Oto Nemsadze im Interview: „Es ist unsere traurige Geschichte, dass wir Barrieren im eigenen Land haben.“

Georgien Oto Nemsadze Eurovision 2019 ESC

Beim Pressetreff vor Eurovision in Concert freut sich Oto Nemsadze aus Georgien sichtlich über das Interesse der Fans und Journalisten und ist sehr zurückhaltend und höflich. In seinen politischen Botschaften ist Oto dagegen sehr klar und es ist wohl nur durch die Tatsache zu erklären, dass Georgien in diesem Jahr unter ferner liefen rangiert, dass es um „Sul tsin iare“ bislang noch keine größere Kontroverse gab.

Wie war für Dich der Moment, in dem Du erfahren hast, dass Du für Georgien zum ESC nach Tel Aviv fahren darfst?

Das Gefühl war toll, weil „Georgian Idol“ in Georgien eine große Sache ist und ich die Show ja schon zum zweiten Mal gewonnen habe. Das erste Mal ist jetzt zehn Jahre her, da war ich 19. Und diesmal habe ich das Recht gewonnen, am ESC teilnehmen zu dürfen.

Es ist eine große Ehre, wenn Dein Land Dich auswählt, es beim ESC zu vertreten. Es ist auch eine große Verantwortung. Es ist großartig.

Dein Song hat ja auch eine Botschaft, kannst Du darüber etwas sagen?

Klar, um das zu erklären, bin ich da. Und um das Wort „Varada“ in meinem Song zu erklären, weil das oft nicht verstanden wird. „Varada“ ist ein altes ägyptisches Wort und bedeutet „Gebet für die aufgehende Sonne“. Man benutzt es auch für Gesänge in den georgischen Regionen Abchasien und Südossetien. In Südossetien singt man „Varaida“, in Abchasien singt man „Varada“ – und das kommt in meinem Song vor.

Wir Georgier sagen der Welt – und vor allem Europa, weil wir Europäer sind – dass es keine künstlichen Barrieren geben sollte – auch nicht zwischen Menschen. Es ist unsere traurige Geschichte, dass wir diese Barrieren im eigenen Land haben. Wir wollen, dass die Welt und vor allem Europa zusammenstehen und gegen künstliche Barrieren kämpfen.

Indem wir Gesänge aus Südossetien und Abchasien in einem Song vereinen, singen wir vor der Welt gegen diese Barrieren an.

„Georgian Idol“ war für uns auch interessant, weil die ehemalige deutsche Vorentscheidungsteilnehmerin Natia Todua in der Jury saß. Konnte sie Dir irgendwelche Tipps geben?

Natia ist eine sehr gute Kollegin und im letzten Jahr habe ich ihr die Daumen gedrückt. Ich liebe sie, sie ist verrückt und witzig. Sie war froh darüber, dass ich gewonnen habe. Sie gesagt: „Georgien liegt jetzt in guten Händen.“

Oto Nemsadze Georgien 2019

Hast Du irgendwelche ESC-Lieblingssongs, vielleicht ja sogar georgische?

Mein allerliebster georgischer ESC-Song ist „One More Day“ von Eldrine. Das war eine tolle Performance. Sopho Nischaradse mochte ich auch. Und „Warrior“ von Nina Sublatti ist auch ein toller Song mit einer tollen Performance.

Aber mein ESC-Lieblingssong ist „Amar Pelos Dois“ aus Portugal vor zwei Jahren. Der Song ist genial und sah auch auf der Bühne toll aus. Er hat jeden zum Weinen gebracht.

Ich finde, Salvador und Du, ihr habt ja auch etwas gemeinsam, weil ihr beide keinen „typischen ESC-Song“ habt.

Deshalb mag ich den ESC, weil es keine Grenzen gibt. Jedes Jahr gibt es einen anderen Gewinner und alle unterscheiden sich voneinander. Musik ist Musik.

Oto Nemsadze Georgien 2019 Vorentscheid Georgian Idol



18 Kommentare

  1. „Das erste Mal ist jetzt zwei Jahre her, da war ich 19.“

    Ich war nie sonderlich gut in Mathe und mache deswegen auch kein Mathe-Abitur, aber Oto ist im Moment 29 Jahre alt…da stimmt irgendwas nicht. ^^

    • Vielleicht gab es in Georgien ja eine Kalenderreform. Theresa von Ávila ist ja auch am 4. Oktober 1582 gestorben und am nächsten Tag beerdigt worden. Das war dann wegen der Gregorianischen Kalenderreform der 15. Oktober. 🙂

  2. Sympathischer Typ …und ich gehöre ja ohnehin zu der Handvoll Fans, die den georgischen Beitrag dieses Jahr mögen.

    • Ich finde, dass Oto die Botschaft seines Liedes ganz schön erklärt, aber mit Abchasien und Südossetien zu arbeiten, hat natürlich ein antirussisches Gschmäckle.

      • Antirussisch würde ich hier nicht sagen, Die Kritik gab es ja vor allem ob des Nationalismus‘, der sich vor allem in den wehenden Flaggen im Hintergrund zeigte. Der Text ist ja eher schwer verständlich, und wenn man es wie hier interpretiert, dass die Kultur über Grenzzäune Menschen verbindet, dann kann man nicht viel dagegen sagen.
        Im übrigen ist ja Russland wie auch in der Ukraine nicht in den Konflikt involviert, zumindest sieht das der Kreml so. Die russischen Truppen sind nur Friedentruppen, die die beiden Seiten trennen.

      • Ja, im Interview geht’s gut ohne Patriotenkeule. Für mich ist das zu wenig Verarbeitung von Brüchen des Landes, zuviel rückwärtsgewandte Motive von Staatskunde im Songtext https://t1p.de/t482 . Dazu dann die Flaggenparade bei Georgian Idol… Ich kann das nicht als kulturelle Bereicherung sehen.

        Gab kürzlich eine interessante Georgien-Doku. Wäre schön, mal dorthin zu reisen. Mal die Westeuropabrille ablegen oder wahlweise in Tiflis ausgehen (soll ja ein Hotspot sein).

      • Das Lied gefällt mir ganz gut (bsd. der Männerchor), aber auch ich sehe ein leicht antirussisches Gschmäckle, wenn er sich von den vielen georgischen Regionen ausgerechnet Abchasien und Südossetien rauspickt.

        „Es ist unsere traurige Geschichte, dass wir diese Barrieren im eigenen Land haben.“

        Das ist in der Tat traurig. Aber ohne jetzt die alte Sowjetunion verherrlichen zu wollen: Früher gab’s auch mal zwischen Russland und Georgien keine Grenze. Ein überzeugter Sowjetbürger der frühen 90er hätte damals durchaus denselben Satz sagen können.

        Es war ein großes Glück, dass damals das Auseinanderfallen der Sowjetunion weitgehend ohne Gewalt vor sich ging. Auch im Westen wurde die Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepubliken sehr begrüßt. Wenn jedoch in Teilrepubliken dieser ehemaligen Sowjetrepubliken Unabhängigkeits- oder Staatenwechselbestrebungen erkennbar werden, wird das als vollkommen inakzeptabel angesehen, da kann ja nur das „Reich des Bösen“ bzw. seine größte ehemalige Teilrepublik Russland dahinter stecken (für die Jüngeren: Ronald Reagan, US-Präsident von 1981 bis 1989, war der Erfinder dieser auf die Sowjetunion abzielenden Kalte-Kriegs-Vokabel).

        Trotzdem: Ein Lied, das gegen Grenzen ansingt, finde ich grundsätzlich erst mal gut.

      • Thomas M.
        Wir wollen nun keinen Geschichtskurs machen, aber das Auseinanderbrechen war nicht zu vermeiden, die UdSSR war nie ein Vielvölkerstaat sondern Großrussland mit Kolonien. Das merkt man heute um so mehr, weil die russische Außenpolitik sich nicht wirklich davon unterscheidet, man hat einfach nur die kommunistischen Internationale durch einen russischen Nationalismus ersetzt, Die Frage ist, ob auch früher wirklich nur das System wichtig war, oder mehr Macht für Moskau.
        Übrigens gab es durchaus Tote in dem Prozess, die Baltischen Staaten waren ja die ersten die gehen wollten und das wollte das russische Militär noch verhindern,

  3. Hätte ja noch gefragt, ob er seinen Mantel auf der Bühne in Israel anhaben wird. Ansonsten ist das für mich der Ohrwurm 2019, besonders die Stelle an der der Chor einsetzt bekomme ich nicht mehr aus meinen Kopf.

  4. Er klingt ja sehr sympathisch, aber ich fange jetzt besser keine Debatte über manspreading an, ich finde das grundsätzlich ein wenig unangenehm aufdringlich, so für die Journalisten zu posen… Na, sei es drum, musikalisch ist es ja eh mein Platz 40, da kann er sich auch gerne wie der King hinsetzen 😂😂

    • „manspreading“
      Ist das Ansteckend? oder muss man jetzt für Fotos immer so sitzen ab als ob einem jemand gerade in die … gekniffen hat? 😀
      Patriotische Lieder beim ESC lösen bei mir allerdings auch ohne bestimmte Sitzpositionen allergische Reaktionen aus

  5. @Jorge: unbedingt nach Georgien fahren, eines der schönsten, interessantesten und überraschendsten Länder, die ich bereist habe! Tiflis und Kazbegi u.a. haben mich bereichert!

    Hoffe auf einen ESC in Georgien eines Tages

  6. @Jorge

    Ich war anfang April nach Georgien gereist, genauer gesagt nach Tiflis.
    Super friedlicher schöner Ort, nette Menschen – was will man mehr.
    Nur zu empfehlen!
    Obwohl man dich tatsächlich etwas schräg anguckt wenn du Südossetien oder Abchasien erwähnst oder du ein russisches Visum im Reisepass hast, das wird dann vorwärts und rückwärts kontrolliert 😀

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