
Die Innovationsfreude der Macher des schwedischen Melodifestivalens wird in der ESC-Bubble gleichermaßen geliebt wie gefürchtet. Allzuoft brechen sie mit den tradierten Mustern und sorgen dann auch noch dafür, dass diese auch beim richtigen ESC umgesetzt werden. Gleichzeitig versucht das schwedische Fernsehen damit, den nationalen Vorentscheid fair, transparent und erfolgreich zu halten. Einige Aspekte davon könnte sich auch der SWR zu Herzen nehmen.
Morgen Abend entscheidet sich im Finale des Melodifestivalen, wer Schweden beim Eurovision Song Contest 2026 in Wien vertreten darf. Und auch in diesem Jahr haben die Schweden wieder eine Innovation dafür parat: Zum ersten Mal kann bereits vor der eigentlichen Show über die Beiträge abgestimmt werden – und zwar über die Melodifestivalen-App. Diese kennen die schwedischen Fernsehzuschauer*innen schon lange und nutzen sie jede Woche, um kostenlos mit dem Drücken des „Herzen“ zu voten.
Natürlich kann man eine solche Vorab-Abstimmung nur vornehmen, wenn die Beiträge schon bekannt sind und die Leute wissen, wie die Auftritte aussehen werden. Das ist in Schweden kein Problem, weil sich Acts in den Vorrunden für das Finale qualifizieren müssen. In Länden wie Deutschland mit nur einer Show ist das natürlich schwierig. Hier gibt es also aktuell wenig für den SWR zu lernen.
Allerdings hat das schwedische Fernsehen in diesem Jahr auch wieder das Voting nach Altersgruppen durchgeführt. Das wird es auch am Samstag im Finale machen, da allerdings nur im Hintergrund. Dafür wird dort die Abstimmung der internationalen Jury-Gruppen öffentlich zelebriert. In den fünf Vorrunden wurden allerdings die Ergebnisse nach sieben Altersgruppen während der Shows offengelegt: 3–9 Jahre, 10–15, 16–29, 30–44, 45–59, 60–74, 75 Jahre und älter.

Diese Abstimmung nach Altersgruppen wurde bereits 2019 eingeführt – im Wesentlichen um zwei Effekte abzuschwächen:
1) Es gibt Menschen, die zum Heavy-Voting neigen und so viele Stimmen wie möglich für einen Beitrag abgeben. Andere begnügen sich hingegen damit, einmal zu voten. Heavy-Voter verzerren also das Ergebnis – gern zum Vorteil prominenterer Acts.
2) Der Anteil junger Zuschauer*innen bei linearen Fernsehsendungen sinkt rapide. Da jüngere Menschen aber die Musikcharts prägen und offener für neue Musikstile sind, sollen sie nicht von der Mehrheit der älteren Zuschauer*innen überstimmt werden.
Dieses Verfahren mit den Altersgruppen hat sich – zumindest in Schweden – bewährt. Aber auch für Deutschland lohnt sich ein Blick darauf: Das deutsche Finale 2026 erzielte am Samstag bei den Unter-30-Jährigen zwar einen Marktanteil von 40%. Das heißt aber nur, dass von den Fernsehzuschauern dieser Altersgruppe zu dieser Zeit 40% die Sendung verfolgten. Tatsächlich waren das aber nur 323.000 Personen. Bei einer Gesamtzuschauerzahl von 3,651 Mio. waren also nur 9% unter 30 Jahren alt.
Öffnet man den Blick auf die 14-49-Jährigen, so reden wir von 1,086 Mio. Zuschauer*innen. Das sind 30% des Gesamtpublikums der Sendung. Oder mit anderen Worten: 70% der Zuschauer*innen waren älter als 50 Jahre. Damit die Jüngeren im Publikum dieses Ungleichgewicht bei der Abstimmung nivellieren, braucht man schon eine ganze Reihe von Heavy-Votern. Und das würde sie – wenn auch nicht viel pro einzelner Stimme – doch reichlich Geld kosten. Das App-Voting in Schweden hingegen ist bis fünf Stimmen (also volle Herzen) pro Beitrag kostenlos…
Will der SWR den deutschen ESC-Vorentscheid musikalisch zu einem relevanten Event für alle machen, muss er schauen, dass er den Jüngeren eine angemessene Stimme gibt. Die Unterteilung in Altersgruppen kann dabei helfen. Die Implementierung von innovativen und ggf. kostenlosen Abstimmungsverfahren kann eine zusätzliche Maßnahme sein, um das zu fördern.
Was hältst Du der Abstimmung nach Altersgrupppen im schwedischen Vorentscheid? Ist das Augenwischerei oder könnte das auch in Deutschland helfen, dem jüngeren Publikum ein größeres Stimmengewicht zu geben? Lass es uns in den Kommentaren wissen.
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