Kommentar: Der deutsche ESC-Beitrag ist mir nicht egal, aber …

Bild: Zlatimir Arakliev

Der NDR hat es geschafft. Ich bin mürbe. Oder ist das zu hart? Denn eigentlich habe ich mich einfach nur aus purer Langeweile spannenderen Dingen zugewandt und darüber mein Interesse für das verloren, was mir aus (überschaubar) patriotischer Perspektive mit am wichtigsten beim ESC sein sollte: dem deutschen Beitrag.

Schon letztes Jahr war es ein zähes Ringen, ein Schwanken zwischen journalistischer Neugier und Verzweiflung über die lethargische Kommunikationspolitik des NDR in Sachen Eurovision Song Contest. Aber wenigstens gab es minimale Lebenszeichen: Barbara Schöneberger „verplauderte“ sich bei einem Instagram-Post im November. Anfang Januar 2020 kündigte der NDR dann Informationen für Ende desselben Monats an, nur um seine selbst gesetzt Deadline dann zu reißen.

In diesem Jahr stehe ich am Krankenbett meiner ESC-Begeisterung für den deutschen Beitrag und sehe auf dem Apparat nur noch eine durchgezogene Linie. Dazu ein langgezogener Piepton. Nulllinie. Klinisch tot.

Das Schlimme ist, dass mir das gar nicht aufgefallen ist. Denn es gab ja so viel anderes zu berichten und zu lesen: Aus Norwegen, Litauen, Israel. Ja selbst aus Belarus. Über diese Informationen und die Freude über die neuen Songs vergaß ich schlicht und ergreifend, dass irgendwann in den nächsten Wochen ja auch noch der deutsche Beitrag kommt. Und als mir das beim Lesen eines Kommentars unseres Leser Andis unter diesem Artikel bewusst wurde, hat es mich kalt erwischt. Ich fühlte mich ertappt, wie ein Kind, das darauf hingewiesen wird, dass es nicht mehr mit dem Spielzeug spielt, das es sich so lange gewünscht hat.

Ist mir der deutsche Beitrag etwa egal?

Ich hoffe nicht. Aber der NDR kann sich wirklich rühmen, auch noch den begeistertsten ESC-Fans die Vorfreude auf den eigenen Beitrag zu nehmen. Da hilft auch ein einzelnes Interview der deutschen HoD Alexandra Wolfslast beim ESC Update nicht. Man traut sich ja kaum noch beim NDR eine Informationsanfrage zu stellen, weil man einfach einmal zu oft ein „Wir kommunizieren dann, wenn es etwas zu kommunizieren gibt“ (O-Ton Iris Bents) gehört hat. Ich kann mich nicht einmal mehr dazu aufraffen, den NDR darauf hinweisen zu wollen, dass er als öffentlich-rechtliche Organisation auch so etwas wie eine Transparenzpflicht hat. Vielleicht auch deshalb, weil ich am Ende ja weiß, dass es sein gutes Recht ist, beim ESC so zu verfahren.

Also doch: Ich bin mürbe. Vielleicht gelingt es dem NDR ja meine Lebensgeister zu wecken, wenn der Song da ist, so wie es letztes Jahr mit „Violent Thing“ (Aufmacherbild Ben Dolic) der Fall war. Wenn nicht, ist es auch egal. Es gibt ja Norwegen, Litauen, Israel und … Nein, nicht Belarus. So schlimm ist es dann doch wieder nicht.


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