungen addiert werden und nicht die Platzierungen. Wichtig ist also, möglichst viele Punkte zu bekommen. 🙂
In 2021 war es Maneskin (damals knapp 4. bei der Jury), heuer war es Nemo mit den meisten Punkten aus beiden Wertungen. 🙂
Also ich finde das „duale System“ aus Jurys und Televoting gut. Eine*n Gewinner*in aus zwei Perspektiven heraus zu küren ist aus meiner Sicht gerade durch die vorhandenen Inszenierungsmöglichkeiten und die mediale Aufmerksamkeit für den Contest der richtige Weg. Das setzt allerdings vorraus, dass es klare Vorgaben und Strukturen für die Besetzung der nationalen Jurys gibt und es vielleicht sogar die Möglichkeit gibt, zu erfahren, was der jeweiligen Jury besonders wichtig ist. Wäre doch ein guter Baustein für eine Vorberichterstattung. Wenn dann z.B. noch Musikexperten und Vorjahresgewinner*innen Teil der nationalen Jurys wären, wäre das Vertrauen höher und Abweichungen fänden größere Akzeptanz.
Eigentlich mag ich es dem Zuschauer alle Macht zu geben, auf der anderen Seite hätten wir dann nur noch Finnland Beiträge. Experimentiert wurde ja auch dieses Jahr mit direkter Abstimmung und nicht warten bis zum Schluss. Isaak war ganz Anfang dran und hat beim Publikum nicht viel erreicht. Die zweite Hälfte im Finale bleibt wohl trotzdem am stärksten.
Ich will nie wieder reines Televoting !