Gastbeitrag Jürgen Meier-Reese: Meine „Zeppelin – Das Musical“-Eindrücke und Erinnerungen an Ralph Siegel

Es war ein Wiedersehen und gleichzeitig eine Zeitreise. Jürgen Meier-Reese (hier im Bild mit seiner Frau Nicola), der als Jürgen Meier-Beer bis 2005 zehn Jahre lang die Geschicke des ESC beim NDR verantwortete, war einer der zahlreichen prominenten Gäste mit ESC-Background, die von Ralph Siegel zur Premiere seines Musicals „Zeppelin“ eingeladen wurde.

Jürgen Meier-Reese aka Jürgen Meier-Beer ist in der Bubble unverändert ein bekannter Mann. Er zeichnete von 1996 bis 2005 NDR-seitig für den ESC verantwortlich. In seine Zeit fallen die einschaltquotenstärksten ESC-Vorentscheidungen der jüngeren TV-Geschichte, allen voran die deutschen legendären Final-Shows mit Guildo Horn (1998), Stefan Raab (2000), Michelle (2001) und Corinna May (2002).

Hier haben wir Erinnerungen an den legendären Moshammer/Zlatko-Vorentscheid mit Jürgen Meier-Reese ausgetauscht, in dessen ESC-Wirkungszeit Ralph Siegel viermal (!) den deutschen ESC-Beitrag komponiert und gestellt hat (Bianca Shomburg, Sürpriz, Corinna May, Lou). Auch der Karrierestart von Max Mutzke in 2004 (der sich gegen ein Line-Up mit Scooter, Laith Al-Deen, Mia., Sabrina Setlur, Westbam und andere Größen durchsetzte) fiel in JMRs Wirkungszeit.

Weil Jürgen Meier-Resse sowohl Ralph Siegel als auch den ESC ein Jahrzehnt lang aktiv erlebt hat, haben wir ihn nach seinen Eindrücken zu Ralph Siegels monumentalem Spätwerk befragt.

Hier die Antwort von Jürgen Meier-Reese:

„Ralph Siegel lud mich zu seiner Zeppelin-Premiere mit der Begründung ein, wir hätten so viele Jahre zusammengearbeitet, nicht immer in seinem Sinne, aber immer respektvoll und fair. Und in meinem Vorentscheid 2004, an dem ich ihn wegen meiner VIVA-Kooperation nicht teilnehmen lassen konnte, hätte ich ihm mit dem Medley der Ten Tenors in der TED-Pause eine seiner schönsten Überraschungen bereitet.

Ja, 1996 war Ralph Siegel in meiner ersten deutschen Vorentscheidung und 2005 in meiner letzten mit eigenen Titeln dabei.

Die Ten Tenors singen Ralph Siegels GEMA-Blockbuster in der Votingpause beim deutschen Finale 2004. Was Ralph Siegel in seinen erfolgreichen Komponistenleben alles komponiert hat, ist immer wieder überraschend.

Meine Erwartungen an die Premiere in Füssen waren allerdings durch meine Kenntnisse seiner 3-min-Stücke, mit ihren Stärken und Schwächen, eher negativ geprägt: Ein komplettes Musical? Mit einer komplexen Handlung? Zum sperrigen Thema einer vergangenen Industriegeschichte? Auf der Bühne für König Ludwig? Ohne einen dortigen Zeppelin-Bezug?

Als ich ihn vor Beginn der Vorstellung zum ersten Mal seit vielen Jahren begrüßen konnte, saß er im Rollstuhl. Drum herum ein Publikum, das oft weniger an ihm als an sich selbst interessiert schien. Oh je!

Doch was ich dann erlebte, war eine grandiose Überraschung, auf einem ganz anderen Niveau als „Dschinghis Khan“ und „Ein bisschen Frieden“, inhaltlich wie musikalisch.

Der eine Handlungsstrang, der des letzten Fluges der Hindenburg, zeigte das gesellschaftliche Spektrum des Deutschlands von 1937, realistisch und schonungslos. Der andere Handlungsstrang, der des Lebens von Graf Zeppelin, zeigte die Umbrüche seiner Zeit, von der deutschen Monarchie über den amerikanischen Bürgerkrieg bis ins Dritte Reich. Beide Handlungsstränge zeigten, dass das Luftschiff – jenseits der Mentalität seines Erbauers – seine notwendigen finanziellen Impulse immer entscheidend aus der Politik bekam, als Waffe für den Ersten Weltkrieg und als Ausdruck nationalsozialistischer Machtentfaltung. Das Ende des Musicals zeigte, dass unsere Fragen nach der Zukunft offen bleiben. Beeindruckend!

Musikalisch war das Mammutwerk äußerst vielfältig und in seinen Melodien neu, eingängig und doch nie abgeschmackt, geschweige denn durch alte Siegel-Melodien geprägt. Meisterhaft!

Das Lied, das Graf Zeppelin im Sterben singt, empfand ich wie alle im Saal nicht nur musikalisch beeindruckend, sondern auch als Schlüssel zu einem Selbstverständnis von Ralph Siegel, das dem des Grafen Zeppelin ebenso nahe ist wie dem des Königs Ludwig: getrieben von kreativem Größenwahn, der allein scheinbar Unmögliches schafft und der Nachwelt Großes hinterlässt, auch wenn dafür die eigene Existenz riskiert wird.

Am nächsten Morgen las ich beim BR eine ausführliche, gut fundierte Rezension, durch die ich mich in meiner überraschend positiven Einschätzung bestätigt fühlte. Aber zugleich machte ich mir bittere Gedanken: Wie lässt sich ein so aufwändiges Projekt jemals refinanzieren? Welche weiteren Chancen kann es im stromlinienförmigen, kostenbewussteren internationalen Musical-Markt jemals haben? Wird Ralph Siegels Traum vom Broadway im Albtraum eines persönlichen Fiaskos enden?

Einen Tag später las ich die Rezension auf ESC kompakt: Viel differenzierter auch zu den leichten dramaturgischen Defiziten des Musicals. Und viel konstruktiver zu einer kostengünstigeren, die internationalen Marktchancen steigernden Überarbeitung.

Da fragte ich mich, ob ich mehr durch die Siegelschen Schwärmereien geprägt bin, als mir bewusst war. Und ob ein nüchternes Gegenüber wie ESC kompakt wertvoller für Siegel gewesen wäre als ich.“

Die ESC-kompakt-Blogger danken Jürgen Meier-Reese für seinen Gastbeitrag.


27 Kommentare

  1. Danke für den Gastbeitrag des sehr geschätzten Herrn Meier-Reese den ich gelesen habe mit der Untermalung des Videos der TenTenors. Hach da kommen Erinnerungen hoch an den Live Auftritt der Ten Tenors in der Siegerland Halle zu Siegen den ich mir damal, ka mehr wann, anschauen durfte. Es war ein fantastisches Konzert. Ich hoffe das ich es vllt nächstes Jahr mal schaffe nach Füssen zu fahren denn ich bekomme auch dank der obigen Schilderungen immer mehr die Lust mir das Musical anzuschauen

  2. Vielen Dank für den sehr guten Gastbeitrag, Herr Meier-Reese.
    Schön, wieder von Ihnen zu hören, ich finde, Sie haben einen super Job als ESC-Verantwortlicher gemacht.🙂
    (Soll kein Schleimen sein, sondern ist ernst gemeint.)

  3. Ich habe mir gerade das oben verlinkte ‚The Ten Tenors‘ Video angehört und war bei einigen Titeln echt baff, dass die aus der Feder von Ralph Siegel stammen.

    Ach ja, Zeppelin Karten sind auch geordert. 🙂

  4. Heute Abend ist Max Mutzke, der Deutschland 2004 beim ESC vertrat und die erste Staffel von The Masked Singer gewann, in der NDR Talk Show zu Gast. Moderiert wird die Ausgabe von Bettina Tietjen und Jörg Pilawa und beginnt um 22 Uhr im NDR-Fernsehen.

  5. Beim JuniorESC hat Frankreich ihren Song veröffentlicht. Gesungen wird der Song „Tic Tac“ von Enzo Hilaire, welcher Finalist (nicht Sieger!) bei der französischen Ausgabe von „The Voice Kids“ im letzten Jahr wurde. Dieses Jahr gab es, aufgrund von Corona, kein „The Voice Kids“ in Frankreich. Für das nächste Jahr ist dort aber „The Voice Kids“ wieder geplant.

    Der Song erinnert mich sich an den französischen JESC-Song aus dem Jahre 2019 (Carla – Bim Bam Toi). Er geht leicht ins Ohr, da sich das „Tic Tac“ sehr oft wiederholt. Ähnlich wie beim deutschen JESC-Song „Imagine us“.
    Bereits beim JuniorESC 2012 gab es einen Song mit dem Titel „Tik Tak“. Das war damals der niederländische Beitrag.

    Den Song gibt es aktuell als Lyric-Video auf dem offiziellen YouTube-Channel von Enzo zu hören. Auf dem offiziellen JuniorESC-YouTube-Channel ist dieser noch nicht zu finden. Außerdem ist er auf Spotify zu finden (und wahrscheinlich auch bei den ganzen anderen Streamingdiensten).

  6. Heute Abend gibt es in der ARD die von Florian Silbereisen moderierte Unterhaltungsshow „Schlagerboom 2021 – Alles funkelt! Alles glitzert!“ und da treten unter anderem die ehemaligen ESC-Teilnehmer Bonnie Tyler und Jürgen Drews sowie die ehemaligen The Masked Singer Kandidaten Thomas Anders und Dieter Hallervorden auf. Daz kommt Hape Kerkeling, der vor elf Jahren beim ESC die deutschen Punkte im Finale verkündete. Der Event, der in der Dortmunder Westfalenhalle stattfindet, beginnt um 20 Uhr 15.

  7. Seine Meinung in allen Ehren und auch schön das er sich die Mühe gemacht hat, hier ein Gastbeitrag zu schreiben. Allerdings war seine Bilanz jetzt auch nicht so viel besser, als die seines Nachfolgers.

      • Was für ein blöder Kommentar!!!! Ich werde und wurde auch nicht dafür bezahlt, den ESC für Deutschland zu wuppen. Fakt ist nun mal das die Bilanz von Meier-Beer in der Zeit wo er die Verantwortung für den ESC bestenfalls durchwachsen war.

    • @escfan05

      Einspruch!
      1997 Platz 18
      1998 Platz 7
      1999 Platz 3
      2000 Platz 5
      2001 Platz 8
      2002 Platz 21
      2003 Platz 12
      2004 Platz 8
      2005 letzter Platz, okay, aber daraus hat Herr Meier-Reese auch die Konsequenz gezogen.😉

      Also, ich fand die Bilanz sehr ordentlich, auch wenn kein Sieg dabei herauskam.

      • Anzumerken ist noch, dass es immer VEs gab, also, die Titel vom Publikum ausgesucht wurden. Hat jetzt der ESC-Verantwortliche nur begrenzt Einfluß.🙂

      • Danke Gaby aber das ist für ESCFan trotzdem nicht gut genug. Das ist wie bei den Bayern in der Bundesliga, alles was nicht Platz eins oder zwei ist ist schlecht

      • Noch was (ist natürlich meine rein persönliche Meinung: Die VEs unter seiner Verantwortung waren eigentlich (bis auf 2005) eigentlich alle sehr unterhaltsam und gut gemacht. Egal, wie man jetzt zu Zlatko und Rudolf Moshammer stand, aber man sprach darüber.🙂

    • Selbst wenn seine Bilanz 10mal der letzte Platz gewesen wäre, würde ich darin keinen Grund sehen, auf solch interessante Gastbeiträge zu verzichten (daher verstehe ich Dein „allerdings“ nicht so ganz).

      • Das bezog sich aus escfan05s Kommentar um 09:06, meine Antwort darauf ist, wie ich gerade festgestellt habe, doch ein großes Stück weiter unten rausgekommen.

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